Fragment von H.
Welchen Eindruck die Frage Gerard de Nerval's*:„Soll ich Sie Ihrem berühmten Landsmanne Heine vorſtellen 2“ auf mih ge⸗ macht hatte, iſt mir unmöglich zu beſchreiben. Die Verehtung, welche die Jugend der damaligen Zeit für den Dichter des„Buches der Lieder“ fühlte, wird der heutigen Jugend, welche ſchon einer vollſtändig verſchiedenen Generation angehört, kaum verſtändlich ſein, und die fieberhafte Aufregung, in der ich mich den ganzen Tag befand, welcher dieſem für mich ſo bedeutungsvollen Abend voranging, ihr vielleicht ein mitleidsvolles Lächeln entlocken. Gegen acht Uhr traf ich Gerard im Café Frascati und wir ſchlenderten, über Politik ſprechend, der Wohnung meines berühmten Landsmannes, wie ihn mein Begleiter nannte, zu. Ich werde in dieſen Zeilen noch öfter auf Gerard de Nerval zurückkommen, der eine ſo merkwürdige Erſcheinung in der modernen franzöſiſchen Literatur bildet, und ihn daher vorläufig nicht weiter ſchildern. Als wir das Zimmer betraten, in welchem der kranke Dichter beinahe neun Jahre lang mit einem he zzerreißend ſchmerzhaften, langſamen, aber deſto gewiſſeren Tode rang, beſchlich mich eine Art von religiöſem Gefühl, das hier im Tempel der Freigeiſterei freilich nicht recht an ſeinem Platze war, gegen das ich mich indeß nur mit Mühe zu wehren vermochte. Heine ſaß in einem großen ſchwarzgrünen, ledernen Fauteuil und ſein Kopf war in ein weiß⸗ bezogenes Kopfkiſſen zurückgeſunken; auf ſeinem Schooße ruhte ein aufgeſchlagenes Buch und auf dem Tiſche neben ihm, auf dem eine mit grünem Schirm behangene Lampe brannte, ein Blatt Papier, worauf er eben einige Bemerkungen mit Bleiſtift geſchrie⸗ ben zu haben ſchien. Ich hatte ſchon viele Portraits von ihm ge⸗ ſehen, aber, wie es nur zu häufig iſt, keins war dem Dichter ähnlich; denn der Ausdruck von tiefem Gefühl, welcher das ſchon ziemlich abgemagerte Geſicht des Leidenden gewiſſermaßen beleuchtete, iſt keinem Maler wiederzugeben möglich. Es war nicht das Ge⸗ ſtcht, das ich erwartete, ein Geſicht, in dem der ſarkaſtiſche Zug meiner Anſicht nach den ſichtbaren Vorrang behaupten mußte es war das Geſicht eines Poeten— eines Denkers, Niemand konnte ſich täuſchen. Gerard ergriff meine Hand und ſtellte mich Heine vor, und ich bemerkte ganz gut, welch einen unangenehmen Eindruck entweder mein Beſuch oder meine Perſönlichkeit auf dieſen gemacht hatte, denn eine leichte Kopfbewegung und ein ermüdetes Lächeln waren die einzigen Zeichen des Willkommens, welcher mir geboten wurde. Einige Zeit lang unterhielt ſich Gerard mit ihm über die glänzende Aufnahme, welche die von ihm ſelbſt geleitete franzöſiſche Ueberſetzung ſeiner Gedichte in Frankreich gefunden hatte, und ich drehte unmuthig meinen Hut zwiſchen den Knieen, mit mir ſelbſt uneinig, ob ich mich empfehlen oder noch einige Zeit dableiben ſollte. Plötzlich jedoch wandte ſich der Dichter zu mir und fragte mit ziemlich accentuirter Stimme:„Und was ſagt man in Deutſchland zu der Idee, die mir gekommen iſt, mich ſelbſt zu verdolmetſchen?“ „Ich bin ſeit einigen Jahren nicht in Deutſchland geweſen,“ antwortete ich,„kann Ihnen daher Nichts darüber ſagen.“
Ein Abend bei Heinrich Heine.
M
wendend,„ich bin ein ſehr ungeſchickter Menſch und ſehe ein, daß ich in Deutſchland täglich unpopulärer werden muß, denn mein Deutſchland iſt ein muſterhaft tugendhaftes Land. Lachen Sie nicht, Gerard, Sie kennen es nicht, obgleich Sie es ein Dutzend Male bereiſt und Herrn von Goethe's Fauſt überſetzt haben, wofür Ihnen der edle Herr eigenhändig einen Brief geſchrieben hat, in dem er Sie becomplimentirt und Ihnen ſagt, daß er ſein Werk jetzt erſt ſo recht beurtheilen kann, nachdem er es in Ihrer Ueberſetzung geleſen.“
Er ſank matt in ſein Kiſſen. Nach wenigen Minuten aber ſprach er weiter:„Ich ſage Ihnen, Herr Gerard de Nerval, ich, der ich meine ſieben Sachen ſo ziemlich allein überſetzt habe, daß ich jedesmal, wenn ich meine Ueberſetzung leſe, bei der Sie mich treulich unterſtützt haben, mich beim Schopf nehmen und mich in irgend einem Krähenwinkel Deutſchlands, wo man mich noch liebt,— wenn es nämlich noch ſolche Krähenwinkel giebt— auf einen öffentlichen Markt führen und rufen möchte: ‚Haut ihn! haut ihn!““
Gerard lachte, auch ich verſuchte es, aber es wollte mir nicht gelingen. Wie konnte ich dem vordem angebeteten Idole gegen— über, das ſich ſelbſt perſiflirte, heiter ſein?
„Wahrhaftig,“ fuhr er fort, und ſeine Stimme wurde mit jedem Worte ſchneidender und mißtönender,„wahrhaftig, ich komme mir vor, als wenn ich mit der Caſſe meines literariſchen Werthes aus Deutſchland durchgegangen wäre und jetzt hier in Frankreich alle die Papiere verſilbern wollte. Jedesmal, wenn ein Deutſcher zu mir kommt, läuft es mir kalt über den Rücken, als wenn es ein geheimer Agent des deutſchen Parnaſſus wäre, der meine Aus⸗ lieferung von der franzöſiſchen Regierung erlangt hätte und mich zurückzuführen gekommen wäre, dahin, wo da iſt Geheul und Zähne⸗ klappern’, ich meine nach Deutſchland.“
Sein Kopf, den er während dieſer Worte mühſam in die Höhe gehalten hatte, fiel in ſein Kiſſen zurück, und wie nach einer langen Arbeit ſchloß er ermüdet die Augen.
„Ja,“ begann Heine bald darauf wieder, ohne ſeine Stellung zu verändern,„ſogar nach tauſend Jahren werde ich noch verleumdet werden; und das dieſer unglücklichen Ueberſetzung halber. ‚Sehen Sie, meine Herren!“ wird der Profeſſor der älteren Literatur an einer Univerſität von Neuſeeland ſagen, jjenes Zeitalter, wo die Menſchen noch verſchiedene Sprachen hatten, brachte eine Art von Geſchöpfen hervor, die ſich zu den Schriftſtellern verhielten, wie der Affe zum Menſchen, man nannte ſie Ueberſetzer. Dieſe Halb⸗ menſchen hatten nun die Aufgabe, die Werke eines Dichters denen, die nicht ſeine Sprache redeten, verſtändlich zu machen, und thaten das meiſtentheils wie die Affen, wenn ſie ihren Mitaffen die Ge⸗ behrden der Menſchen voräffen. Nun war da in jenem Lande, wo unſere Geologen in den Thälern ganze Schichten von verſtei⸗ nerten Nachtmützen aufgefunden haben und welches man Ger⸗ manien nannte, ein Poetlein, Heine geheißen, welcher uns ein ſel— tenes Beiſpiel von Geiſteszerrüttung gegeben hat, indem er au ſeinen eigenen Werken zum Affen ward und ſie den Franzoſen vorgeſticulirte!: Ja, ſehen Sie, Gerard, ſo wird es were
„Das iſt ſchade,“ erwiderte er,„heute Morgen hatte ich den Beſuch der Dichterin L. und des Profeſſors die mir ſagten, daß man ſich ſehr dafür intereſſirt hätte. Denken Sie Sich, Gerard, die gute Dame nannte mich ‚Herr Doctort, und ich lachte mich innerlich recht ſatt darüber, obgleich dieſer Titel mir doch mit Recht zukommt. Wahrhaftig, lieber Herr, man hat in Deutſch⸗ land ganz Recht, mich einen Renegaten zu heißen; denn wenn der König von Preußen mir den Hofrathstitel ertheilte, wäre ich ſähig, mich darüber luſtig zu machen, und für einen Deutſchen iſt das doch herzlich ſchlecht— nicht wahr?“
Ich wußte nichts zu antworten und begnügte mich zu lächeln. „Ja,“ fuhr er fort, ſich zu gleicher Zeit an mich und an Gerard
S S.,
und ging Heine zur „Gerard de „die es nicht o gut können.“ in einer kalten
Schule Frankreichs, hatte u. A. Goethe’s Fauſt d in ſeiner Lorelei
Hand, als dieſe Nerval war eine träumeriſche Natur,“ ſagt Alfred Meißner,
eiue Reiſe nach Thürmgen und am Rhein beſchrie er ſeine Schriften in's Franzöſiſche i berſetzte. verſtand literariſch zu ſpeeuliren, was ſeine Landsleute ſ Geiſtig zerrüttet, ohne einen Soun in der Taſche, wurde er Februarnacht an einem Lateruenpfahl erhängt gefunden. 3 3 Die Redaction.
Gerard de Nerval, ein talentvoller Dichter der neuromantiſchen
Sie haben einen großen Theil der Schuld auf Ihrem!
Ein unausſprechlich ſchmerzhafter Zug lagerte ſich— Mund, nachdem er dieſes in fieberhafter Aufregung geſprochen, ſeine Augen ſchloſſen ſich wie vorhin und Schweißtropfen perlten auf ſeiner Stirn.
„Iſt Ihnen unwohl?“ treten war.
Heine zeigte auf die in meiner Nähe herabhängende Klingel⸗ ſchnur, die ich zog. Eine Dame trat eiligſt herein, warf nur einen Blick auf don Kranken, nahm dann von einer Conſole ein Fläſch⸗ chen, von deſſen Inhalt ſie einige Tr fallen ließ, und näherte das ſo zubereitete n8 Leidenden, welcher zin paar Schlucke davon trank. Einige Minu⸗
er Schmerz ſo weit gelindert zu haben, daß ug und der Dame die Hand reichte, 1. 1 ch die Dame— ich errieth es, ſie war 1 Die, welcher es gelungen war, on Liebe zu Liebe flatternden
fragte Gerard, der zu ihm herange⸗
welche dieſe in der ihr Aufmerkſam Heine's Frau.. den wie ein Schr —
Tropfen in ein Glas Waſſer Getränk den Lippen des
zu feſe möchten ſehen, Heine war eir als al eines wie m lich ge ziemlic Ruine ließ m Heine, Blanch kele, d in dem verließ
n er t ſich g ſchickte warf Ich ſe dame
gewor beißen ſchleud


