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Gleich nach der Revolution von 1846 fielen mehrere ſeiner Anhänger von Fazy ab und liefen in das von ihnen beſiegte Lager der Ariſtokraten und Conſervativen hinüber. Man nannte dieſe, nach dem Namen eines Verräthers des ſechszehnten Jahrhunderts, die Blondels. Ihre Motive waren theils perſönliche, theils ſolche, die in ihrem Altgenferthum beruhten, das ſie durch die neue Ver⸗ faſſung, welche neuen Bürgern und allen Religionen Thür und Thor öffnete, bedroht ſahen. Doch war die radicale Partei ſo ſtark, daß ſie dieſem Abfall mit Ruhe und Hohn zuſehen und ſich
ohne Unterbrechung volle acht Jahre halten konnte, obwohl nunmehr
auf der andern Seite Ariſtokraten, Conſervative und Blondels ver⸗ einigt waren, welche ihre eigenen Meinungsunterſchiede ruhen ließen und ſich wie ein Mann gegen Fazy verſtändigten. Im Laufe der Jahre aber bildete die Fazy'ſche Verfaſſung ſelbſt ſeine eigenen An⸗ hänger mehr und mehr zur Unabhängigkeit, und eine große Anzahl derſelben ſing an, ſich unbehaglich zu fühlen, je mehr Fazy's unbeſchränkter Einfluß chroniſch zu werden begann. Dieſer ſeiner⸗ ſeits hielt ſich nach ſeinem temporären Sturz für noch berechtigter, als früher, da er ſich mit ganz Genf überzeugte, daß man ohne ihn nicht auskommen konnte und nach kurzer Zeit auf ihn zurückkommen mußte.
Fazy ſtieß ſchon damals viele ſeiner treueſten Anhänger vor den Kopf; im Staatsrath wie im großen Rath führte er das Scep⸗ ter, und überall gab er den Ausſchlag. Dazu kam, daß er bei all dem, was wir ſeinen Despotismus genannt haben, im Principe ſich treu blieb und die Verfaſſung bis zur letzten Conſequenz durch⸗ führte. Die Katholiken ſpielten ganz dieſelbe Rolle, wie die Cal⸗ viniſten; die Vortheile, die ſich dieſe, vorzugsweiſe betreffs großer Geldfonds, den nach dem Wiener Congroß in den Canton eintre⸗ tenden katholiſchen Gemeinden gegenüber gewahrt hatten, ſollten auch den letztern zu gute kommen; dem Fremden kam man, behufs des Auf⸗ blühens der Stadt, mit Erleichterung des Niederlaſſungs⸗ und Er⸗ werbung des Bürgerrechtes entgegen. Das behagte vielen Altgen⸗ fern nicht, in denen noch der ausſchließliche Municipalgeiſt und der Calviniſt ſtak, trotz allem Radicalismus. Die vielen neuen und flottanten Elemente der Bevölkerung brachten ein gewiſſes unruhi⸗ ges Leben hervor, das gegen das alte, abgemeſſene, ſteife fremdartig abſdach und den Altpatrioten mit Wehmuth erfüllte, da er ſein hiſtoriſches Genf zu Grunde gehen ſah. Das Alles war die Schuld Fazy's, und es löſten ſich nach und nach von ſeiner Partei aus den verſchiedenſten perſönlichen und unperſönlichen, Gemüths⸗ und politiſchen Motiven verſchiedene Elemente los, die endlich mit An⸗ fang der ſechsziger Jahre eine Partei bildeten, welche damit, daß ſie ſich„die Unabhängigen“ nannte, ihre bisherige Abhängigkeit von Fazy eingeſtand. Dieſe-Unabhängigen nannten ſich auch Radicale und proteſtirten laut und feierlich gegen die Anſchuldigung, als ob ſie ſich von den radicalen Grundſätzen trennen wollten— und der größte Theil dieſer Partei meinte es mit ſolcher Proteſtation auch ganz ehrlich. Sie hatte für ihren Abfall den beſten Moment ge⸗ wählt und der Sturz Fazy's war unvermeidlich, denn in dieſem Momente hatte ſich ſo Vieles gegen ihn geſammelt, was zu einer furchtbaren Anklage formulirt werden konnte zu einer Anklage, die zwar in einem großen Staate zum Theil lächerlich geweſen wäre, in einem kleinen aber zu einem Verdammungsurtheile führen mußte.
Derſelbe Fazy, der in Paris und Genf ſein Vermögen an Zeitungen und Broſchüren ausgegeben, um für ſeine Principien Propaganda zu machen, der dann Jahre lang in einer kleinen, dunklen Stube im Arbeiterviertel wie ein armer Arbeiter lebte und nichts genoß, als die Freuden der Agitation für ſeine Ideen— derſelbe Fazy erinnerte ſich in ſeinen alten Tagen des üppigen Freudenlebens ſeiner Jugend. Alte Bedürfniſſe erwachten wieder, der Genußmenſch machte ſich wieder geltend, ebenſo der freigebige Menſch mit der ſtets offenen Hand, der Jedem zu helfen bereit iſt und wie ein unerfahrenes Kind von jedem Gauner, der nur gut zu klagen verſteht, ſich betrügen läßt. Die Republik aber zahlt ſchlecht und iſt nicht da, um Sybariten und leichtgläubigen Men⸗ ſchen die nothwendigen Fonds zu liefern. Der Staat hatte Fazy ein Grundſtück geſchenkt, Fazy ſich ein prächtiges Haus darauf er⸗ baut, aber mit fremdem Gelde. Er hatte nichts, um die Zinſen
gilator. (Schluß.)
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an die Gläubiger zu bezahlen, und doch brauchte er mehr, als dieſe Zinſen. In den prächtigen Räumen dieſes Hauſes hatte ſich eine ehrenwerthe Geſellſchaft von Männern, eine Art Leſemuſeum oder Caſino, eingemiethet; dieſe wußte ſich nicht recht zu vyywalten und überließ den jahrelangen Pacht ihrem Oberkellner und Oekonomen. Dieſer, einmal im Beſitze des Locals, machte den berühmten Cercle des étrangers, das Spielhaus, daraus. So kam Fazy eigentlich unſchuldigerweiſe dazu, die Spielhölle in ſeinem Hauſe zu haben, aber er wurde ſchuldig, als er den Pacht erneuerte. Es iſt eine Verleumdung, daß er Theil am Gewinne hatte, aber er bezog achtzehntauſend Francs Miethzins, und er hatte als Haupt einer Partei und als oberſter Beamter des Staates nicht die gehörige Rückſicht für ſeine Stellung. Er hatte nicht die Kraft, die man von ihm fordern konnte, als armer Mann in einem Dachſtübchen zu leben und ſeine und der Republik Ehre zu retien; er hatte die verbrecheriſche Schwäche, ſich auf das Geſetz zu berufen, das gegen die geſchriebenen Statuten des Spielhauſes nichts einwenden konnte. Seine Freunde behaupteten, daß er in ſeiner Leioenſchaftlichkeit das Spielhaus aus Trotz gegen ſeine Feinde aufrecht halte und daß dieſe nicht das Recht hatten, ihn anzugreifen, da in der oberen Stadt bei den Ariſtokraten viele ſolche Spielhöllen beſtanden. Aber hatte Fazy auch das Recht, der moraliſchen Entrüſtung, der öffent⸗ lichen Meinung und ſeiner Stellung gegenüber ſo zu trotzen? und gab ihm die Unſittlichkeit ſeiner Feinde ein Recht, ſelbſt unſittlich zu ſein, ihm, der ein großes Princip zu vertreten hatte? Nein! wie groß immer ſeine Geldnoth geweſen, wie wenig man ihm nach dem Buchſtaben des Geſetzes anhaben konnte— ſein Betragen in dieſer Angelegenheit war, mild geſagt, ein unſchickliches, um ſo mehr, als Aller Augen auf ihn gerichtet waren und als er das Staats⸗ oberhaupt vorſtellte.
Zum Spielhaus kam— um es mit einem Worte zu ſagen und über eine häßliche Prioatgeſchichte raſch hinwegzugehen— kam eine Maitreſſe. Fazy iſt verheirathet und heute ſiebenzig Jahre alt⸗ Was in einem großen Staate oder in einer Weltſtadt als reine Privatangelegenheit überſehen worden wäre, gab in der kleinen Stadt, die zum Theil noch auf ſehr ſtrenge Sittlichkeit hält, großes Aergerniß. Man konnte den Mann nicht mehr ſchätzen, der ſich in Geſellſchaft verworfener Perſonen geſiel— und ſelbſt die Lächer⸗ lichkeit heftete ſich an den Jünglingsgreis. Sehr folgerichtig brachte man mit dieſen Verhältniſſen finanzielle Verlegenheiten in Verbin⸗ dung, und neben ſo vielen Sagen und Scandalen ging auch das Gerücht, daß Geuf von Fazy'ſchen Wechſeln überſchwemmt ſei.. Wer kann es einer Republik oder auch einer Partei übel deuten, daß ſie unter ſolchen Verhältniſſen einen Mann fallen läßt, den ſie durch ſo viele Jahre auf den Schild gehoben, und daß ſie ſelbſt ſeine früheren Verdienſte vergißt? Im Ganzen und Großen iſt das nur ein Zeugniß zu Gunſten der Stadt— und wird der Geſchichtsſchreiber dieſen Abfall niemals als ein Zeichen der be⸗ kannten Wandelbarkeit in Republiken anſühren können.
Unter ſolchen Verhältniſſen alſo nahm die Deſertion in’s Independenten-Lager immer mehr überhand. Selbſt Leute, welche die Thorheiten und Vergehen des alten Mannes am wenigſten mit moraliſcher Entrüſtung erfüllten, nahmen dieſe zum Vorwand, um ihre perſönlichen Motive zu verhüllen. Trotz alledem aber wären die Independenten noch lange nicht ſtark genug geweſen, um Fazy zu ſtürzen, wenn ſie nicht von allen Seiten Bunesgenoſſen bekom⸗ men hätten, die im Grunde nicht das Geringſte mit ihnen gemein hatten. Seit der Revolution von 1846 bilden Ariſtokraten und Conſervative eine ſo eng zuſammenhaltende Partei, daß man es heute ganz vergeſſen, wie ſie ſich vor jener Revolution als patrizi⸗ ſches und bürgerliches Element feindlich gegenüber ſtanden. Trotz ihrer engen Verbindung bildeten ſie aber eine ſo unendlich kleine Minorität, daß es ihnen bei zehn Wablen kaum gelang, eine ent⸗ ſprechende Minorität in den großen Rath zu bringen. Sie waren todt, ſie zählten nicht, trotz aller Mühe, die ſie bei jeder Wahl er⸗ neuerten, auf die von ihnen als den beinahe ausſchließlichen Grund⸗
eigenthämern abhängigen Fermiers oder Pächter Einfluß zu üben. 4
Sie waren bereit, ſich jeder Partei anzuſchließen, die ſich gegen Faz) bilden würde.
Die Bildung der„Ficelle“ oder der Independenten war ihnen


