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Die Octrone, oder die Lilie von Louiſiana.
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Von Lady Lascelles.
ſagte er,„und Du, Mortimer, daß ich den wahren Charakter dieſes Mannes nicht kannte,“ was, wie wir früher geſehen, nichts als eine Lüge war, um ſeine intime Verbindung mit dem Schurken zu verſchönigen.
Silas Craig knirſchte mit den Zähnen, dann ſtand er plötzlich auf und blickte wüthend um ſich. Es war der Blick eines Fuchſes, der ſich von allen Seiten von den Hunden um⸗ ſtellt ſieht und im Begriffe iſt, noch einmal ſeine letzten Kräfte aufzubieten, um ſeinen Feinden zu entfliehen..
„Dieſer Empfangſchein iſt eine Fälſchung,“ ſchrie er mit gellender, halbgebrochener Stimme,„ich lehone deng Gültigkeit.“
„Nehmen Sie ſich in Acht, Silas Craig,“ ſagte ſein früherer Mitſchuldiger,„mit dem Lügen werden Sie hier nicht auskommen. Sie würden beſſer daran thun, wenn Sie heute zum erſten Male in Ihrem Leben die Wahrheit ſprechen und ſich auf die Gnade dieſer Herren verlaſſen wollten.“
„Es iſt eine ſchändliche Fälſchung,“ wiederholte der Ad⸗ vokat,„eine Fälſchung, welche von dieſem Menſchen, William Bowen, in's Werk geſetzt wurde. Ich fordere jedes lebende Weſen auf, mir den Beweis zu liefern, daß Philipp Trever⸗ ton mir die hunderttauſend Dollars bezahlt hat.“
„Hüten Sie ſich, Silas Craig,“ ſagte eine Stimme aus dem anſtoßenden Zimmer.„Sie fordern die Lebenden auf, wollen Sie auch die Todten auffordern?“
Ein Mann trat durch das niedrige Fenſter auf die Ve⸗ randa heraus. Dieſer Mann war der Aeltere der beiden Goldgräber, aber den hier verſammelten Männern kein Fremder.
„Der Todte!“ keuchte Silas und fiel in ſeinem Stuhle zurück. Die Anweſenden vergaßen ſpäter nie mehr den Aus⸗ druck von Silas' Geſicht, wie er mit offenem Munde und hervorquellenden Augen den neuen Ankömmling anſtarrte. Dies dauerte aber nur einen Augenblick, dann bedeckte er das Geſicht mit beiden Händen.
„Der Todte!“ wiederholte er,„der Todte!“
„Philipp Treverton!“ rief Gerald Leslie.
„Ja,“ ſagte der Fremde, Gerald ſeine Hand reichend, „derſelbe Philipp Treverton, den man Dir als einen Spieler und Betrüger hingeſtellt hat. Derſelbe Treverton, dem Du, als Du im Begriffe warſt, nach England abzuſegeln, eine bedeutende Summe Geld anvertrauteſt, die er dieſem Elenden da bezahlen ſollte. Du reiſteſt ab, in, dem Glauben, daß Dein Freund und Geſchäftsgenoſſe ein Mann von Ehre und in ſeinen Händen das Geld eben ſo ſicher ſei, als in Deinen eigenen. Bei Deiner Rückkehr ſagte man Dir, daß Dein Freund todt und daß das Geld nicht bezahlt worden ſei. Ich habe erſt aus Bowen's Munde Dein edles Benehmen erfahren. Du haſt kein Wort der Klage, keine Silbe des Tadels geäußert, ſondern Dein Unglück, das, wie Du glaub⸗ teſt, durch die Unehrlichkeit eines Andern über Dich verhängt wurde, ſchweigend auf die eigenen Schultern genommen.
„Sprich nicht davon, Philipp,“ ſagte Gerald Leslie, „„Ich hatte den Verluſt des Geldes einer augenblicklichen Un⸗ klugheit zugeſchrieben, aber niemals daran gedacht, Dich der Unehrenhaftigkeit zu beſchuldigen.“
„Unklugheit würde in dieſem Falle Unehrenhaftigkeit ge⸗ weſen ſein,“ antwortete Philipp Treverton.
„Ja, Silas Craig, verbergen Sie nur Ihr Geſicht in Ihren Händen, um nich den Augen deſſen zu begegnen, den Sie ermorden wollten.“
„Ermorden!“ rief Gerald und Mortimer, während die Frauen bleich und erſchrocken zuhörten.
„ Ja, ermorden. Es iſt ein ſchweres Wort da unter dem blauen Himmel geſprochen, aber es iſt leider nur zu wahr.“
„Silas Craig,“ rief Auguſtus Horton,„haben Sie keine Antwort auf dieſe Beſchuldigung? Können Sie ruhig daſitzen und dieſelbe anhören? Sprechen Sie, Mann, und ſtrafen Sie Ihren Ankläger Lüge.“
„Er kann nicht,“ ſagte Philipp Treverton, auf den Ad⸗ vokaten deutend.„Iſt das die Haltung eines Mannes, wel⸗ cher falſch angeklagt iſt? Sehen Sie 5 an, wie er ſich gleich einem geprügelten Hund unter der Peitſche ſeines Herrn rümmt.“
„Sprich nicht weiter von ihm, ſagte Gerald Leslie un⸗ geduldig,„ſondern erkläre uns, wie es kam, daß Du zwölf
Monate lang von New⸗Orleans verſchwunden warſt, um in dieſem Augenblicke der Verzweiflung zurückzukehren.“
„Ich will Dir Alles erzählen,“ antwortete Treverton, „und dieſer Mann, William Pwen wird die Wahrheit mei⸗ ner Worte beſtätigen, und dieſer Elende da mag mir, wenn er es wagt, widerſprechen. och ich muß des Zuſammen⸗ hanges wegen mit Bekanntem beginnen.“
„Ungefähr vor einem mahre ließeſt Du die Summe von hunderttauſend Dollars, den Betrag des Anlehens, das unſere Virna dem Wucherer Silas Craig ſchuldete, in meinen Hän⸗ den zurück. Die Zahlung war an einem beſtimmten Tage, einen Monat nach Deiner Abreiſe nach England fällig. Das Geld war mir heiliger als mein Leben und ich bewahrte es anf das Sorgfältigſte auf. Aber ich war deßhalb noch keines⸗ wegs tadellos, denn ich war das Opfer eines Laſters, das ſchon öfters Schande und Schmach über Männer gebracht, die außerdem nicht vor ihren Mitbürgern zu erröthen brauchten. Ich war ein Spieler. Bei Tage beſorgte ich mit Fleiß und Aufmerkſamkeit meine Geſchäfte, aber des Nachts lockte mich der Dämon des Spiels in ein geheimes Spielhaus in der Columbiaſtraße, das allen Spielern von New⸗Orleans be⸗ kannt iſt und dem Geſetze zum Trotze ſeit Jahren fortbeſteht. Ich hatte es längſt gekannt und war dort ein beſtändiger Gaſt, aber ich kannte ſeinen Eigenthümer nicht. Ich wußte nicht, daß Silas Craig, der Mann des Rechtes, der Heilig⸗ thuer, der an keinem Sonntage in der Kirche fehlte, der Be⸗ ſitzer dieſer Spielhölle ſei, daß er in dieſer Weiſe auf die Laſter ſeiner Mitmenſchen ſpeculirte. Ich wußte dies nicht, und wußte auch nicht, daß das Spielhaus in der Columbia⸗ ſtraße durch einen Pheinie Gang mit dem Geſchäftszimmer von Silas Craig in Verbindung ſteht.“
„Unmöglich,“ rief Auguſtus Horton. 1
„Ja, das Geheimniß iſt gut bewahrt worden. Mir wurde es erſt bekannt, als die Hand des Todes meine Lippen auf ewig zu verſiegeln ſchien. Aber die Wege der Vorſehung ſind unerſchöpflich. Ich bin wie aus dem Grabe zurückgekehrt, um das Geheimniß zu verrathen. Der Tag kam heran, wo wir dieſem Manne unſere Schuld geimrwahlen hatten. Um zwölf Uhr an dieſem Tage begab ich mich zu ihm, überlieferte ihm die hunderttauſend Dollars in Papieren und erhielt da⸗ für ſeinen Empfangſchein. Als dies geſchehen war, fühlte ich mich ſo leicht wie eine Feder. Eine Laſt war von mir ge⸗ nommen und ich beſchloß, den Reſt des Tages dem Vergnügen u widmen. Ich ſpeiſte mit einigen Freunden in einem Gaſt⸗ ſoße, wo wir lange ſitzen blieben und viel Wein tranken. won da gingen wir dann in das Spielhaus in der Colum⸗ iaſtraße.“
vhe trat eine kurze Pauſe ein, aber Silas Craig rührte ſich nicht. Er behielt ſeine niedergeſchlagene Stellung bei und machte keinen Verſuch, durch Wort oder Geberde dem Erzähler zu widerſprechen.
„Wir ſpielten einige Stunden, aber meine Freunde waren keine ſo erpichten Spieler und ſie wurden der Karten und Würfel bald überdrüſſig. Nachdem ſie mich längere Zeit ver⸗ gebens zum Fortgehen zu überreden geſucht, verloren ſie end⸗ lich die Geduld und gingen allein, während ich am grünen Tiſche zurückblieb. Es war bereits 4 Uhr Morgens, ich hatte viel getrunken und Geld verloren. Es war mir wüſt und wirr im Kopfe und mein Verluſt hatt mich übellaunig und reizbar gemacht. Der Saal war bereits verlaſſen, aber ich ſaß immer noch beim Spiele in der eiteln Hoffnung, mei⸗ nen Verluſt wieder zu decken. So ſtanden die Dinge, als ein mir gegenüber ſitzender Franzoſe, ein großer ſtarker Mann, mir eine Beleidigung zufügte. In meinem trunkenen Zuſtande war ich keineswegs in der Stimmung, mir dieſe gefallen zu laſſen. Es erfolgte eine Rauferei, in der ich den Kürzeren og, als einer der Anweſenden ſich in's Mittel legte und den Vorſchlag machte, wir ſollten unſern Streit auf eine geziemendere Weiſe mit Degen ausfechten.“
„Es war ein verabredeter Plan,“ ſagte Gerald Leslie.
„Ja, ein nichtswürdiges Complot, das dieſer Elende da ausgekocht hatte. Betäubt und verwirrt, wie ich war, ließ ich Alles mit mir vornehmen. Ich weiß nichts weiter, als daß ich einen Degen in der Hand hatte, und daß mein Gegner ebenfalls mit einem ſolchen bewaffnet war. Der Saal
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