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Der Caſtellan ging.
„Sagt ihm nur von dem Morde nichts!“ bat ihn der Se⸗ cretair noch.
„Ich werde meine Sache ſchon machen.“
Der Secretair blieb in angſtvoller Spannung zurück. Er hatte vollkommen nach Verabredung mit dem Juſtizamtmann und Polizeirath gehandelt. Aber jetzt ſtand die Beamtenehre gar für Drei auf dem Spiele, und um die Beamtenehre iſt es ein eigen Ding.
Es dauerte lange bis zur Rückkehr des Caſtellans. Der alte Diener des alten Freiherrn trat mit einem ſo eigenthümlich ver⸗ ſchloſſenen und nachdenklichen Geſichte wieder ein.
„Nun?“ fragte der Secretair.
„Ich ſagte ihm, daß Ihr und der Juſtizamtmann und ein fremder Polizeibeamter hier ſeiet, um mit dem Freiherrn Walde⸗ mar zu verhandeln; was es ſei, wiſſe ich nicht. Er wurde zuerſt unruhig. Dann ſaß er lange ſtill vor ſich hin, das Geſicht mit ſeiner Hand bedeckt. Als er wieder aufblickte, ſchien er wieder ruhig zu ſein.
Laſſen Sie den Juſtizamtmann zu mir kommen,“ ſagte er. „Ihn allein.: Weiter ſagte er nichts. Fragen durfte ich ihn nicht. Was weiter geſchehen ſoll, müßt Ihr jetzt wiſſen.“
„Gehen wir zu den Anderen,“ ſagte der Secretair.
Sie verließen zuſammen die Wohnung des Caſtellans, das Schloß und kamen bei den Anderen an. Der Secretair theilte ſeine Unterredung mit dem Caſtellan, dieſer die ſeinige mit dem alten Freiherrn mit. Der Juſtizamtmann war ſchnell entſchloſſen.
„Führen Sie mich zu dem Freiherrn.“ Auf dem Wege ſagte er:„Nennen Sie mir die Bewohner des Schloſſes.“
„Das Schloß ſelbſt bewohnen nur der Freiherr und ſeine Enkelin; außerdem ich mit meiner Familie und der größte Theil der Domeſtiken.“
„Wo wohnt der junge Freiherr?“
„In der alten Burg, wie ſie genannt wird. Sie liegt rechts vom Schloſſe, durch einen bedeckten Gang mit dieſem verbunden. Als er von ſeinen Reiſen zurückkehrte, wünſchte er hier zu wohnen.“
„Wer bewohnt die übrigen Gebäude?“
„Die Wirthſchaftsbeamten, die anderen Wirthſchafts⸗ und Gutsleute.“
„Erzählen Verhältniſſe der
Der Caſtellan erzählte.
Sie mir über das Leben der Familie, über die einzelnen Mitglieder zu einander.“ Der alte Freiherr wohnte nur mit
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ſeiner Enkelin im Schloſſe, der Sohn lebte für ſich allein in der alten, reſtaurirten Ritterburg. Der alte Freiherr führte ein ſtilles, einſames, aber das regelmäßige und vornehme Leben alter Schlöſſer. Er war am Ende der ſiebenziger Jahre und ſchon ſeit längerer Zeit hinfällig, ſeit mehreren Wochen kränklich. So hatte er ſchon lange das Schloß nicht mehr verlaſſen; auch ſeine Zimmer nicht. Nur zur Mittagstafel begab er ſich in den Speiſeſaal. Seine En⸗ kelin lebte ebenſo einſam in ihren Zimmern; ſie hatte nur eine Gouvernante um ſich, die zugleich ihre Geſellſchafterin war. Die Gouvernante war eine alte Franzöſin. Großvater und Enkelin ſähen ſich täglich zweimal. Einmal an der ſehr vornehm her⸗ gerichteten Mittagstafel, das andere Mal Abends beim Thee, der im Wohnzimmer des Freiherrn genommen ward. Er und das Fräulein waren dabei allein; die Gouvernante kam nicht hin. War der Thee genommen, ſo wurde die Dienerſchaft entfernt, und das Fräulein las dem alten Herrn vor, der bei Abend nicht mehr ſelbſt leſen konnte.
Seinen Sohn ſah der alte Freiherr einmal in der Woche.
Am Sonntag Vormittag machte der junge Freiherr dem Vater ſeine Aufwartung, um ſich nach ſeinem Beſinden und nach ſeinen
Befehlen zu erkundigen. Der Beſuch dauerte zehn Minuten. Con⸗ venirte es Vater und Sohn, ſo war eine Einladung zur Mittags⸗
tafel und Annahme derſelben die Folge des Sonntagsbeſuches. Das Leben des Sohnes in der alten Burg war ein ebenſo un⸗
regelmäßiges, wie das im Schloſſe ein regelmäßiges war. Der junge Freiherr ſtand ſpät auf, frühſtückte erſt zu Mittag, ritt oder fuhr aus, kam früh oder ſpät, mit oder ohne Geſellſchaft wieder, wie es beliebte. Manchmal kam er des Nachts gar nicht nach Hauſe; manchmal hatte er Gäſte, mit denen er die ganze Nacht durch banketirte. Nicht ſelten war er mehrere Tage lang gar nicht da. Sein Vater ließ ihm völlig ſeinen freien Willen, bekümmerte ſich
nicht um ihn, fragte nicht nach ihm. Seine Gäſte, ſeine Freunde
waren meiſt junge Edelleute aus der Nachbarſchaft, auch mancherlei
andere Menſchen; es ſollten Spieler und Abenteurer darunter ſein, die ſich des Sommers in den Bädern umhertrieben. Erſt vor zwei Monaten war der junge Freiherr von ſeinen mehrjährigen Reiſen zurückgekehrt und gleich nachher hatte dieſes Leben begonnen. Seine Nichte ſah er nur, wenn er an jenen ſeltenen Sonntagen bei der Mittagstafel im Schloſſe erſchien. Die Beiden kümmer⸗ ten ſich außerdem gar nicht umeinander.
(Fortſetzung folgt.) 4
Eine Weihnacht in Tirol.
Von Heinrich Noë.
Der freudenvolle Vorabend iſt es des heiligen Chriſttages.
Wäre ich jetzt in Berlin oder Dresden und ſchaute auf die Straße, ſo erblickte ich das geſchäftige Umherrennen der Leute, hin⸗ und hereilende Caroſſen, den Glanz der Magazine. Selbſt in unſern ſüddeutſchen Hauptſtädten, in Wien oder München, für deren öffentliches Leben das große Feſt der Chriſtenheit nicht jene Bedeutung hat, wie für unſere Brüder im Norden, würde ſich eine bewegtere Stimmung, eine geſteigerte Bewegung ſofort bemerkbar machen. Wenn ich dagegen den dichten Hauch von den Fenſterchen wegwiſche, hinter denen ich unter dem gaſtlichen Dache der vielbekannten Scholaſtica augenblicklich hauſe, ſehe ich einen beſchneiten Zaun, eine ſchmale Straße und an dieſe fluthet der tiefblaue Achenſee hexan, tief in die Klüfte der noriſchen Alpen eingebettet. Sein Südende iſt in Wolken verſchwommen, wie die Spitzen und Rücken der Berge, deren ungeheure Felswände jäh in ſeine ungemeſſene Tiefe fallen. Dichte Nebelſtreifen fließen von den weißen Höhen auf die dunkle Fluth, die in regelmäßigen Tactſchlägen ihre niedrigen Wellen auf den Strand wirft, deſſen zermahlene Kieſel ſie von Schnee befreit hat.
Der Leſer wird ſich vielleicht wundern, wenn ich von Wellenſchlag und dunkeln Waſſern ſpreche, während ſpitze Eis⸗ zapfen von dem ſteinbeheckten Dach dort hängen, die meiſten Bäche ſchon längſt erſtarrt ſind und wohl auch draußen im Norden⸗ die Winterſonnenwende ſchon überall ihre kryſtallenen Decken aus⸗ gebreitet haben wird. Aber man erinnere ſich, daß die berühmteſten
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Geologen, Leopold von Buch an der Spitze, die Tiefe der Fluth, die gegen mein Häuschen anſchwillt, auf dreitauſend Pariſer Fuß anſchlagen und daß es deshalb der Einwirkung einer mehrmonat⸗ lichen harten Kälte bedarf, um den Austauſch der erkälteten oberen
Schichten mit den vielen darunterliegenden wärmeren durch eine Auch darf
tief hinabgreifende Erſtarrung endlich zur verhindern. man die unzähligen Quellen nicht vergeſſen, die in den ſchwarzen Gründen aus dem Schooß der zerklüfteten Kalkalpen ihr Waſſer ungeſehen in den See einſprudeln laſſen— auch dieſe helfen dem gewaltigen See gegen die eiſigen Feſſeln. So kommt es, daß von den großen und tiefen Seen des Hochlandes keiner vor Ende des Monates Januar oder dem Anfange des Februars dem
Schlitten oder Schlittſchuh einen ſicheren Boden bietet, und auch
daß langanhaltendes Schnee⸗
dazu iſt es faſt immer nothwendig,
geſtöber vorher die Oberfläche des Sees in einen ungeheuern Brei
von Eisnadeln verwandelt hat. Seien wir froh, daß dem noch nicht ſo iſt; denn es iſt nichts Schönes um einen zugefrorenen Alpenſee, weil das Gemenge des hineingefrorenen Schnees vom Waſſer faſt nichts mehr erkennen läßt und ſo ein Wanderer, der vom Worhandenſein einer Seeſſie nichts wüßte, auch gar nichts davoll wahrnehmen, ſondern d fär eine verſchneite Schlucht, ein verwehtes Thal halten würde, ganz wie es Guſtav Schwab in ſeinem Reiter vom Bodenſee ſo grauſig ſchön geſchildert hat. 1 Tfeten wir, von dem
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im Sommer ſo herrliche Becken
dunkeln Blut des„Heurigen“, des


