Jahrgang 
12 (1865)
Seite
177
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Der bairiſche Hieſel.

Volkserzählung

a us Baiern.

Von Herman Schmid.

1.

Wer auf den Eiſenſchienen dahindampfend die Münchner Hochebene verläßt, um das Lechgebiet zu erreichen, der ſieht zur linken Seite die Alpen des bairiſchen Hochlandes immer mehr zurücktreten und bald vollſtändig verſchwinden; die weite faſt unab⸗ ſehbare Fläche, die ihn dann mit Haideland und ſtundenlangen Strecken ſchwarzen Torfmoors umgiebt, wird nur nach rechts hin von einem niedrigen Höhenzuge begrenzt, an deſſen Fuß die braune Amper nach Süden einbiegt und auf welchem früher all der reiche Verkehr dahinzog, welcher nun durch Sumpf und Oede in der Ebene fliegt. Auf dieſem Höhenzuge, wenn man ihn bei Dachau erſtiegen, führt die alte große Heerſtraße nach Augsburg, früher belebt durch Reihen von Frachtwagen, Reiſefuhrwerk und Wan⸗ dernde aller Art, umgeben von fruchtbarem, welligem Ackerlande, Wieſen und ſtattlichen Föhren⸗ und Tannenwäldern jetzt etwas abgeſchieden und vereinſamt, bis die Eiſenreifen auch hierher ſich erſtrecken und die ſtill und echt ländlich gewordene Gegend zu einem Glied in der Kette gemacht haben werden, welche der uner⸗ müdliche Menſch bald ganz um ſeine Selavin, die Erde, ge⸗ ſchlungen hat. An manchen Tagen riß der Zug der Reiſenden faſt gar nicht ab und mnches Dorf und manches jetzt ſchweigſam liegende Wirthshaus war damals die Stätte lauten fröhlichen Ge⸗ ſchäfts und ſchallender Freude. Noch bunter war das Bild, als vor hundert Jahren die alte Reichsſtadt Augsburg noch nicht mit Baiern vereinigt war und die Gebiete von einer Menge kleiner Reichsfürſten und Herren ihre Grenzen gerade hier ſehr eng und mannigfaltig durcheinanderſchlangen.

Zu dieſer Zeit ging es in einem an der Straße gelegenen Wirthshauſe vom Volkeam Erdweg genannt noch leb⸗

ter her als gewöhnlich; eine Hochzeit ward gefeiert und hatte

ſo große Verſammlung zuſammengerufen, daß die zahlreichen Zimmer und Gaſtſtuben des anſehnlichen dreiſtöckigen Gebäudes nicht hinreichten, alle Theilnehmer des Feſtes zu beherbergen. An der nach der Straße gerichteten Breitſeite des Hauſes führte von beiden Seiten eine freie Treppe auf eine Art ziegelgepflaſterter Terraſſe, wo ebenfalls lange Tiſche geſtellt und von einer Anzahl Bauern der Umgebung in Beſchlag genommen waren. Der Ort ſchien zugleich eine Art Ehrenplatz zu ſein, denn es waren meiſt ältere und geſetztere Männer, die ſich hier beim Bierkruge unter⸗

hielten und von dem Tanzvergnügen nicht angelockt wurden, das

im obern Stock in vollem Gange war, denn in das gielle Pfeifen

der Clarinette und die dumpfen Töne von Horn und Brummbaß

miſchten ſich gellendes lang gezogenes Jauchzen, Händeklatſchen und dröhnendes Stampfen, das die Grundfeſten des Hauſes einer ſehr ernſtlichen Probe unterwarf. Ueberdies mochte es ſich unten auch angenehmer ſitzen, als in der niedrigen, vollgepfropften Stube; gegenüber ſtanden zwei ſtattliche alte Linden, durch deren ſchon mit leichtem Gelb ſich färbende Wipfel die gegen Abend nieder⸗ ſteigende Sonne in angenehmer Brechung ſpielte, und dazwiſchen war die Ueberſicht des ganzen Hofraumes frei, auf welchem Alles ankommen und abgehen mußte und das Fuhrwerk aufgeſtellt wurde.

Im Augenblick ſtand in demſelben nur ein einziger großer Frachtwagen, hochgewölbt und mit weißer Blahe überſpannt; mit dem buntbemalten Futterſieb, das an der Vorderſeite hing, und mit bekränzten Buchſtaben nicht minder herausgeputzt, als es die vier davorgeſpannten Braunen waren, von deren Geſchirr und Kummet rothe Tuchlappen und Pelzſtreifen herabhingen und die auf dem Lederzeug angebrachten Meſſingbuckel noch heller erglänzen ließen.

Der Fuhrmann war die Stiege heraufgekommen und ſah nun, die Geißel im Arm und den friſch empfangenen Maßkrug in der Hand, über das Geländer gelehnt, dem Hausknecht zu, der den Roſſen den Futterbarren zurechtſtellte und füllte.

Es war ein ſtämmiger Burſch, dem das blaue Fuhrmanns⸗ hemd und der Hut mit dem Blumenbüſchel nicht übel ließ; ein verſchmitzter Zug um den Mund aber und ſchielende Augen ver⸗ darben den Eindruck wieder, den die Geſtalt gemacht. Die Kell⸗ nerin, eine derbe Bauerndirn in runder Pelzmütze und Mieder, ſetzte einen Teller mit Wurſt und Brod neben ihn auf das Geſims.Geſegn' es Gott, Fuhrmann, ſagte ſie, aus dem an gebotenen Kruge leicht nippend.Woher des Wegs? Iſt ja noch nie bei uns zugekehrt! d

Glaub's wohl, ſchön's Jungferle, erwiderte der Fuhrmann mit ſtark ſchwäbiſcher Betonung,'s iſt auch das erſte Mal, daß ich den Weg mach! Ich fahr' von Ulm her, für einen reichen Kaufmann; werd' jetzt ſchon öfter kommen und nie vorbeifahren, weil ich jetzt weiß, daß da ſo ein ſchön's Jungferle daheim iſt!

Wegen meiner braucht Er ſich nicht aufzuhalten, rief die Dirne kurz und ſchob den Arm, den er um ihre Hüfte zu legen verſucht hatte, ziemlich derb hinweg.Wir haben die Zeit her ohne Ihn auch leben müſſen! 8

Der Fuhrmann zuckte verächtlich mit den Achſeln und lachte lant auf, um den umſitzenden Bauern zu zeigen, wie wenig auch ihm an der ſchnippiſchen Dirne gelegen ſei. Die Bauern aber