Jahrgang 
1 (1867)
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9 Lady Adelaide's Schwur. Roman von Mrs. Henry Wood.

Ich handelte nach beſtem Wiſſen, Sophie; paßt es Ihnen nicht? 6

Paſſen! Es muß paſſen. Schickte ich Sie wieder zurück, ſo würden Sie mir Grau bringen; aber denken Sie nicht, daß Sie wieder für mich Band einzukaufen haben. Das dürfen Sie nicht erwarten.

Sie ſchickten mich doch, Sophie..

Und wenn ich es that? Konnte ich aunehmen, Sie würden einfältiger, als ein Kameel ſein. Reichen Sie mir mein Arbeitskäſtchen. Es iſt dort auf dem Tiſche. Wer war der Seemann, mit dem Sie am Gitterthor geſprochen haben?

Ravensbird überreichte ihr das Arbeitskäſtchen, während er zugleich ſeine ſcharfen Augen auf ſie richtete.

Woher wiſſen Sie, daß ich mit Jemand an dem Gitter⸗ thore ſprach?

Ich ſtand am Thurmfenſter in Lady Adelaide's Zimmer; ich ſchaute nach Ihnen und dem Bande aus. Er nimut ſich Zeit, ſprach ich bei mir ſelbſt, daß er ſich dahin ſtellt und ſchwatzt. Wer war es?

Ein Freund von dem Kapitän; ein Gentleman, den wir in Amerika kennen lernten.

Was ſagte er? forſchte Sophie, welche die ganze un erſättliche Neugierde ihres Volks und Geſchlechts hatte.

Ravensbird lachte; er beantwortete im Allgemeinen ihre Fragen mit derſelben Art herablaſſenden Vergnügens, wie

wir bei einem anziehenden Kinde zu thun pflegen.

Er redete nicht viel, Sophie. Die Hauptſache, wonach er mich fragte, war, ob Herbert Dane Mylords Sohn wäre.

Ah, antwortete Sophie,wäre er Mylords Sohn, würden die Dinge hier etwas glätter gehen.

Was für Dinge? fragte Ravensbird, die Augen auf⸗ reißend.

Was für Dinge! wiederholte Sophie ironiſch.Ich ſage die ganze Zeit ſchon, daß Sie und Ihr Herr die einzigen Blinden im Schloſſe ſind: mit Ausnahme viel⸗ leicht von Lord Dane. Sie glauben, meine jnnge Lady liebe Ihren Herrn; er denkt auch ſo. Bah!

Was iſt denn jetzt los? rief Ravensbird nach einer Pauſe des Erſtaunens.

Nichts iſt los, das nicht ſchon lang geweſen, erwiderte Sophie mit kaltem Gleichmuthe;wenn Sie nur die Augen aufgethan hätten, zu ſehen. Meine junge Lady iſt eine Kokette; ſie iſt eitel; ſie hat Gefallen an all der Bewunderung, die ſie gewinnen kann, ob dieſelbe nun von Kapitän Dane oder von Squire Leſter kommt; aber in einer Ecke ihres Herzens iſt noch Jemand, der ihr koſtbarer iſt, als Beide. Er war ſchon lange hier; lange ehe Ihr Herr heimkam und dadurch, fen ſie für ſich ſelbſt haben wollte, das Oberſte zu unterſt

ehrte.

Was wollen Sic damit ſagen? rief Ravensbird.

Ich will ſagen, daß die Beiden ineinander verliebt ſind, Mr. Ravenusbird. Steht Ihnen der Verſtand ſtill, daß Sie mich ſo anſtarren?

Können Sie auf Herbert Dane anſpielen? Sccophie nickte mit dem Kopfe, während ſie das Ende eines Baumwollenfadens abriß.Sie lieben einander zum Närriſchwerden.

Wenn dem aber ſo iſt, wie wagt ſie meinen Herrn durch ihr falſches Lächeln zu täuſchen? rief Ravensbird, den ſeine Entrüſtung in Weißglühhitze verſetzte.

Sie hat ihren beſondern Zweck dabei, war die kalte

Antwort.Eben da Ihr Herr heimkehrte, begann Lady Dane

zu argwöhnen, daß Adelaide und Mr. Huſen einander zu⸗

gethan wären, und brachte es zur Sprache, und meine junge Gebieterin erſchrak bis auf den Tod und fürchtete, man möchte ſie wegſchicken, oder ſonſt eine Trennung zwiſchen ihnen vor⸗ nehmen. Als nun Kapitän Dane mit ſeinen großen Anerbietungen anrückte, gab ſie ſich den Schein, als nehme ſie ihn an, um Lady Dane zu blenden; ſie läßt ſich zum Schein ſeine Liebe gefallen, um ihn zu blenden, weil ſie die Wahrheit nicht an den Tag bringen will, um Mr. Herberts willen. Was eine Heirath mit dem Kapitän betrifft, ſo hoffe ich, meine Ohren werden mir nicht wehe thun, bis dieſe Zeit kommt.

Richard Ravensbird, der an einem Seitentiſche ſtand, war

es zu Muthe wie Jemand, der von einem verruchten Komplot, von einer gottloſen Verſchwörung hört. Wäre die Höllen⸗ maſchine Fieschi's auf ſeinen Kopf und Gehirn gerichtet geweſen, er hätte nicht heftiger davor zurückſchaudern können, als es jetzt im Angeſicht der Gefahr geſchah, welche ſich ihm ſo plötzlich und drohend enthüllte. Während er Sophie mit beſtürztem Blick anſchaute, ſchien ihm über die Vergangenheit plötzlich ein Licht aufzugehen. Er erinnerte ſich, wie oft er Lady Adelaide mit Herbert Dane hatte herumſchlendern ſehen; er erinnerte ſich, wie dieſelbe wieder und wieder irgend eine kleine Liſt angewendet hatte, um ſeinem Herrn auszuweichen. Und er hatte dies alles auf Rechnung natürlicher Frauen⸗ Koketterie geſetzt.

Kommen ſie insgeheim zuſammen? fragte er.

Wenn ſie können; gerade wie es eben geht. Sie läuft dann und wann an einem ſchönen Abend hinaus, um ſich eines kleinen Spaziergangs mit ihm zu erfreuen. Mylady macht nach dem Diner dh Schläfchen im Salon; Mylord behält Kapitän Dane bei ſich an der Tafel; und ſie ſchlüpft in ihrem grauen Mantel davon, zieht die Kaputze über den Kopf und geht. Mr. Herbert wartet auf ſie, und dann machen Beide einen Gang über die Höhen, bei der verfallenen Kapelle und wieder zurück. Sie wagt nicht über einige Minuten auszu⸗ bleiben, aus Furcht, daß man ſie vermiſſe.

Die verrätheriſche Schlange! brummte Ravensbird, deſſen betäubte Ohren vor Grimmi klingelten.Ei, Sophie, das iſt iſt ja erſchrecklich von ihr, ſo zu thun! Reſpek⸗ tabel gewiß nicht!

Was nicht? rief Sophie.Was nicht?

Nun, es ſchickt ſich doch, beharrte Ravensbird,für eine junge Dame wie ſie ganz und gar nicht. Sie hat ſich mit meinem Herrn, dem Kapitän eingelaſſen, und geht nun mit der Kaputze über dem Kopf aus und kommt mit einem Andern zuſammen. Auf jeden Fall iſt das nicht ziemlich.

Sie ſelbſt brauchen eine Kaputze über den Kopf, rief Sophie, indem ſie ihn mit einer Probe ihrer Zungenfertigkeit traktißte.Iſt nicht Mr. Herbert der Neffe von Mylord, und muß man ihm nicht vertrauen, daß er ſich ihrer annimmt? Uebrigens muß man ihr ſelbſt in dieſem Punkte vertrauen, denn niemals gab es eine Perſon, bei der mit geringerer Wahrſcheinlichkeit zu beſorgen war, daß ſie ſich einer Gefahr ausſetzen würde; ſie iſt unbeſonnen und gedankenlos in Klei⸗ nigkeiten, aber ſo klug wie Sie, mon ami, in wichtigeren Dingen. Was fürchten Sie für dieſelbe? daß die See zu den Höhen anſteigen und ſie verſchlingen wird? Wenn ſie mit Kapitän Dane, oder mit Mr. Leſter oder mit Mylord ſelbſt ſpazieren ginge, würden Sie ſagen, es ſei nicht reſpek⸗ tabel? Gehen Sie!

Aber bedenken Sie doch die Verrätherei! rief Ravens⸗ bird.Mein Herr iſt ehrenwerth, arglos, offen wie der Tag, und er müßte Punen wiſſen. Es iſt eine ſchmähliche Verräthe⸗ rei, ſage ich Ihnen, Sophie. Wenn Niemand ihn darüber aufklärt, ſo will ich es thun.

Mein Freund, unterbrach ihn Sophie emphatiſch, nehmen Sie meinen Rath an, denn er iſt gut miſchen Sie ſich nicht darein. Leute, die unſchmackhafte Wahr⸗ heiten aufdecken, haben niemals einen Dank davon. Laſſen Sie der Sache ihren Lauf: wenn Kapitän Dane wegen der Feſtſetzung eines Termins für die Heirath in ſie dringt, wie es bald von ihm geſchehen wird, dann muß ſie ſelbſt reden, und das wird das Beſte ſein. Vielleicht nimmt ſie ihn doch am Ende ich thäte es, das weiß ich; und jedenfalls wird ſie zwiſchen ihnen zu wählen haben. Aber Sie dürfen nicht hingehen und mit dem Kopf an die Wand rennen.

Metaphoriſch geſprochen, war Mr. Richard Ravensbird bereits an eine angerannt; denn ſein Leben lang hatte er ſich nicht ſo verwirrt, ſo entrüſtet gefühlt. Er erhob keinen offe⸗ nen Widerſpruch gegen ihren Kath und ließ ſie dadurch in dem Glauben, daß er damit einverſtanden ſei.

Herbert Dane! wiederholte er, und aller Hohn, der in ſeiner Natur lag, concentrirte ſich in dieſem Namen. Wenn ſie einmal falſch gegen meinen Herrn geweſen ſein nuß⸗ ſo hätte ich eher annehmen können, ſie liebe Squire

Leſter.

Mademoiſelle Deffloe ließ ihr Auge mitleidig auf ihm ruhen.