nommen.. 1 hati, näherte ſie ſich wieder dem Tiſch, an welchem Olle und
25 Sein oder Nichtſein. Roman von Marie Sophie Schwartz. 26
dürftiges, aber gleichwohl behagliches Daheim. Man ſah,
daß Sparſamkeit und Arbeit hier ein kärgliches, aber doch hinreichendes Brot gaben.
Betrachtete man die Perſonen; welche dieſes Zimmier be⸗ völkerten, ſo boten die Geſichter derſelben einen ſofort in die Augen fallenden Contraſt dar.
Die Frau war groß gewachſen, ſtark und gut gebaut, ihr Geſicht ſchön, die Stirn hoch und die ganze Geſichtsform regelmäßig. Dabei lag in dem Ausdruck derſelben mehr Kraft und Beſtimumtheit, als man bei einer gewöhnlichen Bäuerin zu ſuchen, oder zu finden pflegte.
Die üuſßhee Erſcheinung des Mannes war von der der Frau gan rſchieden. Er war klein und ſchmächtig von Körper, blaßgelb von Geſichtsfarbe, hatte dunkles Haar und dergleichen Augen, hervorſtehende Handknöchel und eine nie⸗ drige Stirn. Sein Blick war nicht eben menſchenfreundlich. Er ſah aus, als lebte er in fortwährender Furcht vor irgend einer unbekannten Gefahr.
Bei dem Eintritt des Knaben fuhr der Mann zuſammen und blickte erſchrocken nach der Thür; die Frau aber nickte freundlich und ſagte:
„Ah, biſt Du ſchon wieder da, Laſſe? Ich hätte nicht heglaubt. daß Du ſo raſch wäreſt. Haſt Du von dem Han⸗ delsmann bekommen, was Du haben wollteſt?“
Der Knabe legte, ohne etwas zu antworten, ſein Bündel zu den Füßen der Frau nieder, ging dann nach dem mittel⸗ ſten Fenſter und ſetzte ſich. Die Ellbogen auf den Tiſch und das Kinn auf die Hände ſtützend, blickte er hinaus.
Es war ein herrliches Gemälde, welches ſich vor ſeinen Augen ausbreitete. Er hatte die Ausſicht über die Stadt, welche unten im Thale lag, umgeben von terraſſenförmigen, mit Laub- und Nadelwaldung bekleideten Bergen, und der Wiskaſtrom, der mitten durch Boras fließt, ſchlängelte ſich wie ein glitzerndes Silberband entlang.
Während der Knabe den weitgeſtreckten Raum betrachtete,
veränderte ſich der Ausdruck ſeines Geſichts und ging von Mißvergnügen in Wehmuth über. . In der Stube war es ſtill. Das Schreien des kleinen Mädchens, das Klappern des Webſtuhls, und das Kniſtern des Feuers im Kamin waren das einzige Geräuſch, welches man vernahm.
Nach einer Weile trug die Frau eine dampfende Schüſſel Kartoffeln, einige Häringe und eine hölzerne Kanne mit Ge⸗ tränk auf..
„Höre nun auf mit Weben, Olle,“ ſagte ſie.„Das Abendbrot wartet und der Junge wird, nachdem er ſo viel gelaufen, gern einen Biſſen zu ſich nehmen wollen.“
Der Webſtuhl ſtand ſofort ſtill und Olle verließ den⸗ ſelben ſo ſchnell als möglich.
Mit der Kleinen auf dem Schooße, ſetzte ſich die Frau zwiſchen Sohn und Mann.
„Nun Kirſti, ſoll der Knabe nicht ein Gebet ſprechen?“ ſagte Olle in heiſerem Tone..
Kirſti antwortete nicht, ſondern nickte blos Laſſe zu, der ſofort ein langes Tiſchgebet herplapperte. Olle heſtete ſeine Augen andächtig auf die Decke und Kirſti drückte das Kind mit frommem, dankbarem Blick an ihre Bruſt.
Die Mahlzeit ward unter fortgeſetztem Schweigen einge⸗ Als man damit fertig war und Kirſti abgeräumt
aſſe noch ſaßen und mürriſch vor ſich hinblickten, verſchränkte die Arme über der Bruſt und ſagte:
„Ihr ſitzt wirklich da, als ob die Sünden der ganzen Welt auf Euch laſteten. Wäre ich nicht eine ſo vernünftige
Frau, ſo wäre ich ſchon längſt ärgerlich über Euch geworden.
Seht Ihr denn nicht ein, wie unrecht es iſt, herumzugehen und ſo auszuſchauen, wie Ihr thut, während der gute Gott uns ſoviel gegeben hat, wofür wir ihm dankbar ſein müſſen— Geſundheit, Arbeit und Auskommen? So iſt es aber; wer für heute Brot hat, will noch mehr haben. Ich aber bin es nun doch überdrüſſig, Euch ſo ungenügſam zu ſehen und des⸗ halb muß es damit ein Ende nehmen.“ Laſſe blickte auf. 2
„Das könnt Ihr nicht erzwingen, Mutter,“ ſagte er.
„Ich bin nicht geſinnt wie Ihr, und Ihr ſeid nicht geſinnt
f
wie ich. Webſtuhl und Pflug ſind Dinge, denen ich keinen Geſchmack abgewinnen kann.“
„ Und deshalb ſollſt Du auch fort; das habe ich mir feſt vorgenommen,“ unterbrach ihn die Mutter.
„Ich ſoll fort?“ rief Laſſe.„Ihr wollt mich wohl in die Stadt ſchicken und in die Lehre geben. Da geh' ich aber nicht hin, denn ſeht Ihr Mutter, ich hab' auch meinen Willen.“
Kirſti hörte weiter nicht auf die letzten Worte, ſondern machte dem Sohn vorſtellig, daß ſie ihm Leſen, Schreiben und Rechnen lehren laſſen, damit einmal etwas Anderes aus ihm würde, als aus ſeinem Vater, der niemals ſich mit ſo etwas beſchäftigt habe, ſondern unabänderlich in ſeinem Web⸗ ſtuhl ſitzen geblieben ſei. Nun hätte es ſich ſo gefügt, daß Kirſti eine Lehrlingsſtelle bei einem Handelsmann bekommen könnte. Es ſei aber nicht in Boras, ſondern er ſollte nach Atingsas, denn ſie meinte, je weiter er von Daheim fortkäme, deſto beſſer wäre es.
Olle hörte ſie ſchweigend an; als aber Kirſti ſagte, daß Laſſe fort ſolle, unterbrach er ſie mit den Worteu:
„Aber, Kirſti, was denkſt du? Wo ſollen wir die nöthi⸗ gen Kleider für Laſſe herbekommen? Ich bin ein armer Mann und kann ihm nichts geben. Er muß deßhalb bleiben, wo er iſt.“
„Schweig, Olle; das verſtehſt du nicht,“ ſagte Kirſti kurz. „Hab' ich dem Jungen ein Unterkommen verſchafft, ſo wird auch ſchon zu einigen Kleidern Rath werden. Geh' Du und leg' Dich und träume von Deinem elenden Gold; dann brauchſt du an das Elend nicht zu denken.“
Olle ſah ſeine Frau mit einem ſchüchternen Blick an, machte aber weiter keine Einwendungen, ſondern ſchlich ſich zu Bett.
Acht Tage ſpäter wanderte Laſſe fort von der Heimath ſeiner Kindheit und begab ſich nach Atingsas. Hier ſollte er ſeine Carriere als Laufjunge in einem Colonialwaarengeſchäft beginnen.
verlaſſen, ihren gewöhnlichen Gang.
Olle webte vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend, Kirſti beſorgte Haus und Hof mit Ordnung und Sparſam⸗ keit und die kleine Lena wuchs heran und gedieh.
So vergingen ſechs Jahre.
Als dieſe um waren, machte Laſſe ſeinen erſten Beſuch in der Heimath.
Er war jetzt ein ganz ſtattlicher Herr geworden, trug Kleider wie ein Stutzer und geberdete ſich wie ein richtiger Comptoirlöwe.
In ſeinen Lebensverhältniſſen hatte ſich aber auch viel verändert..
In Atingsas war er nicht länger geblieben, als ein Jahr, dann Hatte er ſich, ohne ſeinen Eltern etwas davon mitzutheilen, nach der Hauptſtadt begeben. Hier ſervirte er anfangs im Laden und kam dann in's Comptoir.
Peshalb er jetzt die Heimath wieder beſuchte, wäre ſchwer zu ſagen geweſen. Aus Liebe zu ſeinen Eltern geſchah es nicht, denn ſein Benehmen gegen dieſe war, eben ſo wie gegen ſeine Schweſter, kalt und ſteif. Sein Verweilen in dem niedrigen Haus war auch kein langes, denn er blieb blos einen Tag..
Es verging nun wieder ein Jahr, ohne daß die gewohnte Ordnung in Byttorp durch irgend etwas unterbrochen worden wäre..
Die Glocken der Kirche in Boras läuteten zur Hoch⸗ meſſe. Ein junger Mann von keckem Ausſehen und kräftigem Körperbau verließ die Stadt und nahm den Weg nach nörd⸗ licher Richtung. Er wanderte die Anhöhe hinauf nach dem armſeligen Gehöft und als er die Einhegung deſſelben erreicht hatte, blieb er ſtehen und warf einen forſchenden Blick um ſich.
Die goldenen Strahlen der Auguſtſonne beleuchteten die Landſchaft, der Wind ſpielte im Lanb der Bäume und das lauſchende Ohr hörte das Rauſchen des Wiskaſtromes. Jedes lärmende Geräuſch von der Stadt her war verſtummt, alles Getöſe, was die Menſchen verurſachen, war fern und es ſah
Be 8o
—
— 2gSg
Die Tage gingen, nachdem Laſſe das elterliche Haus
uns, als ob Alle ſich in den Tempel des Herrn begeben—2


