——
Rettungsruf nach der Meersburg zu kommen, und dieſer Ruf war es, welcher zugleich der deutſchen Literatur einen ihrer beſten Namen rettete, denn Schücking's Muſe wäre unzweifelhaft erſtickt unter den Actenſtößen des preußiſchen Juſtizdienſtes.
Auf dem ſchwäbiſchen Schloſſe entfaltete ſie ſich unter dem Einfluß ſeiner dichteriſchen Beſchützerin in deſto raſcheren Erfolgen. Es entſtand ein wahrer Wettgeſang zwiſchen Levin und Annette. Es iſt ſchwer zu entſcheiden, wer Sieger blieb oder vielmehr weſſen Einfluß die Oberhand behielt. Unleugbar hat Schücking viel zur Klärung und beſtimmtern Geſtaltung der Droſte'ſchen Poeſie bei⸗ getragen. Man vergleiche nur ihre letzten Erzeugniſſe mit den erſten, bei deren Entſtehung ſie ihm noch fern ſtand. Das geiſtige Zuſammenleben war zwiſchen Beiden ſo innig, daß der Roman „Eine dunkle That“ von Levin Schücking eigentlich ein gemein⸗ ſames Erzeugniß iſt.
Die Uebereinſtimmung der Geiſter ſprach ſich ſeltſamerweiſe auch in einer auffallenden Aehnlichkeit der Körperlichkeit aus. Levin hätte ſehr gut für einen Sohn der Dichterin gelten können, obwohl er nur vierzehn Jahre jünger war als ſie. Seine blauen, glänzenden Augen glichen den ihrigen, wie ja auch Freiligrath von ihm ſang:
„Mein Freund Levin mit den Geſpenſteraugen... ſeine feine Naſe zeigte dieſelbe geniale ſchiefe Richtung wie die ihrige, und ſeines Mundes Lächeln war genau derſelbe Kampf zwiſchen Ernſt und Scherz, der ihre Lippen reizend umſchwebte, wenn ſie lächelte, eigentlich immer gegen ihren Willen— nie gezwungen, nur der holden Naturgewalt wahrer Heiterkeit und anmuthiger Spottluſt nachgebend! Selbſt die zarte Gliederung von Händen und Füßen, das ſchwächliche Knochengerüſt war bei⸗ den poetiſch⸗nervöſen Naturen eigen, nur trug Levin's Schädel braunes Haar, während Annette das echte Gold der rothen Erde Weſtphalens als Hauptſchmuck beſaß. Eins ihrer ſchönſten Gedichte ſchildert das innige Band, das ſie mit ihrem Schützling ver⸗
74
es
knüpfte, Seite 165:
befindet ſich in der mehrerwähnten Sammlung „Kein Wort, und wär' es ſcharf wie Schwerterklingen, Soll trennen, was in tauſend Füäden Eins!“ Es kam freilich auch oft zum Kampfe zwiſchen den beiden eng⸗ verbundenen Geiſtern; ihr ſtarrer ariſtokratiſcher Sinn, der in der Praxis ſo ſchön gemildert wurde durch die Humanität ihres edlen Herzens, gerieth in der Theorie ſehr oft in Streit mit ſeinem demokratiſchen Bewußtſein, dem ewigen Ideal der Jugend. Einem ſolchen Kampfe verdankt dies Gedicht ſeinen Urſprung; es beweiſt, wie ſchnell ſtets die Verſöhnung darauf folgte.
V Das bewegte Dichterleben auf dem ſchwäbiſchen Schloß wurde
durch Schücking's Abreiſe im Jahre 1842 unterbrochen, er trat in die Dienſte eines kleinen Fürſten, ſpäter in die einer großen Zeitung und verband ſich mit ſeiner ſchönen talentvollen und lei⸗ der ſo früh verſtorbenen Gattin, Louiſe von Gall. Mit ihr zog er dann noch einmal nach der gaſtlichen Dichterherberge, der Meersburg, um ſich den mütterlichen Segen ſeiner Muſe zu holen.
Am 24. Mai 1848 endete ein Herzſchlag das Leben von Deutſchlands größter Dichterin; ſie ruht auf dem kleinen Todten⸗ hof von Meersburg, ein Grab in heimathlicher Erde unter weſt⸗ phäliſchen Eichen und Nachtigallen wurde ihr nicht zu Theil, aber ein poetiſcher Immortellenkranz, wie ihn E. Rittershaus in feinem herrlichen Gedicht jüngſt dargebracht, erſetzt es ihren Ma⸗ nen. Der gelehrte Ritter Joſeph von Laßberg hat ſeine wappen⸗ verzierte Grabcapelle neben ihrem ſchlichten Naſenplätzchen und
unweit der Stätte, wo auch Mesmer, der berühmte Begründer der Lehre vom thieriſchen Magnetismus, ruht, gefunden, während ſein Gemahl im Familiengrab in Weſtphalen ruht. Die verwaiſte Meersburg ſteht unter dem milden Scepter, dem Lilienſtengel, der beiden Zwillingsjungfrauen Hildegard und Hildegund, in denen der poetiſche Geiſt und das humane Herz ihrer Tante fortleben.
Blätter und BZlüthen.
Ein Demagogenriecher in Aengſten. An einem ſchönen Sommertage — Donnerstag, den 10. Auguſt 1820, Abends zwiſchen fünf und ſechs Uhr— ſaß, nichts Böſes ahnend, in ſeinem bequem und elegant eingerichteten Wohnzimmer im Bade Gaſtein Herr Frdr. von Gentz. Allerhand ange nehme Gedanken durchkreuzten ſeinen Kopf. Vielleicht ſchwelgte ſeine Er⸗ innerung noch einmal in den Tagen der Carlsbader Conferenzen, wo man ein Jahr früher durch einen einmüthigen Beſchluß der großen deutſchen Staatsmänner die Demagogen und das Turnweſen beſeitigt hatte. Mit Stolz empfand er, daß der Carlsbader Congreß eine große Epoche in der Geſchichte bezeichne, die größte retrograde Bewegung, die ſeit dreißig Jahren in Europa ſtattgefunden hatte. Und mit dieſem weltgeſchichtlichen Ereigniß war ſein Name auf's Innigſte verknüpft, denn kein Anderer als er hatte das Proto koll geführt und faſt alle Beſchlüſſe in der Faſſung vorgelegt. Hatte doch die Verſammlung am Schluſſe„dem Herrn Hofrath von Gentz ihre wärmſte Erkenntlichkeit für die wichtige Unterſtützung ausgedrückt, die ſie in ſeinen durch das volle Gepräge ſeines großen Talentes ausgezeichneten Arbeiten gefunden“. Vor ihm gaukelten wohl all' die über den prächtigen Erfolg hoch erfreuten Geſichter der Staatsweiſen, namentlich ſein erhabener Gönner, der Fürſt von Metternich, der„ſich in einem Zuſtande der Exaltation be⸗ fand, die ich Ihnen nicht ſchildern kann, und der hier ganz, beſtimmt den glänzendſten Moment in ſeiner ganzen Laufbahn erlebt hatte“.(So ſchreibt F. von Gentz an ſeinen Freund Pilat am 1. September 1819 aus Carlsbad.) In einem Augenblick hatte ſich die Stimmung dort ſo erhoben, daß am Schluß der Sitzung Jemand den Vorſchlag that, Alle ſollten in die Kirche gehn und den Ambroſianiſchen Lobgeſang anſtimmen. Und der Vorſchlag wäre gewiß ausgeführt— wenn er nur leider nicht von einem Proteſtanten hergekommen wäre! 3 In ſolchen Gedanken geſtört zu werden, iſt immer nicht angenehm. Ein Diener tritt ein und meldet den Dr. Reimer aus Berlin, der mit einem jungen Manne dem Herrn Hofrath aufzuwarten wünſche. Die Schilderung dieſes Beſuches und einiger ſich daran knüpfender Erwägungen beſitzen wir in des Herrn Hofraths eigener Darſtellung.—
„Ich glaubte“, ſo ſchreibt er an ſeinen Herzensfreund Pilat, den Re dacteur des officiellen Wiener Beobachters— dieſe Briefe ſind jetzt kürzlich von dem Heidelberger Profeſſor Mendelsſohn⸗Bartholdy herausgegeben— „es ſei ein Sohn des bekannten Reimer, und leugne Ihnen nicht, daß ſofort alle Sands und Löhnings von Norddeutſchland vor meinem Ge müthe ſtanden. Da die beiden Menſchen ſchon im Nebenzimmer waren, ſo blleb Anſtandshalber nichts übrig, als ſie kommen zu laſſen. Hierauf trat ein der berühmte Herr Buchhändler in höchſteigener Perſon, nebſt einem iemlich jungen und ſehr häßlichen Hrn. de Wette, vermuthlich einem Sohn es berüchtigten(!) Profeſſors. Sie waren auf einer Fußreiſe zu Mittag ier angelangt, hatten das Naßfeld beſehen und wollten noch denſelben bend ihren Rückmarſch nach Hof⸗Gaſtein antreten, von wo ſie dann über alzburg, Linz und Prag nach Berlin zurückkehren. Der Beſuch, deſſen
eigentliches Motiv ich nicht begreifen konnte und noch nicht begreifen kann, ſetzte mich in einige Verlegenheit, die ich aber unter einer ſehr höflichen Aufnahme, ſo gut es gehen wollte, verbarg.
Sie erzählten mir, ſie kämen von München und hätten das Unglück gehabt, auf einer Wanderung von dort nach dem Kochelfall einen ihrer Reiſegefährten, einen Maler Zimmermann aus Berlin, zu verl eren. Dieſer junge Deutſche hatte ſich aus reinem Uebermuthe(!) fünf Meilen diesſeits München in einem reißenden Bergſtrome(der Loiſach) gebadet und war
ohne Weiteres ertrunken. Seine Geſellſchaft ging alſo nach München zu⸗
rück, ließ ihn dort begraben und wanderte nun nach Salzburg, und durch den Pinzgau nach Gaſtein, um hier etwa acht oder neun Stunden zuzu⸗ bringen..
Ich fragte, ob ihre Geſellſchaft zahlreich ſei, und erhielt die Antwort, ſie wäxen jetzt noch ihrer ſieben, wovon drei mir genannt, die Uebrigen vielleicht aus Schonung mir verſchwiegen wurden. Die Genannten waren: Herr Danz, Herr Röder und ein gewiſſer Herr von Förſter, der, wenn ich nicht ſehr irre, einer der Helden und Geſchichtsſchreiber der Befreiungs⸗ kriege war. Als ich dieſe Namen hörte, wurde mir ſonderbar zu Muthe. Indeſſen nahm ich meine Partie und ſetzte das Geſpräch ruhig fort. Es fiel, ich weiß nicht wie, auf die Handelsverhältniſſe zwiſchen den Bundes ſtaaten, dann auf die preußiſche Finanzverwaltung und Steuerſyſteme über⸗ haupt. Es dauerte, Gottlob! nur eine halbe Stunde. Jedes Wort, welches die Unholde ſprachen, verrieth den inneren Grimm gegen alles Beſtehende und ihre hochmüthigen Projecte, Alles neu zu ſchaffen. Von eigentlicher Politik hielt ich ſie ſtreng entfernt und auf die Frage, ob ich keine neuen Nachrichten aus Italien hätte, antwortete ich kurz und trocken mit: Nein! Als ſie fort waren, konnte ich mich nicht enthalten, Gott zu danken, daß ich mit dem Leben davon gekommen war; denn mehr als einmal kam mir der Gedanke, ſie würden Dolche oder Piſtolen aus der Taſche ziehen.
Allen Scherz bei Seite geſetzt, werden Sie wohl begreifen, daß ich, der ich mit dieſer Höllenbrut nun ſo lange in keiner Berührung geweſen bin, mich äußerſt unheimlich mit ihnen fühlen mußte und daß ich lieber
noch einmal, allenfalls auch bei Nacht, über alle hängenden Brücken der
Klam und alle Abhänge der Salzach gehen oder fahren, als mit dieſen
deutſchen Carbonari unter einem Dache leben wollte. Hätte ſich die Rotte auch nur auf drei Tage hier niedergelaſſen, ich wäre ſogleich davon ge⸗
gangen und hätte mich in Böckſtein oder Hof⸗Gaſtein ſo lange einquartiert, bis der Ort wieder rein geweſen wäre. Daß übrigens eine ganze Geſell⸗ ſchaft ſolcher notoriſcher Umtriebler, wovon wenigſtens die Hälfte erſt vor
ſechs Monaten eingeſperrt oder flüchtig war, unſere Provinz in allen Di⸗
rectionen ſrei durchſtreifen darf, ſcheint mir doch eine bedenkliche Sache;
und beſonders zu Fuß, wo alle Controlle aufhört und wo ſie in den abge⸗ legenſten Winkeln der Monarchie treiben können, was ihnen beliebt. Die Leichtigkeit, womit unſere Geſandtſchaften zu Berlin und Dresden Päſſe
„


