Jahrgang 
44 (1868)
Seite
692
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das? Es ſtimmt nicht damit überein. Sind wir Ungläubigen von Gott geſtraft, ſind wir von ihm gezeichnet? Verſagt er un⸗ ſeren Händen das Glück, das Gelingen, unſerem Denken den Er⸗ folg? Sind uſeie. Saaten minder grün, unſere Ernten minder fruchtbar? Nein, der Ewige läßt Suuenſhe und Regen auch auf unſere Fluren herniederträufeln; er fragt nicht, weſſen Glau⸗ bens der Säemann ſei.

Das iſt ſein unerforſchlicher Rathſchluß, liche nach einigem Zögern,dem wir hienieden müſſen.

So thun Sie es, rief Alwine begeiſtert,beugen Sie ſich und verſuchen Sie nicht, dieſen Nathſchluß zu durchdringen! Wenn er ein Geheimniß mit einem Schleier bedeckt hat vor irdiſchen Augen, ſo überlaſſen Sie es dem Ewigen, ihn aufzudecken! Greifen Sie ihm nicht vor und richten Sie nicht Wir glauben All' an Einen Gott.

Das Geſpräch war lauter geworden und hatte außer Toni auch einige der Hausgenoſſen herbeigelockt. Frau Schulze kam ebenfalls und wollte beruhigend dazwiſchen treten, aber Alwine hatte. ſie von ſich gewieſen. Mit flammenden Augen ſtand ſie da, einer Prophetin ähnlich, hoch aufgerich tet, wie in voller Lebens⸗ kraft; ühre Stimme klang ſo näch tig, als täme ſie nicht aus einer kranken Bruſt, als entſtrömte ſie einem Körper von ungebrochener Jugendfülle. Bald aber vermochte ſie die ungewöhnliche Spannung nicht länger zu ertragen; die Schwäche des Körpers gewann die Oberhand über die Erregung der Seele. Mit den leezten Worten ſank ſie in die Arme der hinzu eilenden Mutter; erſchrocken bemühten ſich Alle, die Ohnmächtige in ihr Zimmer und auf ihr Lager zu bringen; Niemand achtete darüber auf den Kaplan. Als die Bäuerin nach dem erſten Schrecken ſich nach ihm umſah, war er verſchwunden.Verzeih' mir Gott die Sünde, wenn's eine iſt! rief ſie, die Hände zuſammenſchlagend.Aber ich bin faſt froh, daß er fort iſt. Das Fräulein aber kann reden, daß es Einem durch's Herz geht. Schade, daß die kein Bub' worden iſt!

Die ungewöhnliche Erregung hatte Alwinen heftiger ergriffen als es anfangs den Anſchein hatte; ſie vermochte nicht mehr das Lager zu verlaſſen und bat nur, es ſo zu ſtellen, daß ſie von demſelben aus durch das Fenſter ſehen und einen Theil der Ge⸗ gend überblicken konnte. Die meiſte Zeit lag ſie in einem ruhigen Schlummer der Erſchöpfung da; außer der zunehmenden Kürze des Athems hatte ſie wenig zu leiden ſanft, wie ihr Leben geweſen, ſchien auch der Tod ihr nahen zu wollen. Die Mutter verließ ſie ſo wenig als möglich. Sie wollte keinen Augenblick verlieren; denn es war auch dem Unbefangenſten klar, daß ihre Lebensdauer nur noch nach Stunden zu zählen war.

Wieder war eine Nacht unruhig und ſchmerzvoll vorüber⸗ gegangen. Frau Schulze, dem unabläſſigen Bitten und Drängen nachgebend, war einen, Augenblick zur Ruhe gegangen. Tonerl hatte ihre Stelle eingenommen und bewachte mit liebenden Sch hweſter⸗ augen den ſanften und doch heißathmigen Schlummer der Kran⸗ ken. In der Zimmerecke verſtellt, flimmerte die Lampe; draußen aber begann ſchon der Morgen, und obwohl es in den Thälern noch vollſtändig dunkel war, ſing es über den Bergen nach Oſten hin ſchon zu grauen an; denn nicht auf einmal quillt das Licht hervor: langſam und ſteigend entfaltet es ſeinen unwiderſtehlichen Glanz, damit die ſterblichen Augen lernen, ſich daran zu gewöh⸗ nen, und nicht erblinden von dem plötzlichen Uebergang. Tiefes Schweigen herrſchte in der Stube. Nur ein Nachtfalter war vom Lampenſchein verlockt durch das wegen der Kühle offen gelaſſene Seitenfenſter hereingeflattert; er vermochte nun den Ausgang nicht wieder zu üen, und derſtieß ſich die immer matter werdenden Flügel an der Decke und an den dämmernden Glasſcheiben Toni ſah Lrnſt vor ſich hin; die Hände im Schooße und in den Hän⸗ den den Roſenkranz, hatte ſie nach ihrer frommen Weiſe für die Andersglaubende gebetet und war darüber in Sinnen und Denken Jverfallen, daß ihre Vergangenhelt Gegenwart und Zukunft träu⸗ geriſch ineinander floſſen.

er, wie ein flüchtiges Schiff, mit ſchönen, lichten Geſtalten beſetzt, in gleitet durch eine heitere Gegend voll Sonnenſchein. Dann es herauf mit finſterem und immer düſterer werdendem Ge⸗ as Gewitter brach los und brachte die Nacht und den er die Gräber beleuchtete, und hinter d dieſen in troſtloſer gähnte der Auund der Zukunft. Ueber ihrem Sinnen

ſagte der Geiſt⸗ uns beugen

vor Wuth.

Die Vergangenheit zog an ihr vor⸗

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gewahrte ſie nicht, daß Alwine erwacht war und, ohne ſich zu

regen, ſie lange mit den milden, ſeelenvollen Augen betrachtete.

Du biſt bei mir! ſagte ſie endlich leiſe.Das iſt mir lieb.

dch hätte Dich ſchon lange gern allein geſprochen, um Dir für Deine Sorge und Liebe zu danken.

Wie können Sie ſe was ſagen, Fräulein? erwiderte! Toni. Ich thu's ja gern.

Deine Sorge, fuhr Alwine fort,iſt mir doppelt wohl⸗ thuend, weil gerade Du, wenn auch ohne nſpes Schuld, durch uns den bitterſten Schmerz erfahren haſt. Du haſt Deinen Bräu⸗ tigam verloren. Es war klug und gut, daß wir von allem Ge⸗ ſchehenen nie geſprochen haben; aber unter uns Beiden beſteht kein Grund, weshalb wir davon ſchweigen ſollten. Ich habe ſüß geruht, und ein freundlicher Traum hat mich erquickt. Mir war, als zögen wir aufwärts durch den Wald nach der Blümelalm. Ich ſaß zu Pferde und Ambros ſtand neben mir und wollte mir eben die Hand reichen, mich herunterzuheben, als ich darüber erwachte. Sein Geſicht war ſo hell und freundlich, wie ich es ſelten geſehen. Der Sturm in ſeinem Gemüth hatte ausgetobt und ein ſtiller Ausdruck der Verſöhnung lag in ſeinen Zügen.

So iſt er auch in die Ewigkeit hinübergegangen, ſagte Toni.Ihr Name, Fräulein, iſt das letzte Wort geweſen, das er auf der Zunge gehabt hat. Die Erinnerung an Sie hat ihn im letzten A Augenblick noch dahin gebracht, daß er Allen ver⸗ ziehen hat.

Er war ein guter Menſch, flüſterte Alwine,ein trefflicher Kern, wenn auch in ſtachliger Schale. Ich freue mich, ihm drüben wieder zu begegnen, frei von der unſeligen Heftigkeit ſeines Gemüthes, die hienieden ſein Unglück war und auch ſeinen Tod herbeiführte.

Seinen Tod? fragte Toni verwundert. wie Sie das meinen.

Ich kann mir wohl denken, daß Du nicht erfahren haſt, wie es in jenem entſetzlichen Augenblicke zuging, als ſich die Beiden in der Schlacht begegneten. Mein Bruder hat Alles aufgeboten, einen Kampf zu vermeiden. Er vertheidigte ſich blos; aber Ambros in ſeinem wilden Grimme ſtürzte auf ihn los und rannte ſich ſelbſt das tödtliche Eiſen in die Bruſt.

Toni ſaß unbewealich, mit weit geöffneten, erwartenden Augen. Was ſagen Sie? Woher können Sie das wiſſen?

Mein Bruder hat es mir erzählt.

Ihr Bruder! rief Toni enttäuſcht. wohl wiſſen. O, ich weiß net, was ich drum geben wollt', wenn's ſo wär', wie Sie ſagen. Ich hab's ihm nie verzeihen können, daß er den armen Menſchen net verſchont hat.

Er konnte es nicht. Ambros munte ſich ſelbſt nicht mehr Er glaubte ſich von meinem Bruder betrogen; er glaubte, Günther habe ihm heimlich Dein Herz abwendig gemacht; er glanbie ihn von Dir geliebt.

Dunkle Gluth überzog Toni's Angeſicht; ſie zu erwidern.

Und er hat Recht gehabt, fort;denn Dein Erröthen zeigt, was ich manchmal geahnt. liebſt meinen Bruder wie er Dich.

Sachte, und ſo gut ſie es demnoche rückte ſie auf dem Kiſſen näher und ſtreckte Toni die Hand entgegen, die ſich ſchweigend darauf niederbeugte.Sie mögen es in der Ewigkeit ausmachen, ſagte ſie dann, nach einem Augenblick der Sammlung ſich erhebend. Sie ſtehen ja alle zwei vor unſerem Herngott.

Wie ſagſt Du? rief Alwine ſtaunend.Alle Beide? Du hältſt meinen Bruder für todt?

Nicht? Iſt er nicht todt? ſchrie Toni und ſprang auf in freudigem Schrecken über die unerwartete Botſchaft.Er iſt nicht im Kriege geblieben? Er lebt?

Er lebt. Er konnte uns auf der Reiſe nicht begleiten, weil er den Verkauf unſeres Gutes beſorgen mußte. Es war verab⸗ redet, daß er nach Tirol nachkommen ſollte.

Er lebt.. lebt! zrannelte Toni, indem ſie die Hände an Stirn und Herz d drückte.Und ich hab' um ihn geweint, wie um ein'n Todten, und hab' mein ſchwach's Herz gexen Sie ver⸗ rathen! Aber wie is denn das möglich? 2 Haben Sie denn net ſelber g'ſagt, daß Sie einen gleichen Verluſt erlitten haben wie wir? Gehen Sie net ſelber in der Klag'? 3 7

ſicier, iſt ge⸗

Ich wüßt' net,

Freilich, der kann's

vermochte nichts

wie ich jetzt ſehe, fuhr Alwine Du

Der Bruder meiner Mutter, ein höherer 9f