Jahrgang 
8 (1868)
Seite
118
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Charaktere aus der Thieruelt. Von Gebrüder Adolf und Karl Müller.

2. Der Edelmarder.

Der erſte Schnee(eine Neue) iſt während einer November⸗ nacht gefallen und deckt durchſchnittlich einen viertel Fuß das Feld. Raſch, ehe die Sonne auf den Lichtungen des Waldes und auf Aeſten und Zweigen der Bäume ihn bei dieſer geringen Kälte ſchmilzt, hinaus und hinauf in die ſtillen Waldberge, an die ſtei⸗ len, ſelſigen Abhänge, in die Schluchten, den Ufern der Forellen⸗ bäche entlang, um die jungen Fichten⸗ und Kiefernhegen herum, kreuz und quer durch den Hochwald und über Haideſtriche oder über Waldwieſen drunten im Thal; ja, hinaus in den Wald, um dem ſchlaueſten, gewandteſten und mörderiſchſten, aber auch zugleich ſchönſten Mitgliede der Marderarten, dem werthvollen Edelmarder, nachzuſpüren. Wir kennen ſeine Künſte, die ihn Mißtrauen und Vorſicht auf ſeinem Heimgang vor Tagesanbruch gelehrt haben, und. rüſten uns darum zur ausdauernden und mühſamen Verfol⸗ gung. Ein guter Steiger, mit Handbeil und Baumſäge verſehen, an der Leine den ſcharfenCaro führend, begleitet uns. Bald nimmt uns der Wald in ſeinen ſtillen Dämmerkreis auf, und wir entwerfen den Plan für die beginnende Suche. Wir umkreiſen Hügel⸗ gruppen und Dichtungen, ſpüren Waldwege und Wieſengründe ab.

In einer tiefen Schlucht, hart am Rande des unter Wurzeln und Geſtein rieſelnden Bächleins, entdeckte der ſichere Blick des Steigers die Spur des Edelmarders. Leuchtenden Blickes deutete er auf die deutlichen Abdrücke der leicht behaarten Sohlen. Wir folgten raſch, denn ſo lange keine Dickung berührt wird oder der Marder nichtgebaumt iſt, haben wir keine Schwierigkeiten vor uns; ſorgfältig traten wir jedoch die Spuren zur Controle aus oder, um mit dem Jäger zu reden, wirgingen ſie aus. Bald verlor ſich die Spur in einer Fichtendickung. Anſtatt in dieſe einzudringen, umkreiſten wir ſie und nahmen die. Spur jenſeits oder abſeits, wo ſie wieder zu Tag trat, von Neuem auf. In das Stangenholz führend, verſchwand ſie uns mit einemmal. Jetzt hieß es: aufgepaßt! Die Stauden wurden genau unterſucht und weiterhin ward der Schnee am Boden geprüft, bis wir den durch die Sprünge des Marders in kleinen Bällchen abgefallenen Schnee wahrgenommen hatten und von dieſem Merkzeichen uns lenken ließen. Wir legten ſo eine Strecke von nahezu dreihundert Schritten zurück. Plötzlich ſahen wir uns außer Stand geſetzt, das untrügliche Zeichen der von dem Marder eingehaltenen Rich⸗ tung wahrzunehmen. Wir hielten ſchärfere Umſchau und ſiehe da, es fielen uns einige Bröckchen Erde und Reiſig auf der blenden⸗ den Schneedecke in die Augen. In ahnungsvoller Hoffnung blickten wir empor, und richtig! droben in einer Höhe von dreißig Fuß ſtand gerade über dem verrätheriſchen Merkmal ein Eichhornneſt, in welchem unfehlbar der überliſtete Schlaukopf ſein Tagesſchläfchen hielt. Einige Schläge wider den Stamm der jungen Buche weckten und trieben den Schläfer aus. Mit geſchwungenem Schwanz ſprang er in eiligen Sätzen von Aſt zu Aſt empor. Wahrlich, ein ſchöner Anblick! Ganz anders nehmen ſich hier im Freien die ſchlangen⸗ artigen Windungen des wieſelartigen, beinahe zwei Fuß langen Körpers und die gewaltigen, energiſchen, mit Sicherheit auch auf die kleineren Aeſte ausgeführten Bogenſätze aus, als in den engen Behältern der zoologiſchen Gärten die beſchränkten Bewegungen nach rechts und links.

Man ſieht es dem Flüchtling an, wie ſehr ihm im luftigen Bereich des Gezweiges nicht blos ſeine Kletterfähigkeit, ſondern auch der raſche Ueberblick zu Statten kommt. Wo ein Büſchel dürren Laubes hängt, ſucht er ſich vor dem feindlichen Auge zu verbergen; wo der Aſt einen Knorren hat, drückt und kauert er ſich nieder. Und wenn er gar, einmal aufgeſcheucht, ein Aſtloch erreicht, in das er ſich einzwängen kann, ſo bleibt er darin hocken, bis das Beil oder die Säge ihn an das Tageslicht fördert. Ein muthiger Steiger mußte einſt zwei in einem und demſelben Aſtloch ſteckende Edelmarder an den Schwänzen faſſen und herausziehen. Den erſten warf er zu Boden, damit die drei unter dem Baum anſtehenden Schützen Gelegenheit fänden, ihre Kunſt zu erproben, und als dieſe ſämmtlich ihn gefehlt hatten, zoͤg er den zweiten hervor, ſchwang ihn um ſeinen Kopf und ſchlug ihn gegen den Stamm, daß ihm Hören und Sehen verging.

In unſerem Falle nun bedürfen wir keiner weiteren künſt⸗ lichen Mittel, ſondern ſchießen den Flüchtling entweder im Klettern oder den ſich nach Rettungswegen umſehenden Stillſitzenden vom Baum herunter. Springt er nach dem Sturz als Angeſchoſſener noch fort, ſo fängt und würgt ihn der Hund.

So leichtes Spiel, wie diesmal, haben wir aber nicht immer. Oft reicht aller Jägerſcharfſinn nicht aus, um den ſogenannte Widergänge machenden und ſehr weite Strecken fortbaumenden Edelmarder zu entdecken. Einſt ſtanden wir unter einer alten Eiche, nachdem der Marder ausgehauen und erlegt war, und konnten uns nicht erklären, wie er auf den Baum gekommen ſein mochte, da die Spur acht Schritte vom Stamm entfernt endigte und die Eiche auf einer großen Blöße ſtand. Endlich löſten wir das Räthſel. Der Schlaue hatte, um Aufſehen zu ver⸗ meiden, den ſchwierigeren, aber ungewöhnlichen Weg eingeſchlagen, indem er vom Boden auf einen herabhängenden Zweig geſprungen und dann dem hohlen Aſte zu geklettert war. Auf der höchſten Stufe der Gewandtheit, Kraft und Ausdauer zeigt ſich der Edel⸗ marder bei der Verfolgung des Eichhörnchens.

Wir ſtiegen abermals in das Gebirg, in die ſchweigſame Nacht einer Nadelwaldung. Aber jetzt lag kein Schnee, ſondern der Mai hatte bereits alle ſeine Pracht entfaltet. Auch die den Schwarzwald gleichſam wie helle Luftgeiſter begleitenden Lärchen⸗ bäume zierte die ganze Entfaltung ihres jungen lachenden Grüns. Ihre dunklen Schweſtern, die Edeltannen und Fichten, waren eben erſt im Ausbruch ihrer neuen Kreuztriebe begriffen. Doch, was ſiel hier von dem Lärchenbaume herab? Es iſt ein junger Blüthentrieb, der zu andern auf dem Boden zerſtreuten Lärchen⸗ und Fichtenzweigen herabgefallen iſt. Was bedeutet das? Da fiel wieder einer zu unſeren Füßen und ſieh! nun traf's uns von oben auf Kopf und Rücken, als würfen Elfen uns um und um, wie einſt das Gefolge des RittersHarald, wie es unſer großer Dichter Uhland ſo ſchön beſingt. Aber wir, im Panzer der Nüchternheit des neunzehnten Jahrhunderts, ſind gegen allen Elfen- und Nixenzauber gefeit und entdeckten die Geiſter alsbald über uns in Form unſerer ebenſo niedlichen wie ſchädlichen Wald⸗ teufelchen Eichhörnchen. Ein Pärchen war da droben emſig be⸗ ſchäftigt, junge Blüthen und Nadeltriebe der äußeren Zweige zeit⸗ weilig mit ihren händeartigen Vorderfüßen auf ihren Aſt zu holen, Affen gleich in ſitzender Stellung das Zarteſte zu freſſen und das Andere in kindiſcher Sorgloſigkeit herabzuwerfen.

Im Verborgenen aber hatte ein Edelmarder das Eichhorn⸗ paar von einer benachbarten Fichte aus beſchlichen und fuhr eben mit einem Satze zwiſchen die begierig Tafelnden. Welch' ein Schreck ergriff dieſe! Sie warfen ſich grunzend und pfeifend vor unſeren erſtaunten Augen die bedeutende Höhe von ſiebenzig und mehr Fuß kopfüber von Aſt zu Aſt herab bis zur Erde; der Marder ihnen nach. Die Verfolgten theilten ſich, das eine dieſen, das andere jenen Stamm hinauf. Eines erſah ſich der Ver⸗ folger zum Opfer aus, denn ein Eichhörnchen iſt dem Edelmarder ein Leckerbiſſen. Auf Tod und Leben ging nun die Hatze Baum auf Baum ab; hier über uns hinweg über eine Reihe Wipfel, dort ringelförmig um die Stämme herum. Alles verſuchte das geängſtigte Thierchen: es entwickelte ſeine ganze Behendigkeit, die ihm der außerordentliche Bau ſeiner Schlüſſelbeine und Kletter⸗ füße mit den ſtets feuchten Sohlen giebt; es gebrauchte den Fächer⸗ ſchwanz wie ein Segel und Ruder der Luft, ſich von den höchſten Aeſten herab zur Erde ſtürzend Alles vergebens.

Der Marder, wenn auch nicht ſo behende, doch durch über⸗ wiegende Kraſt und Ausdauer des ausnehmend ſtarken Muskelbaues ſeiner Läufe unterſtützt, folgte unermüdet, ja mit immer teufliſch zu⸗ nehmender Gewalt dem gejagten Opfer. Schon ſchien deſſen Schnell⸗ kraft abzunehmen die Sprünge wurden ſeltener, das Aufraffen nach einem niedergehenden Satze war nicht ſo plötzlich mehr, der Abſtand bei einem aufwärtsgehenden wurde kürzer, ſchwerfälliger immer kleiner ward der Raum zwiſchen Marder und Eichhörnchen, deſſen Herzſchlag der unſere gleichſam begleitete. Meiſtere deine Angſt menſchlicher Leſer! Auch wir fühlten, was du fühlſt; längſt ſchan