Jahrgang 
7 (1865)
Seite
100
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Weil Du dann noch glücklich werden kannſt, ſagte ſie ernſt

und bedeutungsvoll.

Er zuckte zuſammen, richtete ſich dann ſtolz, faſt heftig empor und fragte trotzig:Was berechtigt Dich dazu, mich für unglücklich zu halten?

Die Vergangenheit und Die Worte erſchütterten ihn; Ich verſtehe Dich nicht! Sie ſah ihn feſt an und entgegnete traurig:Ich verſtehe Dich leider nur zu gut Deine Qual Deine Kämpfe

Deinen Stolz und traurigen Sieg!

Nanna! rief er weicher, als er Thränen in den Augen ſah, die er nur leuchtend von Glück und ſtrahlend von Jugend⸗ muth kannte.

Ja, Erich, luſtige Nanna, ſag Dir's noch einmal:

f

der heutige Tag! doch bezwang er ſich und ſagte kalt:

ich verſtehe Dich! wiederholte ſie ernſt,ich, die Niemand,

Als die Magd den Beſcheid gab,

Die Sonne des nächſten Morgens ſtand noch nicht hoch am Himmel, als die beiden ſtattlichen Geſtalten der Barone Forden⸗ ſtiöld durch die niedrige Thür des Hauſes traten, in welchem der Deichgraf Hanſen wohnte. Sie begehrten Nanna zu ſprechen. Nanna ſei bei Tagesanbruch mit ihrem Vater nach Föhr gefahren, leuchtete ein Freudenſtrahl im Antlitz des jungen Mannes auf, während das ernſte Geſicht

des ältern Herrn noch ernſter und düſterer wurde.

Niemand kann

Dir die Verzweiflung Deines Herzens beſſer nachfühlen, denn ich!

Unſere Lage iſt inſofern eine gleiche, weil der heutige Tag unſere beiderſeitigen Jugendhoffnungen zerſtörte. Ich, Erich, bin nur noch ſchlimmer daran, denn während Dich, wie ich glaube, noch kein feſteres Band an Ingeborg knüpft, als das Deiner Liebe, war ich Oscar Fordenſkiöld's Braut, hoffende, ſeine überſelige Braut! An meinem ſechzehnten Geburts⸗ tage verlobte er ſich mit mir im Geheimen, noch vor ſechs Wochen, als er von Schweden kam, ſchwur er mir ewige Liebe, ewige Treue, und heute anverlobt!

Wie? Was ſagſt Du? ſchrie Erich entſetzt.

Die Wahrheit.

Nanna, es iſt unmöglich!

Ich dachte es bis heute auch, Erich! aber es iſt doch wahr! Vor einigen Tagen beſchied er mich hierher, hier an dieſer Stelle ſagte er mir, wie er durch den Willen ſeines Vaters, den Wunſch ſeines Onkels gezwungen ſei, um Ingeborg zu werben, und daß dann auch bald die Hochzeit folgen werde. Er ſprach auch noch von ſeiner Armuth, von Ingeborg's Reichthum, von alten Ver⸗ pflichtungen, die er eingegangen ſei, ehe er mich geliebt habe, neuen Ereigniſſen, die mit drückender Gewalt über ihn hereinge⸗ brochen ſeien, kurzum, er ſprach und redete von Vielem, während ich von Allem Nichts verſtand, als ſeine Abſicht, mich aufzugeben. Obſchon ich nun dies Eine, dies Entſetzliche zwar verſtand, be⸗ griffen hab ich's erſt ſeit heute Morgen, wo gugeborg mir, ihrer vertranteſten Freundin, und mich bat, dem frohen Familienfeſte beizuwohnen. Hier, an eben dieſer Stelle, hab ich mir vor einigen Stunden Kraft erfleht, ihrer Einladung Folge leiſten zu können, habe ſie dann als ſeine Braut geſehen, ſie ſie, die Freundin, in den Armen Deſſen, der mir Liebe und Treue geſchworen!

Das Mädchen, das die letzten Worte in leidenſchaftlicher Heftigkeit hervorgeſtoßen, verloren, dann fragte es mit hohler Stimme:

Weißt Du, was es heißt, einer Frieſin das Wort brechen?

In ſprachloſem Schrecken ſtarrte er ſie an, doch eh' er eine Silbe entgegnen konnte, fuhr ſie haſtig fort:

Du weißt von Hörenſagen, was ſolch ein Weib unſeres ſtarren Volkes kann, dem man das Herz mit Füßen getreten und die Seele gefoltert hat. Doch ich, Erich, ich weiß jetzt aus Er⸗ fahrung, wie Jemandem zu Muthe iſt, der ſo behandelt worden, und das iſt etwas Anderes, o, das iſt furchtbar, ſo furchtbar, wie meine Rache ſein wird.

Was gedenkſt Du zu thun?

Zu beten!

Zu beten?

Nichts Anderes! der hier zu Gott um Kraft gefleht,

Mit heißen Inbrunſt, wie ich heute ſo werd' ich ferner Tag für Tag, Stunde um Stunde Ihn den Allmächtigen bilten, das mir ange⸗ thane Unrecht zu rächen! Er, der Allgütige, der mich heut erhört, wird ſich auch künftig mir gnädig erweiſen, wird den Meineidigen ſtrafen, mit der härteſten Strafe, die ihm zu Theil werden kann ihm die Liebe Ingeborg's entziehen, die jetzt ſein Glück iſt, wie

ſeine Liebe einſt das meinige war.

Sie ſchwiez erſchöpft, und Erich Larsſon ſagte leiſe:

Möchteſt Du nicht vergebens beten!

ſeit zwei Jahren ſeine glückliche, ſeine

heut' iſt er Ingeborg vor Gott und Menſchen feierlich

Bart.

von

die Anzeige von ihrer Verlobung ſandte

blieb einen Augenblick in tiefes Schweigen

Werden ſie bald wiederkommen? kurzem Sinnen.

Das Mädchen lächelte ein wenig verlegen und entgegnete leiſe:Sie wiſſen vielleicht nicht, daß der Capitain Arnulf Bra⸗ deröp von ſeiner großen Reiſe heimgekehrt iſt und einige Wochen auf Föhr bleibt?

Nein! Doch was hat das mit meiner Frage zu thun?

Das Mädchen wurde noch verlegner, erröthete tief und griff, wie um irgend einen Halt zu haben, nach ſeiner Schürze.

Arnulf Braderöp iſt nicht allein der ſchmuckſte Burſche, ſprach ſie dann langſam und bedächtig,der je auf den Halligen gelebt, er hat auch eins der ſchönſten Schiffe, die je in See ſtachen. Als er voriges Jahr hier war und Sie haben wohl gehört, daß das am Tage nach dem der Fall war, wo er nach Föhr zurück⸗ gekommen da ſagte er, die nächſte Reiſe mache er nicht allein, ſondern mit ſeiner Frau, für die ſchon eine Cajüte eingerichtet wäre, und dieſe Frau heiße, ſo Gott ihm gnädig ſei und Menſchen ſeine Wünſche erhörten, Nanna. Der Deichgraf lächelte bei den Worten ſo wohlgefällg, daß ich gleich wußte, Herr Arnulf Brade röp würde von ihm willkommen geheißen, wenn er den größten Schatz des Hauſes entführen wolle; die Hauptperſon, Nanna, wurde aber grad ſo roth, wie der Seekrebs, der da auf dem Heerde kocht, und geſtern Abend, da ging ſie dem Vater ſo lang um den bis der Alte verſprach, heut ſeine Schweſter auf Föhr zu beſuchen, welche die Tante des Capitains Arnulf iſt. Ich denke mir nun, ſie werden ſo lange ausbleiben, bis alles Nähere von wegen der nächſten Seereiſe verabredet iſt.

Wie wenig küſſenswerth auch Jungfrau Stine Brömmer, der dienſtbare Geiſt des deichgräflichen Hauſes, ausſah, Oscar Forden⸗ ſkiöld ſchien, nach dem Ausdruck ſeines Geſichts zu urtheilen, das lebhafteſte Verlangen zu tragen, ſie in ſeine Arme zu ſchließen. Selbſt ſein ernſter Onkel blickte die Berichterſtatterin freundlich an und ſchritt mit freierer Stirn und hellerm Auge aus dem Hauſe, als er in daſſelbe eingetreten.

Als beide Herren einige Schritte gegangen, ſagte der Baron: That ich Dir Unrecht, Oscar, ſo wird Niemand glücklicher ſein, als ich, und ich Dich frohen Herzens um Verzeihung bitten.

Lieber Onkel, entgegnete der junge Mann mit geſchmeidiger Unterwürfigkeit,ein Irrthum war von Ihrer Seite nur zu na⸗ türlich, nach den ſeltſamen Worten des Mädchens. Wollten Sie mir nun aber auch geſtern Abend nicht glauben, daß die ſchöne Deichgräfin immer etwas aufgeregt und voll überſpannter Ideen ſei, jetzt ſind Sie hufſene ich überzeugt, daß in ihrem Ausruf kein Hinterhalt gegen mich lag, Fräulein Nanna

Laſſen wir das, Oscar! Ich ſagte Dir bereits, ich glaubte ſeit lange keinen Worten mehr und mir genügten zu Ueberzeu⸗ gungen einzig Beweiſe. Aus dieſem Grunde begab ich mich zu dem Mädchen; da ich indeß durch Nanna's Abweſenheit verhindert wurde, ihr die Fragen vorzulegen, Du mir keine mich vefriedigende Auskunft gegeben haſt

Sie genügte aber doch Ingeborg Ingeborg, meiner Braut!

Ingeborg iſt ein Kind! ſie kennt weder Herz noch Welt, ſie war erſchreckt durch Wort und Weſen ihrer Freundin, Du be⸗ ruhigteſt ſie und ſie iſt zufrieden Anders mit mir, dem Manne, der die dunklen Wege des Lebens kennt und die Tiefen der Seele ergründete, der aus bitterer Erfahrung weiß, wohin ſich der Wogen⸗ ſchlag des Schickſals wenden kann. Laß alſo Ingeborg aus dem Spiele! Du haſt's jetzt nur mit mir, dem Vater, zu thun, der ſein Kind vor dem Jammer bewahren möchte, welcher einſt über mich, den feſt Vertrauenden, hereinbrach. So werde ich denn an Nanna ſchreiben. Ich bitte Dich, ſo lange nach Weſterland zu gehen, bis ich Antwort bekommen, und ſei feſt überzeugt, daß ich

fragte der Letztere nach

dieſe Dir keine Stunde vorenthalten, werde.

(Fortſetzung folgt.)

die ich beantwortet wünſchte und über welche.