ſchen Alterthum herſtammen müſſe. Einige untergeordnete Stücke
konnten recht wohl modernen Urſprungs ſein. Für die beſſeren war die Möglichkeit, daß ſie Schöpfungen eines nach claſſiſchen Muſtern und mit dem Feinſinn der claſſiſchen Meiſter arbeitenden Künſtlers der Zeit Raphael's und Michel Angelo's ſeien, nicht völlig ausgeſchloſſen. Einige anſcheinend altrömiſche Inſchriften, die man auf den Gefäßen erkannte, ließen ſich in der Kürze der Zeit, die Wieſeler in Hildesheim auf deren Unterſuchung verwen⸗ den konnte, nicht mit genügender Genauigkeit betrachten.
So ſchied der Profeſſor von Hildesheim, ohne auf's Reine gekommen zu ſein. Als er aber, nach Göttingen zurückgekehrt, das Detailſtudium begann, ſchwand bald aller Zweifel. Schon am 30. October konnte er vor einem Kreiſe gelehrter Freunde als ſeine feſte Ueberzeugung ausſprechen, daß es ſich hier um Er⸗ zeugniſſe der beſten römiſchen Kunſtperiode handele, und dieſe An⸗ ſicht beſtätigte ſich, als ſpäter von Profeſſor Sauppe die Juſchrif⸗ ten, von denen man inzwiſchen mehrere, im Ganzen vierundzwanzig, entdeckt hatte, genau unterſucht wurden, ſowie durch eine Anzahl anderer zwingender Gründe.
Die einzelnen Stücke des Schatzes paſſen ſämmtlich für die Tafel und die Küche eines reichen Römers. Es befinden ſich darunter zunächſt Aufbewahrungs⸗, Vertheilungs⸗ und Miſch⸗ gefäße von großen Dimenſionen und ſchwerem Gewicht, ſowie mehrere Schalen bis zu etwa zehn Zoll Durchmeſſer, die auf dem innern Boden mit erhabenen Reliefs geſchmückt ſind und wohl nur als Schauſtücke auf den Tiſch geſetzt wurden. Ferner treffen wir darunter Trinkbecher von verſchiedener Art und Geſtalt, zum Theil mit dem herrlichſten Bilderwerk bedeckt, welches ſich auf Bacchus und ſeinen Dienſt bezieht, Schüſſeln, von denen die eine offenbar für Eier, eine andere vielleicht für Paſteten beſtimmt war, große Teller mit oder ohne Arabeskenverzierung auf dem Rande, Caſſerolen und Tiegel. Sodann ſind fünf kleine Gefäße dabei, die länglich runden Präſentirtellern gleichen und, mit nie⸗ drigen Füßen verſehen, zum Aufſetzen kleiner Vögel gedient zu haben ſcheinen. Auch das Salzfaß fehlt nicht. Zwei ovale Gegenſtände, die am oberen Rande eine Auskehlung und unten ebenfalls Füßchen haben, ſehen faſt wie unſere Lichtſcheerenſchiſfchen aus, werden aber ÜUnterſetzer geweſen ſein. Endlich ſind, um von weniger Bedeutendem abzuſehen, die Ueberbleibſel einer rundlichen Ciſta(Schmuckkäſtchen), der Fuß von einem Lampenträger und von einem Dreifuß die drei Füße und drei Aufſätze, ſowie mehrere Querſtäbe dieſes Geräthes vorhanden.
Alle dieſe Gefäße und Geräthe ſind, wie bemerkt, von Silber, mehrere vergoldet, bei zweien findet ſich Arbeit in Email. Sämmt⸗ liche Gegenſtände paſſen nach ihrer Form durchaus in die Zeit, in welche Wieſeler ihre Entſtehung verlegt. Auch das anſehnliche Gewicht mehrerer Stücke ſpricht dafür. Seit in Rom während der Kriege mit Karthago der Gebrauch aufkam, von Silber zu ſpeiſen, aus Silber zu trinken, ſehen wir, wie das Gewicht des ſilbernen Geräths, mit dem die Tafeln vornehmer Leute bedeckt waren, fortwährend zunahm; und ſchon vor Beginn der Kaiſerzeit war auch das Küchengeſchirr reicher Häuſer von Silber.
Zu dieſen Beweismitteln für die Anſicht, daß der Hildes⸗ heimer Silberfund aus dem römiſchen Alterthum ſtammt, kommen noch drei andere: die Inſchriften der Gefäße, dann die Eigen⸗ thümlichkeiten der bildlichen Darſtellungen, endlich das in techni⸗ ſcher Hinſicht befolgte Verfahren.
Die Inſchriften enthalten zum Theil altrömiſche Namen, meiſt aber Gewichtsangaben und zwar faſt durchaus nur in Abkürzungen und Chiffern. Auf zwei der ſchönſten Pokale findet ſich der Name eines Silberhändlers oder Silberſchmieds Boccus oder Bocchus, der die Vornamen Lucius Mallius oder Malleolus führte, und daß es in der Zeit der erſten römiſchen Kaiſer den Namen Boccus oder Bocchus gab, iſt nachgewieſen. Wir„kennen aus Plinius einen Schriftſteller Cornelius Bochus, und deſſen Name war in Luſitanien, dem heutigen Portugal, ſogar häufig. Andere Geräthe ſtammen aus anderer Hand, die Inſchriften darauf bezeugen, daß ſie aus den Werkſtätten von noch vier anderen römiſchen Künſtlern hervorgegangen ſind, von denen einer ſich Marſus, ein anderer ſich Aurelius C. nennt. Das Gewicht iſt in Pfunden ſowie in Unzen und Scripula angegeben. Die Geſtalt der Buchſtaben weiſt auf die von Wieſeler angenommene Zeit hin, ebenſo die Art der Gewichtsangabe, desgleichen die Stelle, wo die Inſchriften ange⸗ bracht ſind. Endlich entſpricht auch die Ausführung der Buchſtaben
und Zeichen vollſtändig dem, was im Alterthum, vorzüglich bei Werken von edlem Metall, üblich war, d. h. ſie ſind entweder durch Punktiren oder durch Einritzen und zwar meiſtentheils in erſterer Weiſe hergeſtellt.—
Schon das Geſagte läßt kaum noch Raum für die Anſicht, daß der Hildesheimer Silberfund viel jünger als der Anfang der chriſtlichen Zeitrechnung ſei, und von Renaiſſancearbeit iſt wohl nicht mehr die Rede. Aber hören wir die Gelehrten weiter.
Von den beiden größeren Schalen mit Bildwerk auf dem inneren Boden zeigt die eine die vergoldete und etwa acht Zoll hohe Figur einer Minerva, die auf einem Felſen ſitzt und den Kopf nach links wendet. Ihre Gewandung mit wundervollem Faltenwurf iſt die gewöhnliche. Die Aegis liegt ſchärpenartig übergeworfen, auf der linken Schulter. Das Haupt bedeckt ein Helm mit drei Roßſchweifen, deren mittelſter eine Sphinx zur Unterlage hat. Mit der linken Hand hält die Göttin einen großen runden Schild, der in der Mitte das Meduſenhaupt zeigt, während der Rand mit Olivenblättern geziert iſt, in der rechten aber nicht, wie gewöhnlich, die Lanze, ſondern einen Pflug. Vor ihr endlich, etwas zur Rechten, ſitzt auf einem Stein, an dem ein Oelkranz lehnt, die Eule, das heilige Thier der Göttin. Nun kommen drei Roßſchweife auf dem Helm der Minerva im Alter⸗ thum ſehr ſelten vor, es iſt daher nicht glaublich, daß ein Künſtler der Renaiſſancezeit gerade dieſe Form nachgeahmt haben ſollte. Noch wichtiger aber für uns iſt der Pflug. Derſelbe bezeichnet die Göttin als Erfinderin des Pflugs. Daß ſie dem Alterthum auch als Göttin des Ackerbaues galt, iſt bekannt; daß ſie den Pflug erfunden habe, wird nur in zwei lediglich von Fachgelehrten geleſe⸗ nen alten Schriftſtellern geſagt, die ſchwerlich in den Werkſtätten von Silberſchmieden des ſechszehnten Jahrhunberts den Ton und die Norm angegeben haben.
Ein ähnliches Medaillon kommt in der zweiten größeren Schale vor. Es iſt ein ſtark aus der Fläche hervortretendes Bruſtbild, ſtellt Hercules als neugebornes Kind vor, wie er ſpie⸗ lend und lächelnd die bekannten beiden Schlangen erdrückt, und iſt ein Meiſterwerk im Ausdruck des Geſichts, dem nichts Modernes an die Seite zu ſetzen iſt.
Die beiden kleineren von den vier Schalen, die mit erhabe⸗ nem Bilderſchmuck verſehen und vergoldet ſind, gehören unzweifel⸗ haft zu einander; denn ſie entſprechen einander nach Größe, Form und Decoration vollſtändig. Die eine zeigt die Büſte eines nach links gewendeten Weibes, die eine Mauerkrone auf dem Haupte trägt, und hinter deren linker Schulter eine Handpauke hervor⸗ tritt, auf welcher ein großer Stern erſcheint, Attribute, welche ſie als die Göttin Cybele bezeichnen. Die andere Schale dieſes Paares enthält die Büſte eines jungen, bartloſen Mannes, der ebenfalls nach links hinblickt. Sein Haupt bedeckt eine phrygiſche Mütze, ſeine Bruſt ein phrygiſches Gewand, um ſeinen Hals legt ſich ein gewundenes, vorn offenes Halsband. Wie der Halbmond hinter ſeinen Schultern und die Sterne auf ſeiner Mütze ſchließen laſſen, iſt dieſer, beiläufig außerordentlich ſchön gebildete, Jüngling der Deus Lunus, d. h. der Mondgott. Dieſer aber iſt bisher mit der Cybele noch nicht ſo gruppirt gefunden worden. Ein Künſtler des Alterthums indeß konnte beide ſehr wohl mit ein⸗ ander verbinden; denn beide wurden von vorderaſiatiſchen Völkern beſonders verehrt, und beide ſtanden ſich ihrer Bedeutung nach nahe, ja Cybele wurde neben die thraciſche Mondgottheit Hekate geſtellt. Indeß war dieſe Anſicht im Alterthum nicht weit verbreitet. Wir werden alſo kaum glauben dürfen, daß ein Künſtler des ſechszehn⸗ ten Jahrhunderts nach ihr verfahren ſei.
Eines der ſchönſten Gefäße iſt die eine von den drei großen, gegen zwanzig Zoll hohen Vaſen des Schatzes. Am Fuße der⸗ ſelben ſtehen vier Greife, aus deren Flügeln ſich Arabesken ent⸗ wickeln, welche in feinen Ranken die ganze Vaſe umflechten. Dieſes Geflecht iſt von oiner Zierlichkeit, die wir aus Pompeji hinläng⸗ lich kennen, und die keine nachahmende Kunſt moderner Zeiten jemals ganz erreicht hat. Von den ſich kreuzenden Ranken aus harpuniren und fiſchen ſchäkernde Kinder in den anmuthigſten Stellungen Fiſche, Krebſe und andere Waſſerthiere. Ebenſo künſt⸗ leriſch vollendet iſt ein etwa vier Zoll hoher Henkelbecher. Der⸗ ſelbe iſt mit Weinranken überzogen und zwiſchen denſelben mit Theatermasken tragiſcher und komiſcher Art beſetzt. Die Masken ſind ſo erhaben gearbeitet, daß man ſie kaum noch Reliefs nennen darf, und von einer Vollendung in Zeichnung und Ausdruck, die
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