Jahrgang 
40 (1868)
Seite
638
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geſelliges Leben, ſie haben ein freundliches Clublocal mit vielen deutſchen Zeitungen und Manche von ihnen hübſche Sommerſitze in der Nähe der Stadt, um dort unter den fächerblätterigen Morichepalmen und prachtvollen Mangobäumen die Sonntage zu verbringen. Ich ſelber werbe Bolivar immer eine liebe Erinne⸗ rung im Herzen tragen, denn die guten Menſchen dort haben mir die kurze Zeit meines Aufenthaltes zu einem Feſttag gemacht und mich von allen Seiten mit Liebe überſchüttet. Ich war ihnen kein Fremder, den der Zufall an ihre Küſte geweht, und die Tage ver⸗ gingen mir nur zu raſch.

Aber auch Präſident Dalla Coſta nahm mich mit wahrer Herzlichkeit auf und war eigentlich die Veranlaſſung, daß ich Bolivar früher wieder verließ, als ich anfangs beabſichtigt hatte, indem er mir alle ihm zu Gebote ſtehende Mittel bot, um mir die Reiſe in die Goldminen Venezuelas ein etwas anſtrengender Spazierritt, wenn man ſo ſchon recht von Herzen wandermüde iſt zu erleichtern. Aber es war einer der intereſſanteſten und vielleicht für Venezuela wichtigſten Punkte, die ich in dem weiten Land geſehen, und ich kann ihm nur aufrichtig dankbar dafür ſein.

Angoſtura ſelber iſt regelmäßig gebaut, ſa viel es wenigſtens der mit Steinen überſäete Hügel, auf dem ſie ſteht, erlaubt. Sie hat aber inſofern eine nicht beſonders günſtige Lage, als dicht unter ihr eine weite Lagune einmündet, die in der trockenen Jahres⸗ zeit ihr Waſſer ſo ziemlich vollſtändig verdunſtet, und dadurch zu⸗ weilen Fieber erzeugt, wie zahlloſen Inſectenſchwärmen Vorſchub

leiſtet. Dalla Coſta aber, der ſchon viel für die Stadt gethan

und beſonders in letzter Zeit neue breite Wege darum her geöffnet hat, beabſichtigt ebenfalls die Lagune trocken zu legen, und das würde eine Wohlthat für die Stadt werden.

Der intereſſanteſte Punkt in Bolivar iſt das eigentliche Ufer des Orinoco und die beiden Häfen oder Anlandungsplätze, der eine oben für die kleinen Fahrzeuge, der andere etwas weiter unter⸗ halb für Schiffe und Dampfer. Nähert man ſich der Stadt, ſo ſind es beſonders die waſchenden Negerfrauen, welche die Aufmerk ſamkeit gleich und entſchieden feſſeln, und man muß wirklich Waſch⸗ frauen in Venezuela ſelber geſehen haben, um ſich einen richtigen, aber dann auch höchſt lohnenden Begriff von ihnen zu machen. Es iſt ein wahrer Genuß.

Dieſe nützlichen Weſen haben ſich nämlich eine ſo praktiſche als maleriſche Tracht geſchaffen, die man aber eigentlich mehr maleriſch als ſchön, auf keinen Fall frauenhaft nennen könnte. Sie müſſen fortwährend mit Füßen und Armen im Waſſer ſein, möchten ſich aber auch nicht gern die Kleider naß machen und haben deshalb etwas erfunden, was ſie nicht zwingt ohne Klei⸗

der zu erſcheinen, aber auch zu gleicher Zeit Alles entfernt, was

ihnen im Weg iſt. Ihre Röcke ſteceen ſie dabei ſo zuſammen, daß ſie wie weitbauſchige, oft ſehr kurze Schwimmhoſen ausſehen, die Arme ſind vollſtändig entblößt und Halstücher fehlen gänzlich;

ſo kommt es denn, daß man, wenn man ſie von Weitem ſieht,

gar nicht recht weiß, ob es Männer oder Frauen ſind, und nähert

man ſich ihnen und hört ihre Baßſtimmen, ſo wird man erſt

recht irre. Man ſieht oft zwanzig und dreißig von ihnen auf

den großen braunen Steinplatten, unmittelbar am Waſſerrand

wirthſchaften. Die Wäſche maltraitiren ſie freilich auf das Grau⸗ ſamſte; die feinſten Hemden werden auf eine Weiſe geſchlagen und auf den Steinen abgerieben, daß es nur als ein Wunder erſcheint,

wenn ſie eine ein malige derartige Behandlung aushalten, aber

jedenfalls amüſiren ſie ſich vortrefflich dabei, denn das Lachen und

Schwatzen, Schreien und Jubeln während ihrer Arbeit läßt ſich das größte Intereſſe an ſeinen Fortſchritten. Auch von ihnen gilt

kaum beſchreiben.

da aufgeſchichtete Wäſche ganz vortrefflich macht. Dazwiſchen ſieht man auch eine Anzahl lebender Kinder und junger Mädchen, die ſich vor einem vorbeitreibenden Canoe, in dem ſie keinen Frem⸗ den, ſondern nur Eingeborene vermuthen, nicht im mindeſten geniren.

das Nämliche, wie von den übrigen Deutſ

Bunt genug ſieht der Platz dabei ebenfalls aus, denn der braune dunkle Stein bildet einen vortrefflichen Hintergrund zu dem lebendigen Bild, auf dem ſich die ausgebreitete und hie und

Ein kleines Stück weiter unten hat ein großer indianiſcher Bungo lein großes Canoe) angelegt, der Caſave, Hängematten und Schildkröteneier den Strom herabgebracht. Es ſind Caraiben, und zwiſchen den Steinen, unmittelbar am Fluſſe, haben ſie ſich ihr Zelt aufgeſchlagen, das heißt, nur eine Decke zwiſchen Stöcken ſchräg ausgeſpannt. Merkwürdiger Weiſe ſind aber bei dieſen die Männer weit mehr bekleidet, als die Frauen, und die jungen Mädchen beſonders tragen nur eine Art von ſehr kleinem Schurz und ein buntes Stück Zeug um die Taille, während die Indianer ſelbſt meiſt immer eine Art Poncho, oder hier Cobija genannt, überhängen haben. Während dieſe aber ihre langen, dünnen Cigarren rauchen, kochen die Frauen vorn dicht am Waſſerrand, und ſetzen ſich die kleinen Kinder in und außer dem Waſſer herum. Die Furcht vor Kaymans ſcheint hier lange nicht ſo groß zu ſein, als weiter oben im Apure.

Noch weiter unterhalb liegt eine Menge von Canoes, die eine Ladung ſtromab gebracht haben, oder ſich eben wieder fertig machen, in ihre Heimath aufzubrechen. Andere halten über den Strom hinüber, einem dort angelegten kleinen, ſehr unbedeutenden Städtchen zu, das in der Provinz Barcelona liegt. Nur die Felſenmaſſe iſt ihnen dabei etwas im Wege, die Bolivar gerade gegenüber mitten aus der Fluth emporragt und ſonderbarer Weiſe einen einzigen Baum auf ihrem Rücken trägt. Bei ſehr hohem Waſſerſtande ſollen jene jetzt ziemlich bedeutenden Felsmaſſen faſt ganz von der Fluth bedeckt ſein und dann eine furchtbare Strömung an ihnen vorbeirauſchen. Jetzt fing die Regenzeit erſt an und der Fluß konnte kaum vier bis fünf Fuß gewachſen ſein. 1

Ich darf aber Angoſtura nicht verlaſſen, ohne eines Deutſchen zu erwähnen, der ſo lange in Venezuela lebt, daß er dort nicht allein Kinder und Enkel, nein ſogar fünf Urenkel gezogen und außerdem jetzt den Namen Angoſtura in der ganzen Welt verbreitet hat. Ich meine den alten Herrn Dr. Siegert, einen der geachtel⸗ ſten Leute in der Stadt und den Verfertiger des berühmten Angoſtura⸗Bitteren, ohne den jetzt ſchon weder Dampſer noch Segelſchiſf mehr die See befährt. Er iſt mit einer Dame aus Venezuela verheirathet, und dieſe ſoll eigentlich wie denn die dortigen Frauen überhaupt die meiſte Kenntniß von einheimiſchen Pflanzen und Kräutern beſitzen das Geheimniß der Zuſammen⸗ ſtellung entdeckt haben. Im Anfang wurde der bald beliebte Bittere denn auch nur im Kleinen fabrieirt. Wie er aber mehr und mehr bekannt wurde, ſtieg der Bedarf mit der Nachfrage der⸗

artig, daß Herr Dr. Siegert ſeine beiden Söhne mit in das Ge⸗

ſchäft nehmen mußte und jetzt die ganze Fabrikation wie den Ver⸗ ſand großartig betreibt. Die venezuelaniſche Regierung wollte den Namen Angoſtura verwiſchen und den von Bolivar an ſeine Stelle bringen, aber unſer deutſcher Landsmann litt es nicht, ſondern ſetzte dem alten durch ſeinen Angoſtura⸗Bitteren ein wenn auch flüſſiges, doch bleibendes Monument.

Die Geſchäfte liegen jetzt dort ziemlich darnieder und wo iſt in dieſem Augenblicke eigentlich ein Platz in der ganzen Welt, wo ſie blühen? Die Revolution kann aber doch nicht ewig dauern, und gewinnen die etwa ſechszig bis ſiebenzig Leguas von Bolivar gelegenen Minen wirllich die Bedeutung, die ſie ihrem

Neichthum nach verdienen, ſo muß ſich dort raſch Alles heben.

Uebrigens befinden ſich unſere deutſchen Landsleute dork vortreff⸗ lich, und trotzdem daß ſie, weit von der Heimath entfernt, ge⸗ wiſſermaßen mitten in der Wildniß wie in einer Oaſe leben, haben ſie ihr Herz noch dem alten Vaterlande zugewandt und nehmen

chen überall im Aus⸗ lande: ſie kennen keinen Particularismus ſie wollen ein einiges, großes, deutſches Vaterland und begrüßen mit Jubel jede Nach⸗ richt von daheim, die ihnen kündet, daß der norddeutſche hof⸗ fentlich bald der deutſche Bund wächſt und ſich kräftigt. Sie wiſſen am beſten, daß nur dann unſer Volk, unſer Name auch im

Auslande geachtet ſein kann, wenn wir feſt vereinigt ſtehen und

dadurch den Rang unter den Nationen einnehmen, der uns ge⸗ bührt.