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Sabine⸗Inſel bis Hudſon’s ‚Hold with Hope’ vor uns und jedes einzelne Schneefeld zu erkennen, und doch nicht hingelangen zu können— das war hart! Schon machte es ſich fühlbar, daß die Tage kürzer wurden, es fing bereits an während einer Nacht zölliges Eis zu frieren, und noch auf einen Durchbruch des Eiſes hoffen?— das ſchien Wahnwitz. Wir hatten uns tief in das Eis hineingearbeitet und mußten uns eben ſo ſchwer wieder
„herausarbeiten. Einmal waren wir wieder ſo vom Eiſe beſetzt,
daß uns unſre Lage bedenklich erſchien. Aber ein friſcher Nord⸗ oſtwind, der nachher auf offner See zum Sturme anwuchs, befreite uns bald aus unſrer Gefangenſchaft.“
Trotz alles Ungemachs war die heldenkühne Schaar noch keineswegs entmuthigt. Die Exrreichung des Hauptzieles der Ex⸗ pedition an der grönländiſchen Küſte hatte zwar aufgegeben werden müſſen; aber wenigſtens ſollte nun noch der Verſuch gemacht werden, bei Spitzbergen Erfolge zu ertrotzen. Vor der Henlopen ſtraße, welche die Hauptinſel Spitzbergens von dem öſtlich ge⸗ legenen„Nordoſtlande“ trennt, fand man das Eis durch einen Sturm aufgebrochen und wagte es daher, in dieſe Straße einzu⸗ laufen. Bisher hatte noch kein Schiff dieſe Straße in ihrer gan zen Länge durchfahren. Immer noch hatte man ſich, mochte man von Norden oder von Süden her eingelaufen ſein, vor ihrem Ausgange durch undurchdringliche Eismaſſen Halt geboten geſehen. Der„Germania“ gelang es zum erſten Male, die ganze Straße bis über Cap Torrel hinaus zu paſſiren. Hier freilich verſperrte wieder eine Eisſchranke den Weg. Gillisland auf dieſem Wege zu er reichen, war ſo wenig geſtattet, als auf dem zwei Monate früher von Süden her eingeſchlagenen. Man mußte ſich wieder nord⸗ wärts wenden und erreichte am 14. September ſogar die Breite von 81 Grad 5 Min., die höchſte, die je zuverläſſig von einem Schiffe erreicht wurde. Aber auch hier zeigte ſich das Eis un durchdringlich, und man mußte ſich nun endlich, in Anbetracht der vorgerückten Jahreszeit, zur Rückkehr entſchließen. Am 30. September lief die„Germania“ wieder in den Hafen von Bergen ein.
Ueber den glänzenden Empfang, welcher der rückkehrenden Expedi⸗ tion in der Weſermündung am 10. October bereitet wurde, haben die Zeitungen berichtet. Ueberſchauen wir die Thaten unſerer erſten Nord⸗ polexpedition, ſo haben wir keinen Grund zu klagen oder klein⸗ müthig zu ſein. Die ganze viermonatliche Fahrt war ein unaus⸗ geſetzter, mit ſeltener Ausdauer und nicht zu beugendem Muthe durchgeführter Kampf gegen einen übermächtigen Feind. Jeder Fuß breit Terrain mußte den wilden Elementen abgetrotzt werden. Daß nicht mehr erlangt wurde, daß namentlich die großen Ziele unerreicht blieben, iſt nicht die Schuld der vortreff⸗ lichen Seeleute, denen dieſe Expedition anvertraut war, ſondern einerſeits der Kleinheit des Schiffes, das man in dieſen ſchweren Kampf geſchickt hatte, andererſeits der unerwartet ungünſtigen Eis⸗ verhältniſſe des Polarmeeres. Der ungewöhnliche Sommer dieſes Jahres hatte auch ungewöhnliche Erſcheinungen im hohen Norden hervorgerufen. Noch niemals, darüber ſind alle Walfiſchfänger einig, welche in dieſem Jahre die nordiſchen Meere beſuchen, ſind ſo ungeheure Eismaſſen vom Norden herabgekommen.„Es iſt dieſes Jahr ein Eisjahr geweſen,“ lautet der Bericht der ſchwedi⸗ ſchen Nordpolexpedition, welche mit Hülfe eines der beſten Dampf⸗ ſchiffe dieſelben Aufgaben zu löſen verſuchte, welche der deutſchen Expedition geſtellt waren,„ſo daß z. B. das Meer zwiſchen den ‚Sieben Inſeln’ und dem ‚Nordoſtlande“, welches 1861 ſchon in der Mitte des Auguſt eisfrei war, jetzt noch, in der erſten Hälfte des September, großentheils mit feſtem Eiſe bedeckt war.“ Auch dieſe ſchwediſche Expedition hat trotz ihrer glänzenden Aus⸗ rüſtung keine beſſeren Erſolge zu erzielen, ſelbſt keine höhere Breite zu erreichen vermocht, als die kleine deutſche. Die grönländiſche Oſtküſte namentlich iſt noch in keinem Jahre ſo unnahbar geweſen als in dieſem. Mit ſeltener Hartnäckigkeit anhaltende Oſt⸗ und Nordoſtwinde hatten ungewöhnliche Eismaſſen gegen Grönland heraugeführt und dort zuſammengedrängt. Nichts deſtoweniger war es dem kleinen deutſchen Schiffe, wie wir geſehen haben, ſo⸗ gar gelungen, dieſe Eismaſſen zu durchbrechen; aber das zuſam⸗ mengedrängte Eis hatte ſich am Lande feſtgelegt und verhinderte ſowohl die Annäherung an die Küſte, als es den ſonſt mit Sicherheit zu erwartenden Canal freien Waſſers längs der Eis⸗ kante verſperrte.
Nur mit bewunderndem Stolze können wir auf die Seeleute blicken, welche unter ſo unerhört ſchwierigen Verhältniſſen noch ſolche Erfolge ertrotzten, welche mit ihrem kleinen Fahrzeuge das grönlandiſche Packeis durchbrachen, welche im Oſten der Bären⸗ inſel weiter als irgend ein Schiff jemals vor ihnen vordrangen, welche die Henlopenſtraße bis über das Cap Torrell hinaus durch⸗ ſegelten, welche endlich auch gegen den Pol hin die ungewöhnliche Höhe von 81 Grad 5 Min. erreichten,
Die erſte deutſche Nordpolexpedition hat beſtätigt, was ein bekannter preußiſcher Corvetten⸗Capitän ſchon am 2. Decem⸗ ber 1865 in der Sitzung der geographiſchen Geſellſchaft in Berlin über die deutſchen Seeleute öffentlich ausſprach. Er habe ſelbſt, ſagte er damals, Tauſende von deutſchen Seeleuten unter Händen gehabt und die gefährlichſten Momente mit ihnen durchlebt, aber er glaube nie beſſere Seeleute befehligen zu können. Auch ſeien ihm ſoviel Anträge zur Theilnahme an einer künftigen Expedition von der Elite unſerer Seemannſchaft zugegangen, daß er ſeine ganze Mannſchaft aus Männern wählen könne, deren jeder ſeine Steuermannsprüfung beſtanden habe und mithin mit jedem nau⸗ tiſchen und bei der Expedition in Frage kommenden wiſſenſchaft⸗ lichen Inſtrumente umzugehen wiſſe. Solche geiſtige Verhältniſſe ſeien weder je bei anderen Expeditionen vorhanden geweſen, noch würden ſie bei anderen Nationen vorkommen, und deshalb müſſe eine deutſche Nordpolfahrt in wiſſenſchaftlicher Beziehung viel mehr leiſten, als dies irgend ein anderes Volk vermöge. In der That hat kaum jemals eine Polarexpedition in ſo kurzer Zeit und unter ſo unabläſſigen und ſchweren Kämpfen durch Beobachtungen, Meſſungen und Sammlungen eine reichere wiſſenſchaftliche Aus beute geliefert, als dieſe kleine Expedition trotz der geringen Zahl ihrer Mannſchaft, trotzdem ſie von keinem wiſſenſchaftlichen For⸗ ſcher begleitet war. Das größere Publicum wird dieſe wiſſen⸗ ſchaftliche Bedeutung der Expedition erſt ganz zu ermeſſen ver⸗ mögen, wenn der ausführliche Reiſebericht, mit welchem Koldewey gegenwärtig noch beſchäftigt iſt, und das Ergebniß der Unter⸗ ſuchung, welcher die Sammlungen der Expedition von Seiten der bedeutendſten Gelehrten Deutſchlands unterliegen, zur Veröffent⸗ lichung gelangt ſein werden.
Als einen der beſten und erfreulichſten Erfolge unſerer erſten Expedition müſſen wir endlich die raſche Entſchloſſenheit bezeichnen, mit welcher bereits eine zweite glänzendexe deutſche Nordpolexpe⸗ dition für das kommende Jahr vorbereitet wird. Eine ſichere Bürgſchaft ihres Zuſtandekommens iſt die begeiſterte Theilnahme der deutſchen Seehandelsplätze an der Weſer, die nicht nur einen merkwürdigen Contraſt zu der kühlen Gleichgültigkeit bildet, mit welcher das deutſche Volk vor drei Jahren Petermann's erſte Anregung zu einem ſolchen Unternehmen aufnahm, ſondern auch den Beweis liefert, daß man wenigſtens an den deutſchen Nord⸗ küſten die Wichtigkeit des Unternehmens, den Einfluß, welchen es auf die Intereſſen der Marine, auf den Sinn für Seefahrt, auf den nautiſchen Geiſt des Volkes haben muß, vollauf zu würdigen verſteht. Der Plan der neuen Nordpolfahrt iſt in ſeinen Grund⸗ zügen bereits entworfen und ſieht ſeiner Veröffentlichung in Kürze entgegen. Ohne vorgreifen zu wollen, kann bereits ſo viel geſagt werden, daß nicht wieder einem zwerghaften Segelſchiffe die große Aufgabe anvertraut werden ſoll, daß ein, womöglich zwei kräftige, in jeder Beziehung dem ernſten Kampfe mit den Elementen der Polarwelt gewachſene Dampfſchiffe eine auserwählte, von bewähr ten wiſſenſchaftlichen Forſchern begleitete Mannſchaft tragen wer⸗ den, daß ein weiterer Schauplatz als zuvor ihrer Thätigkeit offen ſtehen wird, nicht blos die Oſtküſte Grönlands, nicht blos das ſpitzbergiſche Meer und das unbekannte Gillisland, ſondern das weite, eingepanzerte Meeresbecken von Grönland bis Nowaja⸗ Semlija, und daß endlich auch eine Ueberwinterung auf Grönland zum Behuf ausgedehnter wiſſenſchaftlicher Foxſchungen in Ausſicht genommen wird. Nicht der Pol im eigentlichen Sinne, ſondern die Erſchließung und wiſſenſchaftliche Erforſchung des arktiſchen Polarbeckens wird das Ziel dieſes Unternehmens ſein, deſſen Aus⸗ führung uns der im deutſchen Volke ſo kräftig erwachte Sinn für die Ehre des Vaterlandes, deſſen Erfolge uns der bewährte See⸗ mannsruhm unſerer Koldewey, Hildebrandt und Sengſtacke ver⸗ bürgt. Der Ausgang ſteht nicht in des Menſchen Hand; was aber Menſchen zu dem Erfolge beitragen können, das darf
Deutſchland getroſt von ſeinen Seeleuten erwarten.


