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bot zwar eine Unannehmlichkeit, aber keine eigentliche Beſchwerde. Und das Joch hinauf konnte die Decke nicht immer ſo dicht ſein. Wer Stunden lang in ſehr tiefem Schnee watet, macht die Be⸗ merkung, daß es dann keine Kälte giebt, welche ihn verhindert, zu ſchwitzen, denn die Gymnaſtik des Herausziehens der Beine aus der tiefen, zähen Flockenſchicht hält ihn mehr als warm. So war es auch bei mir; noch ehe ich an den Fuß des Berges kam, war ich vor Hitze roth, als ob ſtatt der zwanzig Grad Kälte die Sonne eine Temperatur aus den Hundstagen herabſchickte. Oft blieb ich einen Augenblick ſtehen, um mich durch einen Schluck Wein zu ſtärken; war dieſer natürlich auch kalt wie Eis, ſo hielt ich doch nicht an, um vorher auszuſchnaufen, einestheils weil die Zeit drängte, und dann weil jeder Fuß⸗ und insbeſondere Alpen⸗ reiſende weiß, daß die Gefahr vom Trunk in der Hitze eine Fabel iſt, vorausgeſetzt, daß gleich darauf wieder die entſprechende Be⸗ wegung eintritt.
Die Art von Steg, welche der Herzog von Coburg, der Beſitzer dieſer felſigen Jagdgründe, über das Blumſerjoch anlegen ließ, war auch unter der Schneehülle nicht ſchwer zu entdecken. Außer⸗ dem bemerkte ich hier die Fußſtapfen jenes famoſen Holzknechtes, der ſeinen Uebergang acht Tage vorher bewerkſtelligt hatte, und ſo wand ich mich, oft in die gefrorenen Höhlungen tretend, die von ſeinem Schuh zurückgelaſſen waren, allmählich das Joch hinan. Das Steigen hatte freilich allerlei Schwierigkeiten.
Manchmal lagen gewichtige Lawinen da, welche von einem früheren Thauwind herabgeworfen worden, jetzt aber vom Froſt mit ſpiegelglattem Eis überzogen waren; es war mühſam über die zertrümmerten ſchlüpfrigen Brocken hinüber zu klimmen. Je mehr ich mich der Jochhöhe näherte, deſto dünner wurde allerdings die Schneeſchicht, allein die ſchwache Kruſte, in welche ſie zuſammen⸗ geſchmolzen und dann gefroren war, machte dafür den Fuß bei jedem Schritte vorwärts um drei nach rückwärts ausgleiten. Nun bereute ich es, keine Steigeiſen mitgenommen zu haben. Ich war ſchon im Begriff geweſen, ſie einzupacken, als ein der Gegend ſehr kundiger Jäger mir davon abrieth, indem er ſagte, es werde ſicherlich auf dem Joch kein Eis liegen. Dazu wird das Blumſer Joch, je näher man dem Grate kommt, immer ſteiler, ſo daß es zuletzt nothwendig wurde, für den Fuß vorher mit dem Berg⸗ ſtock eine kleine Höhlung zum Anhalt in's Eis zu ſchürfen. Plötzlich konnte ſich mein Hund mit ſeinen ſpitzen Krallen auf der ſchiefen Eiswand nicht mehr halten; er kam in's Rutſchen und blieb einige
hundert Fuß tiefer an einem Legföhren⸗Gebüſch hängen— noch einige Schritte weiter und er wäre über eine faſt hundert Fuß hohe Wand hinter jenen Föhren hinabgeſtürzt— ein lehrreicher
Fingerzeig für das, was aus mir werden konnte, wenn ich ein⸗ mal meine Stütze auf dem Eis verlor! Nachdem ich meinen vier⸗ füßigen Begleiter mit der größten Anſtrengung wieder heraufge⸗ bracht und danach noch ungefähr eine Stunde fortgeklettert war, erreichte ich endlich die Jochhöhe. Man kann ſich denken, daß ich bis hierher ungemein vorſichtig und langſam zu Werk gehen mußte — denn abgeſehen von der Gefahr eines tiefen Sturzes konnte ja ſchon die einfachſte Verrenkung in einer ſolchen Einöde verderblich werden. Aber das, was ich fürchtete, geſchah nicht, und das, was
ich nicht ahnte, geſchah.
Als ich auf der Jochhöhe ſtand, ging die Sonne unter. Ein blutrother Schein hing noch an den umſtehenden Bergrieſen und ferne aus dem Zillerthal und von Stubai herüber glänzten die Gletſcher wie Kohlengluth vor dem Erlöſchen. Alles Uebrige ſchimmerte weiß in der froſtigen Dämmerung, in den Thälern lag ſchwarze Nacht. Ein lauer Wind ſtrich über die Höhe, auf welcher ich neben einem Kreuze ausruhte. Drohend, wie ein klaffender Abgrund, lag das finſtere Thal unter mir, in welches ich jetzt hinüber ſollte— nur der zackige Gemskar zeigte auf ſei⸗ nen höchſten Spitzen noch einen Wiederſchein der hohen Abend⸗ röthe. Eine lange, lange Strecke an jähen Abgründen, durch Wälder und über gefrorene Achen hin lag noch vor mir— über die erſtarrte Welt war die Nacht heraufgeſtiegen; aber konnte ich zurück?— Nun ging es alſo auf der andern Seite bergab. Bald machte ich zu meiner Beſtürzung die Entdeckung, daß hier, auf der Weſtſeite des Gebirgsrückens, der Schnee in viel gewaltigeren Mengen angeweht war, als drüben. Aber welcher Schnee! Die hohe Lage in der trocknen Luft begünſtigt die Ausſtrahlung der Feuchtigkeit— es iſt alſo keine zuſammenhängende Maſſe, keine feuchte Flockenſchicht, wie in der Ebene, ſondern eine unermeßliche 7
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Anhäufung von Rhomboedern und Nadeln von reinem Eis. Wenn man hineinſtürzt, raſchelt es, als ob man auf einen Strohſack fiele. Und nun begann das Stürzen und Sinken mit jedem Schritt. Denn, um nicht hart an den Rändern der jähen Abhänge gehen zu müſſen, an denen ein Fehltritt in der Dunkelheit mich, der Himmel weiß, wohin, befördert hätte, mußte ich mich ſtets auf der Bergſeite halten, an welcher die Eiskryſtalle aber fortwährend bis zur Höhe eines mittelgroßen Menſchen aufgehäuft waren. Da war jeder Schritt eine Mühſal und eine Stunde brachte mich nicht weiter, als ich ohne dieſe Schneewehen in fünf Minuten gekom⸗ men wäre.
Uebrigens war das noch immer nicht das Aergſte. Denn auf jenen hohen Stellen, wo es keinen Baumwuchs mehr giebt, hatte ich doch den fahlen Glanz vom Himmel und den hell glänzenden Sternen und eine weite Rundſchau, ſoweit ſie eben eine heitere Winternacht zuläßt. Und dieſe iſt in jenen klaren Höhen heller, als in der dumpfen Luft der Niederungen. Als ich aber wieder in die Waldregion herabkam, welche ſchon am Tage einen dämmerigen Schatten auf die Bergwand wirft, hörte das Sehen faſt auf und es blieb mir überlaſſen, durch den Bergſtock zu unterſcheiden, wo ſich der Abhang hinunter und die Felswand aufwärts zog. Die Fußſtapfen des Holzknechts hatten hier ganz aufgehört, denn neuer Schnee mußte ſie fußhoch überrieſelt haben. So mußte ich, bis über die Schenkel im Schnee, oft gegen Stämme und Aeſte ſtoßend, von undurchdringlicher Finſterniß umgeben, einen Abhang hinab, deſſen Tiefe mir das undeutliche Summen der Waſſerſtürze verrieth, welches aus der unſichtbaren Kluft herauf⸗ drang. Meine Lage begann bedenklich zu werden. Die Kälte ſtieg, je weiter ich herunter kam, und nach zweiſtündigem Niederklettern hatte ich ein Plateau erreicht, auf dem ſie ſtrenger war, als ſie je am frühen Morgen in den eiſigen Thälern draußen geweſen. Es mochte eine Temperatur von zwanzig bis fünfundzwanzig Réaumur in der Luft liegen. Dazu hatte ich auch allmählich jede Sicherheit in Beziehung auf meine Richtung verloren und ſchon hier gab ich alle Hoffnung auf, noch in dieſer Nacht das Jäger⸗ haus von Hinterriß zu erreichen. Manchmal, wenn eine Lücke in den Felsſpitzen ſeinem Licht den Durchgang geſtattete, warf der Mond, deſſen dünne Sichel hier oben einen helleren Schein ver⸗ breitet, als unten ſeine vollere Scheibe, bleiche Strahlen durch die dichten Aeſte— aber es war, als ob ſie des Verirrten nur ſpotten wollten.
Bald kam ich wieder an einen Bach, zwiſchen deſſen Eis das ſtarke Gefäll noch einen Zug lebendigen Waſſers erhalten hatte. Ein paar ſchlüpfrige Prügel verbanden ſeine glaſigen Felsufer; ich überſchritt ſie vorſichtig, war aber noch nicht auf der Mitte des Stegs, als ich ausglitt und einige Fuß hoch in das Waſſer hinabſtürzte. Es ging nur bis an die Knöchel und ohne weitere Beſchädigung konnte ich in der Finſterniß an das andere Felsufer mich wieder'hinauftaſten.
Die nächtlichen Stunden verfloſſen— meine Vorräthe er⸗ ſchöpften ſich und das immerwährende Hindurcharbeiten durch den hohen Schnee hatte mich todmüde gemacht. Von oben, als es noch etwas Tag geweſen war, hatte ich einige Alpenhütten be⸗ merkt. Sollte mir jetzt eine auf meinem Wege zu Geſichte kom— men, dachte ich, ſo würde ich ſofort mit den Holzvorräthen, die Sommers und Winters in oder vor jeder Hütte liegen, mir ein Feuer anmachen und ſo allgemach den Tag und mit ihm die Mög⸗ lichkeit abwarten, mich aus den pfadloſen Felswüſten wieder hinaus zu finden. Aber es vergingen Stunden— und ich ſah nichts. Das Rauſchen der Waſſer in den Felsklammen kam bald näher, bald verſchwand es wieder in der froſtigen Luft— mein Hut, meine Haare, meine Beinkleider, mein Ueberwurf ſtarrten in einer gleichförmigen Eisdecke, welche durch jeden herabfallenden Athem⸗ zug ſchwerer wurde, weil ſich ſein Hauch darüber lagerte; die Nacht wurde immer grimmiger— der Schnee tiefer— ich ſah nichts.
Mit einem Male aber wurde das Getös der Achen ſtärker — drei Waſſer ſtrömten zuſammen, vor mir ſtand eine Hütte. Es war die unter dem Namen Hagelhütte auf den Karten ver⸗ zeichnete Alpe. Sie liegt da, wo der Blumss, der Blan⸗ und der Rißbach ſich aus menſchenleeren Thälern vereinigen. Von hier ſteht acht Stunden nach Süden, zwölf nach Weſten kein Haus, keine Wohnſtätte. Aber die Riß im Nordweſten iſt nur noch drei Stunden entfernt und der Weg dahin geht in einer ebenen Mulde fort. Ich hatte mich nicht verkert, ich war geborgen.
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