Jahrgang 
1 (1865)
Seite
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zu feſſeln! Wie viele von Heine's Leſerinnen und Verehrerinnen leriſche Studium der heiligen Schrift vom höchſten Nutzen ſein möchten gern an meiner Stelle geweſen ſein, hätten gern ſie ge⸗ muß. Ich ſah einmal vor einer Reſtauration auf einer leeren ſehen, welche des Dichters letzte Liebe war! Damals war Frau Kiſtte ſitzend einen ungefähr fünfundzwanzigjährigen Juden, der mit Heine noch ſehr hübſch und zeigte Anlage zur Corpulenz. Es einem ſo unausſprechlich traurigen Blick auf das bunte Gewühl

Daniel lebhaft vorſtellte,

ſich gekränkt fühlen. chloſſenen Geſchäfte

ein war eine ſehr einfache Frau, ſehr einfach, ſowohl in ihrem Aeußern um ſich blickte, daß ich mir den jungen

tG, als auch in ihrer geiſtigen Erſcheinung. Keineswegs das Ideal wie er, vielleicht auch auf einer Kiſte auf der Meſſe zu Babylon eines Dichters, wohl aber eine Frau, die es zu verſtehen ſchien, ſitzend, verächtlich-traurig auf die lärmenden, lachenden, ſchimpfen⸗ ft wie man einen Kranken pflegen muß. Und das hat ſie getreu⸗ den Juden herabſah, die ihr Leid, ihr Weh, ihre verlorene Frei⸗ p

r lich gethan bis an das Ende des Dichters. heit und ihre harte Gefangenſchaft vergaßen... wenn ſie nur

ſo Heine's Stimme erweckte mich aus meinen Betrachtungen; handeln konnten! Denn, täuſchen Sie ſich nicht, meine Herren! 4

n. ziemlich beißend fragte er mich, ob ich den Hüter würdig der man hat dem Juden die Geldgier als Fundamentallaſter aufge⸗

ber Ruine fände. Ich verſtand ihn im erſten Augenblick nicht, auch bürdet dem iſt nicht ſo. Das Laſter aller Laſter, welches den

ic, ließ mir Gerard keine Zeit zum Antworten, indem er Madame Juden beherrſcht beſonders den polniſch⸗deutſchen iſt die

ißß Heine erinnerte, daß ſie ihm geſtern ein Buch für den Doctor Handelsgier; er iſt wie der Spieler, welcher nicht des Gewinnes,

ich Blanche hätte geben wollen, es aber vergeſſen habe. Sie antwor⸗ ſondern nur des Spieles halber ſpielt. 4

in tete, daß ſie es nicht gefunden, und bat ihn, ſelbſt nachzuſehen Der Jude muß kaufen und verkaufen, ſonſt iſt er unglücklich,

dch l in dem großen Bücherſchranke, der im Nebenzimmer ſtand. Gerard und ich glaube faſt, daß jedesmal, wenn das alte Teſtament von

uf verließ das Zimmer. den Leiden des Volkes Gottes ſprach, es meinte, daß es gerade ein⸗

uWarum begleiteſt Du ihn nicht? fragte Heine ſeine Frau. mal nichts zu handeln gehabt hätte. Würde die Regierung ein

Ich traue mich nicht, antwortete ſie. Geſetz erlaſſen, das den Chriſten allein den Handelsbetrieb geſtattete

dtNärrin, ſagte Heine,er iſt ja heute gar nicht aufgeregt, ſeien Sie verſichert, daß die Juden ſich maſſenhaft taufen laſ⸗

u.* er iſt ja ruhig wie ein Lamm; gehe, mein Kind, geh, er könnte ſen würden. Außer dieſem kenne ich am Juden kein Laſter, er iſt

4 gut, weichherzig, wohlthuend, ſich aufopfernd und edel; handeln

Frau Heine ließ die Hand ihres Mannes aus der ihren und aber muß er, und wenn er auch nach dem abgeſ

ni ſchickte ſich, obgleich zögernd, zum Hinausgehen an, vorher aber den Gewinn vielleicht für wohlthätige Zwecke verſchenken ſollte, bes warf ſie einen Seitenblick auf mich, den ich zu verſtehen glaubte. er wäre doch der Verzweiflung nahe, wenn eben dieſes Geſchäft hei Ich ſagte darum zu Heine: ihm mißlungen wäre! Um jedoch wieder auf meinen Daniel zu eichDürfte ich Sie bitten, mir zu erlauben, Herr Heine, Ma- kommen, ich kann Ihnen gar nicht ſagen, welch ein tiefer, inniger, her dame zu begleiten und mir Ihre Bibliothek anzuſehen? herber Leidensausdruck ſein Geſicht überſchattete. 65Das junge Deutſchland, antwortete er mir,ſcheint galantEr dachte vielleicht an irgend eine Suſanne, ſagte ich. 15 geworden zu ſein. Gehen Sie mit ihr, und wenn Gerard ſieIch glaube nicht, erwiderte Heine,die Liebe exiſtirt nicht nich beißen will, nehmen Sie einen Band meiner Ueberſetzung und bei dieſen Juden, wohl aber ein erxaltirtes Gefühl für Familie me⸗ ſchleudern Sie ihn in des Ungeheuers Rachen; er wird ſich die und Häuslichkeit, das in ihrem Herzen jene erſetzt. Wahrhaftig, Zähne daran ausbeißen, denn dieſe Ueberſetzung iſt zäh, wie ein meine Herren, ich habe auf der Leipziger Meſſe alle männlichen 15 Dichterleben! A(CTypen der heiligen Schrift geſehen, und ich wiederhole es Ihnen, .Was fehlt denn Gerald 2 fragte ich Frau Heine, als wir ich würde jedem Maler anrathen, eine Reiſe dorthin zu machen. das Zimmer verlaſſen und in ein anſtoßendes getreten waren.Haben Sie auch den Ihren Ideen entſprechenden Typus ei⸗ gzlWiſſen Sie nicht, daß er wahnſinnig iſt? antwortete ſie nes Judas gefunden? fragte ich. ndet erſtauut. Heine ſchwieg einen Augenblick.Sie haben Recht, ſagte er henWahnſinnig? rief ich. 3 endlich,der fehlte mir, und ſo wie ich die Juden kenne, ſo iſt anGanz gewiß, antwortete mir Frau Heine.Man kann es mir immer die Perſönlichkeit dieſes Schülers des Heilands unbe⸗ de ſ eigentlich nicht wahnſinnig nennen, denn ganze Tage lang ſpricht greiflich geblieben. Was er gethan, liegt ſo wenig in der jüdi⸗ von und handelt er wie ein vernünftiger Menſch, aber plötzlich, ohne ſchen Natur, wie das Mordbrennen und das Wegelagern; und ich wie 1 den geringſten Grund, verliert er den Verſtand, und dann redet würde mich weigern, der Madame Iſcharioth, ſeiner Frau Mutter, llb er das tollſte Zeug, das man ſich nur denken kann, und darum ein Zeugniß ehelicher Treue auszuſtellen, beſonders da die römi⸗ nen. läßt ihn auch der Doctor Blanche, in deſſen Anſtalt er wohnt, ſchen Centurionen, wie Joſephus ſagt, den ſchönen Jüdinnen ſehr aten nur ſelten ausgehen. gewogen waren, was ihnen ihre Nachfolger die heutigen Lieute⸗ Ge Man kann ſich denken, welchen Eindruck das ſoeben Gehörte nants, gewiſſenhaft nachmachen. Haben Sie den Muth, Gerard, nde, auf mich machte und wie ſehr der Anblick Gerard's, der gerade dem Judas Ihres Gedichtes einige Tropfen römiſchen Blutes in ſtei⸗ mit einem Buche aus dem andern Zimmer trat, mich ergriff. die Adern fließen zu laſſen? Her⸗, wie ich Heine geſagt hatte, mir ſeine Bibliothek anzuſehen, Doch Gerard hörte den Scherz ſeines Freundes nicht; ſeit eini⸗ ſel begleitete ich Gerard in das Vorderzimmer zurück, wo der kranke gen Augenblicken ſchon hatte ich bemerkt, daß ſein Blick feſt auf an Dichter, der ſich ſchon wieder erholt zu haben ſchien, in dem Buche den Boden geheftet war und daß er mit den Fingern ſeiner Rech⸗ oſen I hlätterte, das er vor ſich hatte. Wir ſetzten uns, und er begann wie⸗ ten krampfhafte Bewegungen machte... Heine richtete ſich auf 1 er ein Geſpräch mit Gerard über einige Sonette, die Letzterer und warf einen forſchenden Blick auf ihn.Klingeln Sie! rief er. 12 er einigen Kagen gedichtet hatte. Dieſes Gedicht ſollte den Titel haſtig. Ich gehorchte wiederum trat Frau Heine ein, doch Kegeln am Oelberge haben und die Qualen der Kreuzigung des kaum hatte ihr Mann mit dem Finger auf Gerard gezeigt, als chen, JWtn durch den Zweifel ſchildern, welcher der körperlichen Mar⸗ ſie ſich ſchleunigſt entfernte und einige Minuten ſpäter mit einem lten ſ a 3 anging. Gerard declamirte einige Verſe ſeines Gedichtes, ältlichen, aber noch rüſtigen Manne, den ich als den Portier des * ie ber höchſten Enthuſiasmus des Kranken hervorriefen, welcher Hauſes wiederzuerkennen glaubte, zurückkehrte. Dieſer, welcher ſie heiſieſer Erregung einige Minuten lang in eine Art von Halb- ganz gut zu verſtehen ſchien, was er zu thun hatte, näherte ſich enfach verſiel. Gerard ſtarrte träumeriſch vor ſich hin, und ich war Gerard und ergriff ihn bei der Hand. erwarzrauſcht von dem Geiſte der beiden Dichter, von denen derWollen Sie Ihrem beſten Freunde einen Dienſt erweiſen? erbend war, der andere wahnſinnig ſein ſollte. fragte er. Gerard hob den Kopf in die Höhe und ſah ihn ſcharf an. A re Sie, nicht! ſagte er mit rauher Stimme.

ſie ſ eige! TA

Sind Sie ſchon einmal auf der Leipziger Meſſe geweſen? Gu licht en

mich Heine plötzlich. Ich antwortete bejahend. 1a? Manc 8 itete der An ruhig.Herr der Maler, der Scenen aus der bibliſch.Iraeird BA Den nuüßte die Leipziger Meſſe beſuchen 8 M. dort... ich beſinne mich n 4

meiner literariſch

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