Jahrgang 
51 (1868)
Seite
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hatte es für möglich gehalten, daß man an einem ſo jungen und allgemein beliebten Manne das Todesurtheil vollſtrecken werde, und als man nun hörte, daß der gemeine Henker ihm das Haupt abgeſchlagen habe und daß ſeine Beſitzungen für verfallen erklärt worden ſeien, war der Schmerz groß und allgemein. Die Gräfin war inzwiſchen mit ihrem neugeborenen Sohne entſchwunden und auf dem Schloſſe ſchaltete ein königlicher Einnehmer, der den Pächtern nicht einen Pfennig von der Pacht erließ. Es waren für dieſe wackern Leute nun unglückliche Tage gekommen, aber ihre Pflichten gegen den Schloßherrn, dem ſie glückliche Tage zu verdanken gehabt hatten, vergaßen ſie nicht. Seine Väter ruhten alle inz dem alten Gewölbe unter der Schloßeapelle und hier ſollten auch ſeine Gebeine ihre letzte Stätte finden. Sie wußten, wo man ihn beigeſetzt hatte, gruben den Sarg heimlich aus und führten ihn zu den Ufern ſeines heimathlichen Fluſſes, wo ſich das Familienbegräbniß für ihn öffnete. Welch' ein Bild muß dieſer düſtere Leichenzug dargeboten haben, der ſich blos bei Nacht vorwärts bewegte und bei Tage immer ein Verſteck aufſuchte! Daß die Erzählung von dem heimlichen Begräbniß keine Fabel ſei, wofür man ſie häufig erklärte, zeigte ſich zu Anfang dieſes Jahrhunderts, als man den Sarg öffnete. Die Leiche war ſo wohl erhalten, daß man die vollſtändige Aehnlichkeit des Kopfes, der neben dem Körper lag, mit den noch vorhandenen Bildniſſen des unglücklichen Grafen erkannte.

Die Güter des Grafen wurden dem Hospital von Greenwich überwieſen, dem ſie bis auf den heutigen Tag geblieben ſind. Den Titel nahm ſein nachgeborener Sohn in Anſpruch und war in den fünfzehn Jahren, die er mit ſeiner Mutter in Paris ver⸗ lebte, als Graf von Derwentwater bekannt. Er ſtarb vor er⸗ langter Volljährigkeit und nun ging der Titel an ſeinen Oheim Karl, den einzigen Bruder des Hingerichteten, über. Dieſer Oheim war bei dem Auſſtande von 1715 ebenfalls thätig geweſen und war gleich ſeinem Bruder zum Tode verurtheilt worden, hatte ſich aber aus dem Gefängniß retten und über das Meer fliehen können. Er lebte in Paris, bis der junge Prätendent 1745 an der ſchottiſchen Küſte landete und überall die ſchlummernden Leiden⸗ ſchaften wachrief. Wie konnte ein Derwentwater am Kamin ſitzen bleiben, wenn ein Stuart im Felde ſtand! So friſch die Er⸗ innerungen an das Unglück ſeines Bruders und an ſeine eigenen Schickſale waren, griff er auf den erſten Ruf des Mannes, den er für ſeinen rechtmäßigen König hielt, zu den Waffen, um ſchon im nächſten November abermals gefangen, nach London geführt und zum Tode verurtheilt zu werden. Ein Jahr ſpäter wurde er an derſelben Stelle enthauptet, wo ſein Bruder einunddreißig Jahre vorher für ſeinen König geſtorben war.

Graf Karl Derwentwater hatte ſich in Paris verheirathet und ein Sohn aus dieſer Ehe überlebte ihn. Dieſer ſtarb 1780 und hinterließ nur einen einzigen Sohn. Als der letztere 1814 aus dem Leben ſchied, galt die Familie Derwentwater allgemein für erloſchen. Niemals war dagegen ein Zweifel erhoben worden, als vor wenigen Jahren plötzlich ein Anſpruch auf den Titel und die Beſitzungen der Familie laut wurde. Die Dame trat auf die Scene, die wir unter dem Zelte neben der Straße, welche unter den Ruinen von Dilſton⸗Hall vorbeiführt, kennen gelernt haben. Amalie Mathilde von Derwentwater, wie ſie ſich ſelbſt nennt, iſt erſt acht⸗ unddreißig Jahre alt, obgleich ſie viel älter ausſieht, und eine Frau von bedeutenden Gaben. Sie ſtützt ihre Anſprüche auf Documente, über deren Werth wir natürlich nicht urtheilen können, und erzählt eine Geſchichte, die den alten Ausſpruch beſtätigen würde, daß im Leben mehr Romane ſpielen, als in den Büchern, wenn ſie wahr wäre. Nach ihren Angaben iſt der einzige Sohn des im Jahre 1715 hingerichteten Grafen von Derwent⸗ water nicht minderjährig geſtorben, ſondern achtundſechszig Jahre alt geworden und erſt 1783 in Frankfurt am Main verſchieden. Er ſei in der Zeit ſeines angeblichen Todes verſchwunden, weil er gefürchtet habe, daß die engliſche Regierung ihn ermorden laſſen werde, um nicht von ihm mit Anſprüchen an ſeine Be⸗ ſitzungen behelligt zu werden. Dieſe Geſchichte klingt nun ſehr unwahrſcheinlich. Zur Zeit ſeines wirklichen oder angeblichen Todes war er ein ſehr junger Menſch, und wollte die engliſche Regierung Jemand ermorden laſſen, ſo wählte ſie gewiß nicht ihn, ſondern ſeinen Oheim, der mit ihm in Paris lebte und als ein gefährlicher Rebell bekannt war. Ueberdies wurde der Sohn dieſes Oheims nach der Enthauptung ſeines Vaters für ſeine

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Anſprüche an die Familiengüter mit einer jährlichen Rente von zweitauſendfünfhundert Pfund entſchädigt, und doch ſoll der näher berechtigte Erbe, eben der Sohn des älteren, 1715 hingerichteten Grafen, während dieſer ganzen Zeit gelebt und ſich aus Furcht vor der engliſchen Regierung, die ſich gegen ſeinen Vetter ſo groß⸗ müthig zeigte, verſteckt gehalten haben. Wir ſtoßen in der Ge⸗ ſchichte der Gräfin Mathilde noch auf eine zweite Unwahrſchein⸗ lichkeit. In ſeinem Verſteck zu Frankfurt, ſagt ſie, habe ſich der furchtſame Graf mit Eliſabeth Arabella Maria, Gräfin von Waldſtein⸗Waters, vermählt. Eine Familie dieſes Namens giebt es in Deutſchland nicht. Von dieſer Gräfin und ihrem Gemahl will die Dame des Zeltes abſtammen. Ihre Familienpapiere aus der ſpäteren Zeit ſollen in völliger Ordnung ſein, und was ſie zu beweiſen hat, um als die rechtmäßige Erbin der Familie zu erſcheinen, ſind nur die beiden Umſtände, daß der Flüchtling von Frankfurt nach ſeinem angeblichen Tode wirklich noch lange gelebt hat und mit einer Gräfin von Waldſtein⸗Waters verheirathet ge⸗ weſen iſt. Bewieſe ſie dieſes Beides, ſo wäre es noch immer fraglich, ob die Regierung Güter herausgäbe, die vor anderthalb Jahrhunderten für verwirkt erklärt worden ſind.

Gräfin Mathilde trat zuerſt vor drei oder vier Jahren im nördlichen England auf. Sie nahm ihren Wohnſitz in Blaydon und vertraute ſich einigen Einwohnern, deren Intereſſe ſie zu er⸗ regen verſtand. Man hielt eine öffentliche Verſammlung, ernannte einen Ausſchuß zur Prüfung ihrer Familienpapiere und wendete ſich an das Parlament⸗ Keiner dieſer Schritte brachte die hart⸗ herzigen Directoren des Hospitals von Greenwich zu dem Ent⸗ ſchluß, die prächtigen Beſitzungen herauszugeben, in deren Beſitz ihre Anſtalt ſeit länger als einem Jahrhundert iſt. Die Gräfin wartete Monat auf Monat, Jahr auf Jahr und vertrieb ſich die Zeit mit Oelmalerei. Endlich wurde ſie ihrer Lage überdrüſſig und that zu Anfang dieſes Octobers einen ſehr entſchiedenen Schritt. Eines ſchönen Morgens ließ ſie ihre Familiengemälde und andere Reliquien ihrer Ahnen auf einen Wagen laden und machte ſich mit ihren beiden Dienern auf den Weg, um von ihrem Schloß Beſitz zu nehmen. Kühn betrat ſie die Ruinen und wählte einen der zerfallenen Räume als Wohnung. Ihre Diener machten von getheerter Leinwand ein Dach, hingen die Ahnenbilder an die Mauern, ſtellten ein paar Meubel auf, mach⸗ ten Feuer im Kamin, und Mathilde Gräfin von Derwentwater war nun Schloßherrin von Dilſton.

Zum Unglück für den Ausgang ihres romantiſchen Aben⸗ teuers ſchenkten die Directoren des Hospitals den Urkunden der Gräfin keinen Glauben. Kaum hörten ſie, was geſchehen ſei, ſo telegraphirten ſie an die Polizei und baten um Entfernung der eingedrungenen Perſon. Ein Beamter erhielt die nöthigen Voll⸗ machten und trat mit der größten Schonung auf. thilde weigerte ſich aber mit großer Entſchiedenheit, das Schloß zu verlaſſen, und drang ſogar mit einem Ritterſchwert auf die Polizei ein. Das Ende der Geſchichte war, daß man zuerſt das leinene Dach, die Ahnenbilder und die ſonſtigen Geräthſchaften aus den Ruinen trug und dann die Gräfin ſelbſt von zwei kräf⸗ tigen Männern auf die Schultern heben und ſauft auf die Land⸗ ſtraße niederſetzen ließ. Man hat ihr nicht verbieten können, daß ſie ſich auf neutralem Gebiet ein Zelt errichten ließ. Sie hat ihr Lager dicht an der Grenzhecke aufgeſchlagen und jenſeits dieſer Linie befinden ſich die Beamten, welche ihr den Zutritt zu ihrem angeblichen Beſitzungen verweigern. Noch in dieſem Augenblicke befindet ſich die zarte und gebildete Dame in ihrem Zelte, das ſie überhaupt nicht verlaſſen will, bevor ihre Rechte Anerkennung gefunden haben. Die allgemeine Sympathie, nicht blos des näch⸗ ſten Bezirks, ſondern der ganzen Graſfſchaft, iſt vollſtändig auf ihrer Seite und die Preſſe nimmt lebhaft für ſie Partei. Wer dieſe Gräfin Mathilde von Derwentwater wirklich iſt, wollen wir unentſchieden laſſen. Wir wiſſen nur, daß ſie ihre Geſchichte ſeit Jahren erzählt. Daß ſie mit der unglücklichen Familie in einer gewiſſen Verbindung ſteht, geht aus den Papieren und Reliquien derſelben, die in ihrem Beſitz ſind, unzweifelhaft hervor.

Wie dieſe ſeltſame Belagerung enden wird, iſt jetzt allerdings noch nicht vorauszuſehen; jedenfalls wird kein zweites Troja aus dem gräflichen Zeltlager, ſo daß unſere Leſer das Ende des Dramas alle noch und gewiß ziemlich bald erleben werden. Wir

werden über das Ende dieſes furchtbaren Krieges ſeiner Zeit be⸗

richten.

Gräfin Ma⸗

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