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ſelbe mitzutheilen, wenn Sie nicht etwa vorziehen ſollten, ſie mir durch meinen gegenwärtigen Geſchäftsführer, den Advocaten C., zukommen zu laſſen.“
⁵ Es war Alfred faſt, als ſpräche ſie die letzten Worte mit einem gewiſſen Hohn, als erwarte ſie, daß er nicht wagen würde, ſich ihr perſönlich wieder zu nähern, und dadurch gereizt entgeg⸗ nete er raſch:.
„Sie dürfen nicht zweifeln, gnädige Frau, daß ich Ihnen die Mittheilung ſelbſt machen werde, ſobald ich erſt etwas Gewiſſes erfahren habe!“
In demſelben Augenblick trat der Bankier wieder in's Zim⸗ mer, gerade früh genug, um noch die letzten Worte des Geſprächs verſtanden zu haben, das Noſalie nun abbrach, indem ſie ſich raſch wieder an Melſing wandte, noch Einiges mit ihm beſprach, was auf ihr Geſchäft Bezug hatte, und ſich dann mit einer Verbeugung den beiden Herren empfahl.
„Nun, Loſſau,“ ſagte der Bankier lachend, nachdem er ſeinen ſchönen Gaſt artig zum Wagen geleitet hatte und zu Alfred zu⸗ rückkehrte,„was ich von Ihnen ſagen ſoll, weiß ich nicht! Kaum laß ich Sie fünf Minuten allein, ſo theilen Sie ſchon ein Ge⸗ heimniß mit der ſchönen Frau!— Wenn das Ihre Braut er⸗ führe!“
Alfred fühlte ſich unangenehm berührt. Er öffnete bereits den Mund zu einer Erklärung, beſann ſich aber, daß er nicht berech⸗ tigt ſei, über Roſaliens Angelegenheiten zu reden, und daß ſie ſelbſt ihm gewiſſermaßen Schweigen auferlegt hatte, daher ſuchte er ſich mit irgend einem Scherz zu helfen, der aber nicht recht unbefangen lauten wollte und nur ein Lächeln auf dem Geſicht des Bankiers
hervorrief, welches nicht dieſem Scherze ſelbſt galt.
Das Gefühl der Verſtimmung wurde noch ſtärker in Alfred, als er ſich ſpäterhin des Verſprechens erinnerte, das er der Ba⸗ ronin gegeben hatte, einen Schritt in ihrer Angelegenheit zu thun, aber obwohl er jetzt ſeine Uebereilung bereute, fühlte er ſich doch an ſein Wort gebunden, und um nur ſo ſchnell wie möglich jede weitere Beziehung zu ihr abbrechen zu können, ſchrieb er noch am nämlichen Tage ienem Pfarrer, welcher das Kind damals getauft
„hatte, und bat ihn um die von Roſalie gewünſchte Auskunft, wo⸗
bei er nicht verſchwieg, daß es ſich um das beſondere Intereſſe der Kleinen handle. Die Antwort traf auch in kürzeſter Zeit ein
und erhiekt den nöthigen Nachweis, zugleich aber auch die Mit⸗
theilung, daß das kleine Röschen, welches zu einem ungewöhnlich reizenden Kinde herangeblüht geweſen, vor einigen Tagen an einer plötzlichen Krankheit geſtorben ſei.
Alfred begab ſich mit dieſer Kunde unverzüglich nach dem Hotel, wo Roſalie wohnte und eine Reihe eleganter Zimmer für ſie eingerichtet war. Er wurde in eins derſelben geführt und gebeten, auf die Baronin zu warten, die man benachrichtigen wolle. Schon beim Eintreten wußte er, daß ſie im Nebenzimmer ſei, denn es drang Geſang zu ihm herüber— und er kannte die Stimme. Daß es ein ſpaniſches Lied war, was ſie ſang, daſſelbe, welches ſie ihm einſtmals ſo oft vorgeſungen hatte, war vielleicht ein Zufall, aber er mußte bei dem Liede an ein junges, ſchönes Mädchen denken, mit dunklen Locken und feurigen, doch un⸗ endlich ſanft und träumeriſch blickenden Augen; er ſah es vor ſich im Kahn ſitzen, den er auf dem kleinen Loſſauer See ruderte, während dieſelben weichen, vollen Töne über ihre Lippen drangen, die er jetzt hörte,— und er mußte zugleich daran denken, daß er ſich oft gefragt, ob es etwas Schöneres und Lieblicheres auf der Welt geben könne, als ſie. In dieſem Augenblick verſtummte der Geſang; Roſalie mußte die Meldung ſeiner Anweſenheit erhalten haben.. In der nächſten Minute hob eine Hand die ſchweren Vor⸗ hänge, welche den Eingang in das Nebenzimmer verhüllten, und die prächtige Geſtalt der Baronin erſchien auf der Schwelle. Wie aus einem Traum erwachend, blickte Alfred ihr entgegen: das war nicht das junge, liebeglühende Geſchöpf, das er einſt— und er
fühlte es wieder, mit welcher Gluth!— in ſeinen Armen gehalten
— dies war eine Juno, mächtig und von imponirender Schön⸗ heit, aber ohne Herz und ohne Empfindung, für die Liebe eines Mannes nicht geſchaffen. 1
Sie begrüßte ihn mit einer leichten Neigung des Hauptes, ohne daß ihre Züge die geringſte Ueberraſchung oder ſonſtige Er⸗ regung verrathen hätten, und lud ihn dann durch eine Handbewe⸗ gung zum Setzen ein. Er ſagte, daß er gekommen ſei, um ihr
das Reſultat ſeiner Nachfrage mitzutheilen, das aber leider kein erfreuliches ſei, denn wenn er jetzt auch die Namen nennen könne, müſſe er hinzuſetzen, daß dieſelben nur noch auf eine Geſtorbene Bezug hätten.
„Todt?“ rief ſie aus und ward mit einem Male leichenblaß, „wollen Sie ſagen, das Kind ſei todt?!“
Er ſah ſie erſtaunt an— woher die plötzliche Bewegung die⸗ ſer Frau bei einer Mittheilung, die ihn ſelbſt kaum oberflächlich berührte? Hatte ſie ja doch gleich ihm das Kind nie wieder⸗ geſehen, bis zu dieſem Augenblick nicht einmal ſeinen Namen ge⸗ wußt! Sie ließ ihm aber keine Zeit, ſeiner Ueberraſchung Worte zu leihen, denn mit faſt ängſtlicher Haſt forſchte ſie weiter:
„Wiſſen Sie, wann es geſtorben iſt?“
„Der Pfarrer ſchreibt, daß es erſt in dieſen Tagen geſchehen iſt; wenn ich nicht irre, giebt er ſogar Zeit und Stunde genau an,“ entgegnete Alfred und nahm mit dieſen Worten den Brief aus ſeinem Portefeuille, um der Baronin die betreffende Stelle mitzutheilen.
„Meine Ahnung!“ ſagte ſie düſter und halb vor ſich hin, „es iſt genau die Stunde, wo ich mit Ihnen bei Melſing zu⸗ ſammentraf und Ihnen meine Abſichten auf das Kind mittheilte! O, ich habe Unglück!“
Die letzten Worte waren mit einem ſo tiefen Schmerz ge⸗ ſprochen, daß Alfred ſich wider ſeinen Willen bewegt fühlte. Theilnehmender, als er ſelbſt für möglich gehalten hätte, fragte er:
„Ihnen lag viel an der Ausführung Ihrer Pläne?“
„Ja!“ ſagte ſie und ſah ihn wieder ruhig, aber kalt an. „Ich wollte lieben, um dereinſt wieder geliebt zu werden! Mein Leben iſt arm!“
Das unerwartete Geſtändniß aus dem ſtolzen Munde er⸗ ſchütterte Alfred. Es klang wie der Klageruf über verlorenes Hoffen, verlorenes Glück, und es war ihm, als müſſe der nächſte Augenblick einen Richterſpruch über ihn bringen, der dies Hoffen getäuſcht, dies Glück vernichtet hatte. Allein Roſalie ſchien es bereits zu bereuen, auch nur eine Secunde lang ihrer Empfindung nachgegeben, Alfred einen Blick in ihr Inneres gegönnt zu haben, denn ſie brach plötzlich ab und lenkte die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet, wobei ſie geſchickt jede Anſpielung, jede Erinne⸗ rung an die frühere Zeit, an das Verhältniß, in welchem ſie einſt miteinander geſtanden hatten, zu vermeiden wußte, ſo daß es Alfred allmählich wohl in ihrer Nähe ward und er ſich zu auf⸗ richtiger Bewunderung des Geiſtes und der Liebenswürdigkeit der ſchönen Frau hingeriſſen fühlte. Und als er ſie endlich verließ, athmete er hoch und frei auf, denn es war ihm jetzt, als habe er Jahre lang eine ſchwere Laſt auf der Bruſt getragen und es ſei dieſe plötzlich von ihm genommen, ja, als ſei ſeinem Leben ein neuer Reichthum geſchenkt worden, denn die Frau, welche er lange Zeit hindurch aus ſeinem Gedächtniß zu tilgen verſucht, die ihm bei der erſten Begegnung faſt feindlich gegenüber getreten war, hatte ihm jetzt ſtatt Groll Freundlichkeit gezeigt, und in ſeinem Geiſt dämmerte ſchon ein neues, ſchönes Verhältniß auf, wo eine edle Freundſchaft ſie mit ihm und ſeinem Hauſe verbinden würde. Er dachte daran, daß er im Begriff ſtand, ſein Haus zu gründen, es mit Allem zu verſehen und zu umgeben, was ihm die Stätte zu einer behaglichen und glücklichen machen konnte. Auch an ſeine Braut dachte er und wunderte ſich ſelbſt darüber, daß ihn in dieſem Augenblick der Gedanke nicht mit der gleichen Wonne er⸗ füllte wie ſonſt.— Stellte er vielleicht unwillkürlich die beiden Frauengeſtalten im Geiſt neben einander, ſeine ſanfte, blonde, zärtliche Helene neben Noſaliens prächtig⸗ſtolze Erſcheinung, und ſagte ſich, daß ſie nimmer zu einander paſſen, nie Freundinnen würden ſein können? Jedenfalls ſprach er zu der erſteren, als er ſpäter zu ihr ging, nicht von ſeinem Beſuch bei der Baronin.
Ihn ſelbſt aber trieb es bald unwiderſtehlich, ſich wieder und immer wieder an den Strahlen des funkelnden Geſtirns zu ſon⸗ nen. Nicht lange— ſo wußte und ſprach man davon in der Stadt, daß Alfred ſich um die Gunſt der ſchönen Spanierin be⸗ werbe. Durch Melſing, der die kleine Scene in ſeinem Hauſe nicht vergeſſen und eben ſo wenig verſäumt hatte, ſie weiter zu erzählen, war man zuerſt aufmerkſam auf das Verhältniß gewor⸗ den; die beiden zurückgekehrten Officiere hatten dann das Aben⸗ teuer in H. zum Beſten gegeben, und ſo hatte ſich raſch ein Stadt⸗ geſpräch entwickelt, das Wahres und Erdichtetes durcheinander warf, und die allgemeine Aufmerkſamkeit war auf die Betreffenden
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