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Dritte Abtheilung. Das Brillantkreuz. 1.
Es ging in. dar Herbſt hinein. und lange-Abende, die Zahl der Curgäſte lichtete ſich. Dennoch war Schaumberg gerade jetzt beſonders in Anſpruch genommen; eine epidemiſche Kinderkrankheit graſſirles ziemlich bösartig R derd Gegend und hielt ihn in erer Bewegung. Eliſabeth war deßhalb überraſcht, ihn eines Morfens zu ungewöhffrecher⸗ Stnde nachn Hauſe kommen zu ſehen; beim erſten Blick bemerkte ſie, daß er. unwohl oder ernſtlich verſtimmt ſein müſſe. Mit einiger Hefe leit wies er ihre beſorgten Fragen zurück, ging in ſein Arbeits zimmer und ſchloß hinter ſich ab.
Es war das erſte Mal, daß er Eliſabeth unfreundlich, ja abſtoßend begegnete. Dies erſte Mal! Welch' ein Sturz aus dem Himmel auf den Steinboden des Lebens iſt es für das junge, liebende Weib, wenn das Auge, das bisher ſtets mit Entzücken auf ihm ruhte, es zum erſten Mal finſter anblickt, wenn der Mund, der immer nur Liebesworte ſprach, heute nichts findet, als ein rauhes Wort! Das unſchuldigſte Herz wird ſich dann ſragen: biſt Du ſchuld daran? und weder Raſt noch Ruhe fin den, bis dieſer bange Zweifel gelöſt iſt. Wie aber iſt dem Herzen zu Muthe, das ſich dem Geliebten gegenüber nicht rein und frei⸗ fühlt, das etwas zu verbergen hat und in der Wolke auf ſeiner Stirn den Blitzſtrahl ahnt, der alles Glück und Heil verzehren lann?
Eliſabeth hatte etwas zu verbergen! Es gab in ihrer Ver gangenheit einen wunden Punkt, den ſie um keinen Preis dem Auge des Geliebten offenbart wiſſen wollte, der Fr die Liebe loſten konnte, die ihr Alles war! Ihr Herz klopfte zum Zer ſpringen, während ſie athemlos auf den ruheloſen Schritt horchte, der im Nebenzimmer auf und nieder ging. Leiſe ſchlich ſie wieder zund wieder bis zur Thür, der geliebte Name bebte auf ihren Lippen, und doch wagte ſie nicht zu rufen, wagte nicht Einlaß zu erbitten wozu⸗auch den Augenblick beſchleunigen, dem ſie mit Herzensangſt entgegen ſah?
Nach einer bangen halben Stunde kam ein Bote, der Schaumberg zu einem ſchwer Erkrankten nach Amt Stein rief nun durfte die junge Frau anupochen, nun mußte er durch ihr Zimmer kommen, und ſie konnte vielleicht auf ſeinen Zügen leſen, ob er wirklich erfahren hatte, was ſie fürchtete! Nach einigen Rugenblicken erſchien Otto; er ſah furchtbar verſtört aus und durchſchritt das Zimmer haſtig, ohne nach Eliſabeth umzublicken. Als er ſich beim⸗Hinausgehen unter der Thür wandte, ſah er ihren angſtvollen Blick auf ſich geheftet und nickte ihr zu. Sie flog zu ihm, faßte ſeine Hand und fragte im flehenden Ton: „Was iſt Dir?“
„Es iſt nichts,“ ſagte Otto kurz, indem er ſich ſanft von ihr losmachte„eine geſchäftliche Unannehmlichkeit. Warte nicht nul de Eſſen auf mich,zich werde erſt gegen Abend zurück⸗
kommen..
Flüchtig ſtrich er mit der Hand über ihr Haar, eine Lieb koſung, die ihm eigen war. Eliſabeth ergriff ſeine herabgleitende Hand und beäireſ ſie. Ihr Herz ſchlug etwas ruhiger, ſein Blich war ernſt geweſen, aber kein Zürpen lag darin. Wie ſchwer laſteten dennoch die Stunden dieſes Tages auf der Einſamen!
Es war ſchon tiefe Dämmerung, als Schaumberg nach Hauſe kam. Cliſabeth, die am Fenſter nach ihm ausgeſchaut, hatte ihn erſt nicht erkannt, ſo ſchwer und erntde war ſein ſonſt ſo elaſti⸗ ſcher Gang ſo tief gebeugt ſein Haupt. Von Neuem zog eine Ahnung von Unglück in ihr Herz. Still ging ſie ihm eutgegen, nahm den Hut aus ſeiner Hand und ſchaute auf. in ſein blaſſes Geſicht, ſeine ligf eingeſuntenen Augen. Es beruhigtésſte, daß er das Wohnzimmer nicht verließ, geräuſchlos ſteckte ſie die Lampe an, ließ die Vorhänge nieder und ordnete Allese zu ſeiner Be quemtichkeit. Er wechſelte nur wenige Worte mit ihr, nahm aber ſeinen gewöhnlichen Platz im Sopha ein. Eliſabeth griff zu ihrer Handarbeit; beklommen richtete ſie von Zeit zu Zeit eine unbe deutende Frage oder Bemerkung an ihn, die ihn veranlaßte auf zublicken, auch wohl zu antworten, ihn aber ſeinem ſtummen Brüten nicht entriß. Endlich ſagte er mit einer Geberde, als müßte er etwas von ſich abſchütteln:„Willſt Du nicht leſen, Eliſabeth?“
Schon kamen kühle Tage.
„ Ja,“
Sie nahm ſchweigend das Buch zur Hand und begann; mwiſchen jedem der Sätze hob ſich aber ihr Auge angſtvoll zu Otto. Er ſchien ſie nicht zu hören und ſtarrte unverwandt vor ſich hin. Ihre Stimme wurde immer bebender, immer unſicherer, bis ſie endlich die erſtickende Beklemmun nicht länger trug, das
„Buch von ſich warf und, neben ihm auf die Kniee niedergleitend,
mit Thränen im Auge rigf:„Otto, Dir iſt Schweres geſchehen!“
ſagte er,„mir iſt viel geſchehent Sich in einer
Menſchenſeele getäu ſchl ſehen, die man geliebt, hart
—„Höre mich, Otto⸗ ehe Du urtheilſt rrief die junge Frau
Seeuſchaf tlich,„höre erſt, was mich zu der T eführt, die ich . Sendeno ber naſte Wen— Thadhellh—
„Dich?“ ſagte Schaumberg mit namenloſem Erſtaunen. „Wer dachte an Dich? Von welcher That ſprichſt Du, was haſt Du zu bereuen? Iſt der Kelch noch nicht gefüllt?“ rief er auf⸗ ſpringend in heftigem Ton,„wartet noch mehr auf mich?“
Eliſabeth ſtand regungslos, ihr Buſen wogte.„Ja, Otto,“ ſagte ſie tonlos,„ich habe etwas zu bereuen! Nichts, was Du mir zum Vorwurf machen könnteſt, und doch etwas, das mich in Deinen Augen tiefer ſtellen würde. Verlangſt Du's, es Dir jetzt, in dieſem Augenblick haſt Du aber Vertrauen genug, Liebe genugt, um mich zu ſchonen, ſo laß mir mein Ge⸗ heimniß, bis ich ſelbſt den Mah finde, es Dir zu bekennen!“
Otto ſah ſi ſchweigend an.„Ich habe manchmal gefühlt,“ ſagte er nach einigen Augenblicken ernſt,„daß Du mir etwas ver⸗ hehlſt, ich habe es nur nicht glauben mögen⸗ kaum neunzehn Jahre und doch ſchon eine Vergangenheit!— Aber ſei ruhig, ich verlange, ich wünſche kein Vertrauen, das nur ein Zufall Dir abgerungen hätte— ſchweige, oder ſprich, wie es Dir ſelbſt Be⸗ dürfniß iſt.“
„Ich würde Dir Alles ſagen,“ Deine Seele frei und ruhig wäre wie ſonſt! Anderes, Schweres drückt, kann ich es nicht! nicht zürnſt, wenn Du mich liebſt, ſo laß mich jetzt an nichts denken als daran, Deine Sorgen zu theilen! Ich bin Deine Eliſabeth, ich habe ein Recht darauf, meinen Antheil an⸗ Deinem Kummer zu fordern! Die Angſt um Dich erſtickt mich— Otto, was iſt Dir geſchehen?“
„Es iſt allerdings genug,“ erwiderte er, indem er erſchöpft auf ſeinen Sitz zurückſank,„um vorerſt nicht nach Weiterem zu begehren und ich will es Dir ſagen. Was Du zu wiſſen verlangſt, iſt ernſt mein guter Name hängt daran, der Name, den Du ſeit drei Monaten trägſt.“
Eliſabeth legte ihre beiden gefalteten Hände auf ſeine Schulter
bang in ſein blaſſes Geſicht; es trug einen Ausdruch, der ſie zittern machte.
„Ich habe Dir manchmal von meiner Kindheit, von meinem Vater erzählt,“ begann Otto,„ich habe Dir nicht verſchwiegen, daß er den Seinen nicht das war, was er ſollte, daß ein unſeliger Hang zur Genußſucht fremdete.
rief ſie ſchmerzlich,„wenn Heute, wo Dich Wenn Du mir
Liebenswürdigleit. es aus, ſeit heute loſer!““— Otto ſchlug beide Hände vor das Geſicht, vor Aufregung. mit gewaltſamer Ruhe fort: Brief des Oberbürgermeiſters in ſich bei einer Reviſion der Caſſendefect herausgeſtellt und die nähere lnterſuch pung ergcben hat, daß derſelbe ſich auf die Zeit zurückführen läßt, Vater das Caſſenamt verwaltete. Schon der Beamte, meines Vaters Tode in deſſen Stelle eintrat, Buchführung entdeckt,
Sein Andenken war mir theuer! mein Vater
berg
den Tod jeder Vepantwortung entrückt war.— folger jedoch, hatte keinen Anlaß,
daß es ſich um jahrelange, mit großem Geſchick durchgeführte Unterſchlagungen handelt, und daß über die Perſon des Schuldi⸗ gen kein Zweifel bleiben kann.“
Erſchüttert drückte Piabn des Galten Hand an ihr heft 1
ſo ſage ich
ihn ſeiner beſcheidenen Häuslichkeit ent⸗ Dennoch habe ich ihn ſehr geliebt, und die Erinnerun an ſeine Schmichen war weuiger ſtark in mir als die an ſeine Damit iſt mein Vater war ein Ehr⸗
ſein Körper bebte Bald aber nahm er ſich zuſammen und fuhr „Ich erhielt viaſän Morgen einen
r ſchreibt mir, daß Bücher des in Steueramtes ein
der nach hatte die falſche ſie aber aus Schonung gegen unſere ihm be fronndele Familie verſch hwiegen, da ja der Schuldige bereits durch Der zweite Nach der erſt ganz kürzlich das Caſſenamt übernahm, gleiche Schonung zu üben; er brachte die Sache zur Anzeige beim Oberbürgermeiſter und hat nachgewieſen,
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