gelenkt, ehe ſie ſelbſt etwas davon ahnten. Anfangs lachte Alfred über die zuerſt leiſen, dann aber immer lauter werdenden Stichel⸗ reden ſeiner Gefährten, die er dem Neide zuſchrieb, weil ſie ſich von der Bekanntſchaft mit der ſchönen Frau ausgeſchloſſen ſahen, und erwiderte die ernſten, wenn auch halb verſteckten Warnungen ſeiner Freunde mit einer leichten Entgegnung. Darauf kam es einige Male zu empfindlichen Reibungen, welche ihm die Spötter vom Halſe ſchafften und die Freunde verſtummen ließen, und dann — kam eine Zeit, wo Alfred gegen Spott wie gegen Tadel, auch wenn beide noch zu ihm gedrungen wären, unempfindlich gewor⸗ den war, denn in ſeinem Herzen lebte jetzt nur noch ein Gedanke: der an Roſalie und ſein Verhältniß zu ihr! Aus ſeiner Be⸗ kanntſchaft mit ihr hatte er ſich allmählich das Recht einer ge⸗ wiſſen Vertraulichkeit gewonnen, das ſie ihm zwar nicht geradezu übertrug, aber doch ſtillſchweigend anzuerkennen ſchien und das er in jeder Weiſe ausbeutete. Man ſah ihn auf der Promenade an ihrer Seite, im Theater erſchien er in ihrer Loge und trotzte der Aufmerkſamkeit des Publieums, dem Neide der geſammten Herren⸗ welt, indem er ſich eifrig mit ihr unterhielt und auch gar nicht daran zu denken ſchien, das Intereſſe zu verbergen, mit welchem er an jedem ihrer Worte, ihrer Blicke hing.
An ihr ſelbſt dagegen war durchaus nicht wahrzunehmen, welchen Eindruck ſein Benehmen, ſeine Huldigungen auf ſie mach⸗ ten, denn ihre Haltung war völlig unbewegt und ruhig; ſie ſchien es als etwas Natürliches, Selbſtverſtändliches hinzunehmen, daß er ihr ſeine Verehrung darbrachte, und es gar nicht zu beachten, daß ſeine Blicke immer glühender wurden, ſeine Worte immer leidenſchaftlicher klangen. Auch in ihrer Wohnung hatte ſie ihn noch einige Male wieder empfangen; wie ſie ſich jedoch an öffent⸗ lichen Orten ſtets nur in Begleitung ihrer Geſellſchaftsdame oder einiger anderen Bekannten zeigte, ſo ſah er ſie auch hier nie mehr allein, und zu einem Zwiegeſpräch unter vier Augen war es daher nicht wieder gekommen.
Es konnte nicht fehlen, daß die Kunde von Alfred's auffäl⸗ ligem Benehmen endlich auch das Ohr der Familie von Alfred's Braut erreichte, nachdem dieſe ſelbſt ſich im Stillen über das ver⸗ änderte Weſen ihres Verlobten ſchon bekümmert gefühlt hatte. Einige Andeutungen genügten, um dem bedauernswürdigen Mädchen klar zu machen, was der Grund ſeiner kühlen Haltung ſei, und ſie mit eiferſüchtigem Haß gegen Diejenige zu erfüllen, welche ihr Alfred's Herz abwendig gemacht hatte, ſowie mit Bitterkeit gegen ihn ſelbſt. Ohne aber den Muth zu haben, offen mit ihrer An⸗ klage ihm entgegen zu treten, griff ſie zu der unglücklichſten Waffe, die ein liebendes und verwundetes Herz wählen kann, zur Empfind⸗ lichkeit, ſuchte ihn durch Schmollen zu ſtrafen und— ahnte nicht, vaß ſie damit den letzten Reſt von Zuneigung in ihm vernichtete, daß ſie ihm unendlich klein und gewöhnlich erſchien neben Roſa⸗ lieus großartiger Natur. Seine Ungeduld machte ihn reizbar und heftig, und es war ſchon verſchiedene Male unter den Ver⸗ lobten zu Scenen gekommen, bei denen Helene in heftige Thrä⸗ nen ausgebrochen war; aber auch dieſe hatten Alfred kaum be⸗ ſänftigen können, denn er konnte es nicht leiden, wenn Jemand ſich in ſolcher Schwäche zeigee.— Die ganze Familie Helenens war erbittert über Alfred, und ſo ſehr ſie anfangs die Verbindung erfreut hatte, ſo wünſchenswerth ſchien ihr jetzt, daß das Verhältniß gelöſt würde; doch bebte Helene krampfhaft vor jedem Gedanken daran zurück, und wie ſie den Ihrigen gegenüber ſeine beredteſte Vertheidigerin war, vertraute ſie immer noch, daß ihre Liebe ihr die ſeinige am Ende wiedergewinnen würde.
Roſalie hatte in dieſer Zeit ihre Wohnung in der Reſidenz V aufgegeben, um nach einer ungefähr eine halbe Stunde von der
Stadt entfernten Villa überzuſiedeln, welche leer ſtand und von ihr für die Sommermonate gemiethet worden war. Alfred hatte ſie daher in mehreren Tagen nicht geſehen, indem er es ohne ihre Erlaubniß nicht wagte, ſie dort aufzuſuchen, und ſie erfüllte bereits ſein Denken und Leben ſo, daß ihm jeder Tag ein verlorener ſchien, der ihm keine Begegnung mit ihr gebracht hatte.
Mißmuthig erinnerte er ſich eines Abends, daß er ſeiner Braut ſeit Tagen einen Beſuch ſchuldig war, und da er ſich doch wieder dachte, daß ſie jetzt vielleicht die Leere ſeines Innern aus⸗ zufüllen vermöchte, ging er zu ihr. Sie empfing ihn freundlicher und heiterer als gewöhnlich, denn ſie hatte ihr Herz wieder durch den Vorſatz geſtärkt, ihn durch Sanftmuth zu gewinnen, und wirk⸗ lich ſchien es, als wenn ihr Bemühen heute nicht vergeblich blei⸗ ben und er ſeinen früheren Ton wiederfinden würde. Sie brachte das Geſpräch auf Hermann, an dem ſie mit großer Verehrung hing, und da ſie hierin völlig mit ſeinen Empfindungen harmo⸗ nirte, ſo hatte ſie eine gute Saite angeſchlagen und ihn zu leb⸗ haftem Eingehen hingeriſſen.
„Wie ſchade,“ ſagte ſie mit echt weiblichem Bedauern,„daß er ſo einſam lebt und von keiner Familie umgeben iſt! Hat er nie daran gedacht, ſich zu verheirathen?“
„Ja, er war in früheren Jahren einmal verlobt,“ entgegnete Alfred kurz.
„So iſt ſeine Braut geſtorben?“ rief ſie theilnehmend.„Wie hieß ſie?“
„Sie iſt nicht todt, Helene, die Verbindung hat ſich gelöſt.“
„So war ſie eine Unwürdige!“ rief ſie in unbeſonnener Heftigkeit.
Das Wort trieb ihm das Blut in's Geſicht.„Nein, Helene, es war keine Unwürdige! Du ſprichſt von der Baronin Brink⸗ horſt!“
„Die Spanierin?“ ſchrie Helene entſetzt auf,„dann bleibe ich bei meinem Wort— ſie konnte Hermann's nicht würdig ſein.“
Er war dicht vor ſie hingetreten.„Was weißt Du von ihr, die Du verleumdeſt?“ ſagte er jetzt mit harter Stimme.
Sein Wort, ſein Ton machten, daß ſie in Thränen ausbrach. „Iſt es nicht genug,“ rief ſie leidenſchaftlich aus,„daß ſie auch mir das Herz bricht, daß ſie Dich in ihr Netz, in Dein Verderben lockt? O Alfred, fliehe dieſes Weib, ehe ſie Dir und mir zum Fluche wird!“.
Er richtete ſich hoch auf.„Zum Fluche, ſagſt Du? Weißt Du, daß für mich ein Segen wie der des Himmels in jedem Blick liegt, den ſie auf mich richtet, in jedem Wort, das ſie zu mir redet?“ 4
„Alfred, Du liebſt ſie!“ rief Helene in tödtlichem Erſchrecken.
Sein Geſicht überflog eine flammende Röthe.„Ja, ich liebe ſie!“ rief er aus.„Einmal mußte das Wort geſprochen werden, ſonſt hätte es mir das Herz, die Bruſt zerſprengt! Helene, ich war es, ich, um den ſie ihr Herz von dem Bruder wandte, und ich Thor glaubte damals, es ſtände in meiner oder ihrer Macht, dem Herzen zu gebieten und einem Andern wiederzugeben, was nicht mehr ſein war! Ich glaubte mich einer Sünde gegen den Bruder ſchuldig und war nicht groß und ſtark genug, um wie ſie zu begreifen, daß unſer Herz unſer Schickſal iſt und wir uns ihm beugen müſſen, ihm folgen dürfen, wie der Stimme Gottes ſelber! Ein enges Pflichtgefühl trieb mich damals, vor den vermeintlichen Rechten des Bruders zu weichen, ihre mächtige, reiche Liebe von mir zu weiſen— es hat uns Beide elend gemacht!“
„Elend?“ ſtöhnte das unglückliche Mädchen.„Mein Gott, vergieb ihm!“
(Schluß folgt.)
Stille Geſellſchaft.
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Es war zur Zeit der Roſen, ſie blühten in voller Pracht, Da bebte der deutſche Boden von mancher Bruderſchlacht; Recht zwiſchen Blumen ſtreute die bleiche Saat der Tod Und färbte den grünen Raſen ſo roth, ſo grauſig roth.
Heiß iſt die Juniſonne, noch heißer iſt der Kampf, Die zitternden Sommerlüfte exſticken in Rauch und Dampf. Vergeblich mahnt das Kirchlein, den Friedhof ſtürmt der Krieg;
Da feiert im eignen Hauſe der Tod den großen Sieg.
Vom Brand’der tiefen Wunden, von Kampf⸗ und Feuersgluth— Wie ruht ſich's in dem Schatten der Kirchenmauer gut!
Da röchelt es und wimmert zum ew'gen Schlaf ſich ein;
Es ſehen’s nur Roſen und Flieder im Abendſonnenſchein.
Nun ſchwebt die Nacht darüber, von ſüßem Duft erfüllt, Als hielt' ein Feſt der Liebe ihr Mantel zart umhüllt. Des Mondes Blicke ſtrahlen herab durch das Gezweig Und ſpielen auf Trauermalen vom alten Todtenreich.


