Jahrgang 
1 (1867)
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19 Lady Adelaide's Schwur. Roman von Mrs. Henry Wood. 20

das Oberſt Moncton gegebene Verſprechen mitangehört, Ka⸗ pitän Dane eintrat und ſeinen Platz einnahm.

Biſt Du es, Harry? rief Lord Dane. Du ſpeiſteſt an Bord der Nacht.

Ich habe meinen Entſchluß ſpäter geändert, Sir, und es Moncton ſagen laſſen. Vielleicht gehe ich hinab, um ihn abfahren zu ſehen.

Die Worie wurden in kurzem, ſeltſamem Tone geſprochen. Lord Dane ſah, daß ſeinen Sohn ein innerer Verdruß quälte.

Du läſſeſt Dir die Affaire mit Navensbird zu Herzen gehen, ſagte er ihn anſehend.

Sie hat mir allerdings großen Aerger verurſacht, Sir; mehr als ich ausſprechen mag.

Harry, Sie müſſen ſich vor dem Manne in Acht nehmen, äußerte Adelaide, welche heute Nacht ein blauſeidenes, weiß⸗ beſetztes Kleid trug, das in dem Gaslicht leuchtete und ſchim⸗ merte.Ich höre, er ſinnt auf Rache an Ihnen.

Harry Dane's einzige Antwort war, daß er verächtlich zu Ravensbird und ſeiner Rache die Lippen verzog; aber Lord Dane erkundigte ſich bei Adelaide, woher ſie dieſe Nachricht bekommen hätte.

Ich traf zufällig Mr. Herbert, als ich heute Nachmittag ein wenig ausging, ſagte ſie; und Jedermann, der dieſe Ant⸗ wort hörte und den ernſten, gelaſſenen Geſichtsausdruck dabei bemerkte, wäre dabei zu dem Schluß gelangt, Mr. Herbert ſei irgend ein entfernter, ältlicher Verwandter, den ſie kaum anzureden, oder von Angeſicht zu kennen ſich getraute. Er ſagte, Ravensbird ſei bei ſeinem Abgang vom Schloß dieſen Morgen an ihm vorüber gekommen und habe mit Rache gedroht; und er war der Meinung, Harry würde beſſer daran bh einen ſolchen Mann zum Freund als zum Feind zu aben.

Ein ironiſches, mit faſt unverſöhnlichem Zorn gemiſchtes Lächeln zog über das Angeſicht von Kapitän Dane.Ueber⸗ laſſen Sie Ravensbird mir, war Alles, was er ſagte; und von da an blieb er, ſo lang das Diner dauerte, ſehr einſilbig, und Lord Dane bemerkte, daß er faſt alle Speiſen unberührt vorübergehen ließ.

Drittes Capitel. Der Sturz von der Felſenklippe.

Soll ich hinaus oder ſoll ich nicht? ſprach Lady Adelaide, mit ſich zu Rathe gehend, während ſie mit wider⸗ ſtrebender Geduld an einem der Fenſter des Salons ſtand und zwiſchen den Muſſelin⸗Vorhängen in die liebliche Nacht hinausſah.Herbert hat geſagt, er komme dieſen Abend nicht, und das iſt Schade. Langweilige Leute! Und eine Nacht wie dieſe! Mir dünkt, ich muß gehen, ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu.Ich weiß nicht, was die Urſache davon iſt, daß mir dieſe Freiheit, allein, ganz ungehemmt hinauszulaufen, ſo gefällt, wenn es nicht daher kommt, daß man mich ſchon als Kind an Freiheit und Selbſtſtändigkeit ewöhnt hat. Wie hell der Mondſchein iſt, indem er auf dem Waſſer ſich abſpiegelt. Ich will auf fünf Minuten gehen. Ich denke, meine Lungen ſind anſpruchsvolle Lungen und be⸗ gehren etwas friſche Luft nach der Hitze uͤnd dem Gas des Speiſeſaals.

Sie drehte ſich um und ſah auf Lady Dane. Ja, da gab es kein Hinderniß, denn Mylady war in ihrem Lehn⸗ ſeſſel feſt eingeſchlafen. Es war wirklich eine bezaubernde Nacht die See ruhig, die Luft erfriſchend, der Mond hell wie der Tag. Der Wind, der am Morgen ſich zu erheben gedroht hatte, war zu einer ſanften Briſe geworden, gerade ausreichend, um ein Fiſcherboot und Oberſt Moncton's Nacht hinauszuführen. Adelaide Errol verließ auf den Zehen das Zimmer, warf ihren grauen Mantel mit der ſchirmenden Ka⸗ putze über und ſtahl ſich durch den großen Thorweg hinaus. Hätte ihr Jemand Vorſtellungen über ihre Unvorſichtigkeit bezüglich dieſer kurzen Mondſchein⸗Excurſionen gemacht, ſie würde ihm ins Geſicht gelacht und geſagt haben, ſie ſei draußen vor dem Thor ſo ſicher vor jedem Leiden und Scha⸗ den, wie innen. Vielleicht war dem wirklich ſo, denn ein Ruf von ihr hätte das ganze Schloß zu ihrer Rettung her⸗ beigeführt,

Ich dachte,

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Lady Dane ſchlief fort um ſo geſunder vielleicht, weil ſie heute Nacht länger als gewöhnlich, zum geheimen Verdruß ihrer ungeduldigen Nichte, damit gezögert hatte. Wäre es ihr nur möglich geweſen, in dieſem Augenblick die junge Dame zu ſehen, wie ſie mit leichten, ſorgloſen Schritten über das Gras hintrippelte, Lady Dane würde über das Hauptereigniß des Tages den Zank mit Ravensbird in nicht geringe Mißſtimmung verſetzt worden ſein. Harry war niemals ihr Lieblingsſohn geweſen aber er war ihr Sohn; und jeder ihm widerfahrende Kummer und Verdruß fand ſein zehnfaches Echo in ihrer Bruſt. Ja! wenn dieſe ſorgloſen Söhne nur

wüßten, welchen Schmerz ſie verurſachen!

Plötzlich begann Lady Dane, wie es ſchien, zu träumen. Es kam ihr vor, als erneuere ſich der Buſcer nendan Harry habe Ravensbird gepackt und ſchlage ihm in's Geſicht, und die Folge davon ſei, daß der Diener einen Schrei nach dem andern ausſtoße. So lebhaft war die Vorſtellung, daß Lady Dane davon erwachte.

Sie erwachte, um zu finden, daß es mit dem Schreien ſeine Richtigkeit hatte. Sie richtete ſich in augenblicklicher Beſtürzung von ihrem Seſſel auf und fragte ſich verwundert, was es gebe und wo alle Uebrigen ſein. Aber das Geſchrei lautete nicht wie das von Ravensbird; es war der ſehr gellende Ausruf einer Frau, und derſelbe kam von dem Raſen draußen.

Lady Dane ging an das Fenſter, riß es auf und ſchaute hinaus. Ein grauer Gegenſtand flog über das Gras dem Schloſſe zu. Zuerſt erkannte ihn Lady Dane nicht, obwohl die Kaputze von dem hübſchen jungen Geſicht zurückgefallen, und das ſorgfältig friſirte Haar deutlich in dem Mondſchein zu erkennen war; ſie wußte auch zuerſt nicht, wem ſie das Ge⸗ ſchrei zuſchreiben ſollte. Dann ſah ſie Bruff in Begleitung anderer Diener über die Straße rennen und die junge Danie mit ihrem durchdringenden Geſchrei ihnen in die Arme fallen. Lady Dane ſchlug in einer Anwandlung mit Furcht gemiſchten Erſtaunens ihre Hände zuſammen. Es war ihre Nichte Adelaide!

Sie ging die Treppe hinab, ſo ſchnell das Alter es ihr erlaubte, in die große Halle und ſtieß auf Bruff, wie er Lady Adelaide hereinbrachte. Keuchend, zitternd, noch immer rufend, unfähig, ſich aufrecht zu halten, befand ſich das Mädchen augenſcheinlich unter dem Einfluß irgend eines furchtbaren Begegniſſes, eines großen Schreckens. Lady Dane's Fragen blieben ganz nutzlos, denn Adelaide war nicht im Stande zu antworten. Sie ſank von hyſteriſchen Krämpfen geſchüttelt, in einen Seſſel, und ihr Schreien konnte man auf halben Weg nach Danesheld vernehmen. Die verwunderten Diener nahmen ihr den Mantel ab; man lief nach Riechſalz, nach Waſſer; Lady Dane rieb ihr die Hände, und Alles war in großer Bewegung. Dazwiſchen ließ ſich die Stentorſtimme Lord Dane's, welcher nach Bruff rief, hören. Der Haus⸗ meiſter eilte in den Speiſeſaal; und Lord Dane, welcher noch immer oben an der Tafel ſaß den Glockenzug mit einem ſeidenen Band an ſeinen Seſſel gebunden fragte zornig, was der unziemliche Lärm zu bedeuten habe.

Mylord das Geſchrei kommt von Lady Adelaide. Sie iſt, wie es ſcheint, von einer Unpäßlichkeit befallen worden.

Scheint von einer Unpäßlichkeit befallen worden? was wollen Sie damit ſagen?

Sie war, wie ſich ergab, draußen. Sie kam von den Anhöhen hergelaufen und ſchrie dabei überlaut, als wir hinaus⸗ kamen. Es muß ſie etwas in Schrecken geſetzt haben.

Lady Adelaide dermaßen ſchreiend! Lady Adelaide draußen auf den Höhen, um dieſe Stunde! wiederholte Lord Dane in zornigem Unglauben. Das iſt nicht wahr⸗ ſcheinlich, Bruff.

Aber es iſt ſo, Mylord, verſicherte Bruff.Das hyſteriſche Geſchrei, das Sie eben hören, kommt von Lady Adelaide. Sie iſt in der Halle und Mylady bei ihr.

Machen Sie das los, ſagte Lord Dane.

Er meinte das an ſeinen Seſſel geknüpfte Seidenband. Der Hausueiſter gehorchte; und Lord Dane berührte eine Feder im Seſſel und trieb denſelben langſam über den Teppich hin. Es war einer von jenen Seſſeln, welche einem hilfloſen Invaliden den Troſt gewähren, ohne Jemandes Beiſtand ſich

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