——
ſtändige Mutter ſah wohl ein, daß der Abbé nicht allein der Mann war, den feurigen Knaben zu zügeln. Sie übergab ihn daher einem ſtrengern Lehrer, ohne Bertrand deshalb zu entlaſſen. Dieſer neue Lehrer war ein gewiſſer Herr Lebas, ein Mann von vielem Ver⸗ dienſte und großer Gelehrſamkeit, welcher in ſpäterer Zeit Profeſſor der griechiſchen Sprache am Pariſer Athenäum wurde. Sein Va⸗ ter“ war ein eifriger Republikaner aus der Schule Robespierre's und erſchoß ſich nach der Hinrichtung des Letztern, weil er es für eine Schande hielt, ihn zu überleben.
Nur ſelten erſchien dieſer Herr Lebas, eine Geſtalt von nicht gar großem Wuchſe, ſchlank, mit ziemlich ſtark geröthetem Geſichte, das im Zorne noch röther wurde, und weißen Haaren; wenn er jedoch kam, ſo galt ſein Erſcheinen als das ſicherſte Anzeichen eines Gewitters, das mit Schlägen und Thränengüſſen endigte. Wir kannten ihn nur unter dem Namen Abbé. So lange der Prinz Freiſtunden hatte, kümmerte er ſich ſehr wenig um deſſen Treiben; nahte aber die Stunde des Unterrichts und kam der Prinz nicht ſogleich, wenn ihn deſſen Kammerdiener Cailloux, ein freundlich⸗ ernſter Mann, dazu aufforderte, ſo zeigte ſich das flammend rothe Geſicht des Abbé's, aus dem zwei feurige Augen unheimlich leuch— teten. Die Worte ſprudelten ihm alsdann ſo ſchnell über die Lip⸗ pen, daß wir beiden Deutſchen nur das öfters wiederholte„Monsieur je Prince“ verſtehen konnten. Wollte der„gnädigſte Prinz“ ſich über ſein Ausbleiben entſchuldigen, ſo ſchwoll dem Zürnenden die Ader auf der Stirn ſo ſtark, daß ſie zu berſten drohte, und dann fielen die Ohrfeigen faſt noch ſchneller, als vorher die Worte. Heulend ſuchte Louis den Schlägen zu entrinnen, und wir machten uns unſererſeits ebenfalls ſchnell auf die Beine, weil wir befürch⸗ teten, die Reihe möchte nun an uns kommen.
Die Soldaten⸗ und Turnſpiele beſchäftigten uns aber nicht immer; wir lagen zeitweiſe auch den Geſchäften des Friedens ob, beſonders nahmen uns Fiſcherei und Krebſerei, ſowie allerhand mechani⸗ ſche Hantirungen öfters in Anſpruch. Faſt jeder Tag brachte uns denn ein neues unſchuldiges Vergnügen und Abwechſelung in un⸗ ſere Spiele. Wir waren zu glücklich, als daß wir nicht die Tücke des neidiſchen Schickſals hätten gleichſam herausfordern ſollen. Nur zu bald ſollten wir jedoch an uns ſelbſt erfahren, daß hier unten auf dem verkruſteten Feuerballe, den wir Erde nennen, das Glück nur wie ein Zugvogel vorübergehend erſcheint.
Die Königin hatte im Sinne, mit ihrem Bruder Eugen von Beauharnais, Herzog von Leuchtenberg, das markgräfliche Schloß Petershauſen ſammt den dazu gehörigen Gütern, wozu der ſoge⸗ nannte Lorettowald gehört, zu kaufen. Sie ſchickte zu dieſem Zwecke einen Bevollmächtigten in der Perſon eines hieſigen Kaufmanns Delisle au den Großherzog Ludwig nach Carlsruhe. Wie man all⸗ gemein ſagt, hatte Letzterer für die Herrſchaft einmalhunderttauſend Gulden gefordert, wogegen der Beauftragte nur neunzigtauſend Gulden geben wollte. Der Großherzog ſoll kurz abgebrochen und ſeine Antwort auf den folgenden Tag verſprochen haben. An die⸗ ſem ſoll Kuch wirklich eine ſolche erfolgt ſein und gelautet haben: die Herrſchaft werde jetzt um keinen Preis mehr verkauft.
A!s dieſe Nachricht in's Publieum drang, war daſſelbe ſehr aufgebracht über den Bevollmächtigten, da man den Kaufpreis all⸗ gemein ſür nicht zu hoch hielt.** Es wurde dies aber noch in einem um ſo höhern Grade, als man bald vernahm, daß die Kö⸗ nigin im Aerger über ihr vereiteltes Unternehmen von Conſtanz fortzuziehen beabſichtige. Ein ſolcher Entſchluß war nicht geeignet, die Einwohnerſchaft zu beruhigen, beſonders in Jahren wie 1816
und 1817 waren, wo Ueberſchwemmungen und hohe Preiſe aller Lebensmittel das Eleud der an ſich nicht wohlhabenden Bevölkerung noch bedeutend erhöhten. Man kannte die Wohlthätigkeit der kö⸗ niglichen Familie und verſprach ſich von derſelben Linderung der Noth; auch rechnete man für die Zukunft auf vielen Verdienſt bei den nöthigen Bauten im Schloß und erwartete von dem Glanze zweier kleiner Höfe keine geringe Hebung des Wohlſtandes.
Zuletzt mußte man ſich aber in's Unvermeidliche fügen. Die Königin hatte Augsburg zu ihrem Aufenthaltsort gewählt, angeb⸗
Derſelbe Lebas, von dem, durch ein eigenthümliches Zuſammentreffen,
erſt in voriger Nummer der Artikel„In der Höhle des Löwen“ erzählt hat
Die Redaction.
Die großherzoglich markgräflich badiſche Domänen⸗Kanzlei verkaufte
im Jahre 1851 au's großherzogliche Kriegsminiſterium das Schloß mit allen baulichen Zugehörungen, den Gärten und Wällen um dieſelben herum, mit Ausſchluß des Lorettowaldes, der Neben, Felder zc. um fünfundſiebzig tauſend Gulden
O
* 106
0
lich, weil die Schulen jener Stadt ausgezeichnet geweſen ſein ſollen. Am 6. Mai 1817 reiſte ſie ab. Die Trennung vom Prinzen war der zweite größte Schmerz meines Lebens; der erſte war der frühe Tod meines guten Vaters geweſen. Ich hatte mit dem größ⸗ ten Theile des Hofſtaates auf ſehr freundlichem Fuße geſtanden, weil man wußte, daß der Prinz mich recht gern hatte. So waren mir der Kammerdiener der Königin, Charles Tallé, welcher ſpäter in gleicher Eigenſchaft zum Prinzen kam und demſelben zur Flucht aus Ham vorzugsweiſe mit verhalf, ſowie der Kutſcher Florentin, welcher erſt vor wenigen Jahren auf dem Schloß Arenenberg ſtarb, ſehr zugethan. Mit der Königin ſelbſt kam ich, meines Wiſſens, nie in unmittelbare Berührung; denn was ſollte ſie auch mit einem zwölfjährigen Knaben ſprechen? Ueberdies war ich damals viel zu ſchüchtern, als daß ich mich mit ihr zu reden getraut hätte, wenn ſie ſelbſt dies hätte thun wollen. Mit einer ehrfurchtsvollen Scheu betrachtete ich ſie in ihrer vornehmen Schönheit und An⸗ muth nur von Weitem und war ſchon glücklich genug, wenn ſie mir einmal zulächelte.
Ich könnte nun hiermit meine Jugenderinnerungen ſchließen, da mit der Abreiſe des Prinzen dieſelben ihr Ende erreicht hatten. Zur Abrundung des Ganzen will ich aber noch kurz erzählen, was mir ſelbſt oder Andern begegnet iſt und was ich meiſt ſelbſt mit angeſehen habe.
Der Prinz war nur wenige Monate in Augsburg, als ich Gelegenheit hatte, ihm durch einen bekannten Mann einen von mir in franzöſiſcher Sprache geſchriebenen Brief zuzuſchicken. Ich ſchil⸗ derte ihm darin in einfacher und offener Sprache meine Sehnſucht nach ihm. Er ſchrieb mir zwar nicht ſelbſt, wenigſtens erhielt ich keinen Brief von ihm, ſchickte mir aber viele freundliche Grüße und zugleich ein hübſches Geſchenk. Daſſelbe beſteht in einem äußerſt zerlich gearbeiteten kleinen goldenen Helm mit einem geflügelten Drachen oben und einem verſchließbaren Viſir. Mittels eines Ringelchens konnte er als Berloque an die Uhrkette gehängt wer den. Glücklicherweiſe bin ich noch im Beſitze dieſes werthvollen Andenkens..
Unterdeſſen hatte die Königin das Schloß Arenenberg im Thur gau, zwei kleine Stunden weſtlich von Conſtanz, erkauft und das ſelbe herrichten laſſen. Ich möchte nicht ſagen, verſchönern, denn das Schloß mit ſeinen Zinnen und ſeiner von vier Rundthürmen über⸗ ragten Umfaſſungsmauer, ein Stück Mittelalter, hatte mir viel beſſer gefallen, als der charakterloſe Neubau. Als er fertig war, bezog ihn die Königin mit dem Prinzen und ihrem Hofſtaat. Ich bekam aber den Erſteren viele Jahre nicht mehr zu ſehen, und als ich ihn wieder erblickte, erkannte ich ihn faſt nicht mehr, ſo ſehr hatte er ſich verändert. Aus dem zarten Knaben mit dem ſchönen und milden Geſichtchen war ein Mann geworden, der auf nichts weniger als auf Schönheit Anſpruch machen konnte. Es kam mir vor, als ſei die Veränderung ſeiner äußern Perſon, wie an ſeinem Schloß, keine Verbeſſerung zu nennen.
Univerſitätsſtudien, Neiſen und Berufsgeſchäfte entfernten uns räumlich und zeitlich von einander. Der Prinz hatte ſich in den Jahren 1830 und 1831 in die italieniſche Verſchwörung verwickelt, der ſein Bruder zum Opfer fiels während er ſelbſt dieſem Looſe nur ſchwer entrann. Von dort an träumte er wohl ſeinen Kaiſer traum und ſuchte mit allen Mitteln den Thron Frankreichs zu er langen, welchen ihm der Onkel zugeſagt hatte und auf den er ein vollkommenes Recht zu haben glaubte. Es iſt daher begreiflich, daß er bei ſolchen Beſtrebungen keinen Sinn mehr hatte für die glücklichen Tage ſeiner Kindheit, die mit all ihren Freuden ſchon allzuweit hinter ihm lagen. Ich muß jedoch zur Steuer der Wahr⸗ heit ſagen, daß er mich als ſeinen Spielcameraden immer ſehr freundlich und zuvorkommend behandelte, ſo oft wir uns traffn, was jedoch nicht häufig geſchah.
Als im Jahre 1834, vorzugsweiſe durch meine Bemühungen, ein Bürgermuſeum in Conſtanz erſtand, wurde er auf meinen Vor⸗ ſchlag zum Ehrenmitglied der Geſellſchaft ernannt, wofür er ſich in einem Schreiben an daſſelbe, ſowie an mich, bedankte. Mehreren
Bällen des Muſeums wohnte ey bei und ich mußte immer an ſei nem Tiſche Platz nehmen. Seine Wohlthätigkeit war die alte, was Stadt und Land bezeugen könnte. Oft machte er ſich das Ver⸗ gnügen, ganzen Schaaren von Buben, die ſeiner ſchon lange auf der Stiege des Theaters warteten, den Eintrittspreis auf das ſo⸗
genännte Chörle zu hezahlen. Da er meiſtens erſt nach Beginn
—
1 —— — 1—


