Jahrgang 
9 (1865)
Seite
137
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niſirtes Syſtem waren, um die feindliche Armee zu decimi⸗ ren, dadurch, daß man die nach tapferer Gegenwehr auf den Schlachtfeldern Gefangengenommenen in Mangel und Elend ver⸗

dienſte untauglich machte. Und der Plan war praktiſch, man muß es den Seclavenbaronen zugeſtehen! Eine andere Erklärung der geſchilderten Unmenſchlichkeiten läßt ſich nicht auffinden, denn was man hie und da als Beſchönigung und Entſchuldigung hat an⸗ führen wollen, daß die conföderirten Truppen ſelbſt am Nothwen⸗ digſten Mangel gelitten hätten, hat ſich als durchaus unbe⸗ gründet erwieſen. Armeen, die mit Froſt und Mangel kämpfen, ſind nicht im Stande die unaufhörlichen foreirten Märſche, die unſäglichen Strapazen eines Krieges zu ertragen, der Beſchwerden bot, wie kaum je ein anderer, noch weniger aber den tollkühnen Muth, die Kampfluſt, das Ungeſtüm an den Tag zu legen, welche faſt allen Actionen der Conföderirten zuerkannt werden müſſen! Daß die Barbarei auch kein Act der Wiedervergeltung war, auch das wiſſen wir. Durch unverwerfliche Zeugniſſe, durch die unbe⸗ einflußten Ausſagen conföderirter Officiere und Soldaten, welche in die Gefangenſchaft des Unionsheeres geriethen, iſt unwiderleg⸗

lich conſtatirt, daß die Gefangenen der Föderirten ſich blos über den Verluſt ihrer Freiheit zu beklagen hatten, im Uebrigen aber

mit der ihnen werdenden Behandlung und Verpflegung vollkom⸗ men zufrieden waren, nicht nur mit dem Nothwendigen ausreichend verſehen, ſondern ſelbſt im Genuſſe von mancherlei Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten und in jeder Beziehung mindeſtens ebenſogut verſorgt, wie das Unionsheer ſelbſt. Na⸗ mentlich entſprach die Pflege der Kranken und Verwundeten in den Spitälern des Nordens nach jeder Richtung hin allen An⸗ ſprüchen, die man heutzutage an ſolche Anſtalten zu machen be iſt. Den allerbeſten Beweis dafür liefert das Mortali⸗ hältniß unter dieſen Gefangenen; während in den ſüdſtaat⸗ Gefangnenſtationen der Procentſatz deſſelben fort und fort und ſelbſt fünfzig Procent überſchritt, ſteht feſt, daß, Dank aten Wohnung, Kleidung und Abwartung, z. B. in Fort Delaware im verfloſſenen Mai von acht Tauſenden nur zweiund⸗ ſechszig, im letzten Juli ſogar nur zweiundvierzig ſtarben.

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dem Norden ſchon ſo gut wie geſichert iſt.

Dieſe Thatſachen wird der künftige Geſcichtsſchreiber des

furchtbaren Bruderkrieges vor allem Andern hervorzuheben haben,

1 V denn es ſind keine zufälligen, ſondern ſie ſtehen in unzertrennlichem kommen ließ oder wenigſtens auf lange hin zu weiterem Kriegs⸗

Zuſammenhange mit Urſache und Natur des Kampfes ſelbſt. Die Barbarei, vor welcher die Leſer geſchaudert haben, iſt, wie wir

ſehen, lediglich eine Conſequenz der unmenſchlichen Inſtitution, für 3 7 d 5 1/

deren Erhaltung der Süden die Waffen ergriff. Was für Neben⸗ urſachen auch Anfangs in Mitwirkung geweſen ſein mögen, nach⸗ gerade iſt der Krieg zum Vernichtungskampfe wider die Selaverei geworden, er iſt der Kampf der nämlichen Principien, welche in Europa ſeit langer Zeit um die Herrſchaft ſtreiten: der Kampf des modernen Bürgerthums, der Kampf von Handel und Induſtrie wider den Feudalismus, der Kampf der allgemeinen ſtaatsbürgerlichen Gleichheit wider Anmaßung und Pri⸗ vilegien einer kleinen volksfeindlichen Kaſte, der Kampf der Freiheit wider die Tyrannei, der Kampf der Humanität wider die Barbarei. Das iſt die große weltgeſchichtliche Bedeutung des gegenwärtigen amerikaniſchen Krieges, und darin liegt das In⸗ tereſſe, welches er für die ganze civiliſirte Welt beſitzt!

Auf welche Seite, wie im Allgemeinen, ſo hier in unſerm beſondern Falle, der endliche Sieg ſich neigen wird, darüber kann kein Zweifel obwalten. Schon haben mehrere Staaten des Südens, Miſſouri, Kentucky, Maryland, Tenneſſee, die Abſchaffung der Selaverei beſchloſſen, und wir dürfen uns jetzt, nach den neueſten Berichten vom Kriegsſchauplatze, nach Sherman's kühnem

Zuge auf Savannah, nach dem Falle von Fort Fiſher, und nachdem der Präſident der Conföderation ſelbſt ſchon von Friedensanträgen

ſpricht der verzweifelten Anſtrengungen ungeachtet, mit dem der Süden ein letztes va-banque verſucht der beſtimmten Hoffnung hingeben, daß der gigantiſche Kampf ſeinem Verlöſchen nahe, der Sieg X;. ,6.

Die zerriſſene Union wird wieder die einige werden, der Süden, reingewaſchen von dem

Schandfleck der Sclaverei und erlöſt von dem Joche eines mono⸗

poliſirenden Junkerthums, der freien Arbeit erſchloſſen, fortan An⸗

theil nehmen an der Bewegung der modernen Welt und damit erſt zur vollen Entwickelung ſeiner reichen Hülfsquellen gelangen. S.

Die Neujahrsnacht auf der Sennhütte.

Von Heinrich Noé.

Der Morgen des 31. December im Jahre des Heils 1864 hatte mit einem Morgen das gemein, was ungefähr der 21. März mit dem Frühlingsanfang: nichts als den Namen. Ein Nebel, wohlverſtanden, eine Anhäufung herabgedrückter graubrauner Wolken⸗

hten, ein ſchwebender Regen, wie ihn nur die Hochthäler der

den kennen, hatte ſich auch in die Klüftung eingezwängt, mit

lcher der Achenſee und ſein Abfluß die gewaltigen Felswände

s8 Unnütz und Seekar trennen. Durch den nächtlichen Dunſt Haute ein fahler, trübſeliger Schein, nicht heller, als der Wieder⸗ glanz des Schnees in einer Winternacht, deren Vollmond von lich⸗ ten Wolken umſchleiert wird. Wer das zum erſten Male ſieht, wird traurig und giebt ſich gern der herkömmlichen Melancholie hin, mit welcher die Lyriker aller Zeiten jede Sorte von Nebel beſungen haben. Wer aber im Hochland zu Hauſe iſt, macht ſich nichts daraus; denn, abgeſehen von der Gewohnheit, weiß er, daß nur tauſend Fuß über der herabgeſenkten Dunſtbank die Sonne ſtrahlt und der Himmel in glänzendem Tiefblau über der beſchnei⸗ ten Erde liegt. Er wird ſich niemals von der beabſichtigten Be⸗ ſteigung eines Berges Durch⸗väs Grau abhalten laſſen, das beim Anbruch eines ſolchen Tages vor ſeinem bereiften Fenſter ſchwebt; er wird ſich vieemehr auf jene unbeſchreibliche Empfindung freuen, die auch dan Naturſohn überkommt, wenn er plötzlich aus den oberſten Kagen der Nebelſchicht in den ſonnigen, warmen Tag hin⸗ auf taucht. 8

Ich will damit nicht geſagt haben, daß es nicht dennoch iyſimerhin eine kleine Ueberwindung koſtet, um ſieben Uhr eines

Mo 4. 1 * 4 1 1.1 4 4

A* Die geſammte deutſche Preſſe, auch die Gartenlaube in Nr. 7 dieſes Jahres, hat ſich mit jener Winteralpenfahrt beſchäftigt, 8 Sefen Mitarbeiter, dem Verfaſſer des fleißigen Buches:In den baieriſchen Voralpen beinahe das Leben 1 welcher der kühne Wanderer ſelbſt ſein Abenteuer in ſeſſelnder Weiſe ſchildert, wird daher ſicher das allgemeinſte

ſolchen Wintermorgens ſich aus dem warmen Bett mit der Aus⸗ ſicht loszureißen, draußen eine Temperatur von Minus zwanzig zu finden und über den Schnee eines ſiebentauſend Fuß hohen Berges zu klettern; aber wie für die Griechen den. Schweiß, ſo haben die Götter für uns auch den Froſt vor die Tugend geſtellt, und dann giebt es ja auch Viele, welche das Ungewohnte und die Gefahr mehr locken, als das weichſte Bett und der wärmſte Ofen.

Von der Gefahr erzählten mir die Wände des Juifen drüben, an welchen im Auguſt deſſelben Jahres, deſſen Sonne ich von der Schneewüſte eines Joches aus untergehen ſehen will, ein reicher Wiener zerſchmettert hinſtürzte, als er der verhängnißvollen Blüthe des Edelweiß an den ſchwindelnden Rändern nachſtieg. Wie leicht, dachte ich, kann dich die hereinbrechende Nacht, der emporſteigende Nebel, die trügeriſche Schneedecke dahin ſtürzen, wohin Jenen die Gier nach dem wolligen Gnaphalium! Du wirſt glücklicher ſein! antwortete ich mir ſelbſt und ſchritt auf dem ächzenden Schnee weiter.

So kam ich an die geſpenſtiſch aus dem Nebel aufragenden Gebäude, welche die Krone aller Tiroler Wirthinnen, die preis⸗ würdige Scholaſtica, an dem Strand der Krone aller Tiroler Seen, des tiefblauen Achenſees, erbaut hat. Da gilt es, zu raſten, noch dieſen und jenen nützlichen Wink aufzufaſſen und vor Allem aus den Vorräthen des Hauſes, welches auch in dieſer öden Jahres⸗ zeit ſeinen Ruf nicht verleugnet, das Nöthige in möglichſt com⸗ pacter Form einzuſacken. Die Feldflaſche füllt bald der rothe

die unſerm Die nachſtehende Mit⸗ Intereſſe in Anſpruch Die Redaction.

gekoſtet hätte.

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