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wir zwei Betrüger unter die Gulllotine befördert.
ter— gedenke des Wechſels im Leben.
Mund verzog ſich zu ſchmerzlichem Lächeln.
Freier athmete ich jedoch, als Lebas die Flurtxeppe herab und mir entgegenkam. Sein edles Geſicht, ſeine Freundlichkeit zerſtreuten die Beſorgniſſe.
„Mesnard,“ rief er,„Du hier— bei uns? Ah, das freut mich! Worin kann ich dienen? Willſt Du einen Poſten, etwa beim Lieferungsweſen? Gut, Du ſollſt ihn haben; o, Du biſt ehrlicher Bürger Sohn. Wir müſſen ſolche Leute haben, Unter⸗ ſchleife ſind den Patrioten ein Gräuel. Erſt vorgeſtern haben Sie müſſen Alle ſterben.“
Er hielt mir ſeine Hand hin, ich ſchauderte zuſammen. Im⸗ mer Blut— immer das Eiſen des Fallbeils! Ich mußte mich kurz faſſen, zog Lebas in eine Ecke und theilte ihm ſchnell den Zweck meiner Anweſenheit in Paris mit.
Er ſchlug die Augen empor— ſie blickten ernſt. Bevor er zu ſprechen begann, ſah er mich lange ſcharf an.„Anatole,“ ſagte er mit halber Stimme,„man merkt, daß Du lange nicht in Paris warſt. Weißt Du, was es ſagen will, zwei Menſchen unter dem Meſſer der Guillotine hervorzuziehen? Du kennſt ihre Vergehen gegen die Nation nicht.“
„Aber Lebas— ein Weib, ein ſchuldloſer ſechszehnjähriger Schüler des Collèége!“
„Schuldlos? Die Republik iſt gefährdet; wer in dieſem Augenblicke nur einen Schimmer von Schuld auf ſich zieht, muß vernichtet werden. Ich gebe zu, daß vielleicht Mancher unſchuldig leidet, aber das kümmert uns nicht. Beſſer Tauſend geopfert, als Millionen in's Elend geſtürzt!“
Lebas' Ausſehen veränderte ſich auffallend; ſeine Züge nahmen einen wilden Ausdruck an, ſeine Geſticulationen waren heftig und drohend.
„Wenn nun aber,“ warf ich ein,„ein Unſchuldiger gerettet werden kann? Wenn es ſich herausſtellt, daß ein Franzoſe, ein Bürger nur durch Umſtände verdächtigt wurde? Iſt es nicht Pflicht, ein Leben zu retten, nicht Pflicht, dem Staate einen Bür⸗ ger zu erhalten? Lebas gedenke Deines Weibes, Deiner Mut⸗ Vielleicht erbarmt ſich auch einſt ein Mitleidiger Deines jungen Kindes, das jetzt an der Bruſt Deiner Gattin ruht— vielleicht biſt in wenigen Tagen auch Du nicht mehr. Lebas, die Tage rauſchen jetzt an uns vorüber wie Stunden, der Sturmwind der Nevolntion treibt ſie, und Danton hat gerufen: ‚Meine Feinde werden mich nicht lange überleben!““
Lebas ſenkte ſein Haupt. Er drückte mir die Hand, und ſein „Was kommen ſoll—
komme. Wir ſind einig mit uns,“ ſagte er.„Deine Schützlinge betreffend— ich will Alles verſuchen; Du mußt Robespierre ſprechen. Saint, Juſt iſt gerade bei ihm, ſie haben die Nacht ge⸗ arbeitet. Warte, bis Robespierre angekleidet iſt, im Hofe da, bis
ich Dich rufen laſſe. Dort oben auf der Galerie ſitzt er und läßt ſich friſiren; iſt er fertig, kommſt Du vor. Ich will nur erſt die Liſten durchſehen, um das Vergehen der Lepelletiers zu kennen, dann ſpreche ich mit Robespierre.“
Lebas ging. Ich trat voll ängſtlicher Erwartung in den Hof. Auf demſelben waren Breter, Zimmerbalken und dergleichen Vorräthe aufgeſtapelt. Ein Arbeiter ſägte Breter auseinander. In der Ecke des Hofes befand ſich ein kleiner Brunnen, Weinreben rankten ſich an den Mauern empor, Tauben flogen umher, tiefe Stille, nur das Gelächter der Wachen und das Kreiſchen der Säge unterbrachen die Ruhe. Ich hatte mich an die Mauer gelehnt und meine Blicke auf die Perſon gerichtet, welche Lebas mir gezeigt. Es war Robes⸗ pierre. Rings um das Haus lief eine Galerie. Auf dieſe öffne⸗ ten ſich die Zimmer des erſten Stockes, auch das Robespierre's. Er ließ ſich ſtets, wenn das Wetter günſtig war, in der Galerie friſiren; ſo auch heute.
Er hatte einen Pudermantel umgehängt, neben ihm ſtand ein kleiner Seſſel, auf demſelben ein Teller mit Früchten, einigen Brod⸗ ſchnitten und einem kleinen Glaſe Wein. Sein Geſicht konntae nicht erkennen, denn während des Friſirens las er Journale. Nicht
weit von ihm ruhte ein ungeheuer großer Hund, eine Dogge. Sie führte den Namen Brouet und war Robespierre's Liebling. Der Friſeur trug eine Jacobinermütze, war aber ſonſt ſehr ſauber. Die
Thür zu Robespierre's Zimmer ſtand offen, zuweilen blickte der Leſende auf und ſchien die Frühlingsluſt einzuſaugen.
Eudlich empfahl ſich der Friſeur, und ſaſt zu gleicher Zeit trat Lebas auf die Galerie. Mein Hals verlängerte ſich, die Augen
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bohrten ſich feſt an den Beiden, mein Blut ſtockte. Jetzt ward mein Anliegen verhandelt. Ich konnte jedoch nur abgeriſſene Worte verſtehen; ich ſah, wie Robespierre heftig wurde, wie Lebas eben⸗ falls lebhaft geſtieulirte, auf Papiere wies, die er in der Hand hielt; dann wandte Robespierre den Kopf gegen die Thür des Zimmers und ſprach etwas. Es ſchien mir, als antworte eine Stimme aus dem Zimmer. Endlich ſtand er auf, ging in das Zimmer und warf die Thür hinter ſich zu. Wenige Minuten ſpä⸗ ter war Lebas bei mir.„Deine Sachen ſtehen ſo weit gut,“ ſagte er haſtig,„nur glaube ich nicht, daß Du Beide retten kannſt. Die Frau ſchwerlich. Sie iſt arg compromittirt. Ihr Wirth, ein Schneider, hat ſie in das Verderben gebracht, denn er hat ſie ver⸗ leitet, Briefe an die Coblenzer Emigrirten in ihrem Zimmer auf⸗ zubewahren; indem er ſich für einen Volksvertreter ausgab, hat er viele Bürger verleitet. Der junge Mann Francois hat Briefe verrätheriſchen Inhaltes zu einem gewiſſen Agenten der Coblenzer getragen, doch iſt ſeine Schuld geringer, da er ohne Vorwiſſen ge⸗ handelt. Stelle Dich bei Robespierre, als wüßteſt Du von nichts. Komm.“
Wir ſtiegen die Treppe hinauf. Wie ich in Robespierre's Zimmer gekommen bin, weiß ich nicht zu ſagen. Ehe ich meine Gedanken geſammelt hatte, ſtand ich dem Gefürchteten gegenüber. Nichts wirkte hier erſchreckend auf die Sinne. Cin⸗ fach weißgetünchte Wände, ein Bett aus Nußbaumholz, dar über eine Decke von weißem Damaſt mit roſa Blumen dr wirkt, ein Tiſch mit Wachstuch bezogen, einige Binſenſtühle dies war des kleinen Zimmers Ausſtattung. Links vom Eingange ſtand ein Bücherrepoſitorium, auf deſſen Bretern viele Papiere, einige Bände und Zeitſchriften lagen. Das Fenſter ging auf das Dach hinaus; auf dem Fenſter ſtanden ſchöne, blühende Blumen in Töpfen, umſchwirrt von Käfern, die in der Frühjahrsſonne auf⸗ und niederflogen. Am Tiſche ſaß ein Mann und las. Robes⸗ pierre ſtand an dem Ende ſeines Bettes und ſtützte die rechte Hand⸗ auf die Lehne der Ruheſtätte.
Die Leidenſchaft, der Haß, welchen ſeine Gewaltmaßregeln gegen ihn aufſtachelten, haben es vielfach verſucht, die Erſcheinung
des Mannes, ſein Geſicht, ſeine Stimme mit den blutigen Beſehe
len, die er ertheilte, in Einklang zu bringen, d. h. der Gefürchtete mußte auch das Ausſehen einer Hyäne oder eines Tigers haben, ſeine Stimme mußte gleich dem Gekrächze des Raben tönen ꝛc. Dies Alles iſt nicht wahr. Robespierre's Geſicht hatte im Gegen⸗ theil einen ſanftmüthigen Ausdruck; ſeine Stirn war hoch und trug Linige Falten, ſeine Augen, etwas verſchleiert, waren feurig, wenn er ſie aufſchlug, die Naſe, gut geformt, zeigte große Nüſtern, die ſich bewegten, wenn er ſprach. Er war hager im Geſicht und eine elfenbeinfarbige Bläſſe überzog daſſelbe; die Mundwinkel umſpielte, wenn er wohlwollend ſprach, eine gewinnende Freundlichkeit, ſonſt lagen ſie feſtgeknifſen aufeinander. Er hatte beſonders ſchöne Zähne und Haare. Seine Figur war ſchlank und wohlgebaut, ſeine Bruſt breit und die Stimme keineswegs kreiſchend, ſondern nur in Momenten des Affectes ſcharf, ſonſt ſanft, ſogar ſchleppend. Er geſticulirte ſehr wenig während des Sprechens. Seine Klei⸗ dung war äußerſt ſauber: ein hechtgrauer Frack mit blanken Knöpfen, eine buntgeblümte Weſte, dunkle Beinkleider und Halbſtiefeln. Ein
ſorgfältig gekräuſeltes Jabot ſchloß ſich an die ſchmale, ſchneeweiße
Halsbinde. 5
„Anatole Mesnard, ich erkenne Dich wieder,“ das waren
Robespierre's erſte Worte zu mir.
„Ich freue mich, Bürger Repräſentant, daß Du Dich meiner erinnerſt.“⸗—
„Deine Familie iſt mir wohlbekannt. Ihr ſeid lau, aber nicht feindlich. Man kann nicht von Jedem Selbſtaufopferung er⸗ warten; um ſo mehr wundere ich mich, wie Du zu dem Entſchluſſe gekommen biſt, eine Bitte für die Verdächtigen zu wagen.“
„Eben weil ich der Selbſtaufopferung fähig bin, Bürger Re⸗ präſentant.“.
„Was heißt das?“ fragte Robespierre lauernd.
„Ich war mir bewußt, mein Leben auf's Spiel zu ſetzen, in⸗ dem ich ein Wort zu Gunſten meiner compromittirten Freunde wagte. Glaubſt Du nicht, Bürger Nepräſentant, daß es heutzu⸗ tage ebenſoviel Muth erfordert, für einen Verurtheilten bei Dir Gnade zu erflehen, als eine mit Kanonen beſetzte Schanze zu ſtür⸗
men, hinter welche ſich die Feinde der Nation verſteckt haben?“
„Das iſt wahr/
19 Blitz fuhr aus Robespierre's Augen.
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