4
ein ſeiner Heimath niemals kennen gelernt.
zum zweiten Male auf ſie; ſie ſinkt wiederum hinab, k
haupt ſichtbar werden laſſen; wenn ſie ſich im Waſſer befinden, gewahrt man von ihnen höchſtens dann und wann den Hals. So lange nun das Gewüſſer eisfrei bleibt und tagtäglich mit Fiſchen verſorgt wird, finden die Scharben in ihm Alles, was ſie bedürfen,
und befinden ſich anſcheinend außerordentlich wohl. Der Sommer
gewährt ihnen außerdem noch andere Unterhaltungen. Sie fangen dann, wie ich bereits andeutete, eine und die andere der vorbei⸗ fliegenden Schwalben, wenn dieſe hart über das Waſſer dahinſtrei⸗ fen; ſie führen vielleicht mit dem oder jenem ihrer Teichgenoſſen einen kurzen Zweikampf auf und erlangen dabei regelmäßig den Erfolg, daß die von ihnen Angegriffenen das Weite ſuchen. Anders verhält ſich die Sache, wenn der Winter ſeine Eisdecke über das Gewäſſer legt und ihnen ihr Haus im eigentlichen Sinne des Worts zuſchließt. Dann ſitzen ſie ſehr trübe am Strande und langweilen ſich. So lange, wie ihre Kräfte ausreichen, verſuchen ſie die Eisdecke zu zerſtören, und gewöhnlich halten ſie das Waſſer auch bei ſtarkem Froſte tagelang offen. Endlich aber wird das Eis ihnen doch zu ſtark, und ſie ſind dann gezwungen, am Lande zu verweilen. Im vorigen Winter hatte ſie der Froſt gänzlich
überraſcht. Das Waſſer war über Nacht zugefroren, und ſie ſaßen
am Morgen ſehr traurig auf ihren gewöhnlichen Sitzplätzen. Auch der Pelikan fühlte ſich höchſt unbehaglich. Ihm war das Eis etwas vollkommen Neues, ein Erzeugniß der Fremde, welches er Er verſuchte zuerſt, auf dem glatt wie immer erſcheinenden Spiegel zu ſchwimmen, rutſchte ſelbſtverſtändlich aus und bemühte ſich lange Zeit ver⸗ geblich, wieder auf die Beine zu kommen. Unter dieſen Bemühun⸗ gen brach die ſchwache Eisdecke ein, und er begann jetzt aus Lei⸗ beskräften zu rudern. Die ſcharfe Kante des Eiſes hinderte ihn jedoch, und der arme Schelm wußte ſich weder zu rathen noch zu helfen. Dieſen Augenblick benutzten die Scharben. Sie hatten im Nu die Lage erkannt, eilten von allen Seiten herbei, ſtürzten ſich neben dem Pelikan in's Waſſer und tauchten vergnüglich in die Tiefo, beim Emporſteigen aber hinderte ſie das Eis, und ſie muß⸗ ten wohl oder übel zu der einzigen kleinen Oeffnung zurückkehren. Da blitzt ein Gedanke durch ihr Hirn, wie er ihrer würdig iſt. Sie ſtürzen ſich plötzlich mit vereinten Kräften auf den Pelikan und zwicken und beißen ihn von allen Seiten. Der wehrt ſich mit ſeinem gewaltigen, aber unkräftigen Schnabel, ſo gut er kann, ohne Erfolg. Die Scharben greifen ihn von Neuem an, und der Geäugſtigte ſucht endlich Rettung in der Flucht. Das war es, was die Scharben beabſichtigten; denn flüchtend zerbrach er ihnen das Eis. Die Vögel hatten zweifelsohne vorher beobachtet, daß ein ſchwererer Vogel das Eis zertrümmern kann; ſie hatten alſo nur nach den geſammelten Erfahrungen gehandelt. Demungeachtet be⸗ wieſen ſie aber eine Schärfe des Verſtandes, welche man ihnen gewiß nicht zugetraut hätte. Fortan war der Pelikan der allge⸗ meine Eisbrecher im Teiche. Die Scharben hetzten und quälten ihn, ſo oft ſich eine dünne Eisdecke über das Waſſer gelegt hatte, und Dank ſeiner Schwere brachten ſie es dahin, daß ſie am längſten unter allem Geflügel und ohne unſere Hülfe das Waſſer ſich auch während der ſtrengſten Kälte offen erhielten.
Dieſes kluge Benutzen anderer Kräfte oder das Ausbeuten fremder Arbeit iſt überhaupt etwas Gewöhnliches unter dem Waſſer⸗ geflügel. Die Möven geben uns dafür alle Tage Belege. Sie
haben ſehr bald erkennen gelernt, daß die Tauchvögel auch dann
noch Beute zu erlangen wiſſen, wenn die auf den Strand ge⸗ worfene Nahrung bereits erſchöpft iſt. Sie haben geſehen, wie
Scharben und Tauchenten aus der Tiefe herauf todte und lebende
Fiſche holen und bezüglich verzehren. Darauf hin gründen ſie ihren Plan. An die Scharben dürfen ſie ſich natürlich nicht wagen; die Enten aber ſind ihnen gegenüber wehrloſe Geſchöpfe. Sie erſchei⸗ nen alſo zwiſchen dieſen, ſchwimmen harmlos unter ihnen umher und achten genau auf diejenigen, welche in der Tiefe verſchwinden. Wehe ihnen, wenn ſie mit einem Fiſch im Schnabel wieder empor⸗ tauchen, in der Abſicht, dieſen, mit dem Kopfe außerhalb des Waſ⸗ ſers, zu verzehren! Im Nu erheben ſich die leichten Möven, ſtür⸗ zen ſich nach ihnen hin und verſuchen ihnen die erlangte Beute abzunehmen. Die Tauchente will ſich natürlich ſolches nicht ge⸗ fallen laſſen und taucht blitzſchnell wieder mit dem Gefangenen in die Tiefe; ſie iſt aber gewöhnt, denſelben über dem Waſſer zu ver⸗
zehren und kommt deshalb wieder empor. Die Möven ſtürzen ſich
ommt zum dritten Male in die Höhe, und der Möve glückt es gewöhnlich
.—
doch endlich, ihr den Biſſen vom Munde wegzunehmen.— Das ſind gewiſſermaßen die ſtillen Stunden unſerer Teichgeſellſchaft. Die Fütterung dagegen iſt ſtets das Zeichen zu einer allgemeinen Erhebung.
Alle Thiere kennen die Zeit, ſie wiſſen ſehr wohl zwiſchen den verſchiedenen Stunden zu unterſcheiden; ſie kennen namentlich genau die Stunde, in welcher der allgemeine Wohlthäter, Wärter genannt, ihnen das Futter zu bringen pflegt. Des Nachmittags um drei Uhr wird es an unſerm Teiche lebendig. Die Marabus erheben den langen Hals, der Pelikan ſchaut verlangend, die Reiher recken ein Mal um das andere die Köpfe in die Höhe; die Möven laufen eilfertig hin und her, und Alles verſammelt ſich allgemach in der Nähe des gewohnten Futterplatzes; Groß und Klein drängt ſich durcheinander. Den Scharben wird die Zeit zu lang, und ſie ſinnen deshalb darauf, ſie durch allerlei Kurzweil zu vertreiben. Eine ihrer beliebteſten Vergnügungen iſt, andere Vögel zu beißen. Dank vielfacher Uebung haben ſie hierin eineſo große Fertigkeit und zugleich eine ſo große Furchtbarkeit erlangt, daß die meiſten Mitbewohner des Teichs ihnen ehrfurchtsvoll Platz machen. Aber auch ſie finden ihren Meiſter. Die Marabus ſind ſo leicht nicht aus ihrer Ruhe zu bringen, können aber, wenn ſie dieſelbe ein⸗ mal verloren haben, ſehr ungemüthlich werden. Sie ſchmettern, gereizt, mit ihrem Keilſchnabel rückſichtslos zwiſchen die Meuge, und ihnen müſſen ſelbſt die Scharben weichen. Solche Kämpfe finden ſtatt, noch bevor eigentlich Grund zum Streiten vorhanden; wenn aber der Wärter ſich endlich zeigt, entſteht ein wahrer Aufruhr. Die klugen Möven pflegen die Erſten zu ſein, welche den fiſchſpendenden Mann in der Menge der Beſucher herausge⸗ funden haben und kündigen das frohe Ereigniß mit einem ſonder⸗ baren und nicht zu beſchreibenden Gelächter an. Auf dieſen Ton ſtürzt Alles gierig nach der einen Stelle hin; es läuft und fliegt, es taucht und ſchwimmt, es hüpft und reunt herbei. Die große Freiheit, welche ich vielen Vögeln gewähre, zeigt jetzt ihre Licht⸗ ſeiten. Unſere Lachmöven, welche in ihren Bewegungen vollkommen unbehindert ſind, ſtürmen ſchaarenweiſe heran; es bildet ſich eine Wolke von ihnen über dem Teiche, den Schwärmen derſelben Vögel zu vergleichen, welche ein nahe an der Küſte dahinſegelndes Schiff umgeben. Eine um die andere ſtößt von oben herunter, gleitet zwiſchen der Maſſe hindurch und vermehrt dadurch noch weſentlich das allgemeine Leben. Inzwiſchen iſt der Wärter zur Stelle ge⸗ kommen und hat ſich ſeiner Bürde entledigt. Dreißig, vierzig, funfzig Pfund Fiſche, je nach dem zeitweiligen Beſtand, genug für Alle, werden hier mit einem Male auf die Tafel gebracht. Aber der hungrigen Gäſte ſind viele, und die Eßluſt iſt erſtaunlich groß: da gilt es alſo ſchnell ſein, um nicht zu kurz zu kommen! Alles rennt, ſchwimmt, fliegt durch einander; jeder ſchlingt, ſo ſchnell er kann, möglichſt viel von den Fiſchen hinab, und der, welcher glücklich etwas erworben, verſucht damit ſo ſchnell wie möglich wegzukom⸗ men. Wirklich ergötzlich ſieht es aus, wenn der Pelikan ſeinen Hamenſchnabel dazu benutzt, die an das Land geworfenen Fiſche aufzuſchaufeln, genau ſo, wie es unſer Bild darſtellt. Der Schnabel iſt dazu durchaus nicht geeignet, demungeachtet gelingt es ſeinem Beſitzer nicht ſelten, mit einer einzigen Bewegung vier bis fünf Pf ziſche einzuſenken und im Kehlkropf ſicher zu bergen. So viel le die Scharben mit einem Male nicht hinabſchlingen; dafür a ſie ſchneller und gewandter und kommen deshalb nicht in ſten zu kurz. Wie Schlangen winden ſich die Hälſe zwiſchen dein Ldern und Flügeln und Beinen der Vögel hindurch; ein Fiſch nach dem andern waird erfaßt und mit unglaublicher Haſt hinabgewürgt. Doch geht ihre Mahlzeit nicht immer ſo ganz ohne Störung ab. Ihre Gier läßt die ihnen angeborne Herrſchſucht rückſichtsloſer als je auftreten, und die Strafe folgt dann deu Uebergriffen auf dem Fuße nach. Störche, Reiher und Marabus bringen den gefräßigen Ruderfüßlern manchen wohlgezielten Schna⸗ belhieb bei, und gar nicht ſelten müſſen dieſe den Wahlplatz ver⸗ laſſen, ohne ganz befriedigt worden zu ſein. Dann ſchwimmen ſie der Mitte des Teiches zu, tauchen in die Tiefe und durchſuchen das Gewäſſer eifrig nach allen Richtungen, in der Hofft rung, wo möglich hier noch Etwas aufzufinden. An ein Zurückkehren zur Tafel iſt nicht zu denken; denn die Mahlzeit ſelbſt wäh 18 zwei Minuten. In dieſer Zeit muß jeder Tiſchg⸗ ſorgt haben, wenn er nicht Hunger leiden will. Dee nachträglich Etwas zu erhalten, würde vergeblich ſeinze eimnal eine Grüte bleibt übrig!
2
——
5


