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vorwärts zu kommen. Und nach ſie abermals ſtill, um wie ſelbſt⸗ vergeſſen vor ſich hinz zuſprechen:„Und doch!“ Dann warf ſie, wie über ſich erzürnt, trotz ig die Lippen auß legte den Reſt ihres Weges raſch zurück, überſchritt die Brücke und bog jenſeits derſelben in die Nußbaumallee ein, an welcher ihr Quartier lag.
Im Vorzimmer. zu ihrem Gemache harrte ihr Kammermädchen der Herrin. Die Dienerin ſtand auf, als Brunhild eintrat, und ſagte ſchüchtern:„Gnädiges Fräulein, ſind Sie unwoh hl?“
„Unwohl? Wie ſo?“
„Sie ſehen ſo angegriffen aus,
„Bah, ich bin ganz wol hl. Haſt D
„Ja, und er brachte einen Brief zurück,“
müßte ſie ſich Gewalt anthun, etlichen hundert Schritten ſtand
ſo blaß.“ Du Georg zur Poſt geſchickt?“ verſetzte das Mäd⸗
chen, die Thür zu dem inneren Zimmer öffnend.
Brunhild trat ein, nahm den Brief vom Tiſche und legte ihn wieder gleichgültig hin, als ihr die Adreſſe die Handſchrift ihres Vaters gezeigt hatte. Sie ging an's Fenſter und ſtand eine Weile nachdenklich, die Blicke mehr in das eigene Innere als in die Landſchaftspracht draußen tauchend. Mit einem Male trat ſie heftig zurück, ſie hatte den„Narren“ oder„Gecken“ erblickt, welcher, aus dem Hotel kommend, drunten raſch über den Vorplatz ſchritt. Wie ſie ſich vom Fenſter wegwandte, fiel ihr Blick zufällig auf den großen Spiegel an der Seitenwand und dieſer zeigte zu ihrer Ueberraſchung, daß ihr Antlitz, welches
doch nach Ausſage der Zofe ſoeben noch blaß geweſen, mit Purpur⸗ röthe bedeckt war. Unwillig kehrte ſie ſich von der ärgerlichen Glas⸗ fläche ab, nahm zerſtreut den Brief auf, öffnete den Umſchlag und begann mechaniſch zu leſen. Plötzlich jedoch erweiterten ſich in Staunen und Schrecken ihre Augen, ſie wankte auf ihren Füßen, ſchwankte bleich wie der Tod auf einen Stuhl zu, ließ ſich auf denſelben niederfallen und preßte, das Papier in ihren gerungenen Händen zerknitternd, halb athemlos hervor:„Eine Bettlerin! Eine Bettlerin!“ Tonlos fügte ſie nach einer Weile hinzu:„Ah, wie ſagte denn der der der Mann? ‚Wenn die Götter dir die Pforte zum Himmel aufthun“ Zum Himmel?... Aber ſchon iſt ſie zugeſchlagen, unwiederbringlich!“
Nach Verlauf einer Stunde ging im Vorzimmer draußen die Klingel. Die eintretende Zofe fand ihre Herrin in gewohnter Faſſung und Haltung. Fräulein Brunhild ſagte kurz und kalt: „Raſch die Koffer gepackt, Hanne! Laß Georg die Rechnung for⸗ dern und bereinigen. Wir reiſen mit dem zunächſt abgehenden Dampfboot.“
4. Verkauft und gekauft.“
Auf dem von zwei reichvergoldeten Karyatiden getragenen Marmorgeſims des Kamins brennt eine aus Silber getriebene dreiarmige Lampe und erhellt ein Schlafgemach, welches mit an⸗ muthvoller Pracht auszuſchmücken und zum Empfange der Hoch⸗ geliebten herzurichten zärtliche Fürſorge und künſtleriſch gebildete
Einbildungskraft gewetteifert haben.
Aber die Augen Brunhild's ſchweifen gleichgültig über alle dieſe Liebeserweiſe des Mannes hin, dem ſie heute mittels eines froſtigen Kopfnickens vor dem Altar zum W Veibe ſich gelobt hat.
Im vollen Brautſtaat, das Myrthenreis noch im Haare, liegt ſie, den Rücken der von einem mau rriſchen Hufeiſenbogen überwölb⸗ ten Niſche zugewandt, in welcher hinter einer Wolke von dunkel— rother Seidendraperie die weißen Atlaspfühle des Brautbettes her⸗ vorſchimmern, in einem Lehnſtuhl, den Blick ſtarr auf einen mäch⸗ tigen Spiegel geheftet, der ihre Geſtalt voll widerſpiegelt.
Ihr Antlitz iſt bleich bis zur Fahlheit und zu dieſer Bläſſe ſteht das düſtere Feuer der großen dunkeln Augen, ſteht das Fie⸗ berroth der trotzig zuſammengepreßten Lippen in einem unheim⸗ lichen Contraſt. Zuweilen hebt ſich ihre Bruſt unter dem we ißen Spitzenkleid und dann legt ſie die ſchöne ſchlanke Hand darauf, wie um den Sturm der Gefühle, die da drinnen ihre Wogen ſchla⸗ niederzupreſſen. Dann wendet ſie, erregte, mit einer Gebehrde ab, ſteht auf und geht an das hohe 1 flügel geöffnet f 1
Aus den Blumenbeeten Duft zu der ſchönen,
Sie achtet nicht darauf. laue, mondhelle, leiſe athmende
gen, als ob ihr Spiegelbild ihren Widerwillen der Unge Duld den Blick vom Spiegel Bogenfenſter, deſſen Doppel⸗ nd.
hauchen Veilchen und Jasmin
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drunten bleichen, Theilnahmlos tauchen ihre Frühlingsnacht.
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lun ihren de empor. in die
Augen
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dämoniſch bewegten Braut
Fernher
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klingt das Singen ſtürzender Gletſcherbäche. Wie in träumeriſchem Koſen plätſchert das leichte Wellengeträuſel d des Sees an dem Ufer⸗ ſaum des Parkes. Weithin über die prächtige Waſſerfläche zittert ein ſilberner Strahl, der
Widerſchein der Mondſichel, die in der dunkelblauen Wölbung der Himmelsglocke über dem Hochgebirge
ſchwebt. Ihr geiſterhaftes Licht rieſelt auf einen Bergkoloß von höchſter Mächtigkeit nieder, welcher jenſeits des Sees, gerade dem Fenſter des Brautgemachs gegenüber, hinter vielfach abgeſtuften
Vorbergen ſeine furztbar ſchroffen, ſchwarzen, eisumpanzerten Fel⸗ ſenglieder hoch in die Lüfte hebt. Mechaniſch ſällt ihr Blick auf die finſtere Bergmajeſtät, mechaniſch haftet er an den beiden blen⸗ dend weißen Firnſchneeflächen, welche an der Scheitelkrone des dun⸗ keln Rieſen wie zwei Diamanten funkeln.
JIhre Seele iſt weit von hier; iſt daheim im nie zwar ge⸗ liebten, jetzt aber gehaßten Baterhauſe, zur Stunde, wo ihr Vater, händeringend, Angſtſchweiß auf der Stirn, ſlehend zu ihr geſagt
(hatte:„Es koſtet Dir nur ein Wort, nur ein Ja, um mich vom
Bettelſtab, um mich von Schmach und Selbſtmord zu retten!“
Und ſie hatte dieſes Wort geſprochen, hatte dieſes Ja gegeben, dem
Manne gegeben, welchem ſchon in dem Moment, als ſie zuerſt ihn
geſe ſehen, ihr Herz ſtürmiſch entgege ngeſchlagen und welchen, ſo wollte es ihr infernaliſcher Stolz, ſie tödten möchte, könnte, müßte, weil ein tückiſch Verhängniß ihm geſtattet hatte, ſo um ſie zu werben, ſo ſie zu erwerben..
Die ſchweren Sammetgardinen, welche die Thür des Zimmers verbargen, wurden zurückgeſchlagen und die ſtattliche Geſtalt des
Bräutigams erſchien auf der Schwelle.
Sigfrid's Mund lächelte, aber dennoch lag eine leichte Wolke von Ungewißheit und Sorge auf ſeinem offenen, mannhaft ſchönen Geſicht. Er blieb einen Augenblick zögernd ſtehen, den Blick zu der am Fenſter ſtehenden und in ſich verſunkenen Braut hinüber⸗ ſendend. Dann ſchritt er geräuſchlos über den weichen Teppich, trat ihr zur Seite und legte ſanft ſeinen rechten Arm um die prächtig⸗ſchlanke Geſtalt.
Sie wandte das ſchöne Haupt an, ſo kalt, ſo abweiſend, dieſen gefürchteten Moment ſeit lange mühſam, aber mit Erfolg vorbereitet: Er hielt ihren Blick aus, und als nun ſein Auge ſo lieb und gut und zärtlich auf ihr ruhte, als ſie ſeinen Athem auf ihrer Wange fühlte und ſein Arm mit zarter Schonung ſie gegen ſeine Bruſt hinzog, da ſchrie es in ihr auf:„Ich liebe Dich, Mann!“ und das Jauchzen und Frohlocken ihrer Seele machte
zu ihm um und blickte ihn
ſie unwillkürlich die Arme erheben, um ſie dem Bräutigam heiß um den Nacken zu ſchlagen. Aber ſie that es nicht. Sie fand in ihrem Hochmuth die
Kraft, die faſt übermenſchliche Kraft, es nicht zu thun. Sie hatte ſich eine Rolle vorgebildet, die Unſelige, und dieſe Rolle mußte geſpielt werden. Doch nein, es war nicht etwas künſtlich Zurecht⸗ gemachtes, was ſie zu handeln trieb, wie ſie handelte. Es une vielmehr ihr eigenſtes Weſen, ihre von früh auf genährte, nahez
Wahnſinn ſtreifende Verſchrobenheit, Verdrehtheit und Var bildung, ihre Genialitätsaffectation— die Schwaben haben dafür einen viel derberen, aber auch viel bezeichnenderen Ausdruck:— ihre 6 weibsſucht, die ihr zur Natur gewordene Unnatur.
r Zornſchrei des ſterbenden Talbot:„Unſinn, du ſiegſt!“ iſt jad der unaufhörlich und unzählig oft wiederkehrende Grundbaß in der großen Narrenſymphonie des Pbens⸗..
Mit einer Stimme, deren leiſes Beben ſeine tiefe Empfindung verrieth, ſagte Sigfrid:„Und ſe endet, was in den Sternen geſchr Weib Sigfrid s geworden.“ „Das Weib?“ entgegnete ſie ſchneidend, mit einer herbſpröden Bewegung ſeinem Arm ſich entziehend.„Die Waare, wollen Sie ſagen, mein Herr! Man hat mich verkauft und man hat mich gekauft, das iſt Alles.
Hoch aufgekichtet ſtand ſie ihm gege genüber. Ihre Augen ſprüh⸗ ten Feuer und ihre Schönheit war die der Meduſa.
Ein dunkles Roth überfuhr Sigfrid's Wangen und Aber er bezwang ſich,
an den
crieben ſtand— Brunhild iſt das
Stirn
und ſeine Lippe bäumte ſich zornig empor. wie denn— faſelude Pſychologen mögen ſagen, was ſie wollmn im Sinne der Vernunft der Mann immer weit mehre ſi
zwingen, zu bezähmen und zu beherrſchen weiß, als „Brunhild, ¹ ſagte er mild und freundlich, 5 Du tl Stunde ſchließt unſere ganze
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hätten gütige Götter doch voll⸗
ſo verachtungsvoll, als hätte ſie ſich
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ihres m k


