Jahrgang 
50 (1868)
Seite
792
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Mit dem leichten Ränzel auf dem Rücken, in der Hand den

wanderte ein junger Burſchenſchafter im Jahre 1817 von der Univerſitätsſtadt Heidelberg in Geſſellſchaft gleichgeſinnter Freunde durch das ſchöne Thüringen hinauf zu der romantiſchen Wart⸗ burg, wo die begeiſterte Jugend das Feſt der doppelten Befreiung von dem Joche Roms und dem fränkiſchen Uebermuth mit Wor⸗ ten, Liedern und weithin leuchtendem Freudenfeuer feierte. Mit ſeinen hier verſammelten Brüdern gelobte er, für die Freiheit, Einheit und Größe des Vaterlandes zu kämpfen, für das Wohl und Gedeihen des heißgeliebten deutſchen Volkes zu wirken, das Gute zu fördern, das Schlechte zu haſſen, für ſeine Ueberzeugung männlich einzuſtehen und trotz Verfolgung, Noth und Drangſal ſeinem Vorſatz treu zu bleiben.

Nie iſt ein Schwur beſſer gehalten worden, nie hat der Mann und der Greis in allen Lagen des Lebens ſchöner ſein gegebenes Wort gelöſt. Während viele von dieſen Jünglingen, welche dies Gelübde mit ihm zugleich gethan, der Verſuchung er⸗ legen ſind, Mancher über die eigene Begeiſterung geſpottet, Man⸗ cher ſeine heiligſte Ueberzeugung entweder aus Menſchenfurcht oder des irdiſchen Vortheils wegen aufgegeben, ſeinen Glauben ver⸗ leugnet hat, iſt er vor Allen ſich ſelbſt und ſeinem Schwure treu geblieben.

Dieſer Jüngling heißt Wilhelm Adolf Lette und iſt der Sohn eines freiſinnigen Beamten und Domainenpächters in der Neumark, der im Jahre 1813 ein Landwehrbataillon aus⸗ rüſtete, in das der damals kaum fünfzehnjährige Knabe als Freiwilliger eintreten wollte, aber wegen ſeiner Jugend und Körper⸗ ſchwäche zurückgewieſen wurde. Nach dem Frieden nahm er ſeine durch die Kriegsunruhen unterbrochenen Studien wieder auf, in⸗ dem er zu dieſem Zwecke das Gymnaſium zum grauen Kloſter in Berlin beſuchte, wo er ſich als tüchtiger Turner auszeichnete und in ſeinen MußeſtundenFreiheitslieder dichtete, die leider verloren gegangen ſind.

Im Jahre 1816 zog er auf die Univerſität nach dem ſchö⸗ nen Heidelberg, wurde daſelbſt Mitglied und ſpäter Vorſtand der Burſchenſchaft; begeiſtert für die Freiheit und Einheit des Vater⸗ landes wohnte er dem Feſte auf der Wartburg bei*, wie er ſich auch an den Berathungen auf dem alten Schloſſe Heppenheim an der Bergſtraße betheiligte. Dabei vernachläſſigte er keineswegs ſeine Studien, fleißig beſuchte er die Collegien und hörte deutſche Reichsgeſchichte und Rechtswiſſenſchaft bei Welcker und Thibaut, Geſchichte bei dem freiſinnigen Schloſſer und vor Allen Philo⸗ ſophie bei Hegel. Trotzdem wurde er kein Stubenhocker, ſon⸗ dern er genoß das Leben als ein friſcher Burſche, der eben ſo gut mit dem Glaſe in froher Geſellſchaft, wie mit dem Schläger auf dem Fechtboden Beſcheid wußte.

Auch als er von Heidelberg nach Berlin ging, nahm er hier an der Gründung der deutſchen Burſchenſchaften den lebhafteſten Antheil; er gehörte wieder zum Vorſtand, während der jetzt ver⸗ ſtorbene Prediger Jonas den Vorſitz führte. In dieſer Zeit beſuchte ihn der unglückliche Sand, den er in Jena kennen ge⸗ lernt hatte. Derſelbe zeigte Lette und einem Freunde des letz⸗ teren, einem Schweizer, Namens Chriſt, mit dem er damals zuſammenwohnte, das bekannte Gedicht von Carl Feller30 oder 33 gleichviel, welches Sand zu vertreiben ſuchte.

Dieſer verhängnißvolle Beſuch gab zunächſt die Veranlaſſung, daß Lette in Göttingen, wohin er ſich zur Beendigung ſeiner juriſtiſchen Studien gewendet hatte, in Unterſuchung gerieth, mit vierwöchentlichem Carcer beſtraft wurde und das consilium abeundi

* Mit welchem Eifer Lette zu dieſem Feſte eilte, dafür ſpricht ein Zeuge, an den er vielleicht ſelbſt nicht mehr gedacht hat: ſeine eigenhändige Namensunterſchrift in der Liſte der Wartburgfeſtgenoſſen von 1817. Dieſes Actenſtück hat Scheidler in Jena vor den Verfolgungen in böſer Zeit gerettet, aus ſeinem Nachlaß wurde es Eigenthum des Burſchenſchaftsaus⸗ ſchuſſes in Jena, und die Brüder Robert und Richard Keil machten daſſelbe zu einer höchſt werthvollen Beigabe ihres von uns bereits empfoh⸗ lenen trefflichen Buchs:Die burſchenſchaftlichen Wartburgfeſte von 1817 und 1867 Erinnerungsblätter mit Originalbeiträgen von Hofmann, Riemann und Zober.(Jena, Mauke.) Dort finden wir im treuen Facſimile der Schriftzüge Lette als den Zehnten der 364 Bur⸗ ſchen, unter deren Namen viele von dauernder Bedeutung in Deutſchlands Literatur und Geſchichte ſind. D. Red.

Unſer präſident.

erhielt. Nichts deſto weniger machte er ſein erſtes Eramen bei Ziegenhainer, mit dem ſchwarzrothgoldenen Band um die Bruſt

dem Kammergericht zu Berlin, worauf er einige Zeit auf dem Gute ſeines Vaters verweilte. Hier traf ihn die unerwartete Nachricht, daß eine neue Unterſuchung wegen Verbreitung jenes aufrühreriſchen Liedes eröffnet ſei; zugleich wurde ihm mitgetheilt, daß er keine Ausſicht auf eine Anſtellung im preußiſchen Staats⸗ dienſte habe. 3

Wenn auch der harte Schlag ihn beſonders wegen ſeines Vaters ſchmerzte, ſo vermochte er ihn doch nicht niederzubeugen. Er ließ den Muth nicht ſinken und arbeitete unverdroſſen an ſei⸗ ner juriſtiſchen Ausbildung unter der Anleitung eines tüchtigen Stadtrichters in der Nähe weiter. Vorzugsweiſe beſchäftigte er

ſich mit der ländlichen Geſetzgebung, wozu ihm der Aufenthalt

auf dem väterlichen Gute hinlängliche Gelegenheit und Anregung bot. Seine Erfahrungen beſonders über die Ablöſungsverhält⸗ niſſe und Abtretung der Patrimonialgerichtsbarkeit an den Staat, die damals im Werke war, legte er in einer Denkſchrift nieder, welche die Aufmerkſamkeit des damaligen Vice⸗Präſidenten am Oberlandes⸗Gericht, von Diederichs, erregte und Lette's Wieder⸗ zulaſſung zum Staatsdienſte bewirkte, hauptſächlich durch die Be⸗ fürwortung dieſes ausgezeichneten Juriſten.

Während er in Frankfurt an der Oder bei dem dortigen

Gericht eine Anſtellung erhielt, wurde er in Folge des gegen ihn eingeleiteten Verfahrens wegen ſeiner Betheiligung an der Burſchen⸗ ſchaft, hauptſächlich wegen der Kenntnißnahme jenes Gedichtes von Feller, das jetzt theilweiſe zur Wahrheit geworden iſt, zu ſechs⸗ monatlichem Kerker verurtheilt. Er erlangte jedoch die beſondere Vergünſtigung, dieſe Strafe in der Berliner Hausvoigtei abſitzen und während ſeiner Haft die Arbeiten zum dritten Examen machen zu dürfen..

Kaum aus dem Gefängniß entlaſſen, wußte er durch ſeine Tüchtigkeit, durch Fleiß, Eifer und Gewiſſenhaftigkeit alle ihm entgegenſtehende Hinderniſſe und Vourtheile zu beſeitigen, ſo daß er in verhältnißmäßig kurzer Zeit in ſeiner Amtsführung immer höher ſtieg. Wir finden ihn im Jahre 1825 als Aſſeſſor zu Soldin in der Lauſitz, wo er ſich mit ſeiner würdigen Gattin, der Tochter des dortigen Juſtiz⸗Amtmanns Voitus, verband,

mit der er in der glücklichſten Ehe lebte; im Jahre 1835 als

Oberlandesgerichtsrath in Poſen, Ende 1839 als Director der Generalcommiſſion zu Soldin, neun Jahre ſpäter als Dirigent der Generalcommiſſion nach deren Vereinigung mit der Regierung in Frankfurt, und endlich als Rath im Miniſterium des Innern. Als ſolcher widmete er ſeine ganze Kraft den ländlichen Verhältniſſen im Geiſte jener Freiheit, welcher Preußen ſeine Erhebung aus tiefem Falle zu verdanken hatte. Es war gewiß nicht Zufall, ſondern eine Art Vorherbeſtimmung, daß ſein Vater der erſte Gutsbeſitzer in der Neumark war, welcher gleich nach Beröffentlichung des

Regulirungs⸗Edicts vom September 1811 den Bauern Dienſt⸗

freiheit und Eigenthum verlieh, wobei der Sohn Fürſprecher und Vermittler ihrer Wünſche, war. Von dem gleichen Streben als Mann beſeelt, ſetzte er das Dismembrationsgeſetz durch, das wenigſtens, einer langen Reaction gegenüber, die Freiheit des Eigenthums weſentlich aufrecht erhielt, desgleichen eine überaus zweckmäßige Polizeiordnung und die Einrichtung des Reviſions⸗ collegiums, ſo wie eine ganze Reihe wohlthätiger Veränderungen auf dem Gebiete der landwirthſchaftlichen Geſetzgebung.

Die Regierung erkannte ſeine vielfachen Verdienſte durch ſeine Berufung in den Staatsrath an und ſpäter durch ſeine Er⸗ nennung zum Präſidenten des neu errichteten Reviſionscollegiums für Landesculturſachen, in welcher Stellung er den ſegensreichſten

Einfluß auf dieſen wichtigen Theil der Verwaltung übte. Aber

hiermit war keineswegs ſeine Wirkſamkeit erſchöpft, indem der unermüdliche Mann noch neben ſeinen Berufsgeſchäften eine poli⸗ tiſche und ſociale Thätigkeit entwickelte, die ſeinem Namen ein unvergängliches Andenken ſichert. Alle Zeit, die ihm ſein Amt übrig ließ, widmete er, getreu ſeinem Schwure, einzig und allein dem Wohle des Volkes, der Begründung, Einrichtung und Lei⸗ tung gemeinnütziger Vereine, wobei er von ſeinem bewunderungs⸗

würdigen Organiſationstalent und einer Arbeitskraft ohne Glei⸗ Schon im Jahre 1841, als er noch in Frankfurt weilte, half er den landwirthſchaftlichenCentral⸗Verihn

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