—
—
lediglich darauf beſchränkt haben, daß der Kurfürſt, der ſeine Ge⸗
mahlin, die berühmte Sophie Charlotte, aufrichtig und treu ge— liebt hat, nur zu gewiſſen Stunden des Tages in einer beſonderen Galerie des Schloſſes mit ſeinen Favoriten gravitätiſch auf und nieder ging, um die Mode jener Zeit mitzumachen, zu der an jedem Hofe auch eine wirkliche oder Titular⸗Favorite gehörte.
Einmal zu dieſer Höhe gelangt, kannte das würdige Paar keine Grenzen mehr für ſeinen Stolz und Uebermuth. Die frühere Schifferstochter forderte und verlangte den Vortritt vor allen Damen am Hofe, und ſelbſt die Herzogin von Holſtein verkaufte ihr für eine Summe von zehntauſend Thalern dieſes Recht, ſo daß ihr nur die Prinzeſſinnen des königlichen Hauſes vorgingen. Die ſtolzen märkiſchen Damen von Adel mußten ſich fügen oder ſich zurückziehen. Selbſt die Königin Sophie Charlotte hatte von der Frechheit dieſer Parvenue zu leiden, da ſie zu ſtolz und ehren⸗ werth war, der Gräfin den Zutritt zu ihren geiſtreichen Kreiſen zu geſtatten, und ſich mit ihren Vertrauten und Freunden über die ungebildete Titular⸗Favorite moquirte. Die Lettztere rächte ſich dadurch, daß ſie Zwietracht zwiſchen dem hohen Paare ſäete und außerdem die Einkünfte der Königin durch den Günſtling ſchmä⸗ lerte. Es kam ſelbſt zu argen Auftritten und Conflieten mit den Frauen der fremden Geſandten. Bei der Taufe einer neugebore⸗ nen Prinzeſſin verlangte die Gräfin Wartenberg wie gewöhnlich den Vortritt vor allen übrigen eingeladenen Damen. Dieſen un⸗ verſchämten Anſprüchen wollte ſich Frau von Lintlo, die Ge⸗ mahlin des holländiſchen Geſandten, nicht fügen. Hinter einer Draperie verſteckt, nahm ſie den günſtigen Augenblick wahr, um der Gräfin zuvorzukommen. Dieſe erholte ſich jedoch bald von ihrer Uebersaſchung und packte die Geſandtin bei ihrem Kleide, um ſie zurückzuzerren.„Frau von Lintlo,“ ſo erzählt ein Augen⸗ zeuge,„machte jedoch eine geſchickte Wendung, that einen Seiten⸗ ſprung und richtete im Kopfputz der Gräſin eine große Unordnung an, welche von der Gräfin durch einige Rippenſtöße ripoſtirt wurde.“
Dieſer Damenkampf drohte eine ernſte politiſche Verwickelung herbeizuführen. Die Gräfin verlangte und erhielt die gewünſchte Satisfaction, indem der Geſandtin der fernere Beſuch des Hofes verboten und eine feierliche Abbitte von ihr gefordert wurde. Als der Geſandte dagegen opponirte, erließ Graf Wartenberg eine Note an die Generalſtaaten, worin er drohte, die im Dienſte der Generalſtaaten ſtehenden preußiſchen Hülfstruppen zurückzuziehen; gleichzeitig erließ er an den commandirenden General den Befehl, Alles zum Rückmarſch anzuordnen. Unter dieſen Umſtänden ſah ſich Frau von Lintlo durch die Inſtructionen der Generalſtaaten gezwungen, ihrer Gegnerin öffentlich eine vorher genau ſtyliſirte Abbitte zu leiſten.
Aber nicht immer war die Gräfin ſo glücklich, das Feld zu behaupten. Die zweite Gemahlin des Königs war nicht ſo nach⸗ ſichtig wie die liebenswürdige Sophie Charlotte, die ſich mit einigen Spöttereien begnügte. Als die Königin mit ihren Damen, unter denen ſich auch die Favorite befand, an einem Teppich arbeitete, ließ dieſe ſich von ihrem eigenen Bedienten den Kaffee in einer ſilbernen Taſſe ſerviren. Ueber dieſe maßloſe Unverſchämtheit erzürnt, befahl ihr die Königin, ſich mit ihrem Bedienten zu ent⸗ fernen und ihren Kaffee zu Hauſe zu trinken. Da die Gräfin ſich jedoch nicht ſtören ließ, rief die wüthende Königin einen Lakaien, um„dieſe Frau da“ und ihren Bedienten aus dem Fenſter zu werfen. Auch die ruſſiſche Geſandtin, Gräfin Matuoff, war nicht geneigt, den frechen Anſprüchen der Gräfin zu weichen. Bei einem Diner, das der Erſteren zu Ehren gegeben wurde, weigerte ſich die Favorite zu erſcheinen, wenn ihr nicht vorher der Vortritt zugeſtanden würde. Da dem Könige damals viel an der Freund⸗ ſchaft des ruſſiſchen Hofes lag, ſo mußte ſich in dieſem Falle die Gräfin Wartenberg, wenn auch mit Widerſtreben, zur Abbitte bequemen.
Solche Vorfälle mußten auf die Länge der Zeit ſelbſt den gutmüthigen König auf das Treiben ſeines Günſtlings aufmerkſam machen und ſein unbegrenztes Vertrauen erſchüttern. Dazu kamen noch Klagen gegen Wartenberg und ſeinen Anhang. Diesmal trat der Kronprinz ſelbſt, dem bei ſeiner Sparſamkeit die Ver⸗ ſchwendung des Günſtlings beſonders verhaßt war, an die Spitze einer Partei, welche um jeden Preis den Miniſter entfernen wollte.
.
Die gefährliche Rolle des Anklägers übernahm der„ehrliche Kamecke“, ein biederer, anſpruchsloſer Mann, der dem verblen⸗ deten Könige die Augen öffnete. Durch das Schickſal des unglück⸗ lichen Werſen gewarnt, richtete er ſeine Beſchuldigungen nicht direct gegen den Grafen Wartenberg, ſondern gegen den Grafen Wittgenſtein, deſſen ergebenſte Creatur. Kamecke führte nämlich den Beweis, daß Wittgenſtein ſich eigenmächtig eine Gehaltszulage von fünftauſend Thalern zugetheilt, große Summen, die zur Unterſtützung der durch die Peſt heimgeſuchten Provinzen beſtimmt waren, unterſchlagen und außerdem ſiebenzigtauſend Thaler, die der König für die abgebrannte Stadt Croſſen bewilligt, für ſich zurückbehalten habe. Wittgenſtein wurde für ſchuldig befunden und auf die Feſtung Spandau gebracht, trotzdem er ſich in ſeiner Vertheidigung auf die Befehle des Grafen Wartenberg berief. So groß war die Wuth des erbitterten Volkes, daß bei ſeiner Abführung ihn ſeine militäriſche Begleitung vor Mißhandlung ſchützen mußte.
Bald folgte ihm der Günſtling nach, obgleich der König nur ungern in ſeine Entlaſſung willigte. Der Graf, welcher ſeine Schwäche nur zu gut kannte, forderte nur noch einmal ſeinen Gebieter zu ſehen; er ließ ſich vor ihm auf ein Knie nieder und bat ihn flehentlich, ihm nicht ſeine Gnade zu entziehen, da er lieber ſterben als den Anblick ſeines gütigen Herrn miſſen wolle. Es gelang ihm in der That, den gutmüthigen Friedrich bis zu Thränen zu rühren; er umarmte den Grafen und ſchenkte ihm noch einen Ring im Werthe von ſechsundzwanzigtauſend Thalern, aber trotzdem blieb er feſt, indem er die Nothwendigkeit der Trennung einſah und deshalb den Grafen vom Hofe verbannte. Vor ſeiner Abreiſe ſchrieb er noch einmal dem König und erſuchte ihn, ſeinen Palaſt in der Poſtſtraße und den Garten Monbijou, den die Gräfin nach dem Tode der Königin Sophie Charlotte zum Geſchenk erhalten hatte, ſowie ſein koſtbares Porcellan⸗Cabinet von ihm annehmen zu wollen. Der König bewilligte dies Geſuch, ließ ihm aber den vollen Werth der Schenkung in baarem Gelde auszahlen. Mit dieſer Summe und den Millionen, die erndem Lande abgepreßt, zog ſich der geſtürzte Günſtling nach Frankfurt am Main zurück, wo er unangefochten bis zum Jahre 1712 lebte und bis zu ſeinem Tode noch eine Penſion von vierundzwanzig⸗ tauſend Thalern bezog. Seine Beſtrafung konnte nicht erfolgen, da er von jeder Verantwortung durch die oben angedeutete Urkunde frei⸗ geſprochen wurde, deren bemerkenswerther Paſſus lautet:„daß, wenn bei des Oberkämmerers Verwaltung der Domänen und Schatullengüter irgendwelche Unrichtigkeiten in den Rechnungen, Verſäumniſſe und Vernachläſſigungen der kurfürſtlichen Intereſſen⸗ vorkommen ſollten, nicht er, der Oberkämmerer, ſondern die Subalternen zur Verantwortung gezogen werden ſollten.“
Auch Graf Wittgenſtein wurde ſchon nach einem halben Jahre wieder von der Feſtung entlaſſen, mußte aber achtzigtauſend Thaler Strafgelder zahlen und das Land meiden. Trotz dieſer milden Behandlung erhoben ſeine Standesgenoſſen Beſchwerde beim Kaiſer, indem ſie dem Könige das Recht beſtritten, einen deutſchen Reichsgrafen, der in ſeinen Dienſten und Sold ſtand, zu beſtrafen, auch wenn er ein notoriſcher Verbrecher und über⸗ führter Betrüger wäre. Der Dritte in dem ſauberen Bunde, Graf Wartensleben, war ein gutmüthiger Mann, nur gegen den allmächtigen Günſtling allzu nachgiebig und gefällig; er wurde deshalb nur ſeiner Aemter entſetzt und vom Hofe verwieſen. Die verbannte Favorite begab ſich nach dem Ableben ihres Gatten nach Paris, wo ſie ihr Leben fortſetzte und ſo viele Liebſchaften hatte, daß man, wie ſie ſelbſt frivol von ſich rühmte, eher die Muſcheln am Strande von Scheveningen zählen könne, als ihre galanten Abenteuer.
Trotz aller Beweiſe ſchwerer Schuld bewahrte der König dem gefallenen Günſtling eine faſt unbegreifliche Freundſchaft. Am Tage, wo die Leiche des Grafen Wartenberg laut ſeiner teſtamen⸗ tariſchen Anordnung nach Berlin gebracht wurde, um in der dortigen Parochialkirche beigeſetzt zu werden, vergoß Friedrich Thränen der Trauer und ließ ſich längere Zeit von Niemand ſprechen. Das preußiſche Volk aber bewahrte dem Günſtling und ſeinen Creaturen ein wohlverdientes ſchimpfliches Andenken durch den Namen der„drei Wehs“. R


