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eintritt. Grüßend ſieht er ſich im Kreiſe um, in dem er viele Bekannte bemerkt.„Ah, mein Lieblingsſpiel, Halbzwölf; iſt es erlaubt, mitzuſetzen?“ Nachdem Neſtroy dies mit einer artigen Verbeugung zugeſtanden, ſtochert der Betrunkene mit dem Finger den Geldhügel auseinander und ruft:„Va banque! Wir Alle ſtanden ſtarr vor Erſtaunen. Sechs⸗ bis achthundert Gulden lagen auf dem Tiſche. Auf das Zaudern Neſtroy's meint der Gegner,„das ſei dem Herrn Banquier wohl zu viel?“„Nicht im Geringſten,“ antwortet dieſer,„allein die Summe iſt groß, und ich habe nicht die Ehre, Sie näher zu kennen, wenn Sie aber den Einſatz deponiren wollen
„Herr Wedel,“ ruft dieſer dem Eigenthümer des Hotels zu, der auch„mitgethan“ hatte,„garantiren Sie für mich?“
„Mit meinem ganzen Vermögen, Herr Hauptmann,“ ſicherte dieſer, halb gegen Neſtroy gewendet.
„Nun, alſo: Va banque!“
Aufgeregt, unter athemloſen Schweigen der Anweſenden gab Neſtroy Karten, mit ſtrahlendem Geſicht legte er die ſeinen vor:, Elf!“
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ver⸗
Das harte Brod der Berge.
Mit Abbildungen.
Wie oft und vielfach iſt der deutſche Gebirgsbewohner ſchon Gegenſtand poetiſcher und novelliſtiſcher Schilderung geweſen, und wie ſelten iſt er xrichtig geſchildert worden! Wer in öfterem und längerem Verkehre mit ihm zu leben die Gelegenheit hat, der kann ſich genugſam hiervon, wie von der Richtigkeit des Buele'⸗ ſchen Satzes überzeugen, daß Klima und Boden nicht nur die materielle Exiſtenz des Menſchen beherrſchen, ſondern auch beſtim⸗ mend für ſeine geiſtige Richtung ſind. Man gehe nach Tirol und ſehe, wie mühſam der Menſch dort ſein Daſein erringen, wie er oft ſein Leben wagen muß, um nur ein Bündel Heu für das tägliche Bedürfniß ſeines beſcheidenen Viehſtandes vom Gebirge herunter zu bringen; man vertiefe ſich in die ſteilen Thäler des Schwarzwaldes, um zu ſehen, auf wie gefahrvolle Weiſe der Waldbewohner ſein Feld beſtellen, wie er das einzige Product ſeiner Berge, das Holz, herunterbringen muß, um es verwerthen zu können— und man wird zu der Ueberzeugung gelangen, daß ſolche Menſchen, deren Leben faſt täglicher Gefahr ausgeſetzt iſt, bei dem Mangel des Gegengewichtes der Bildung unmöglich ge müthliche und beſchauliche Bäuerchen ſein können, wie ſie in ſo manchen Dorfgeſchichten zu finden ſind, ſondern nothwendig die Richtung zum Abenteuerlichen und Phantaſtiſchen nehmen müſſen, und dies um ſo mehr, je eifriger der religiöſe Fanatismus bei ihnen gepflegt und dagegen der Zugang des Fortſchritts im Wiſ⸗ ſen und Beſtreben der Außenwelt erſchwert wird.
Um zu ſehen, in welchem Schweiße ſeines Angeſichts dort der Menſch im Gebirge oft ſein Brod eſſen muß, machen wir einen Gang in die rauhen Thäler des Schwarzwaldes, da, wo ihn die Kinzig durchſtrömt, ehe ſie noch das Dampfroß zu ſehen bekommt, das ſich übrigens ſchon gewaltig weit in jene Schluchten vor und empor gewagt hat.
Dichte ſchwarze Fichtenwaldungen bedecken die mächtigen Kuppen der drei⸗ bis viertanſend Fuß hohen Berge bis weit nach unten, wo ſie ſtellenweiſe einem einſamen Gehöfte, oft einem ſtatt⸗ lichen Hofgute Platz machen, das zwiſchen Feld und Wieſen liegt, welch' letztere ſtets die untere Grenze bilden, während der zum Gute gehörende Wald oben an den Staats⸗ oder Gemeindewald ſtößt. In dem Hauſe, deſſen geräumiger ſtrohgedeckter Dachſtuhl alle Vorräthe birgt, wohnen in ſich gekehrte wortkarge Menſchen, nicht ohne Gaſtfreundſchaft und uneigennütziges Entgegenkommen, aber ſtrenge ſich unterwerfend der ſtarren Form, die das ſociale Leben des Bauern regelt und bindet. Ihren ſtärkſten Ausdruck findet dieſelbe in der rückſichtsloſen Art, wie das Minorat dort gehand⸗ habt wird, das ſeit undenklichen Zeiten bei den Hofgütern des Schwarzwaldes in Uebung iſt und das wegen der Halsſtarrigkeit, mit welcher der Bauer daran feſthält, wie um der wirthſchaftlichen
Schwierigkeit ſeiner Abſchaffung willen, von der badiſchen Regie⸗
rung geduldet wird. Nach dortiger Uebung erhält der jüngſte Sohn Haus und Hof neoſt allem Zubehör mit derVerpflichtung, dann ſeine Eltern auf das ſogenannte Leibgeding zu ſetzen, d. h. ihnen
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„Halbzwölf,“ antwortete gleichmüthig der Hauptmann, leerte die Banknoten und das Silber in ſeinen Tſchako, ſtülpt den Kopf in denſelben hinein und wankt mit einem gemüthlichen „gute Nacht“ zur Thür hinaus. Schneller, als ich es hier er⸗ zähle, hatte der uns allen fremde Mann die ſämmtliche Baar⸗ ſchaft der Anweſenden aus unſerer kleinen Spielhölle hinaus ge⸗ ſchleppt. Die Situation war überwältigend!— Unter allen ver⸗ blüfften Geſichtern war das Neſtroy's das allerverblüffteſte; keiner von uns fand ein Wort über das ſo unerwartet eingebrochene Fatum, bis Neſtroy mit ſüßſaurer Miene ſprach:„Gute Nacht, meine Herren, das macht einen kleinen„‚Bremsler’(Preller, eine Erſchütterung); morgen früh iſt es vorbei.“
Für mich war es den Abend ſchon vorbei, die Erſparniſſe der ganzen Saiſon trug ein mir unbekannter Offieier in ſeinem Tſchako fort. Wer mir dies am Morgen prophezeit hätte!— Ich habe ſpäter oft ähnlichen Spielſcenen beigewohnt, allein keiner von ſo draſtiſchem Erfolge wie dieſer.
ein meiſtens neben dem großen ſtehendes kleines Haus einzuräumen und für alle ihre Bedürfniſſe zu ſorgen, die Brüder aber als Knechte zeitlebens bei ſich zu behalten und mit den Schweſtern einen Vertrag einzugehen, der ihnen unter gewiſſen Gegenleiſtungen das Verbleiben im Hauſe ermöglicht. Verheirathen aber darf ſich nur der Minoratserbe.
„Das iſt aber doch grauſam!“ ſagte Schreiber dieſes einem alten Bauern, der ihm obige Erklärung gegeben hatte. Der Bauer aber zeigte auf die jenſeitige Bergwand hinüber, auf der einſam von Wald umſchloſſen ein ſolches Hofgut lag, und ſetzte hinzu:„Sehen Sie, da drüben das Haus kann nur eine kleine Anzahl Leute beherbergen, wenn ſie alle von dem leben wollen, was da herum wächſt. Von außen her können„ſie nichts beziehen, und mehr dort zu bauen iſt nicht möglich. Sehen Sie, ſo ein Hof im Wald iſt gerade wie ein Schiff auf dem Meere, das nur ſo riel Menſchen und keinen einzigen mehr mitnehmen kann, als es unterzubringen und zu beköſtigen vermag. Nun denken Sie ſich einmal, daß das Hofgut da drüben nach dem Landrecht in ſechs Theile getheilt würde, denn ſo viel Kinder ſind da, da hätte keines genug, um davon leben zu können, ſo reicht es aber für alle die Sechſe aus, die ſonſt verhungern müßten.“ A,
Von den Gütern bedürfen die Wieſen die wenigſte Sorgfalt,—
wenn einmal ihre Bewäſſerung gut eingeleitet iſt; der Wald und
das Feld aber bedingen eine um ſo ſchwerere Arbeit. Wenn
man ſo durch die einſamen Thäler dahinſchreitet, wird man in gewiſſen Jahreszeiten plötzlich hoch oben große weiße Rauchſäulen gewahr, die, ſich den Berg hinunterwälzend, mit hoch aufſteigenden Flammen untermiſcht, ein impoſantes Schauſpiel gewähren und das Zeichen ſind, daß dort oben ein Stück Boden urbar gemacht — gebrandet— wird.
Der Bauer läßt, wenn der Wald ausgeroͤttet oder der karge felſige Boden erſchöpft iſt, ihn einige Jahre ruhen, während deren dichtes Geſtrüpp von Ginſter darauf wuchert. Im erſten Früh⸗ linge wird dann Alles gefällt und, mit dürren Reiſern vermengt, der ganze Boden damit bedeckt, ſodann aber ein Stück davon an gezündet, gerade ſo breit, als es die vorhandenen Arbeiter zu bewältigen vermögen. Das flackert alsbald hoch auf und in wilder Arbeit von faſt infernaliſchem-⸗Ausſehen zerren die bald vom Rauche geſchwärzten Leute mit langen Haken den Brand nach unten, ihm in großen Sätzen voraneilend. Je länger die Brandfläche gezogen, je weiter der Flammenſtrom ausgedehnt wird, deſto lebhafter dringt die Windſtrömung herbei und erſchwert die
harte Arbeit, weil ſie die fliegenden Funken und die Rauchwolken
oft auch nach der Seite der raſtlos zerrenden und reißenden Haken⸗ leute hintreibt. Mit wachſender Schnelligkeit muß der Flamme ihr Weg gebahnt werden, und doch darf ſie nicht zu den Seiten hin ausſchweifen, um dem wilden Element, das hier dem Nutzen dienſtbar iſt, nicht die Gelegenheit zu unberechenbarer Verheerung
ſrei zu laſſen. Es gehört Muth und Kraft zugleich zu dem


