Jahrgang 
50 (1868)
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einem grauen Bart und einer Warze auf der Stirn. Es iſt dummes Zeug, ich weiß es wohl, aber ich bin ſo ſchwach, Lorenz, vor meinen Augen tanzen gleich die ſchauerlichſten Fratzen, wenn ich in die Küche trete. Wart einmal, da im Schrank ſind noch Zwieback, die kannſt Du in den Wein tunken, die ſchaden Dir gewiß nicht.

Sie öffnete einen alterthümlichen geſchnitzten Schrank mit Meſſinggriffen, aus dem die Tante ſo manchen Pfefferkuchen oder Apfel hervorgeholt hatte, ihren jungen Vorleſer zu belohnen. Einen Teller mit hartem Backwerk nahm ſie heraus, dazu ein altes mit eingeſchliffenen Figuren verziertes Kryſtallglas, und ſtellte beides vor Lorenz auf den Tiſch.Komm, Lore, ſagte er, indem er das Glas vollſchenkte,Du ſollſt es mir credenzen. Wir wollen auf einen friſchen Lebensmuth mit einander trinken.

Trinke nur Du, ſagte ſie.Ich brauche es nicht mehr. Im Gegentheil, was ſollte ich damit anfangen? Es würde mir das Sterben nur ſchwerer machen, wenn ich das Leben kurz vor⸗ her noch einmal liebgewänne.

Du wirſt trinken, Lore, ſagte er ernſt und hielt ihr das Glas an die Lippen, daß ſie wollend oder nicht ein paar Tropfen koſten mußte.Ich habe Dir ſchon erklärt, daß ich dieſe Reden nicht mehr hören will, daß ich es gottlos finde, ſich muthwillig ſelbſt den Tod heranzuängſtigen, zu faſten und zu wachen, bis man ſich endlich richtig ſelbſt umgebracht hat. Du ſiehſt freilich nicht ſo roſig aus, wie ich Dich zuletzt geſehn, aber ich denke, ein paar Wochen auf dem Lande in guter Luft werden wieder die alte Lore aus Dir machen, wenn auch nicht wieder die wilde, mit der ich Räuber und Wandersmann geſpielt habe im Garten hinter unſerer Gießerei.

Sie war auf einen Stuhl geglitten, der neben dem Schränk⸗ chen halb im Schatten ſtand, und hielt die Katze wie einen Muff vor ſich auf dem Schooß. Ein paar Augenblicke ſaß ſie da, mit geſchloſſenen Wimpern, als hätten die wenigen Tropfen des ſtarken Weins ſie plötzlich eingeſchläfert. Und erſt während des Sprechens ſchlug ſie mühſam die Augen wieder auf.

So magſt Du wohl reden, Lorenz, ſagte ſie,weil nicht weißt, wie das Alles gekommen iſt. Mit dem Schneider unten fing es an, den pflegte die Tochter mit unſerer Magd, und wollte nicht, daß ich helfen ſollte, weil es mich zu ſehr angreifen würde. Ich hatte noch nie einen Sterbenden geſehn, nicht einmal einen Todten. Denn wie damals die Nachricht kam, daß meine arme Mutter todtkrank ſei, war ich noch zu jung, um gleich allein hinzureiſen, und als die Tante ſich endlich auf den Weg machte, die Alles ſo umſtändlich anfing, und wir hinkamen, um ſie zu pflegen, da war ſie ſchon begraben. Die gute Tante hatte ge⸗ dacht, ihrer Schweſter eine Laſt abzunehmen, indem ſie mich zu ſich nahm und der Mutter nur den Chriſtel ließ. Nun hatte ſie ihr auch den letzten Troſt genommen, ihre beiden Kinder noch vor ihrem Ende ſegnen zu können. Aber ſo kam es, daß ich ein

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da mein Vater, wie Du weißt, auf einer Bergwanderung verun⸗ glückte und ich nicht einmal zu ſeinem Grabe durfte. Und über⸗ haupt hatte ich ein Grauen vor dem Tode, und wenn ich von einem Trauerfall ſprechen hörte, träumte ich die ganze Nacht, ich läge im Sarge und meine Freundinnen ſtreuten Blumen auf mich, immer mehr und mehr, bis ich die Laſt wie einen Mühl⸗ ſtein auf der Bruſt fühlte und mit einem Schrei erwachte. Aber den Schneider wollte ich dennoch im Sarge ſehen, ich ſchämte mich, daß ich ihm in der Krankheit gar nichts Gutes gethan hatte aus erbärmlicher Feigheit; das wollte ich ſeiner Leiche ab⸗ bitten. Auch wurde es mir nicht ſchwer, ihn anzuſehen. Er war nicht verändert, hatte ſo die bekümmerte verlegene Miene, wie ſchon bei Lebzeiten, daß er immer ſo ausſah, als rechne er es ſich zur Sünde an, nicht gerade gewachſen zu ſein, und wolle Jeder⸗ mann deshalb um Verzeihung bitten. Wenn es mit dem Todt⸗ ſein weiter nichts auf ſich hat, dachte ich, warum fürchtet man ſich ſo davor? Ach Gott, damals ſprang mein kleiner Chriſtel noch mit der Schulmappe pfeifend die Treppe hinunter und kam den⸗ ſelben Mittag nach Hauſe, es ſei Vacanz, man wiſſe noch nicht wie lange, und war ſo vergnügt, daß ich ihn noch ſchalt, wie er luſtig ſein könne, wenn der gute Meiſter, der ihm ſeine hübſchen Kleider gemacht, eben geſtorben ſei.

Es dauerte auch nicht lange, ſo war's mit der Ferienherrlichkeit vorbei, er klagte über heftige Schmerzen, mußte ſich legen, und nun begann der Jammer. Ich will nicht wieder daran denken, Lorenz, es macht mich ſonſt wahnſinnig. Du haſt ihn nicht ge⸗ kannt, weil er bis in ſein zehntes Jahr bei einem Halbbruder meiner Mutter war, auf dem Lande. Aber die Tante beſtand darauf, daß ſie ihn auch übernehmen wollte, er ſollte in eine beſſere Schule gehen, und ſo kamen wir Geſchwiſter wieder zu⸗ ſammen, es iſt noch kein halbes Jahr. Er war ein ſo guter Junge, viel beſſer und ſanfter als ich, und ich hatte ihn ſo lieb, als müßt' ich Alles nachholen, was ich ſieben Jahre lang an ihm verſäumt hatte. Wie er nun in ſeinen Schmerzen lag und immer ſtöhnte und ich Tag und Nacht nicht von ſeinem Bette wich, faßte er. mir einmal beide Hände ſo recht feſt, hob den Kopf vom Kiſſen auf und ſagte:Nicht wahr, Lorchen, Du läßt mich nicht allein ſterben? Es iſt ſo dunkel vor meinen Augen, Du mußt mich an der Hand halten, ſonſt ſinde ich den Weg nicht in den Himmel! ‚Sei nur ruhig, Chriſtelchen, ſagt! ich, zes wird Alles geſchehn, wie Gott will.Nein, ſagte er,Du mußt Gott darum bitten und mußt ihm ſagen, daß Du mich nicht verlaſſen willſt. Verſprich mir das, Lorchen, ſonſt kann ich nicht ruhig ſterben.Ich verſpreche es Dir, Chriſtelchen, ſagt' ich, und darauf wurde er ruhiger, aber wie ſein Letztes kam, hielt er mir immer die Hände und rief mit ſchon ganz erloſchener Stimme: ‚Komm mit, Lorchen, komm mit! ſprochen und läßt mich nun doch allein!' Und das waren ſeine letzten Worte.

großes Mädchen geworden bin und nie eine Leiche geſehn habe,

Erlebniſſe und Ergebniſſe

Aus jenen furchtbaren Regionen der Nordpolarwelt, wo auf unabſehbare Fernen der Blick des Seefahrers nur auf Eis und Schnee fällt, wo nur Eisfelder und Eisſchollen von wilden Stür⸗ men bewegt ihr grauſiges Spiel treiben oder rieſige Eisberge, gleichſam aus ſchimmernden Sapphir⸗ und Laſurblöcken zu den abenteuerlichſten Formen zuſammengeſetzt, das Auge mit Entzücken, die Seele mit Angſt und Entſetzen erfüllen, wo Monate lang die Sonne nicht auf- und Monate lang nicht untergeht, aus jenen Regionen iſt am 10. October ein deutſches Schiff in einen deut⸗ ſchen Hafen zurückgekehrt. Da wird die Neugier verlangen von den arktiſchen Wundern zu hören, welche die kühnen Helden dieſes Schiffes erſchaut, von den Abenteuern, die ſie im Kampf mit all den Schrecken der nordiſchen Natur erlebt haben. Aber der Leſer derGartenlaube weiß, daß dieſe Männer nicht ausgezogen ſind,

um erzählen zu können, ſondern daß ſie eine ernſte Aufgabe zu erfüllen Nation gerettet, die ſich ſo lange von allen ſolchen Entdeckungs⸗

hatten, die ihnen von der deutſchen Wiſſenſchaft und der deutſchen Nation geſtellt war. Das rückgekehrte deutſche Schiff trug die

der erſten deutſchen Nordpolerpedition. Von Otto Ule.

erſte deutſche Nordpolexpedition, die von einem deutſchen Forſcher angeregt, mit den Mitteln des deutſchen Volkes ausgerüſtet und beſtimmt war, an der Löſung jenes großen Problems mitzuarbei⸗ ten, das bereits ſeit Jahrhunderten die größten ſeefahrenden Na⸗

Fragen der Neugier, aber des wiſſenſchaftlichen und nationalen

Löſung gefördert? Hat der deutſche Seemann gezeigt, daß er es an Muth, an Ausdauer, an Geſchicklichkeit und Tüchtigkeit den Seeleuten anderer Nationen gleichthun kann, daß er hoffen darf, ſich einſt neben die Hudſon und Cook, Franklin und Parry ſtellen zu können? Hat das deutſche Schiff die Ehre der deutſchen

unternehmungen ferngehalten hat, weil ſie kleinmüthig und verzagt

(Fortſetzung folgt.)

Du haſt mir's ver⸗

tionen der Erde beſchäftigt hatte, der Durchforſchung des geheim⸗ nißvollen Gebiets, welches den Pol unſerer Erde umgiebt. Nicht

Intereſſes wird der Leſer auf dem Herzen haben. Iſt denn nun wirklich dieſes Räthſel gelöſt, oder hat unſere Expedition wenigſtens dieſe

nicht mehr an ihren Beruf zur See, den ſie doch einſt ſo glän⸗