Jahrgang 
44 (1868)
Seite
694
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Aber Du ſiehſt ja nicht, Günther

fallen. Das iſt auch die Urſache, warum wir das Gut ver⸗

kauft haben.

Er lebt! flüſterte Toni wieder, welche ſich noch immer von der Ueberraſchung nicht zu erholen vermochte und eben beginnen wollte, zu fragen und weitere Aufklärung über Alles zu fordern, was ihr noch undeutlich und unmöglich ſchien. Da wurde von draußen durch den anbrechenden Morgen Geräuſch von Schritten hörbar und Stimmen ſich nähernder Menſchen.Heiliger Gott! rief ſie auffahrend.Die Stimm' ſie wollte der Thüre zu, als dieſelbe raſch geöffnet wurde und Frau Schulze hereineilte.

Er iſt da, mein Kind! rief ſie.Dein Bruder kommt, Dich zu ſehen. Er hat meinen Brief erhalten. Biſt Du ſtark genug? Darf ich ihn hereinführen?

Die Kranke nickte nur mit ſeligem Lächeln. Ihr Blick hing an Toni, die wie verwirrt an dem nächſten Kaſten ſtand, im Be griff zu entfliehen, und doch unfähig es zu thun. In demſelben Augenblicke trat Günther in die Stube und flog mit ausgebrei teten Armen auf die Schweſter zu, auf die er ſich niederbeugte und ſie mit heißen Küſſen überdeckte. Auf der Schwelle, noch im Nachtgewande, blaß wie ein Geiſt oder Jemand, der einen vom Tode Erſtandenen erblickt hat, ſtand die Funkenhauſerin.

Dank Dir, mein Bruder, flüſterte Alwine,daß Du noch gekommen biſt! Dank dem Himmel, daß er mir vergönnt, von Dir Abſchied zu nehmen!

O, rede nicht ſo! rief Günther.Noch iſt die Gefahr nicht ſo dringend. Du wirſt Dich wieder erholen.

Ich werde bald keiner Erholung mehr bedürfen, entgeg nete ſie matt.Du kommſt eben zur rechten Zeit. Vielleicht nur noch wenige Augenblicke, und Du hätteſt mich nicht mehr getroffen. Warum will Eure ſorgliche Liebe mir verhehlen, was ich am beſten fühle?

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Glaubt Ihr, daß ich mich vor dem Tode fürchte? ¹fuhr ſie mit ſchönem Hier iſt noch Jemand, den Du begrüßen mußt,

Lächeln ſort. zund als todt be⸗

eine Freundin, die Dich todt geglaubt weint hat.

Toni! rief Günther, ſich gegen dieſe wendend, indem er ihr die Hand bot.Du hier? Wirſt Du meinen Gruß auch

ſeetzt zurückweiſen wie damals, als Du von fenem anderen Leidens

bette kamſt? Nein, Du wirſt nicht ich leſe es in Deinen

Augen! Du weißt jetzt, daß dieſe Hand ſchuldlos iſt an jenem Blute. Die Verſöhnung iſt eingezogen in Deiner Bruſt; ſonſt

träfe ich Mutter und Schweſter nicht hier. Sie widerſtrebte nicht, als er ihre Hand ergriff; Alwine winkte ihm lächelnd zu, mit Toni trat er an das Lager der Kranken.Mutter, rief dieſelbe,komm' hieher! Kommt her, Funkenhauſerin! Du verlierſt mich, liebe Mutter; für dieſe Welt nüſſen wir aus einander. Funkenhauſerin, Ihr habt an Ambros ſo zu ſagen einen Sohn verloren. Hier iſt Erſatz für Ench Beidé: Sohn und Tochter... Laſſet dieſe gemeinſam Eure Kinder ſein! Sie gehören einander ja längſt, und ſie wollen bei einander bleiben für's ganze Leben; nicht wahr?

Die Beiden antworteten nichts; aber ſie ſahen einander an, und wie vom gleichen Gedanken durchdrungen, ſanken ſie am Lager der Sterbenden in die Kniee.

Aber das geht doch net, rief die Funkenhauſerin, obwohl

ſie ſo ergriffen war, daß ihr dicke Thränen über die Wangen kugelten,ein Stadtherr und eine Bauerntochter! Ich verlauge kein anderes Glück, als ſie mir bieten kann, rief Günther. 4Ich kann ſie auch net auf'm Hofe entbehren, rief die Bäuerin wieder;ich kann ſie net fort laſſen von hier.

Das ſollt Ihr auch nicht. Wir haben unſer Gut verkauft. Wenn Ihr einwilligt, wollen wir bei Euch bleiben. Ich will ein Landmann ſein mit Euch und nach dem Brauch Eures Landes. Ich will hier eine neue Heimath haben.

Aber es geht halt doch g'wiß und wahrhaftig net, ſchluchzte die Frau.Vergeßt Ihr denn ganz und gar auf d' Hauptſach', auf den andern Glauben?

Mutter! rief Alwine.Davon nichts mehr auf dieſer Welt! Seht, fuhr ſie, ſich emporhebend, fort, indem die Mutter ſie mit Kiſſen und Armen ſtützend unterfing,die Sonne geht auf, herr⸗

des Waldes hören wir Gottes Stimme!

lich, erhaben. Wohl mir, daß ich dich noch einmal ſehe, ſeliges Geſtirn des Lichtes! Sie breitete die Arme wie grüßend gegen die Sonne; dann taſtete ſie nach Günther's und Toni's Händen, legte ſie feſt in einander und ſchloß ſie zwiſchen die ihrigen.So verlobe ich Euch einander, ſagte ſie mit erlöſchendem Tone.Es iſt Morgen; liebet einander und ſeid glücklich. wir glauben all' an Einen Gott.

Nuhig, ohne Seufzer, ohne Zuckung glitt ſie auf das Lager zurück und war entſchlafen. Lautlos ſtanden Alle um dasſelbe ge⸗ reiht; ihr Schmerz war zu groß, um Worte zu finden wie ein frommer Spruch beſagt, flog wirklich ein entſchwebender Engel durch das ſchweigende Zimmer.

Groß war der Andrang, als das fremdelutt'riſche Fräulein auf dem Kirchhof des Dorfes begraben wurde. Statt des Kaplans, der ſchnell abberufen worden war, um ſeines erprobten Eifers wegen ein Lehramt an einer geiſtlichen Erziehungsanſtalt zu über⸗ nehmen, ſegnete der alte, edle Pfarrherr ihre letzte Ruheſtätte ein, an der Kirchenwand, hart unter der Tafel, die an Ambros er⸗ innerte. Der Pfarrer vollzog auch die Trauung, als unter noch zahlreicherem Zuſammenſtrömen des Volkes das ſeltene Braut⸗ paar zum Altare trat. Es war ein Ereigniß, wie es die ganze Gegend noch nicht geſchaut, von Vielen mit unklarem Widerwillen betrachtet und mit heimlichem Groll; doch ging im Ganzen ein Gefühl der Befriedigung durch die offenen Gemüther des Landvolks: ſie ahnten, daß wieder ein Kette weniger geworden auf Erden.

Einer der Fröhlichſten unter den Hochzeitsgäſten war der alte Maler.Es iſt eine ſeltene Hochzeit, die wir feiern, rief er, als beim Mahle die Gläſer an einander klangen.Die Liebe hat zuſammengeführt, was ſich fremd und weit entfernt war; ſie hat das Feindliche verſöhnt Liebe, die Zauberin, welche Abgründe überbrückt und Ewigkeiten ausfüllt! Möge ſie immer mit dieſem Paare ſein, und ſie wird es, wenn dasſelbe nie verlernt, in dem großen Gebetbuche zu leſen, was vor ihr aufgeſchlagen iſt, in der Natur! Ob der Süden oder der Norden uns geboren, die Herzen ſchlagen unter allen Himmelsſtrichen denſelben Schlag und ſagen uns, daß wir Menſchen ſind, alle verſchieden und doch einander ſo gleich, Alle ſo vergänglich, daß jeder ſtündlich daran denken mag, den Andern als Menſchen zu achten und gelten zu laſſen, für ſich allein und Jeden in ſeinem Volke. Wie ſchön iſt der Grashalm, den der Frühling ſprießen macht! Wenn allein betrachtet, iſt er eins der erhabenſten Wunder der Schöpfung; aber erſt zu Millionen anderer geſellt, bildet er die herrlich Wieſe! Schön iſt der einzelne Baum mit den feſten Wurzeln, dem kräftigen Stamme und der erhabenen Krone; aber die Herrlichkeit des Waldes iſt höher als der Baum im majeſtätiſchen Rauſchen Viel und vielerlei ſind der Bäume in ihm Eiche und Buche, Laubholz und Nadelſtamm, jedes ſoll wachſen nach ſeiner Art, ſrei und groß und doch wieder ein Theil des größeren Ganzen, denn miteinander machen ſie ja erſt den Wald! So ſteht es geſchrieben im Buche der Natur, und ihm wollen wir folgen und in dieſem Sinne dem Brautpaar doppelt Glück wünſchen, dem Brautpaar, das uns vorangeht zur Verſöhnung und zur Eintracht!

Nach einigen Tagen ſtand die junge Frau nachdenklich unter der Thür des Funkenhauſerhofes und ſah in die Gegend hinaus. Günther trat hinzu.Ich habe das Buch, das ich Dir im vorigen Jahre ſcheukte, noch nicht bei Dir geſehen, meine Liebe! ſagte er. Gieb es mir, damit ich den ſchwarzen Einband ändern laſſe.

Toni ſah ihn lächelnd an.Nein, ſagte ſie,ich will's net ändern laſſen; es ſoll ſchwarz bleiben aus einem guten Grund.

Ich will's als ein Andenken und als ein Wahrzeichen dazu! Aber Du ſchau' da hinauf in den Himmel über uns! Siehſt, wie ſchön

und klar er iſt? Das Gewitter iſt vorbei, und das Weiß Blau iſt doch ſtehn'blieben! 1 Wo der Funkenhauſerhof liegt? Das muß mich der Leſer nicht fragen. Genug, daß ich ihn im Geiſte dahingeführt und ihm zur Bekanntſchaft eines glücklichen Paares verholfen habe. Mancher könnte in Verſuchung kommen, dasſelbe kennen lernen und die ſchöne Gegend, wo ſie hauſen, aufſuchen zu wollen. Ich denke aber, es iſt beſſer, ſie bleiben allein mit ihrem jungen und ſo neuen, gewiß aber dauernden Glücke. 4

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