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ſich warf und ſich den Gedanken überließ, die ſeine neue Lage in ihm erweckte. Er hatte nicht im Sinne zu ſchlafen, aber der Morgen war heiß und ſchwül und in Folge der Aufregung und Erſchöpfung ſiel er in einen leichten Schlum⸗ mer. Während er ſo in einem Zuſtande halber Bewußt⸗ loſigkeit, der weder Schlaf noch Wachen iſt, dalag, deuchte es ihm, als ſehe er eine dunkle Geſtalt zur Thüre hereingleiten, und ſich hinter den breiten Vorhängen des Fenſters verbergen. So leiſe war die Erſcheinung aufgetreten und ſo ſchnell wie⸗ der vor ſeinen halbgeſchloſſenen Augen verſchwunden, daß er ſie für eine Erſcheinung ſeines Traumes hielt. Er fiel dar⸗ auf in einen tieferen Schlummer, aus dem er plötzlich durch das Schließen ſeiner Zimmerthür aufgeſchreckt wurde. Er ſprang ſogleich auf, aber das Zimmer war leer. Er ſuchte hinter den Vorhängen, aber Niemand war dort. Darauf ſchaute er ſich nach ſeinem Koffer um, aber der Stuhl, auf dem er geſtanden, war leer. Er durchſuchte das Zimmer, aber umſonſt, der Koffer war verſchwunden. Er ſtürzte aus dem Zimmer, die Stiege hinab. Die erſte Perſon, die ihm be⸗ gegnete, war Pepita. Er fragte ſie, ob ſie Niemand geſehen, der einen Koffer getragen.
„Einen kleinen Lederkoffer, Maſſa?“
„a, ja.“..„
„Triſtan hat einen aus dem Hauſe getragen, Pepita ihn geſehen,“ ſagte die Mulattin..
„Welchen Weg hat er eingeſchlagen?“ rief Paul athem⸗ los vor Aufregung.
„Aus der hinteren Thür in den Hof. dem Holzhauſe.“
Paul hörte nicht mehr, ſondern ſtürzte fort nach dem Hofe, wo die Hintergebäude lagen. Das Holzhaus war ein roh Aeühimnent Gebäude, in welchem das Brennholz auf⸗ bewahrt wurde. Als Paul ſich demſelben näherte, bemerkte er, daß Rauch aus den Spalten des Holzwerkes hervor⸗ ſtrömte, welcher anzeigte, daß innerhalb des Schuppens ein Feuer angezündet war. Paul verſuchte die Thüre zu öffnen, aber ſie war von innen verriegelt. Er ſtemmte ſich mit aller Kraft dagegen, ſie widerſtand aber ſeinen Bemühungen. Es wurde ihm klar, daß der Sclave Triſtan den Koffer in irgend einer üblen Abſicht nach dem Schuppen gebracht hatte.
„Triſtan,“ rief er,„Triſtan, öffne die Thüre, oder ich erſchieße Dich durch die Spalten in der Wand.“
Der Neger antwortete nur mit einem hühniſchen Lachen. Mittlerwerle nahm der Rauch immer mehr zu. Auf einmal ſiel es Paul ein, daß ſich auf der andern Seite des Holz⸗ hauſes ein kleines Fenſter befand. Sogleich eilte er an daſ⸗ ſelbe. Die Läden waren geſchloſſen, aber das Holzwerk der⸗ ſelben befand ſich in einem ſo morſchen Zuſtand, daß es Paul nach einigen Bemühungen gelang, dieſelben aufzureißen. Im nächſten Augenblicke darauf war er innen. Ein Feuer brannte in der Mitte der Hütte und vor demſelben knieete der Neger, die eine Hand auf den nebenſtehenden Koffer ge⸗ ſtützt. Paul ſprang hin und riß den Koffer weg, aber der Neger, ſtärker als er, ſetzte ſich ſehr hald wieder in den Be⸗ ſitz deſſelben. Paul ſtürzte ſich wieder auf den Schwarzen und es begann ein heftiger Kampf, in welchem die größere Stärke Triſtan's nahezu den Sieg errang, als es Paul ge⸗ lang, ein Stück Holz zu erfaſſen, mit dem er den Neger einen Schlag verſetzte, der ihn beſinnungslos zu Boden ſtreckte. Paul ergriff hierauf den Koffer und kehrte mit demſelben in das Haus zurück. In ſeinem Zimmer angelangt, nahm er die koſtbare Urkunde wieder heraus, mit dem feſten Entſchluſſe, ſie auf alle Gefahr hin bei ſich zu tragen. Er ſah auf ſeine Uhr. Die zwei Stunden waren abgelaufen. Er verließ deß⸗ halb ſein Zimmer, um ſich zu Don Juan Moraquitos zu begeben, aber auf dem Vorplatze wurden ſeine Schritte plötz⸗ lic durch einen Piſtolenſchuß aufgehalten. Als er erſchrocken einige Augenblicke ſtehen blieb, öffnete ſich die gegenüberliegende Thüre und Pauline Corſi ſtand auf der Schwelle. Dicht hinter ihr erſchien das bleiche Geſicht von Camilla Mora⸗ quitos. Die beiden Frauen waren heftig aufgeregt. Camilla ſuchte auf den Vorplatz hinauszuſtürzen, aber Pauline um⸗ ſchlang und hielt ſie zurück. Zugleich bat ſie Paul, ihr darin behilflich zu ſein und Camilla zurückzuhalten, wſred ſie ſelbſt gehen wolle, um zu ſehen, was dieſer ominöſe Schuß
Pepita denkt nach
Die Octrone, oder die Lilie von Louiſiana. Von Lady Lascelles.
726 zu bedeuten habe. Paul gehorchte und führte Camilla in ihr Zimmer zurück, aber ſeine Bemühungen blieben erfolglos. Sie wollte keinen Troſt annehmen, ſondern antwortete ihm immer wieder mit der Bitte, er möge ſie zu ihrem Vater gehen laſſen.
„Ich weiß, daß ſich etwas Schreckliches ereignet hat,“ ſagte ſie,„Ihr habt Euch Alle miteinander verbunden, mich zu hintergehen. Mein Vater iſt in Gefahr und Ihr ſeid grauſam genug, mich von ihm fern zu halten.“
In dieſem Augenblicke kehrte Pauline Corſi zurück. Der junge Mann ſah ſogleich an ihrem geiſterhaften Ausſehen, daß ſich etwas Schreckliches zugetragen habe.
„Kommen Sie mit mir, Paul,“ ſagte ſie,„Sie können jetzt Don Juan ſehen.“
Camilla erfaßte ihre Hand.„Er kann meinen Vater ſihen ſagte ſie,„er iſt alſo wohl, er iſt wohl, Pauline?“ rief ſie.
Die Franzöſin antwortete nicht, ſondern führte Paul ſtillſchweigend aus dem Gemache. Er folgte ihr bis an das Zimmer des Don Juan, wo ſie Halt machte, und zu dem jungen Manne ſagte:„Machen Sie ſich auf einen ſchrecklichen S hlag, auf einen fürchterlichen Anblick gefaßt. Fühlen Sie ſich ſtark genug, ihm entgegenzutreten?“
„Was Sie, ein Weib auf ſich nehmen, kann auch ich er⸗ tragen,“ antwortete er ruhig.
„Das Verbrechen zieht eine ſchreckliche Vergeltung nach ſich,“ ſagte die Franzöſin mit bewegter Stimme.„Mag auch der Rächer mit langſamem Schritt heranſchreiten, ſo wird ihm doch nur ſelten ſein Opfer entgehen. Ihr Onkel hat für ſeine Sünden die Strafe empfangen.“
Sie öffnete die Thüre und der junge Mann folgte ihr in's Zimmer. Es war das Gemach des Todes. Don Juan lag mit dem Geſichte nach unten und auf dem reichen perſi⸗ ſchen Teppich, welcher ringsherum mit Blut befleckt war. In ſeiner Nähe lag ein abgeſchoſſenes Piſtol.
Auf dem Tiſch, in der Mitte des Zimmers, fand man einen an Paul Crivelli adreſſirten Brief, auf deſſen Aufſchrift die Tinte kaum trocken war, obſchon die Hand, welche ſie ge⸗ ſchrieben, bereits erkaltet war. Paul riß den Brief auf und las ihn. Er lautete folgendermaßen:
„Man hat Dir ein Geheimniß mitgetheilt, das ich drei⸗ zehn Jahre vor Dir verborgen gehalten habe. Ich bitte Dich nicht um Verzeihung, denn Du weißt nicht und wirſt es nie erfahren, was Du zu verzeihen haſt. Ich gehe, um Gnade vor einem höheren Richterſtuhle zu ſuchen. Ich kann nicht leben, um vor den Augen meines Neffen und meiner Tochter zu erröthen. Du liebſt meine arme Camilla. Mache ſie glücklich und der Geiſt desjenigen, der Dir Unrecht gethan hat, wird Dich noch im Tode ſegnen.
Juan Moraquitos.“
Zweiunddreißigſtes Capitel. Rückkehr eines Todten.
Kehren wir jetzt zu der Scene zurück, in der Silas Craig von William Bowen, ſeinem Mitſchuldigen und Werk⸗ zeuge die Urkunde erhielt, von deren Vernichtung er bisher vollkommen überzeugt war. So geht es immer, die Verbre⸗ cher werden immer von ihren Spießgeſellen verlaſſen und verrathen, ſobald dieſe ein Intereſſe daran haben. So war es auch mit William Bowen. So lange Craig öh für ſein Schweigen bezahlte, bewahrte er das verbrecheriſche Geheim⸗ niß deſſelben, als aber der Advokat der fortgeſetzten Erpreſ⸗ ſungen müde war und als ſich Ausſicht darbot, von der an⸗ dern Seite für ſeine Dienſte eine hinläͤngliche Belohnung zu erhalten, wurde er an ihm zum Verräther. Bowen beſaß alle jene Schlauheit und unverſchämte Kaltblütigkeit, die man nicht umſonſt ſeinen Landsleuten, den YNankees nachrühmt. Er war von Anfang an entſchloſſen, den Empfangſchein, den er aus des verwundeten Treverton's Taſchen genommen, für ſich zu behalten und zu ſeinem eigenen Vortheite auszubeuten. So kam es, daß der reiche Advokat und fromme Chriſt als Betrüger daſtand.
Auguſtus Horton wendete ſich mit Unwillen von ſeinem alten Verbündeten ab.„Seien Sie mein Zeuge, Herr Leslie,“


