Jahrgang 
1 (1867)
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Höhen geweſen und ſchreiend heimgekommen.

Lady Adelaide's Schwur.

Roman von Mrs. Henry Wood.

von einem Punkt des Zimmers nach einem andern zu be⸗ wegen. Bruff riß die Flügelthür auf; Lord Dane begab ſich in die Halle hinaus und ließ ſeinen Seſſel vor Adelaide Halt machen.

Hyſteriſche Anfälle ſind nicht ſo unbeherrſchbar, wie Manche lauben, und beim Anblick von Lord Dane ließen ſie nach. Aber Lady Adelaide zitterte am ganzen Leibe, als ob ſie das kalte Fieber hätte, 8 ihr Antlitz war todesbleich.

Was bedeutet das Alles, Adelaide? forſchte er.Biſt Du in Schrecken geſetzt worden? Was iſt es? ſetzte er ziem⸗ lich ſcharf u ſeiner Gattin gewendet hinzu, denn Adelaide ſchlug plötzlich die Hände vor das Geſicht, als ob ſie eine Antwort verweigerte.Bruff ſagt, ſie ſei draußen auf den

Ich begreife das nicht.

Ich ſicherlich auch nicht, erwiederte Lady Dane.Es iſt richtig, ſie war auf den Höhen, denn ich ſah und hörte ſie. Es muß ſie irgend etwas erſchreckt haben.

Aber was hat ſie hinausgeführt?

Das iſt es eben, was ich wiſſen möchte. Als ich nach dem Diner einſchlief, war ſie im Salon und las. Mir ſchien es, als ob kaum fünf Minuten verfloſſen wären, da kam ſie von den Höhen ſchreiend zurück, wie Du gehört haben mußt. Ich fragte ſie zehnmal, was ſie zum Hinausgehen trieb, aber ſie gibt keine Antwort.

Lady Dane war auch böſe. Sie dachte, die junge Dame könne ſchon antworten, wenn ſie nur wolle. Lord Dane, ſo choleriſch als nur immer ſein zweiter Sohn, und an Wider⸗ ſpruch ungewöhnt, rollte ſeinen Seſſel um einen Fuß näher heran und legte ſeine Hand auf ihre Schulter. Einige der Diener ſtanden in der Nähe herum, aber er dachte nicht an ſie.

ſeegt ſchau hieher, Adelaide, das geht nicht. Ich wünſche zu erfahren, was es mit Dir gegeben hat, und ich will es wiſſen. Was führte Dich hinaus?

Ich weiß es nicht, antwortete ſie, ſichtbar zitternd in ihrer heftigen Erregung.

Aber Du mußt es wiſſen; Du biſt nicht im Schlafe

hinausgegangen. Adelaide, verſteh' mich ich verlange es zu erfahren. Geſchah es, um mit Jemand zuſammen⸗

zukommen? fuhr er fort, indem ein ſchlimmer Argwohn in ſeinem Geiſte aufſtieg.

O nein, nein; gewiß nicht, nein, Lord Dane, nimmer⸗ mehr, erwiederte ſie mit einer ſcheinbar ſehr unnöthigen Heftigkeit.

Ich dachte mir als möglich, Du könnteſt in der Er⸗ wartung, Harry zu treffen, hinausgegangen ſein. Sehr närriſch von Euch Beiden, wenn dem ſo geweſen wäre, da Ihr, ſo viel Euch beliebt, bei Tag mit einander herumwandern könnt. Aber Harry iſt, glaube ich, zu der Nacht gegangen. Deine Erklärung, Adelaide?

Ich will die Wahrheit geſtehen, ſagte ſie mit einer

minder geräuſchvollen Fluth von Thränen.Ich ſtand am

Fenſter, nachdem die Tante eingeſchlafen war, und ſchaute hinaus in die liebliche Nacht. Ich habe niemals eine ſchönere Nacht geſehen, und da kam mir in den Sinn, auf die Höhen hinaus und wieder zurückzulaufen, und ich zog meinen grauen Mantel an und ging. Ich dachte an nichts Böſes.

Und ein ſehr leichtfertiger Streich war das! fiel Lady Dane ein.Junge Damen laufen hier zu Land nicht in der Nacht herum, Adelaide, der Mond mag noch ſo hell ſcheinen. 1 1

Adelaide kümmerte ſich nicht viel um den Vorwurf; ihre Tante konnte ſie immerhin leichtferdid ſchelten, wenn es ihr beliebte; was ihr bange machte, war der durchdringende Blick von Lord Dane, deſſen ſcharfe Augen auf ihr weilten.

Du haſt uns nicht geſagt, was Dich ſo ſehr beängſtigt hat, bemerkte er ruhig..

Und ich weiß im Grunde ſelber nicht, was es war, ge⸗ wiß nicht, Onkel. Ich war ſo närriſch, mir in einer An⸗ wandlung von Bravour vorzunehmen, durch die Ruinen der Kapelle zu gehen; kaum aber hatte ich einen Schritt hinein⸗

ethan, da überkam mich eine ſchreckliche Furcht, und ich lief lewud hinweg. Ich hätte mich des Schreiens nicht er⸗ wehren können und wäre mein Leben dadurch zu retten geweſen.

Armes Kind! ſprach Lady Dane mitleidig.

Ich kann die Ruinen ſelbſt bei Tag nicht ausſtehen, fuhr ſie mit einem Schauder fort,und bei Nacht ſcheinen ſie voll von lauter Geiſtern. O, Tante! Ich werde niemals wieder allein hinausgehen.

Lord Dane war nicht überzeugt. Was die Geiſter be⸗ traf, ſo hatte er bisher geglaubt, die junge Dame wäre einer ſolchen Furcht ebenſo wenig zugänglich wie er ſelbſt.

Adelaide, bemerkte er ſtreng,hat ſonſt etwas Dich erſchreckt? Hat Dich Jemand auf den Höhen angeredet?

Nicht eine Seele, gewiß, antwortete ſie ernſt;Niemand hat mich geſehen oder gewußt, daß ich dort war. Nie iſt Jemand bei Nacht auf den Höhen.

Iſt ein wilder Stier dort herumgeſtreift? rief Mylord in einer Anwandlung von Zorn.Nur ein tolles Thier irgend welcher Art könnte einen ſo unſinnigen Schrecken wie dieſen verurſachen.

Armes Kind! flüſterte Lady Dane wieder in ihrem Mitleid, in vollem Glauben an jedes Wort ihrer Nichte. Ich bin überzeugt, ſie hat uns die Wahrheit geſagt, Geoffry. Erinnerſt Du Dich noch, wie ich ſelbſt vor Geiſtern zu er⸗ ſchrecken pflegte, da ich noch jung war. Wie ich an dem Todeszimmer mit den Händen vor dem Geſichte vorüberflog, wenn mich mein Weg jemals dorthin führte, und wie Du mich dann auslachteſt?

Nun trockne Deine Thränen, rief Lord Dane, ſich in die Umſtände ergebend, obwohl in einer Ecke ſeines Herzens noch immer die Ungläubigkeit ſich regte.Du thäteſt beſſer, in den Speiſeſaal zu kommen und ein Glas Wein zu trinken. Und laufe mir nicht mehr in der Nacht hinaus, ſonſt möchteſt Du wirklichen Geiſtern anſtatt eingebildeten begegnen.

Lord Dane berührte ſeinen Seſſel und fuhr langſam ab, während Bruff denſelben über den Rand des Speiſeſaal⸗ Teppichs an der Flügelthüre hob. Lady Dane folgte. Adelaide erhob ſich von ihrem Sitz in paſſivem Gehorſam wie ſie in dieſem Augenblick gethan haben würde, wenn Lord Dane ſie zu einem Glas Opium anſtatt Wein eingeladen hätte. Da fiel ihr Blick zufällig auf ihre Zofe. Die Augen des fran⸗ zöſiſchen Mädchens waren mit einem ſo ſeltſamen Blick auf ſie geheftet, daß Lady Adelaide einen zweiten Schreckensanfall verſpürte.

Was gibt es, Sophie? keuchte ſie.

Nichts, Mylady. Ich meines Theils fürchte mich nicht vor dergleichen Geiſtern. Ich dachte nicht, daß dies bei My⸗ lady der Fall wäre.

Aber der Ton dieſer Worte war merkwürdig keck, bei⸗ nahe hinterliſtig inſolent. Und Lady Adelaide, anſtatt die Freiheit, welche ſie ſich nahm, in ihre Schranken zurückzu⸗ weiſen, ſah aus, als hätte ſie der Zofe zu Füßen fallen und ſie um Stillſchweigen anflehen können.

Es war etwa um dieſelbe Stunde, oder kurz zuvor, daß Mitchel, der Strandwächter, in ſeinem Revier unweit Dane Caſtle um die Ecke bog, gerade wie in der vergangenen Nacht, da er von der Anhöhe herab durch Richard Ravensbird an⸗ gerufen worden war.

Er kam vorſichtig um die Spitze herum die Felſen ſprangen von hier ſo ſtark vor, daß ſie kaum einen Fuß breit,

um aufzutreten, vom Strande übrig ließen, ſeine einför⸗

migen Schritte waren vielleicht um ein Weniges ſchneller als gewöhnlich, denn es war ſein letzter Gang, che die Fluth eintraf; und Mitchel, niemals ein kraftvoller Mann, ſehnte ſich immer nach der Zeit der Ruhe. Seine Gedanken kehrten zu dem großen Ereigniß des Tags zurück dem Zank zwiſchen Ravensbird und ſeinem Herrn welcher in ganz Danesheld eine Stunde, nachdem er ſtattgefunden hatte, be⸗ kannt geworden war. Es iſt möglich, daß die Erinnerung an das Zwiegeſpräch mit Ravensbird vom geſtrigen Abend, aufderſelben Stelle, den Gegenſtand des Streites ſeinem Geiſte näher brachte.

Plötzlich, ebe er noch völlig um die Spitze herum ge⸗ kommen war, erhob ſich der Laut von zornigen Stimmen in der ſtillen Nachtluft. Sie ſchienen von den Höhen, in der Richtung der verfallenen Kapelle, gerade wo Ravensbird in der vorigen Nacht ſich befunden hatte, zu kommen; aber in der nächſten Minute erſchienen zwei Männer wie ſie ihm