—
Ich bin aufgefordert worden, in dieſem Winter wieder auf die Luſt und Kunſt des Schlittſchuhlaufens zurückzukommen, und will die Gelegenheit wahrnehmen, Einiges zu den Mittheilungen des vorigen Jahres nachzutragen. In Folge der Letzteren ſind mir, zum Theil durch die Aufmerkſamkeit befreundeter Mitglieder der engliſchen Diplomatie, Zeitungen und Ausſchnitte aus Canada, Neuſchottland, England, Rußland, Norwegen, ſo wie die in dieſem Jahre erſchienene zweite Auflage des beſten engliſchen Schlittſchuh⸗ buches von Georg Anderſon(„Cyclos“), dem Präſidenten des Glasgower Schlittſchuhelubs, zugegangen und ich habe mit großem Intereſſe wahrgenommen, daß die Kunſt des Schlittſchuhfahrens eine kosmopolitiſche iſt, daß aber Deutſchland darin den erſten Nordländern zur Seite ſteht.
Indeſſen nicht blos aus der Gegenwart, ſondern ſogar aus vorhiſtoriſcher Zeit kann ich Kunde geben. Die älteſte Er⸗ wähnung des Schlittſchuh's kommt in der deutſchen Sage vor: Uller, der Gott des Sanges, iſt der Erſinder des Schlittſchuh's; wenn ich nicht irre, werden ihm aber bereits ſtählerne zugeſchrie⸗ ben; denn die germaniſche Götterlehre ſtammt aus der Zeit, wo die Bereitung des Eiſens ſchon entdeckt war. Nun iſt aber in der Nähe der Stadt Bern ein See,„Moosſeedorfſee“ genannt, ein Hauptſchauplatz unſrer Luſt und unſerer Thaten, an deſſen Ufer die älteſten Pfahlbauten gefunden wurden. Vor einiger Zeit tiefer gelegt, konnten die Nachgrabungen am trocknen Ufer gemacht werden. Herr Dr. Uhlmann in Münchenbuchſee, welcher dieſelben auf eigene Koſten angeſtellt, hat ſo reiche Funde gemacht, daß ſeine Sammlung von Stein⸗ und Knochenwerkzeugen als die wichtigſte zu betrachten iſt und daß eine kleine Auswahl derſelben auf der Pariſer Ausſtellung, in welcher noch bei weitem nicht die ſchönſten Exemplare ſich befanden, gerechtes Aufſehen erregte. Herr Dr. Uhl⸗ mann hat namentlich mehrere ſehr ſchöne Steinbeile aus Nephrit gefunden, jenem Steine, der nur im Hochgebirge Aſiens(und Neu— ſeeland) gefunden wird, der friſch aus dem Steinbruch ſehr leicht zu bearbeiten iſt, ſpäter aber ſo hart wird, daß man Glas damit ritzen kann.
Dieſe Nephritbeile ſind nun der erſte handgreifliche Beweis für die Behauptung der Sprachforſcher, daß die Celten aus Hoch⸗ aſien ſtammen; denn für celtiſche Anſiedelungen müſſen die Pfahl⸗ bauten gelten, da die Germanen erſt in der hiſtoriſchen Zeit in dieſe Gegend vordrangen. Sehr bezeichnend nennt Dr. Uhlmann dieſe Nephritbeile daher„Heimathſcheine“ der Celten. Im Torf des Moosſeedorfſee's iſt aber auch ein Schlittſchuh aus einem Pferdeknochen gefunden worden, welcher auf der Stadtbibliothek zu Bern aufbewahrt wird. Die Form deſſelben iſt natürlich nicht ganz die unſrer heutigen aus Stahl und Holz, ſondern ein Mittel⸗ ding zwiſchen unſerm heutigen Holz und der Stahlſohle, d. h. ein etwa elf Zoll langer Pferdeknochen iſt unten und an den Seiten glattgeſchliffen, ſo daß eine glatte etwa neun Linien breite und zehn Zoll lange Sohle das Eis berührt. Rinnen hat der Schlittſchuh nicht, und in dieſer Hinſicht ſind ſich die älteſten und die neueſten gleich. Von den Kanten an läuft er nach oben in die Breite, ſo daß er oben für die Fußſohle etwa anderthalben Zoll breit und elf Zoll lang Raum bietet. Vorn befindet ſich ein Loch und hinten eine Kerbe im Knochen, wo die Niemen an⸗ gebracht werden konnten, um ſie an der Fußbekleidung zu be⸗ feſtigen. Es gab eine Zeit lang Zweifler, bis auch aus Schweden ein gleiches Inſtrument auf der Berner Stadtbibliothek eintraf, welches etwas kleiner für einen Knabenfuß paßt. Um allen Zweifel darüber zu nehmen, iſt in einer Beſchreibung von London von Fitz Stephen aus dem ſiebzehnten Jahrhundert, die ein Schriftſteller des achtzehnten Jahrhunderts, Blaine, und nach ihm Anderſon citirt, ausdrücklich erwähnt, daß, wann das große Moor, welches die Stadt im Norden begrenzte, gefroren war, die jungen Leute auf dem Eiſe ſpielten und einige ſehleiften, andere Knochen unter die Füße banden und, ſich mit einem Stocke ſtoßend, wie ein Vogel in der Luft, oder wie ein Pfeil von der Armbruſt auf dem Eis dahinſchoſſen. Das Alter des Schlittſchuhes von Moos⸗ ſeedorfſee iſt auf wenigſtens viertauſend Jahre anzunehmen, denn dies iſt die geringſte Berechnung des Alters der in der Schweiz ausgegrabenen Knochenwerkzeuge.
Der Eislauf.
Von Max Wirth in Bern.
Ich habe ſchon im vorigen Jahre der gedeckten, künſtlichen Eisplätze in Canada und Nordamerika gedacht. Ich habe nun nähere Nachrichten über dieſelben. Sie ſind„Eisrinks“ genannt und beſtehen aus künſtlich überſchwemmten Plätzen, welche wie ein Schuppen mit einem Dach gedeckt, neben offen ſind, aber je gegen den Wind geſchloſſen werden können. Dieſe Plätze ſind ſchneefrei und das Eis gefriert ſchneller und hält ſich beſſer darin, weil man die Wände je nach Bedarf anlegen oder entfernen kann. Nachts werden dieſe Eisringe wie Ballſäle mit Gas erleuchtet, eine Capelle ſpielt und ein wohlverſehenes Büffet ſorgt für Erquickung des müden Leibes. Coſtümirte Bälle werden darin aufgeführt. Das„Quebee Chroniele“ meldet über einen ſolchen Abend:„Der Quebeker Schlittſchuhelub hatte ſeinen großen coſtümirten Ball in ſeinem Eisring. Das Jagdhorn ertönte um neun Uhr und der bunte Haufen der Schlittſchuhläufer ſtrömte auf das Eis, über welches dieſe in Hochgenuß dahinſtoben, aufjauchzend bei den Klängen einer reizenden Muſik und beim Anblick von Hunderten von Damen und Herren, der Elite von Quebec, in den phan⸗ taſtiſchſten Trachten. Ueber die gleißende Bahn ſchwebten Dutzende flüchtiger Charaktermasken, kreiſend, flatternd, wirbelnd, in der Menge ſich verlierend; glänzende, mannigfache Farben, reiche, ſon⸗ derbare Trachten zogen an uns vorüber oder combinirten Tänze mit wunderbarer Schnelligkeit und überraſchendem Effect. Die Herren führten zu den üblichen Charaktermasken einige Neuigkeiten ein: eine Eule, einen Affen, eine Rieſenflaſche, einen Schneider bei der Arbeit auf ſeiner Bank, einen reitenden Knaben, alle dar⸗ geſtellt durch gute Schlittſchuhläufer. Unter dem Zug der Damen waren Darſtellungen von ‚Nacht und Morgen“, eine Marketenderin. Alle Uebungen und Figuren wurden mit vollendeter Kunſt und Grazie aufgeführt. Unter den Tänzen waren Quadrille, Walzer, Galoppade, Lancier ꝛc., mit der je paſſenden Muſikbegleitung.“
Aus Chicago vernehme ich, daß dort im December 1866 der erſte Eiscircus angelegt worden iſt. Ueber einem Grundſtück, das mittels Hydranten jeden Tag neu überfluthet und das zu einem Baſſin und Schlittſchuhfelde vorbereitet war, wurde eine große Halle von Holz aufgeführt, mit gewärmten Vorzimmern, Balconen, Muſikpavillon, Erfriſchungsſtänden, kurz mit Allem, um ſelbſt der verzärteltſten Dame das Glück des Eislaufens möglich zu machen. Das Eis in dieſen„Rinks“ hält ſich länger als im Freien, iſt ſchnee- und windfrei, Umſtände, welche der Ausbildung des Schlittſchuhlaufens, namentlich Phantaſiemanöver betreffend, eine neue Aera eröffnet haben. Mit den Schlittſchuhen wird bereits bedeutender Luxus getrieben. Ein Paar mit Silber ausgelegte, von Roſenholz, koſten fünfzig Dollars. Es giebt in Chicago⸗ nicht weniger als drei Eisparke und zwei Eiscircuſe, die zuſammen im Winter faſt jeden Abend von mindeſtens zehntauſend Perſonen beſucht werden.
Auch in Petersburg hat ſich auf Anregung dortiger Eng⸗ länder ein Schlittſchuhelub gebildet, welcher, wie überall, wo es geſchehen, die Vorliebe zum Schlitiſchuhlaufen ſehr entwickelt hat. Der Verein richtet auf der Newa eine gute Eisbahn her, wo Damen und Herren ſich herumtummeln. Die erſteren haben eine ſehr kleidſame Tracht erfunden, welche die Grazie ihrer Bewegungen mehr hervortreten läßt. Hoch aufgeſchürzt, die Füße mit hohen, zierlichen Schnürſtiefelchen bekleidet, in eine pelzverbrämte Tunika gehüllt, auf dem Kopfe eine ſchelmiſche Pelzmütze, ſchnellen ſie ſylphidenartig, bald einzeln, bald paarweiſe auf der glatten Bahn einher. Oft werden nach dem Klange der Muſik Tänze aufgeführt. In jedem Winter giebt der Club ein glänzendes Feſt. Der ganze Raum iſt prachtvoll mit farbigen Lampen erleuchtet. In der Mitte der Bahn erhob ſich bei dem letzten Feſte ein Eisbau, welcher von innen durch ein glänzendes, farbiges Licht erleuchtet war. Viele Schlittſchuhläuferinnen führten farbige Lämpchen an der Mütze und am Gürtel, ſo daß dieſe leuchtenden Punkte wie große Glühwürmer umherſchwirrten. Das Ganze brachte eine feenhafte Wirkung hervor. Der Kaiſer ſelbſt und mehrere Mit⸗
1
glieder der kaiſerlichen Familie nahmen an dem Feſte und an dem
Schlittſchuhlaufen Theil.— In Bern wurde im vorigen Winter auf der durch die Geſell⸗
ſchaft geſchaffenen künſtlichen Eisbahn ein ähnliches Feſt gefeiert,
—-
—
—


