Jahrgang 
7 (1868)
Seite
106
Einzelbild herunterladen

-

hülfen, ſämmtliche getödtete Fiſche mit fortlaufenden Nummern zu verſehen und ihrer Größe und dem Speckgehalte nach zu taxiren. Sowohl Nummer wie Taxationswerth wird in römiſchen Ziffern in die ſchwarze Haut eingeſchnitten, ſo daß der weiße Speck an den ausgeſchnittenen Stellen zum Vorſchein kommt und die Zahlen ſich deutlich, Weiß auf Schwarz, erkennen laſſen. Darauf wird, nach Reihenfolge der Nummern, ein Verzeichniß der erlegten Walſiſche und ihres Speckgehaltes angefertigt, dieſer zuſammenaddirt und dann eine Berechnung über die Theilung vom Syſſelmann ausgearbeitet.

Inzwiſchen ruhen die Fiſcher von den gehabten Strapazen aus; bei einem Glaſe Branntwein beſprechen ſie die Abenteuer des Tages und thun nicht ſelten des Guten zu viel. Manche regaliren ſich mit einer tüchtigen Mahlzeit friſchgekochten Walfiſch⸗ fleiſches, indem ſogleich nach Beendigung der Jagd, mitunter ſchon früher, einige Fiſche zerlegt und das Fleiſch, ſammt geſalzenem Speck, der von früheren Jagden vorräthig, von dem weiblichen Perſonale der nächſten Häuſer gekocht und an offener Tafel, das heißt in einem großen hölzernen Troge, für jeden Liebhaber

ſervirt wird, wobei das Fleiſch die Stelle von Brod oder Kartoffeln vertreten muß. Für die Eingebornen iſt dies ein wahrer Lecker⸗ biſſen, weshalb es denn auch dieſer Table d'hôte nicht an reich⸗ lichem Zuſpruch zu fehlen pflegt, um ſo weniger als für das Couvert nichts gezahlt wird. Andere, bereits gehörig angeheitert, durchziehen ſingend und jubelnd die Straßen, während an geeigneten Orten, zum Beiſpiel auf Brücken, ſich Gruppen bilden und den

Nationaltanz einen Rundtanz nach der Melodie von Liedern, die von dem ganzen Ballperſonale unter Anführung eines Vor⸗ ſängers angeſtimmt werden darſtellen, an welchem ſich bald

auch Mädchen und Frauen betheiligen.

Endlich ſind die Arbeiten des Syſſelmanns ſo weit beendigt, daß die eigentliche Vertheilung der Beute beginnen kann. Zuerſt wird der zehnte Theil des ganzen Fanges für Staat, Kirche und den Geiſtlichen des Diſtrictes, für jedes ein Dritttheil, in Anſpruch genommen, dann der Mannſchaft des Bootes, welches den Grind zuerſt entdeckt, der größte der erlegten Fiſche zugetheilt, darauf für Armenweſen und Schulenfond ein gewiſſer Theil, ſowie nach ungefährem Ermeſſen ein entſprechendes Quantum beſtimmt, um aus dem Erlös den Erſatz der beim Fange etwa erlittenen Schäden, ſowohl körperliche wie am Geräth, beſtreiten zu können; ebenſo werden für die beim Fange und der Theilung thätigen Beamten und Angeſtellten gewiſſe Quanten ausgeſetzt und endlich wird von dem Uebrigen ein Viertheil für die Grundbeſitzer des Strandes und des angrenzenden Landes beſtimmt, worauf ſchließlich der Reſt unter vie Theilnehmer am Fange und die Bewohner des Diſtrictes, in welchem derſelbe ſtattgefunden, auf ſolche Weiſe vertheilt wird, daß die beim Fange thätig geweſenen Perſonen je eine doppelt ſo große Rate wie die Andern erhalten, ſelbſt Säuglinge oder zufällig als Zuſchauer anweſende Fremde aber nicht ausgeſchloſſen werden.

Nun meldet ſich der ſogenannteFormand, das iſt Anführer, eines Bootes aus jedem Orte beim Syſſelmanne, von dem er einen Zettel empfängt, auf welchem Nummer und Taxationswerth, oder vielmehr die Schätzung des Speckgehaltes derjenigen Fiſche verzeichnet ſind, die den Bewohnern des von ihm vertretenen Ortes als Antheil an der Beute zufallen. Hierauf ſuchen er und ſeine Cameraden die fraglichen Nummern am Strande auf, zerlegen die Fiſche, laden die Stücke in ihre Boote und treten, ein geiſtliches Lied anſtimmend, ihren Heimweg an. Boot auf Boot verläßt jetzt, bis zum Rande mit ſeinem Theil der Beute beladen, den Hafen. Auch die Bewohner Thorshavns haben ihren Antheil bei Seite geſchafft; die Eingeweide ſind auf die Rhede hinausgeführt und dort verſenkt worden, damit ſie nicht die Luft verpeſten, und bald iſt nur das immer noch blutige Waſſer das einzige Merkmal der großartigen Schlachterei, die hier ſtattgefunden hat, bis nach einigen Tagen auch dies ſich verliert und nur noch in dem wohlgenährten Ausſehen und den fettglänzenden Geſichtern der Leute, ſowie in dem lebhafteren Verkehr in den Factoreien, wo gegen den aus dem Speck gewonnenen Thran andere Bedürfniſſe des Lebens eingetauſcht werden, ſich Spuren des erfreulichen und intereſſanten Ereigniſſes erkennen laſſen.

Wie erwähnt, iſt die Farbe desGrindehval ſchwarz; nur der Bauch des Thieres iſt weiß. Der Kopf iſt vorn ſtumpf ab⸗ gerundet und die Maulöffnung ganz unten, der Unterkiefer gleich⸗ ſam in den Oberkiefer eingefalzt, und beide ſind mit einer Reihe

106

ziemlich großer, doch undicht ſtehender Zähne verſehen, während d Augen des Thieres ſehr klein und das äußere Ohr kaum zu unterſcheiden ſind. An jeder Seite befindet ſich eine nicht große Floſſe und auf dem Rücken eine etwas nach hinten gebogene Finne, während in dem mächtigen horizontal geſtellten Schweif, der wie die Schrauben⸗ flügel eines Dampfſchiffes geformt iſt, die hauptſächliche Triebkraft zur Fortbewegung des Thieres liegt. Die Nahrung deſſelben beſteht aus Weich- und Schleimthieren, beſonders ſtellt es den verſchiedenen Gattungen des Tintenfiſches ſehr nach. Die größten Exemplare des Grindehvals erreichen eine Länge von dreißig bis vierzig Fuß, bei verhältnißmäßigem Umfange, und liefern drei bis vier Tonnen Thran zu einem Durchſchnittswerth von fünfzehn preußiſchen Thalern die Tonne. 3

Der eben geſchilderte Fang repräſentirte einen Totalwerth von etwa fünftauſend Thalern an Thran, und da außerdem das Fleiſch eine ſehr beliebte, nahrhafte und, wenn gutzubereitet, auch recht ſchmackhafte Speiſe abgiebt, ſo iſt ein ſolches Ereigniß für die größtentheils unbe⸗ mittelten Bewohner dieſer Inſeln von außerordentlich hoher Bedeu⸗ tung. Von dem Speck wird ein kleinerer Theil für den Hausbedarf eingepökelt und theils in der Salzlake aufbewahrt, theils nach einigen Tagen herausgenommen und in freier Luft zum Trocknen auf⸗ gehängt, während der Reſt ausgekocht und der gewonnene Thran nach Abzug des zur Erleuchtung der langen Winterabende nöthigen Quantums verkauft wird. Das Fleiſch wird ebenfalls durch Einſalzen oder durch Dörren in der Luft, nachdem es zu dem Ende, ohne vorher geſalzen zu ſein, in ſchmale Streifen zerſchnitten worden iſt, für den ſpäteren Gebrauch aufbewahrt. Der Magen wird getrocknet und dient ſowohl als Thranbehälter, Behälter zum Aufbewahren oder Transportiren kleinerer Quantitäten von Korn, Mehl und dergleichen, als auch zur Boje, beim Auslegen der Fiſchereigeräthe, während der Schlund ſtatt der Schuhe zu Fußbekleidungen verwendet wird. Einen Theil der Haut an den Floſſen und der Rückenfinne benutzt man für die Boote als Riemen zum Hindurchſtecken und Feſthalten der Ruder, während die Sehnen als Nähmaterial bei Anfertigung einer aus gegerbten Kuhhäuten ſelbſtbereiteten Fußbekleidung gebraucht und die Knochen endlich meiſtens nach England verkauft werden, um von dort, in Geſtalt von Knochenmehl, weiter in den Handel zu kommen.

Mitunter treffen ſolche Fiſchzüge mehrere Male jährlich ein, zuweilen aber auch in einem oder mehreren Jahren gar nicht, obwohl vielleicht manchmal ganze Heerden von den Fiſchen geſehen werden. Oft iſt die ſtarke Strömung der einzuſchlagenden Richtung entgegen, da nur einzelne Häfen der Inſelgruppe zu dieſem Fiſchfange en gros ſich eignen, manchmal wird der Grind oder die Walfiſchheerde wild und ſtörriſch, will ſich nicht treiben laſſen und ſucht allen Anſtrengungen und Bemühungen zum Trotz das Weite. Selbſt wenn auch anfänglich Alles nach Wunſch geht und der Eingang zu dem auserſehenen Hafen, ja vielleicht ſchon der Hafen ſelbſt erreicht iſt, gelingt das Unternehmen nicht immer, obzwar in den meiſten Fällen; es giebt ſogar einzelne Beiſpiele, daß mehrere Hundert dieſer Thiere einige Tage in einem Hafen eingeſchloſſen waren und dennoch die Jagd aufgegeben werden mußte. Ich ſelbſt wohnte ſpäter einem Vorgange dieſer Art bei, wo wir eine Walfiſchheerde von etwa vierhundert Stück drei Tage lang in einer etwa eine Meile langen und eine Achtel Meile breiten Bai eingeſchloſſen hatten, trotz unausgeſetzter Anſtrengungen jedoch die⸗ ſelben weder an's Land treiben noch ernſtlich verwunden konnten, da ſie, ſcheu geworden, ſich nicht nahen ließen, ſo daß wir ſie ſchließlich, zu allgemeinem großen Aerger, frei abziehen laſſen mußten, ohne daß von der großen Anzahl mehr als drei der kleinſten Fiſche erbeutet worden wären. In ſolchen Fällen wird es, nachdem alle Verſuche, den Fang in regelrechter Weiſe zu be⸗

treiben, ſich als nutzlos erwieſen, nach Verlauf einer geſetzlich be⸗

ſtimmten Friſt erlaubt, Harpunen anzuwenden, was ſonſt ſtrenge verboten iſt, und werden die ſo erlegten Fiſche nicht weiter vertheilt, ſondern ſind, nach Abzug des Zehnten, Eigenthum des glücklichen Jägers. Bei dieſer Fangmethode entkommt indeß der bei weitem größte Theil, auch iſt dieſelbe weit gefährlicher, denn man hat es hier meiſt mit unverwundeten, noch kräftigen Fiſchen zu thun. Oftmals trifft es ſich, daß mit der Heerde mehrere neugeworfene Junge folgen, die etwa fünf bis ſechs Fuß lang ſind; es iſt nun ſehr rührend zu beobachten, wie dieſelben, während des Kampfes von den Müttern geſchieden, unter klagendem, ängſtlichem Pfeifen in dem Gewirre umherirren und ihre Mütter ſuchen, und wie