probirt und hätte gezeigt, daß ſich ein ordentlicher Rheinpälzer nicht vor ihm fürcht'— ich hätt' ihn gewiß gefangen!“
„Meint Ihr?“ lachte der alte Bauer.„Solche Hieſelfanger hat's ſchon mehrere gegeben, aber ſie habens Alle wieder bleiben laſſen!“
„Ich nicht!“ rief der Krämer.„Der Hieſel kann von Glück ſagen, daß er ſchon eingefangen iſt— bei mir wär' er nicht ſo gut weggekommen! Ich hab' ſchon als in der Palz von ihm reden gehört und hab' mich ſchon hergericht't uf die Reeſ' und hab' mein' Kamerade' den Tiras da drunten dreſſire laſſe'— der ſteht ſeinen Mann, der hätt' mir den Hieſel ſchon gefangt... Da, der Herr iſt ein Jäger,“ fuhr er fort, ſich zu dem Fremden wendend,„alſo ein Sachverſtändiger— der ſoll mir's beſtätigen, ob ich nicht Recht hab'!“
Der fremde Jäger lächelte eigenthümlich, indem er bald den Hund, bald deſſen Herrn betrachtete.„Ich kenne den bairiſchen Hieſel nicht und weiß nicht, wie ſtark er iſt,“ ſagte er dann,„aber der Hund iſt ſo ſchön und groß, wie ich noch keinen geſehn hab', und wenn er gut abgerichtet iſt, hat er nicht leicht ſeines Gleichen!“
„Na, da hört Ihr's!“ rief der geſchmeichelte Krämer.„Wenn ich den Tiras auf ihn gehetzt hätte und hätte gerufen ‚Huß Tiras! Faß, Faße... der Hund hätt' ihn am Kragen gepackt und nie⸗ dergeriſſen, daß er das Aufſtehn vergeſſen hätte!“
„Iſt der Hund nicht feil?“ fragte der Jäger leichthin.
„Nee, die Kränk'! Den geb' ich nicht her, nicht um's Drei⸗ fache, was er werth iſt! Iſt gar ein wachbares Thier, ich könnt
ihn bei meinem Kaſten mutterſeelenallein mitten im Wald liegen
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laſſe, es thät mir doch kee Menſch was anrühre... „Das iſt ſchade— ich hätte gern ſeine Stärke probirt!“ „Das wollt' ich dem Herrn als guter Freund nicht rath'n. Die Kränk', da könnt' Er bös weg komme', der könnt' Ihm ein paar Fetze' vom Leib reiſſe', daß nur ſo eine Art hätt'...“ „Das iſt meine Sache,“ rief der Jäger und ſtand auf.„Ich will den Hund probiren, hetz' Er ihn einmal auf mich.“ „Das werd' ich bleibe laſſe,“ erwiderte der Krämer,„das könnt' ämol'ne ſchene Geſchicht' abgebe...“
„Kein Menſch wird Ihm etwas anhaben, wenn Er thut, was
ich ſelber verlange... die Leute alle ſind Zeugen. Will Er den Hund auf mich hetzen oder nicht?“ Blick und Ton, womit dieſe Frage, obwohl anſcheinend ganz gleichgültig, begleitet war, hatten etwas ſo Wildes und Befehlendes, daß der Krämer nicht recht wußte, wie ihm geſchah.„Die Kränk',“ ſtammelte er ganz ver⸗ wirrt,„wenn der Herr durchaus verriſſe ſei will, ſo kann ich Ihm ja das Vergnüge mache... die Herrn Bauern da müſſen mir's bezeuge...
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Ich will aber keene Schuld habe,...
„Ich gehe über die Stiege hinunter,“ ſagte der Jäger,„ſo⸗ bald ich Drei zähle, laſſ' Er den Hund los...“
Das gewaltige Thier ſchien eine Ahnung deſſen zu haben, was vorging; es hatte ſich erhoben, ſchüttelte den Kopf und ſtreckte Leib und Pranken, als ob es im Spiele die Kraft ſeiner Muskeln zeigen und üben wolle. Der Krämer hielt den Hund am Hals⸗ bande gefaßt; die Bauern drängten zu Stufen und Geländer, um ſich das Schauſpiel des merkwürdigen Kampfes nicht entgehen zu laſſen.
Jetzt ertönte der verabredete Ruf;„Huſſa! Huſſa!“ rief der Krämer, den Hund loslaſſend.„Faß, Tiras! Faß!“ Wie ein aus dem Käfig entſprungenes Raubthier ſtürzte der Hund die Stufen hinab und war in zwei Sätzen an ſeinem Mann, den er mit gewaltigem Sprunge, ſich hoch aufrichtend, im Nacken zu faſ⸗ ſen verſuchte; blitzſchnell aber hatte der Jäger ſich gewendet, daß ſie ſich nun von vorn gegenüber ſtanden. Die Pranken des Hun⸗ des lagen auf den Schultern des Mannes, ſein Kopf war faſt deſſen Geſicht gegenüber— die eine Hand des Angegriffenen hielt den Hund an der Kehle, mit der andern war er ihm in den Rachen gefahren und hielt deſſen Unterkiefer mit aller Macht ge⸗ faßt. Das gewaltige Thier machte mit dem Aufgebot all' ſeiner Kräfte furchtbare Anſtrengungen ſeinen Feind aus dem Gleichge⸗ wicht zu bringen und ſich von der zwängenden Klammer zu be⸗ freien; es ſtieß ein wildes Geheul aus, das dann in ängſtliches Knurren und zuletzt in Gewinſel überging. Es zog den Schweif ein und ließ die Pranken ſinken, der Jäger zog die Hände zurück, aber er hielt das Auge unbeweglich auf das des Hundes geheftet, der wie gebannt, als könne er den Blick nicht ertragen, ſich nie⸗ derlegte und ängſtlich bis zu den Füßen ſeines Bezwingers kroch.
Die Bauern ſtießen ein lautes Beifallsgeſchrei aus, während
der Krämer voll Zorn und Aerger alle Farben ſpielte und nicht
übel Luſt zu haben ſchien, den Hund ſeiner Niederlage wegen zu züchtigen. Er unterließ es aber, denn Tiras knurrte bedenklich und fletſchte ihm die Zähne entgegen; der fremde Jäger hatte ſich abgewandt und ſchritt, als ob nichts Beſonderes vorgefallen, dem Hauſe zu.
Am Ende der Treppe ſtand der Fuhrmann, welchen der Lärm ebenfalls herbeigelockt hatte.„Grüß' Gott...“ murmelte er dem Vorübergehenden zu. 4
Dieſer warf ihm einen flüchtigen Blick zu und eine widrige Empfindung malte ſich in ſeinen ausdrucksvollen Zügen.„Du hier?“ flüſterte er.„Was bringſt Du?“ „Nichts!“ tönte es flüchtig entgegen. im Augsburger Bannwald...“
(Fortſetzung folgt.)
„Auf Mariä Geburt
Der Dichterfürſten
In dem Hauſe des Cantors zu Volkſtädt, einem freund⸗
lichen Dörfchen in der Nähe von Rudolſtadt, ſaß ein jüngerer Mann von ungefähr neunundzwanzig Jahren an dem einfachen Schreibtiſch von weißem Fichtenholz. Raſtlos flog die Feder über das Papier, während die ſcheidende Sonne ſeine eher intereſſanten, als ſchönen Züge beleuchtete. gleichſam der Tempel des Genius, der fein geſchnittene Mund und ſelbſt die energiſch gebogene Adlernaſe verliehen ihm das deutliche Gepräge geiſtigen Adels, das allerdings durch das röthlich⸗blonde Haupthaar, die vielen Sommerſproſſen der bleichen Wangen und die gedrückte Haltung der langen, ſchmächtigen Figur einigermaßen beeinträchtigt wurde. friedenheit ſchwebte um ſeine Lippen, als er jetzt feine anſtrengende Arbeit beendet und ſein Tagewerk für heute ſchließen durfte. Schnell griff er, noch immer lächelnd, nach Hut und Stock, ſteckte ein Buch in die weiten Taſchen ſeines langen, braunen Rockes und trat, hochaufathmend und dig angenehme Kühle des hereinbrechenden Abends genießend, in's Freie. Mit ſichtlichem Vergnügen ließ er blauen Linien der Berge zu beiden Seiten ſchweifen, dann verfolgte er den Silberlauf des Fluſſes, indem er den ſchattigen Fußpfad nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Rudolſtadt einſchlug, deſſen ſtattliches Fürſtenſchloß im goldenen Schimmer der Abend⸗
erſtes Begegnen.
röthe ihm entgegenſtrahlte. Bald hatte Schiller, der hier in ſtiller Zurückgezogenheit an ſeinen unſterblichen Werken arbeitete, das Ziel ſeiner Wanderung, ein freundliches Häuschen mit einem wohlgepflegten Garten, erreicht. Hier wohnte die ihm befreundete
Wittwe des Landjägermeiſters von Lengefeld mit ihren beiden lag 1
Die hohe, prächtig geformte Stirn,
Ein mildes, verklärendes Lächeln der Zu⸗
ſeine Augen über das blühende Thal, die friſchen Wieſen und die
Töchtern Caroline und Charlotte, denen auch heute wie faſt an jedem freien Abend ſein Beſuch galt.
Die hochgebildete Familie hatte von jeher dem damals zwar ſchon bekannten und ſelbſt bewunderten, aber erſt nach einer feſten Stellung ringenden Dichter eine wohlthuende Theilnahme gezeigt. Beſonders lebhaft intereſſirten ſich für ihn die beiden Töchter mir der den Frauen eigenen Verehrung für den Genius. Die ältere, Caroline, war eine ebenſo anziehende wie bedeutende Erſcheinung; fein und graciös, eine Meiſterin auf dem Clavier und auch als Schriftſtellerin hervorragend, voll tiefer Empfindung und feinem Verſtändniß ſelbſt für die abstracte Gedankenwelt. Eine unglück⸗
liche Verbindung mit einem nicht geliebten Manne verlieh ihrem
Weſen eine gewiſſe Schwermuth, ein Gefühl von Unbefriedigtſein, das ſie nur um ſo intereſſanter erſcheinen ließ. Dagegen war ihre jüngere Schweſter Charlotte eine durchaus harmoniſche Natur, vielleicht minder begabt, obgleich ſie trefflich zeichnete und ihre Gedichte und kleinen Erzählungen ein entſchiedenes Talent bekun⸗ deten, aber um ſo reizender durch jugendliche Friſche, innere Ge⸗
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