Jahrgang 
12 (1865)
Seite
178
Einzelbild herunterladen

daß ſie das Vorgefallene gar der etwas ſeitwärts ſaß, ein hatte zugehört und indem er, die Unter⸗ Glückliche Reiſ',

waren ſo in ihr Geſpräch vertieft, nicht beachtet hatten nur Einer, aberiſſen und ärmlich ausſehender Menſch, ſchob dem Fuhrmann ſeinen Krug entgegen, Heluns einzuleiten, leicht den Hut lüftete.

Fuhrmann, ſagte er. Dank' ſchön! war die Antwort,es geht nimmer weit. 4

Nach München wohl? Was haſt geladen, Fuhrmann?

Allerhand um ein' Kreuzer! Tuch von allen Farben, Zucker und Kaffee und Tabak... Die Unterredung ſtockte einen Augenblick; dann fuhr der

Bauer etwas leiſer und mit einem raſchen Seitenblick fort:Haſt den ganzen Wagen voll geladen?

Narr! rief der Fuhrmann und erwiderte den Blick,man wird doch nicht mit halber Ladung fahren? Nun ja, man redt ja nur! Hab' nur gemeint, ob Du

vielleicht noch was aufladen könnteſt unterwegs!

So? Wüßteſt Du wohl gar etwas, das mitzunehmen wär'?

Wer weiß es käm' nur darauf an, daß man trauen dürfte. Meinſt nicht, fuhr er ſich zu ihm Pidar Ge weiter, daß in der Münchnerſtadt Jemand zu finden wär', der einen feiſten Rehbock kaufen thät?

Ueber das Geſicht des Fuhrmadſe ng ein freudiges Zucken; er ſchielte den Bauer an, nickte un irlich und ging völlig unbe fangen die Stiege hinab, um nach Feinem Geſpann zu ſehen. Nach einigen Augenblicken war der Bauer auch unten und weil er ſo zufällig vorüberkam, half er dem Fuhrmann den Waſſer⸗ kübel zu heben, aus dem die Roſſe getränkt werden ſollten.

Hätteſt Du ſo was. flüſterte der Fuhrmann.

Freilich einen Capitalbock, dick und feiſt! Hat mir meinen Sommerhaber abgefreſſen, als wenn ſeiner Lebtag nie was auf dem Fleckel geſtanden wär... Kannſt ihn haben für einen Frauenbildel⸗Thaler, das iſt die Decke allein werth und haſt das Fleiſch geſchenkt...

Es gilt. Wo kann ich den Bock haben?

Wann Du durch den näch ſten Wald fährſt, ſiehſt Du rechts von der Straß', hart am Wald ein kleines Gütel liegen das iſt das Staudenhäusl, da bin ich daheim. Ich geh' jetzt voraus; wenn Du in die Näh' kommſt, dann halt' und thu' als ob Dir was an Deinem Wagen zerbrochen wär', dann komm' ich und helf' Dir der Bock liegt derweil ſchon im Straßendickicht verſteckt..

Abgemacht. Werd' das Wildbrät ſchon anbringen, denk' hab' ſelber lang genug kein Stück Wild mehr geſehn! Aha haſt es auch ſchon ſchnellen laſſen? Der Fuhrmann lächelte verſchmitzt; er that als kümmere er ſich gar nicht um den Bauer und kehrte an ſeinen Platz zurück. Dieſer. ging langſam am Hauſe hin und bog raſch um die Ecke. Die Bauern waren indeß immer tiefer in die Krüge und in ihre Unterhaltung hineingerathen und horchten zu, wie der Schul lehrer, ein abgedankter Soldat, die Zwickbrille auf der Naſe, ihnen die Neuigkeiten kund gab, die er aus demAugsburgiſchen Poſt⸗ reiter enträthſelte, wie Maria Thereſia die Kaiſerin ihren Sohn Joſeph zum Mitregenten erhoben, wie der preußiſche Fritz, nach⸗ dem er nicht mehr Krieg zu führen hatte, Straßen und Canäle bauen, neue Dörfer anlegen und wüſte Gegenden urbar machen laſſe, und wie in Sachſen eine ſo große Noth herrſche, daß Tauſende von Menſchen Hungers geſtorben.

ich

Gott bewahr' uns in Gnaden, ſagte ein alter Bauer, ſich bekreuzend,wenn wir noch einmal einen ſo naſſen Sommer haben, wie heuer, lann es auch bei uns ſo weit kommen! Die

Anlagen ſo ſchwer, daß ſie faſt nicht mehr zu erſchwingen ſind. Jetzt iſt die Grundſteuer wieder um zwei Gulden vom Hof gehöhert worden. dann kommen noch die Gilten dazu und der Zehent und die Laudemien. der Teufel mag wiſſen, wie man es anſtellen ſoll, das zu erſchwingen!

Zeiten ſind ohnehin ſchlecht,

Um das zu erfahren, perorirte der Schullehrer,braucht Ihr nicht beim Teufel anzufragen! Ihr dürft nur den alten

Kartoffel anbauen und befolgen, was unſer Wofür ergehen denn die muß ich Euch dieſelben wenn Ihr nichts hören

Schlendrian aufgeben, durchlauchtigſter Herr Kurfürſt befiehlt. allerhöchſten Culturmandate und wofür jeden Sonntag nach der Kirche vorleſen,

14

wollt von den neuen Samen, vom Fruchtwechſel und von

unterbrach ihn der Alte,wie ich mit meinen Feldgründen umgeh'n muß, was darauf wachſt und was nit, das muß unſer Einer am Beſten wiſſen! Dazu brauchen wir keinen Zettel, den ſie uns aus der Münchner Kanzlei herausſchicken! Wie's mein Ahnl gemacht hat, ſo mach' ich's und mein Bub ſoll's nach mir auch ſo machen!

Wüßt' auch nit! rief ein Jüngerer,warum ich mich plagen ſollt', mehr Gründe anzubaun oder mehr Frucht zu erziehn! Damit ich nur mehr neue Abgaben zu zahlen hätt'! Wenn ſie zehnmal ſagen, daß der Neubruch zehn Jahr lang keine Steuer zahlen ſoll nit wahr iſt es! Was man Dir auf der einen Seit' laßt, mußt auf der andern doppelt wieder hergeben ich kenn' unſern Rentteufel, dem wird Keiner zu ſchlau!

Und was hat man davon, wenn man ſich genug geſchunden hat und geplagt? fragte ein Dritter.Wenn das Treid auch daſteht, daß kein böſes Aug' es anſchauen ſoll, und Du haſt glücklich keinen Schauer gehabt und keinen Mausfraß. dann kommt ein Rudel Hirſch' und in einer Nacht iſt das ganze Feld abgegrast und zuſammengetreten, daß Du nit weißt, ob Du flen nen ſollſt, wie ein klein's Kind oder drein ſchlagen wie ein Wilder!

Da müßt Ihr eben ſelber abhelfen! eiferte der Schullehrer und nahm die Brille von der Naſe.Bei Tage kommt das Wild nicht und bei Nacht iſt es Euch ja ausdrücklich erlaubt, es mit Schreien oder Peitſchenknallen oder auch mit Feueranmachen zu verſcheuchen!

Eine ſaubere Abhülfe das! rief der Junge entgegen.Pro⸗ bir's Er einmal, Herr Lehrer, wenn Er den ganzen Tag an der ſchweren Arbeit geweſen iſt, wie das thut, wenn Er bei Nacht, ſtatt auszuruhn, hinausſtehn und das Feld hüten ſoll! Niederſchießen ſoll man das Gethier alles miteinander! Es iſt doch nur auf der Welt, uns Bauern zu plagen! Warum muß es denn ſo viel Wildbrät geben? Und warum dürfen wir nicht auch niederſchießen, was auf unſern Grund und Boden kommt?

Ei was,

Du mußt den Schullehrer fragen, ſagte der Alte,viel⸗ leicht, weil er ſo ſiebengeſcheidt iſt, weiß er das auch! Das weiß ich auch! rief der Lehrer.Das edle Wildbrät

iſt da, damit die Herren ein Vergnügen haben mit der Jagd, und ſchießen dürſt Ihr's nicht, weil das Wildbrät Niemand gehört, als dem Landesherrn! Merkt Euch's, Regalia heißt man das!

Ja, ja! murrte der Alte wieder,und das Herrenver⸗ gnügen müſſen wir Bauern zahlen, und warum das Wildbrät, das frei herumlauft, ſo juſtement Einem gehören ſoll, das kann ich auch nicht begreifen! Wenn das wär', hätt; der liebe Gott gewiß auch einen Zaun wachſen laſſen um den Wald herum, oder er hätt' den Hirſchen und Rehen ein Wappel hinaufgedruckt, dar mit ſich Niemand dran vergreift! Es geht mir einmal nit in den Kopf, daß unſer Kurfürſt Max Joſeph, der die gute Stundt ſelber iſt, das leidet, und wenn wir Bauern einmal zuſammen ſtänden und gingen hinein nach München und thäten ihm unſre Noth vorſtellen ich glaub' gewiß, er thät uns helfen!

Kann wohl ſein, probiren wir's einmal! ſagte der Jüngere.

Aber wir müſſen bei alledem noch ſtill ſein und das Maul hal ten, denn bei uns iſt es noch golden gegen da drüben, überm Lech, im Schwäbiſchen! Da ſind ſo viel kleine Herren und Stif⸗ ter und Jeder hegt ſeinen Wildſtand. die Haſen und Reh' ſollen nur ſo herumlaufen, daß Du ſie mit einer Pelzhauben todt⸗ werfen könnteſt, aber ſie müſſen es ſtill mit anſehen, ſouſt giebt's Prügel und ſchweres Eiſen und gar das Zuchthaus!

Dem Lehrer war die Wendung des Geſprächs nicht angenehm, und da Niemand mehr ein Ohr haben wollte für ſeine⸗ Neuigkei ten, faltete er ſeinen Poſtreiter zuſammen, legte die Naſenbrille hinein und ging mit einem kurzen brummigen Abſchiedsgruß ſeine Wege.

Die Bauern ſteckten zu machen, aber ſie kamen nicht dazu, wurde durch etwas Anderes angezogen.

Auf der Heerſtraße ſtand eine Schaar bewaſſneter Männer, die ſich eifrig beſprachen und dann nach verſchiedenen Richtungen auseinander gingen. Die Einen davon waren durch die aufgeſchla⸗ genen, bordirten und mit Federn beſteckten Hüte, durch das Grün der Aermelaufſchläge und Nockkragen, wie durch Hirſchfänger und Büchſe als Jäger bezeichnet; andere ließ der halbſoldatiſche Anzug und die Muskete als Landreiter oder, wie ſie auch genannt wur⸗ den, als Strickreiter erkennen. Sie hatten das platte Land zu

4

E

die Köpfe zuſammen, um ihre Gloſſen denn ihre Aufmerkſamkeit