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4. und ihm an den Hals
—= 109— Erkauft und Erkämpft.
Von Johannes Scherr.
(Schluß.)
Patriotiſch zu fühlen gehört bekanntlich in der Regel nicht zu den Erforderniſſen einer vornehmen Anſchauung und Führung des Lebens. Man überläßt das der„Roture“ und der„Canaille“.
*Die vornehme Geſellſchaft Europas hat einen kosmopolitiſchen Schliff und ſteht behufs der Aufrechterhaltung ihrer Privilegien in einem ſtillſchweigenden Cartelverhältniß. Brunhild hatte daher kaum je⸗ mals über den Sinn des Wortes Vaterland nachgedacht und erſt in neueſter Zeit, erſt ſeit ihrem Aufenthalt in Sigfrid's Haus, hatte ſich ihr das Vaterlandsbewußtſein mehr und mehr aufge⸗ drungen. Wie das gekommen, ſie wußte es ſelbſt nicht zu ſagen. Sigfrid ſtimmte doch keineswegs in den deutſchen Modeton unſerer Tage ein, des nationalen Nichts durchbohrendes Gefühl mit dem Phraſenbalſam ſelbſtgefälligſter Selbſttäuſchung zu überſtreichen und zu ſchwichtigen. Im Gegentheil, er geißelte, was er das deutſche Maulheldenthum und die liberaliſirende Impotenz nannte, bei jeder Gelegenheit und erſt heute noch hatte er, als zwiſchen ihm und Schwarzdorn von der ſchleswig-holſteinſchen Sache die Rede war, die bittere Spottäußerung gethan:„Da werden wir uns mal wie⸗ der hübſch blamiren! Weil die Nation, und zwar ganz durch ihre eigene Schuld, als ſolche Nichts iſt und Nichts kann, ſo mußte je der Deutſche mit ſehenden Augen und geſundem Menſchenverſtand von Anfang an wünſchen und, was an ihm lag, auch wirken, daß die einzige vernunftgemäße und praktiſche Löſung der Frage, d. h. die Einverleibung der Herzogthümer in Preußen, mäglichſt raſch zu einer vollendeten Thatſache würde. Statt deſſen ſchwatzen die ewigen Schwätzer zu Gunſten irgend eines beliebigen Thronpräten⸗ denten und begeiſtern ſich dafür, an das bunte Kleinſtaaterei⸗ Narrenkleid der armen Germania einen neuen Lappen zu plätzen.
Ach, unſere Landsleute ſind wie die Prieſter des altägyptiſchen Thier⸗
dienſtes. Sie können der heiligen Geſchöpfe nicht genug haben und kommen vor Freude und Jubel ganz außer ſich, ſo in Dolzig oder 3 nEnen aufgefunden wird.“ Und doch hatte der feine aoliche Inſtinet Brunhild's unſchwer erkennen laſſen, daß Sig⸗ unendlich viel mehr Vaterlandsgefühl verbarg, als Hunderte liberaler Stichworthelden und patriotiſcher Gemeinplätzetreter mit⸗ ſaminen gufzuzeigen ſich befliſſen. Einzelne gelegentlich hingewor⸗ fene Aeußerungen des ſcheinbar gehaßten und heimlich mehr und mehr heißgeliebten Mannes waren, eben weil ſie von ihm kamen, für Brunhild zu fruchtbaren Anregungen geworden, über Weſen und Chakakter, über die wahren Vorzüge und die wahren Mängel der Nation nachzudenken, welcher ſie entſtammte. Allein ſo recht als Peine Deutſche ſich empfunden hatte ſie doch noch nie bis zu dieſii Stunde, wo vor ihren Ohren ihr Vaterland ſo gröblich be⸗ ſchi ſpft wurde.
Sie fühlte, daß ihr das Blut zornheiß in die Wangen und Schläfen ſtrömte.
Ihre Hände ballten ſich krampfhaft, und mit dem Fuße aufſtampfend murmelte ſie vor ſich hin:„O, wär' ich ein Mann!“
In demſelben Augenblicke zuckte ſie empor und ihr Auge
ſchoß einen Blitz, halb peinlichſter Spannung, halb Frohlocken,
durch die Blätterwand in den Garten.
In den ſcharfabgeſchnittenen Kreis der Lichthelle, welche von dem Tiſche der Engländer ausging, war die Geſtalt Sigfrid's ge⸗ treten, während hinter derſelben die des Paſtors nur in dämmern⸗ den Umriſſen erſchien.
Brueciſd ſah, daß ihr Mann— denn in dieſem Moment ihr ſtolzes Herz in völliger Selbſtvergeſſenheit alſo— Colonel trat und demſelben die Rechte auf die Schulter legte. Sein Ge⸗ war bleich, ſeine Naſenflügel dehnten ſich, un⸗ ter den dicht ngezogenen Brauen blickten die Augen groß, klar und ſtolz. lonel, mitten in einem Satze unterbrochen, wandte ſich um, ſ lellſchafter ſchauten auf.
„Sir, ſagte Si
habe die Ehre, ein Deuh zu ſein.“
Mehr verſtand died merin nicht, aber das Metall dieſer wollte mich nicht ſehen,“ ſagte ſie in bitterem Groll und Trotz. 3 6
Worte wurde zu einer Herzen.„Er iſt ein auf in ihr. Sie ſtuͤr
iee am pautenden Freuden
den ſchon ſch=, Mamilientiſthh Figfrid, ein H. wurde Aaschaer, um die Tr. gkeit fand der
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in ihrem ꝛte es
langſam in engliſcher Sprache,„ich
mehr und mehr ſich hineinzuarbeiten. febe chlug es wie r. 2 te, nrid's W
. t, ich mag's nen häßlichen, a—
mender Blitz vor ihr nieder:„Er wird kämpfen! Er kann fallen!“ und halb ohnmächtig warf ſie ſich auf das Sopha.
Dann kroch aus einer Seelenfalte des unglücklichen Weibes der Gedanke:„Aber dürfte, würde er ſein Leben an einen elenden Prahlhans wagen, ſo er mich liebte, auch nur ſo viel liebte, wie ich ſeinen alten Caro liebe?“
Nach einer geraumen Weile, während welcher ſie vergeblich nach Faſſung rang, hörte ſie in dem über dem ihrigen gelegenen Zimmer Sigfrid's die beiden Freunde mitſammen auf und nieder gehen. Dann wurden droben Stühle gerückt, es trat Stille ein, es war ſchon tief in der Nacht.
„Er kommt nicht,“ ſagte ſie bebend,„er will mich nicht mehr ſehen, mir nicht ein armes Abſchiedswort ſagen!“
Sie ſprang auf, öfſnete leiſe die Thür und ſchlich auf dem dunkeln Corridor bis zum Fuße der nach oben führenden Treppe, ohne ſich klar zu ſein, was ſie denn eigentlich wollte. Da ging droben eine Thür auf, ein Lichtſchein blitzte über die Treppenſtufen und ſie vernahm Sigfrid's Stimme, welcher zu dem Freunde ſagte: „Verſchlaf' Dich nicht, Alter, und ſei pünktlich, damit wir mit Sonnenaufgang auf dem Paatze ſind.“
Von einer tödtlichen Angſt angefaßt, floh ſie in ihr Zimmer zurück.„Mit Sonnenaufgang... auf dem Platze.“ Alſo war das Furchtbare wahr? Bruſt. Und er kam nicht zu ihr! Aber hatte ſie es denn um ihn verdient, daß er zu ihr käme? Nein! Wohl aber geziemte es ihr, zu ihm zu eilen, ſich zu ſeinen Füßen zu werfen, ſeine Kniee zu umklammern und ihn anzuflehen:„Verzeih' mir, oder kannſt Du mir nicht verzeihen, ſo laß mich wenigſtens mit Dir ſterben!“
Sie fühlte das und ſchon hatte ſie die Hand an der Thür klinke, als ſich der alte Stolz und Hochmur, zum letzten Male triumphirend in ihr aufbäumte.„Wie, wenn der ſtolze Mann die Flehende verachtungsvoll von ſich ſtieße? Wenn er die Gelegen heit willkommen hieße, an der bis zum Aeußerſten ſich Demüthigen⸗ den den tödtlichen Schimpf zu rächen, welchen ſie in jener unſeligen Hochzeitsnacht ihm angethan?“.
Der Gedanke, ſo ſinnlos er ſein mochte und wirklich war, ver— wandelte ihr kochendes Blut in Eis. Sie ging nicht in das Zim⸗ mer Sigfrid's hinauf, aber ſie verwachte den Reſt der Nacht in verzweiflungsvollem Brüten.
7. Erkämpfft.
Ein leiſes Geräuſch in dem Zimmer über ihr ſtörte ſie auf. „Er rüſtet ſich zu dem verhängnißvollen Gange,“ ſagte ſie ſich. „Ob er auch jetzt nicht verſucht, mir ein Abſchiedswort zu ſagen?“
Er ſchien es nicht verſuchen zu wollen. Brunhild öffnete vor⸗ ſichtig die Thür ihres Zimmers und lauſchte hinaus. Das fahle Zwielicht des erſten Morgengrauens lag auf dem Corridor. Sie hörte nach einer kleinen Weile die beiden Freunde geräuſchlos die Treppe herabkommen.
Am Fuße derſelben ſtanden ſie ſtill und Brunhild, deren Seebe in ihren Ohren war, vernahm die flüſternde Stimme Schwarzdorn's: „Und Du willſt alſo Deiner Fxau kein Wort ſagen?“
„Nein,“ entgegnete Sigfrid.„Es wiäre ſchade, ihren Morgen ſchlummer zu ſtören. Iſt die Schnurre vorbei, ſo oder ſo, magſt Du ihr in Deiner Weiſe gelegentlich erzählen, daß Alter nicht vor Thorheit ſchütze, d. h. daß ein alter Burſchenſchaſter nicht habe ruhig mit anhören können, wie ſo ungalant man mit der armen alten Mutter Germania umſprang.“
„Aber 4
„Wir haben wahrhaftig keine Zeit mehr zum Plaudern, komm! Im Uebrigen iſt ja Alles Seine Stimme verklang im Fort gehen.
Brunhild zog den Kopf zurück und ſchloß die Thür.„Er
„So mag er denn gehen.“ 4
Sie verſuchte, mit aller Gewalt in dieſe trotzige Stmmung
Aber es ging nicht.[f
rte:„Es wäre ſchade, ihren Worgenſchlummer zu üöre 2—
Ihr Herz hämmerte hörbar laut in der
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