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Wege und der Bucht hinaus. Möblement und Verzierung des⸗ ſelben ſind nicht reicher als in einem wohlhabenden Bürgerhauſe. Rothe Vorhänge an Goldleiſten neben der Thür und dem breiten Fenſter, ein Sopha mit einem Tiſch davor, zwei gepolſterte Lehn⸗ ſtühle, ein Secretär, ein Glasſchrank, noch ein kleiner Tiſch, ein Blumenſtand mit hübſchen Blattpflanzen, eine Stutzuhr und etliche gewöhnliche Stühle, endlich drei Oelbilder, von denen zwei die Töchterchen des Herzogs, niedliche Kindergeſichter mit blonden Lockenköpfen und den Augen des Vaters, vorſtellen, das dritte die hier geſchilderte Villa zeiigt— das wäre ungefähr die Ausſtattung des nur wenig über mittelgroßen und nur mäßig hohen Zimmers, und die erwähnten Nebengemächer ſind noch weniger anſpruchsvoll eingerichtet.
Gleich beſcheiden iſt der Haushalt des Herzogs und ſein ganzes Auftreten in geſellſchaftlicher Beziehung.
Mehr als einer der großen adeligen Grundbeſitzer Holſteins macht ein glänzenderes Haus als er. Nie ſah ich ihn mit Vieren fahren. Seinen Wagen ziert weder ein Wappen noch anderer Schmuck. Seine Dienerſchaft beſteht aus einem Lakai in Livree, einem Jäger mit Federhut und Hirſchfänger, einem Kutſcher und einem Bedienten in gewöhnlicher Kleidung. Als Hofchef dient ihm der Major Schmidt, ein früherer preußiſcher, dann ſchleswig⸗ holſteiniſcher Officier von Vermögen, den treue Neigung dem Herzog nach Kiel folgen hieß. Die Geſchäfte eines Privatſecretärs, hauptſächlich wohl in Erledigung der Zuſendungen von Büchern, Bildern, Gedichten u. dgl. beſtehend, mit denen Herzog Friedrich, wie üblich, von allen Seiten heimgeſucht wird, verſieht ein Herr von Rumohr.
Von ſtrenger Etiquette und Ceremonienmeiſterei iſt nicht die Rede. Schwarzer Frack und helle Handſchuhe ſind alles, was man zu einem Beſuch bedarf. Die Unterhaltung bei Taſel iſt völlig ungezwungen. Man ſpeiſt nicht beſſer als in einem der wohl⸗ habenden Kieler Privathäuſer: eine Suppe, drei Gerichte, Deſſert, dazu vor jedem Gaſt eine Karaffe mit dem landesüblichen Roth⸗ wein, zur Suppe ein Glas Portwein, blos bei beſondern Gelegen⸗ heiten ein anderes Getränk, ſelten Champagner. Nur bisweilen ſitzt man läuger als eine halbe Stunde bei Tiſche. In der Regel ſind nicht mehr als fünf bis ſechs Perſonen geladen. Nach auf⸗ gehobener Tafel wird das Geſpräch bei einer Taſſe Kaffee und einer Cigarre im Empfangszimmer fortgeſetzt. In Kiel wird ſpät, zwiſchen drei und vier Uhr, zu Mittag gegeſſen, in der herzog⸗ lichen Villa nach engliſcher Sitte erſt um ſechs Uhr Abends, und die Geſellſchaft, unter der man häufig Leute von Namen, Pro⸗ feſſoren der Univerſität, Notabeln aus den entfernteren Theilen der Herzogthümer, Fremde von Diſtinction trifft, bleibt dann ge⸗ wöhnlich bis gegen acht Uhr beiſammen.
Der Herzog betheiligt ſich bei der Unterhaltung lebhaft, er verräth dabei eine recht gute Kenntniß des Landes, Vertrautheit mit den Sitten, Rechten und Bedürfniſſen deſſelben und reges
Intereſſe, ſich weiter zu unterrichten, auch eine reſpectable allge⸗ 7 5 5
meine Bildung— eine beſſere, behauptete ein zu Vergleichen Be⸗ fähigter, als mancher andere unſrer erlauchten Herren in Denutſch⸗ land. Ueber politiſche Dinge hört man ihn ſtets ſich im Sinne eines gemäßigten Liberalismus äußern. Im Uebrigen verſteht er ſeine Gedanken geſchickt und fließend auszudrücken und mit Gewandtheit Einwürfe zu widerlegen, die gegen ſeine Meinung gemacht werden. Nie hört man ihn ſchroff, immer mild urtheilen. Daß er ſehr liebenswürdig ſein kann, wiſſen Alle zu rühmen, welche mit ihm in Berührung kamen. Nur ſoweit nothwendig läßt er die Würde des Fürſten empfinden; obwohl preußiſcher Major, erſcheint er nie in Uniform, und niemals ſieht man ihn mit Ordensband und Stern. Kriegeriſche Neigungen ſcheinen ihm zu mangeln, ſein Hauptcharakterzug iſt ein friedlich bürgerliches Weſen, wie es der Mehrzahl der Schleswig⸗Holſteiner eigen iſt. Ich meine, mit dieſen Eigenſchaften würde er einſt(vorausgeſetzt, daß er gut be⸗ rathen wäre) ein Regent ſein, unter welchem ſich ein Volk ziem⸗ lich wohl befinden könnte.
Von Perſon iſt Herzog Friedrich eine ſtattliche Erſcheinung.
Ueber Mittelgröße, wohl gewachſen, zeigt er in ſeinen Geſichts⸗
zügen unverkennbar den Typus des oldenburgiſchen Geſchlechts. Die Augen ſind lichtblau, das Kinn iſt ſtark entwickelt, die Naſe wohlgeformt, die Stirn hoch, der Fuß von vornehmer Kleinheit. Das braune Haar beginnt dem mittleren Dreißiger bereits zu ergrauen— wohl die Folge der Sorge des letztvergangenen Jahres
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und der Aufregungen, die der ſtete Wechſel hoffnungsreicher und
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herabſtimmender Tage in demſelben brachte.
Nicht allgemein bekannt iſt nach meiner Erfahrung, daß die Herzogin nicht bei ihrem Gemahl, ſondern mit dem Prinzen und den Prinzeſſinnen in Primkenau bei ihrem Schwiegervater, dem Herzog von Auguſtenburg, lebt. Die Lage eignete ſich eben bis jetzt noch nicht zur Ueberſiedelung nach den Herzogthümern, und ſo entbehrt der Herzog ſchon ſeit Monaten die Freude, im Schooß ſeiner Familie zu verweilen. Nicht einmal das Weihnachtsfeſt durfte er im Kreiſe der Seinen feiern. ſind bei ihm nur in Bildern.
Das Leben des Herzogs iſt gegenwärtig ein ziemlich ein⸗ förmiges. Des Morgens ein Spaziergang, ſelten ein Ritt, in die Umgebung, dann einſame Arbeit; nach dem zweiten Frühſtück, gegen die Mittagsſtunde, fährt er nach dem Hauſe, welches er in der Stadt inne hat, um ſich hier mit ſeinen Räthen zu beſprechen und zur Aufwartung ſich meldenden Fremden, Bittſtellern oder mit Vorſchlägen oder Mittheilungen kommenden Freunden Audienz zu geben. Gegen fünf Uhr kehrt er nach Düſternbrook zurück. Selten beſucht er das in der That mittelmäßige Theater* er erſcheint er in Concerten, die hier mitunter recht gut ſind und wo man den Gebrauch eingeführt hat, ſeine loyale Geſinnung bei Eintritt der Hoheit durch allgemeines Aufſtehen von den Sitze kundzugeben. Zuweilen unterbricht noch eine Deputation m einer Adreſſe dieſe äußerlich ſtille und eintönige Exiſtenz. H. und wieder beſucht der Herzog einen befreundeten Gutsbeſitzer der nähern oder entfernteren Nachbarſchaft von Kiel. Mitu⸗ folgt er einer Einladung zur Jagd in der Gegend von Hamb wo der Kaufmann Godefroy, ein alter Freund des Augu burgiſchen Hauſes, einen ſtattlichen Beſitz mit Wildſtand Manchmal fällt auch ein Erinnerungsfeſt oder ſonſt ein feien Tag ein, bei welchem der Herzog in die Oeffentlichkeit zu trere⸗ hat. Sonſt verläuft ein Tag ungefähr wie der andere, und noch immer will der rechte, von der Mehrzahl im Lande erſehnte, der Tag der Auerkennung und Einſetzung, nicht erſcheinen. Das Pro⸗ viſorium ſcheint ſich verewigen zu wollen, und die Frage iſt, wer es von den beiden Hauptbetheiligten am längſten ohne Schaden zu ertragen vermag.
Ein Theil der Schleswig-Holſteiner wird noch eine Weile feſt bleiben, wenigſtens in ſeinem Widerwillen gegen die offne und volle Annexion; ob viele, wird die Zukunft lehren. Der enge Anſchluß des neuen Staates an Preußen iſt, was man auch dagegen eingewendet hat und wie ſehr ſich auch der ſtarre Par⸗ ticularismus dagegen aufbäumt, im Intereſſe nicht blos Preußens, ſondern ebenſo ſehr zum Wohle Schleswig-Holſteins zu wünſchen und wird in der That von Vielen gewünſcht. Er iſt eine unver⸗ meidliche Nothwendigkeit und wird darum ganz unzweifelhaft er⸗ folgen, wofern Preußen nicht mehr verlangt und— vermag.
Gar Manche, die an dieſe Unvermeidlichkeit nicht glauben wollen, werden über kurz oder lang daran glauben lernen,
und ſoviel Hinterthüren Klügere ſich zu öffnen bemüht ſind, um
den verhaßten Zugeſtändniſſen mindeſtens theilweiſe auszuweichen, dem, was Preußen in ſeinem und Deutſchlands Intereſſe fordert, werden ſie nicht entgehen. Der Widerwille wird ſich bei der Mehrzahl noch während des Proviſoriums allmählich legen. Un⸗ ſchädliches Murren und Grollen wird man nicht beaſpten, das Uebrige wird das lebhafte Bedürfniß des Landes nach Ruhe in einem Deſinitivum thun. Von Widerſtand mit den Waffen können nur Träumer ſchwärmen— kein Mann im ganzen Lande wir
eine Hand, geſchweige das Schwert erheben, ſelbſt gegen die voll
Einverleibung nicht, ſoviel auch von gewiſſen Leuten dam, gedroht wird. Darüber wolle man ſich im innern Deutſchlan keinen Täuſchungen hingeben.
Vieles ſieht von ferne betrachtet anders aus als von nahe in Augenſchein genommen— auch die Adreſſenſtürme, die ſich hier zu Lande von Zeit zu Zeit gegen Preußen und die Ver⸗ treter des engen und bedingsloſen Anſchluſſes, die einzigen wahren und ehrlichen Freunde Herzog Friedrich's, ſo gewaltig vernehmen laſſen. Windſacke hat, und man weiß nachgerade zur Genüge, daß ſie mehr lärmen als bedeuten. und es wird klarer werden, klarer in vielen Köpfen, klarer und
heiterer auch in der Situation des Herzogs in der Düſternbrooker
Villa.
Kinder und Gemahlin:
Man kennt aber hier den Aeolus, der ſie in ſeinem
Laſſe man dieſes Windmachen endlich,
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