Jahrgang 
1 (1867)
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Sein oder Nichtſein. Roman von Marie Sophie Schwartz.

nicht Angſt machen. Wenn es durchaus ſein muß, ſo kann die alte Magdalene dem Herrn Banquier zeigen, daß ſie noch alle Zähne hat.

Magdalene entblößte, indem ſie dies ſagte, den ganzen Reichthum ihrer zweiunddreißig ſtarken, geſunden Zähne. Wie erbaulich dieſer Anblick aber auch war, ſo machte er doch auf die Schwiegertochter keinen Eindruck, denn ſie antwortete in ſehr betrübtem Ton:

Aber, Mutterchen, ihr habt Euch ja fortwährend mit dem Banquier gezankt, und es iſt deswegen nicht beſſer, ſon⸗ dern ſchlimmer geworden. Was kümmert der ſich um die Worte einer armen Frau! Er will uns von hier fort haben, und ſo lange ihm dies nicht gelungen iſt, ſteht kein Frieden hier zu erwarten.

Magdalenens Antwort blieb aus. Das Geſpräch ward durch das Geſchrei eines Kindes unterbrochen, während man dazwiſchen zugleich von einer rauhen Stimme ausgeſtoßene Flüche und das Knallen einer Peitſche vernahm. Dieſes Ge⸗ töſe kam aus dem Hofe. Die kranke Frau ſprang erſchrocken aus dem Bett und eilte an's Fenſter.

Ach, mein Gott, der Jockey des Banquiers ſchlägt Folke! rief ſie und ſank auf einen Stuhl nieder.

Na, na, beruhige Dich nur, armes Lamm! Ove iſt ja

ſchon draußen, um den Knaben zu vertheidigen! tröſtete Mag⸗

dülene und trug ihre Schwiegertochter wieder zurück aufs ett.

Der Hof bot jetzt ein ganz eigenthümliches Schau⸗

ſpiel dar. Die bei demſelben betheiligten Perſonen waren ein Joit, der mit ſeiner Reitpeitſche auf einen etwa acht⸗ jährigen Knaben loshieb. Nicht weit davon ſtand ein elegant gekleideter Jüngling, der etwa ſein ſechszehntes Lebensjahr zurückgelegt zu haben ſchien. Er forderte den Jockey auf, den ſchreienden Knaben nicht zu ſchonen, ſondern ihn vielmehr recht gründlich durchzukarbatſchen. VVpon der entgegengeſetzten Seite des Hofes näherte ſich ein hochgehiener Arbeiter in einer blauen Schürze. Als er dem Diener ſo nahe gekommen war, daß er ihn mit aus⸗ geſtrecktem Arm erreichen konnte, und rief mit Donnerſtimme:

Gleich laß den Knaben gehen oder ich prügle Dich vor den eigenen Augen Deines S lingels von Herrn durch!

Der Diener fühlte ſich mit ſolcher Kraft gepackt, daß er den Knaben ſofort losließ; in demſelben Augenblick aber ward ihm die Peitſche aus der Hand geriſſen und der Arbeiter gab ihm alle die Hiebe, welche der Knabe bekommen, mit Wucher⸗ zinſen wieder zurück.

Wie kannſt Du dir unterſtehen, meinen Diener zu ſchla⸗ en? ſchrie der elegante Jüngling, ſtürzte herbei und ver⸗ ſete mit ſeinem Spazierſtock dem Arbeiter einen Hieb über das Geſicht.So ein elender Bettler will Hand an meine Leute legen!

Der Tiſchler ſchwang die Peitſche ſo, daß ſie dem jun⸗ gen Herrn um die Ohren tanzte und dieſer mußte ſich ſchäu⸗ mend vor Wuth und mit einer rothen Schwiele auf der Wang zurückziehen.

Ove Richardſon warf die Peitſche von ſich, ſchleuderte den Diener hinter ſeinem retirirenden Herrn her und ſagte:

Nehmen Sie ſich in Acht, Banquier Gratten's Sohn, damit ich Sie nicht einmal mit meinem Hobel ſo zeichne, daß Sie einen Denkzettel auf Ihre ganze Lebenszeit behalten. Ihrem Burſchen reiße ich ſeine krummen Beine vom Leibe, wenn er noch einmal wagt, meinen Knaben anzurühren. Es i*ſt nun das dritte Mal, daß Sie dieſen Schlingel auf mein wehrloſes Kind hetzen, und ich rathe Ihnen, es nicht zum vierten Male zu thun.

Du wagſt zu drohen, Elender! ſchrie der Sohn des monhiers:aber warte, Du ſollſt das nicht umſonſt gethan aben.

Mit dieſen Worten eilte der junge Mann in das Haus hinenn welches nach der Straße zu ſtand. Ove nahm den leinen Folke bei der Hand und ging mit ihm in das niedrige Gebäude hinein, welches eine Art Pligel des großen ausmachte.

packte er ihn beim Genick

Das Haus, wo dies ſich zutrug, war ein großes maſſi⸗ ves Beſitzthum in der ſogenannten Regierungsſtraße zu Stock⸗

holm. Die hohen drei Wohngebäude nahmen eine beträcht⸗ liche Strecke dieſer Straße ein und zogen ſich bis an ein kleines Nebengäßchen. Der Hof war groß, mit ſteinernen Platten belegt und auf allen vier Seiten mit einer ſteinernen Mauer umgeben.

Von der Regierungsſtraße aus führte eine Eingangsthür in den Steinpalaſt, und von dem Gäßchen aus gelangte man durch einen Thorweg in den Hof. Dieſer Thorweg ward als Paſſage von den Bewohnern des Flügels benutzt.

Dieſes prächtige Beſibehn gehörte dem Banquier Claes Henrik Gratten. Er hatte es von ſeinem Vater, einem rei⸗ chen Mann geerbt.

Claes Henrik war zur Zeit unſerer Erzählung ein Mann von fünfndbieriig Jahren. Seit etwa zwanzig Jahren mit der Tochter eines reichen Kaufmanns vermählt, war er Vater von drei Kindern zwei Söhnen und einer kleinen Tochter. Mit dem älteſten dieſer hoffnungsvollen Sprößlinge, dem Sohn Arthur, haben wir ſchon Bekanntſchaft gemacht.

Grattén war ein ſtolzer, hochmüthiger Mann. Im Llcberſeiſ auferzogen und von Jugend an gelehrt, im Gelde das Einzige zu ſehen, wovor man Achtung hegen müſſe, konnte er nicht begreifen oder denken, daß es noch einen an⸗ dern Menſchenwerth gebe.

Geburt, hoher Nang und ausgezeichnete Geiſtesgaben verdienten ſeiner Mreinudc nach keine Beachtung, dafern ſich nicht zugleich ein großes Vermögen dazu geſellte.

Sas Geld war ſo dachte er der Alleinherrſcher, der die Welt regieren ſollte, und die Menſchen, welchen dieſe Macht fehlte, waren zu Sklaven Derer geſchaffen, die ſich im Beſitz befanden.

Er, der Beſitzer eines fürſtlichen Vermögens, hatte das Recht, übermüthig zu ſein, und in Folge ſeines Reichthums war er auch wirklich ein ſehr mächtiger Mann. Er konnte ſich eine übermüthige Lebensweiſe und ſo üppige Gewohnhei⸗ ten geſtatten, daß es nur wenigen Auserwählten vergönnt war, eben ſo verſchwenderiſch zu leben, ohne ſich zu ruiniren.

Gleichwohl war Gratten nicht einer jener hölzernen, ſchwerfälligen Kanſmonnetpen die man in größeren Städten ſo oft antrifft, ſondern ein ſehr lebendiger Mann. Seine Art und Weiſe war angenehm, wenn er mit Perſonen um⸗ ging, die nach ſeiner Anſicht Achtung verdienten; verbindlich und weltmänniſch wenn er mit Damen zuſammen war; gebie⸗ teriſch und ſtreng aber, wenn er in ſein Comptoir trat. Sein Stolz trat blos dann hervor, wenn er Leute ohne Vermögen vor ſich hatte, denen er zeigen wollte, wie groß der Abſtand zwiſchen ihnen und ihm war. Armuth war in ſeinen Augen nicht ein Unglück, ſondern eine Schande. Der Arme hatte kein Recht, zu verlangen, daß man ihm Rückſicht bewies.

Vielleicht wäre es möglich geweſen, daß dieſe herzloſe Auffaſſung der Stellung der Unbemittelten eine Milderung erfahren, wenn er zur Gattin eine Frau bekommen hätte, die ihren Einfluß benutzt, um ſeine Aufmerkſamkeit auf das Rechtswidrige zu lenken, was in dieſer Denkweiſe lag.

Das Schickſal war jedoch Gratten in dieſer Beziehung nicht günſtig geweſen, denn es hatte dem egoiſtiſchen Mann zur Lebensgefährtin ein Kind derſelben Denkungsart geſchenkt, ein Weſen, das in noch höherem Grade egoiſtiſch war als er elbſt. ſilrens⸗ Malmberg ſo hieß Grattens Gattin mit ihrem Familiennamen war ebenſo beſchränkt wie reich, eben ſo ſchön wie hochmüthig und ebenſo verkünſtelt wie ſelbſtſüchtig.

Eine edlere Auffaſſung vom Leben, als daß der Reiche

es genießen und der Arme arbeiten und entbehren müſſe, konnte Frau Gratten weder ſich ſelbſt noch ihren Kindern beibringen und folglich auch keinen veredelnden Einfluß auf ihren Gatten ausüben..

Der Banquier hatte einen einzigen Bruder, der einige Jahre älter als er und ebenfalls Kaufmann, von aber ganz verſchiedenem Charakter war.

John Gratten war vielleicht noch ſtolzer als Claes Henril, dieſer Stolz gab ſich aber auf ganz andere Weiſe kund.

John war ſtreng und rechtſchaffen.

Er hatte nur einen Ehrgeiz, nämlich den, unter den Kaufleuten von Stocholn den erſten Platz einzunehmen; nicht blos deswegen, weil er