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Und in der Geiſterſtunde erwacht ein ſteinern Kind Und fragt: Wer wohl die Schläfer auf unſern Gräbern ſind 2 Der Roſenſtrauch giebt Antwort: Die ſchlafen ſo wie Du, Der Tod der Schlachten drückte die Heldenaugen zu.
Ein ſteinern Weib daneben: Wer ſchlug allhier die Schlacht? Hielt an des Reiches Marken das Heer ſo ſchlechte Wacht? Antwortet drauf der Flieder: Das that kein fremdes Schwert, Es haben gegen Deutſche hier Deutſche es gekehrt.
Da ſchüttelt ein Mann ſein ſteinern ergrauet Haupt und ſpricht: So giebt's ein einig Deutſchland noch dieſe Stunde nicht?— Der Friedhofraſen flüſtert: Ich decke im deutſchen Land Mehr Krieger, gefallen von deutſcher als ſremder Feindeshand!
Die Nacht entweicht. Die Stätte grüßt friſcher Morgenhauch. Die Geiſter ſchlafen wieder, die Todten ſchlafen auch.— Wohl ſtillere Geſellſchaft iſt nirgend weit und breit.— Iſt dies die letzte Klage, die ſo zum Himmel ſchreit?— Friedrich Hofmann.
Im Hauſe Kobert Stephenſon's.
Von M. M. v. Weber.
Die Erwarteten traten bald hinter einander ein. Zuerſt Swinburne, von dem die Pläne zu den Eiſenbahnen über die Landenge von Suez und durch den Mont Cenis herrühren und der ſoeben Bauarbeiten an erſterer geleitet hatte.„Oh, an arabian chief!“- (O, ein arabiſcher Häuptling!) rief Miß Stephenſon, als er mit ge⸗ waltigem Barte um Mund und Kinn, von der afrikaniſchen Sonne gedunkeltem Teint, faſt turnerhaft muskulöſer Statur, leichter Haltung und durchaus continentalem Gebahren auf ſie zukam und ſie begrüßte. Es befremdete mich daher kaum, als er mich in geläufigem Deutſch anſprach. Am Arm von Stephenſon's altem behaglichem, krummnaſigem, krausköpfigem Factotum Starbuck hing eine junge Dame wie eines jener Bilder auf Doſen und Alma⸗ nachs, aus deren langovalen Geſichtern, goldnen Locken und großen Augen ſich ſchwärmende Gymnaſiaſten ihre Ideale componiren. Die wunderbaren Schultern mit dem Grübchen, der goldige Hinterkopf der Hagar und der graue Bart Abraham's auf jenem köſtlichen Bilde van der Werff's auf der Dresdener Gallerie fiel mir ein!
Der Letzterſcheinende war, wie in der guten Komödie, der Held des Tages, der Amerikauer Stevenſon, den ſein edler Halb⸗ namensvetter mit prächtigem herzlichem Reſpect begrüßte und, als ſei er die Dame ſeines Herzens, uns Allen voran, am Arm nach dem Speiſeſaale führte, deſſen Thüren in dem Augenblicke ſich öffneten, wo der Amerikaner in's Zimmer trat.
Unter des Ritter Marochetti neidiſchem Blicke, dem, als dem älteſten von uns Fremden, die Ehre zufiel, die höchſt vortreffliche Miß Stephenſon zur Tafel zu geleiten, legte Miſtreß Starbuck ihren kleinen weißen Handſchuh in die Biegung meines Armes,
daß es ausſah, als ſäße eine weiße Maus zwiſchen den ſchwarzen
Tuchfalten. Nur eine hochhängende Krone mit Moderateuren (keinem Gas) beleuchtete dieſen Raum und ſammelte ihr Licht auf dem von Silber, Kryſtall und Blumen glänzenden Tiſche. Dichte Gardinen von dunklem Stoffe ſchloſſen den Reſt des Tageslichtes aus, auf den dunkeln Sammettapeten der Wände zog kein Bild, kein Spiegel die Aufmerkſamkeit vom Genuſſe der Tafel ab, dieſen in jenem weiteſten Sinne genommen, der den des belebenden Rundgeſpräches mit einſchließt.
Der tiefdunkle Hintergrund der Wände ließ die ſchwarzge⸗ kleideten Geſtalten der den Tiſch lautlos umſchreitenden Dienerſchaft faſt verſchwinden und die gewandten weißen Glacéhandſchuhe derſelben tauchten wie Zauberhände ohne Körper aus dem Nichts auf, um uns zu bedienen. Swinburne bedauerte lachend, daß die Diener nicht auch Schwarze und taubſtumm wären, denn „dann wären ſie eigentlich gar nicht da“. So hatte der große Ingenieur mit feinem, epicuräiſchem Sinne es verſtanden, ſeine Tafel, den Ort, wo er die behaglichſten Stunden ſeines reichen Lebens genoß, gleichſam auf ein„abſolutes für ſich ſein“ hinzu⸗ führen. Bald klang die Stimmung harmoniſch mit dem Raume zuſammen; das Licht glänzte auf den erheiterten hohen Stirnen der Eſſer, zwiſchen deren markigen, kankigen Geſichtern von dunklem Farbenton das weiche, helle Köpfchen der jungen Frau wie eine Blume zwiſchen Baſaltſäulen blühte. Die beiden berühmten Namensbrüder ſaßen oben am Tiſch zuſammen, dann die Damen, Marochetti und ich, und dann die einheimiſchen Ingenieure, ſämmtlich Schüler Stephenſon's, die ſeitdem längſt zu berühmten Meiſtern geworden ſind.—
Die Gegenwart von Damen, bei denen überdies wohl ein
Intereſſe für die Welt der Erſcheinungen, in der ihre Angehörigen thätig waren, voraus geſetzt werden dürfte, konnte es unter ſo vielen Fachgenoſſen nicht hindern, daß die Rede auf den Verkehr und ſeine Straßen fiel, ohne daß der gute Tact der Genoſſen dieſer Tafelrunde ein zu trockenes Fachgeſpräch ſich entwickeln ließ.*
„Was iſt viel über die Verſchiedenheit des Charakters der Verkehrsanſtalten in den verſchiedenen Ländern Europas zu ſagen!“ rief Swinburne aus.„Dort Tunnel, hier Brücken, dort Dämme, hier Einſchnitte, dort bequeme Wagen, hier ſchlechte, dort etwas ſchnellere Fahrt und einige Unfälle, hier langſamere Fahrt und einige Sicherheit mehr, dort ein paar Millionen Centner Güter, ein paar Millionen Menſchen mehr gefahren als hier, die Haupt⸗ phyſiognomie des Ganzen bleibt immer faſt dieſelbe.
„Aber der Bahnbau in einem heißen Klima— das iſt Contraſt. Er verhält ſich zu einem ſolchen in Europa wie der Verkauf Joſeph's durch ſeine Brüder zu dem Engagementscontract einer Primadonna. Wir Alle wiſſen, daß allein die Durchführung der Enteignungsgeſetze im Parlamen e den Eiſenbahngeſellſchaften in England ſo viel Geld gekoſtet hat, daß das neue Parlaments⸗ haus dafür hätte gebaut werden können. Und dann der Grund⸗ erwerb ſelbſt! Das iſt in Aegypten weit einfacher!— Der Vicekönig befiehlt, man jagt die halbnackten Araberfamilien aus ihren Hütten und ſchüttet ihnen im nächſten Augenblicke einen Damm darüber. Die Nacht wird zum Arbeitstage und die glühende Sonne des Tags brennt das Mauerwerk, das die Nacht vorher aus Lehm und Strohhäckſel aufgeknetet wurde und über deſſen Dauerhaftigkeit uns die Pyramiden von Daſchur und Sakhara beruhigen. Die nackten Nachkommen der Troglodyten und Ichthyophagen, die nubiſchen und abeſſiniſchen Arbeiter verlachen den Luxus von Karren und Wagen. Wie zu den Zeiten des Buſiris und Möris und mit denſelben ſchaufelartigen Hacken, die wir auf den Mauern des Tempels zu Karnak abgebildet ſahen, laden ſie die Erde in halbrunde Schilfkörbe, die ihnen Weib und Kind flechten, und tragen ſie auf dem Kopfe, wie ebenfalls dort abgebildet, in langen Reihen Mann hinter Mann trabend, mit einem eintönigen Geſange, den ſie wahrſcheinlich von den geplag⸗ ten Kindern Iſraels beim Baue der Canäle zu Memphis vor vierthalbtauſend Jahren gelernt haben mögen, an Ort und Stelle. Die Maſſe der Arbeiter muß die Qualität, Kameel und Eſel mit Doppelkörben an den Seiten die Erdtransportkarren erſetzen. Durch die dunkelklaren afrikaniſchen Nächte ziehen, wie unabſehbare Reihen von Schatten, Menſchen, Maulthiere, Eſel und hochtragende Kameele gemiſcht, Erde und Stein ſchleppend dahin, unter dem wüſten Geron jener Geſänge, hie und da durchbrochen von dem Wiehern eines Pferdes oder dem Grunzen eines Kameels, oder noch häuſiger durch das Aufbrüllen eines Menſchen oder Thieres unter dem Streiche der Peitſche, nach deſſen Klatſchen der Erfahrene ermißt, ob er auf das Fleiſch von Menſch oder Thier gefallen iſt. Nur die Sclaveneigenthümer werden wirklich bezahlt, und ich fürchte, ſie geben ihren Ehrenſold blos in Maisbrod und Prügeln weiter.“
Trotz ſeiner guten Nerven hatte es Swinburne nicht lange in Aegypten ausgehalten. Der Revers dieſes Bildes kam zur
* Das Geſpräch an Stephenſon's Tafel iſt in allen Hauptſachen ſo getren wie möglich am Abende nach dem Diner notirt und nur, ſo weit es der Zweck hier erfordert, in Nebendingen etwas modificirt worden.
Der Verfaſſer.


