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ich, trotz raſcheſtem Tempo,
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Erzähler nur gelingt, ſich Hörer aus Leſern zu ſchaffen, das heißt: ſchreibend ſo natürlich mit ihnen zu reden, als ob er ſpräche? Eine Hauptbedingung dabei iſt immer die Wahrheit: die Wahrheit der Thatſachen, die Treue der Auffaſſung, die Auf⸗ richtigkeit der Geſinnung! Deren darf ich mich rühmen. Des⸗ halb rechtfertige ich meine Plaudereien ein für allemal mit Goethe's Worten:„In der jetzigen Zeit ſoll Niemand ſchweigen oder nachgeben; man muß reden und ſich rühren, nicht um zu überwinden, ſondern ſich auf ſeinem Poſten zu erhalten; ob bei der Majorität oder Minorität, iſt ganz gleichgültig,“ und ich beginne mit der Stätte, von der dieſe Worte ausgingen, der für jeden Deutſchen ewig geweihten Stätte, welche unſer großes Dich⸗ terzweigeſtirn und noch ſo mancher andere glänzende Stern am Himmel unſers nationalen Schriftenthums für ewig geweiht und geheiligt haben— mit meinen Erinnerungen an Weimar.
I. Weimariſche Abende. 1. Bei Goethes.
Es gehen lügenhafte Sagen umher, die im Laufe der Zeit Geſchichte werden. Unter dieſe gehört jene ungerechte, tauſend Mal aufgewärmte Anklage: Goethe habe ſich theilnahmlos gegen jungaufſtrebende Talente verhalten und ihre Hervorbringungen keiner Aufmerkſamkeit gewürdigt, außer wenn ſie ihm unbedingt huldigten. Das iſt Verleumdung! Gegen Perſonen mag er ſich hin und wieder abſtoßend gezeigt, mag, durch bittere Erfahrungen argwöhniſch gemacht, ſich vor allzuhäufigem Andrange und viel⸗ fältigem Ueberlaufen bisweilen geſichert, mag die ihm einwohnende, wahrhaft humane Milde gewaltſam unterdrückt haben, wie ſchwer es ihm immer wurde. Gegen geiſtige Erzeugniſſe blieb er auch dann gerecht, wenn er gegen deren Erzeuger etwas auf dem Herzen hatte. Selten wohl hat es einen Dichter gegeben, welcher die Dichtungen Anderer ſo ſcharf zu ſondern wußte von ihren Schöpfern, der ſo objectiv betrachtete und beurtheilte. Freilich ſtets von ſeinem Standpunkte. Ob dieſer jedesmal der unfehlbare, un⸗ umſtößliche geweſen? Das wäre doch eine recht unnütze Frage. Denn welcher Menſch, ſei es der weiſeſte, welcher Poet, ſei es der größte, welcher hohe Geiſt bleibt von vorgefaßten Meinungen frei, von Einſeitigkeiten, Idioſynkraſien, Sympathien?„Nicht Unparteilichkeit“, ſagt J. P. Fr. Richter treffend,„iſt dem Erden⸗ menſchen anzuſinnen, nur Bewußtſein derſelben.“ Und aus ſeinem Bewußtſein heraus, aus ſeinem eigenſten Gefühle, allerdings auch manchmal durch den Schleier ſelbſtgewobener Theorien, hat Goethe den Blick auf Kunſtwerke der jüngeren Welt gerichtet, ohne vorher zu fragen: wie ſteht's mit ihren Verfaſſern? Hängen ſie mir an? Gehören ſie zu meinen Schülern, oder zu meinen Gegnern? Nein, er trennte Perſonen und Sachen. Er konnte unerbittlich ſtreng den Stab brechen über Arbeiten derer, die er gern um ſich ſah; er konnte ſich kindlich freuen über poetiſche Erſtlinge ihm wildfremder Leute. Ich erinnere mich, daß ſein Sohn Auguſt mir erzählt hat, welch' herzliche Freude„der Vater“ gefunden am Drama„Alexander und Darius“ von Fr. v. Uechtritz, welches der ihm gänzlich unbekannte Autor eingeſendet.„Wie ein Kätz⸗ chen,“ verſicherte Auguſt,„trug er’s unter'm Arme mit ſich herum, gab es nicht aus den Händen, ging, glaub' ich, damit zu Bette, ergötzte ſich liebkoſend daran, wie an einem edlen, rein⸗ poetiſchen Werke.“
Etwas Aehnliches mag Michael Beer gehofft und erſtrebt haben, da er meinen Aufenthalt in Weimar benutzen wollte, ſeine Tragödie„Struenſee“ durch mich bei Goethe einzuſchwärzen, indem ich dieſelbe dort vorlas, wie ich bereits in Berlin vor meinem gewöhnlichen Publicum gethan. Der Aufführung dieſes Stückes ſtellten ſich damals noch unterſchiedliche Hinderniſſe entgegen. Auch war es noch nicht mit den muſikaliſchen Schwingen verſehen, welche Bruder Giacomo ihm— leider erſt nach des Dichters Tod— anſetzte. Es hatte, neben vielen anerkannten Schönheiten, die unzukömmliche Eigenſchaft eines allzugroßen Umfanges, den nur nach Ablauf dreier voller Stunden bändigen konnte. In Berlin, unter aufmerkſamſter Controle der zahlreichen Beer'ſchen Familie, durfte ich nicht kürzen, auch ſchleppende Stellen nicht. In Weimar war das„Streichen“ Pflicht, ſollte derjenige, auf den es abgeſehen war, die Geduld nicht verlieren. Ich übte dieſe Pflicht als routinirter Theater⸗ menſch und ſtrich barbariſch.
Mögen die Dichter noch ſo heftig dawider eifern, es thut häufig Noth, zu ihrem und ihrer Arbeiten Vortheil. Denn im Fluſſe der Begeiſterung vergeſſen ſie allzuleicht, wie Wenige auf der Bühne reden können und wie Wenige vor der Bühne hören wollen. Wobei noch zu erwägen, daß breite Recitation auch im günſtigſten Falle die Handlung hemmt. Demnach gebrauchte ich meinen Rothſtift gewaltig, in Michael Beer's Intereſſe, nicht minder in meinem eigenen, weil es mir auf dieſem Wege endlich gelingen ſollte, ſo meinte ich, daß Goethe mich leſen höre, was er bis dahin hartnäckig verweigert den Seinigen ſowohl, als andern Antragſtellern— mit der Entſchuldigung:„Er habe jetzt gerade viel zu thun, und ſo etwas ſtöre ihn!“—
Diesmal hatte Frau Ottilie, die liebenswürdige Schwieger⸗ tochter, verſprochen, den Schwiegervater einzufangen, und er hatte verſprochen ſich fangen zu laſſen. Auch war die Falle pfiffig aufgeſtellt, und hübſche Frauen und Mädchen waren zur Lockung verheißen. Mittags zwölf Uhr befand er ſich in er⸗ wünſchtem Wohlſein; es konnte gar nicht fehlſchlagen.
Eine größere Geſellſchaft fand ich, nicht in den von ihm be⸗ wohnten Räumen, ſondern im oberen Stockwerk, welches„Kammer⸗ raths“ inne hatten,(im ſogenannten„Schiffchen“) verſammelt, als ich, meinen Adoptivſohn Struenſee im ſauberen Manuſeripte feſt an die Bruſt geklemmt, anrückte. Die Verſammlung über⸗ raſchte mich, ſo zahlreich erwartete ich ſie nicht. Sie erſchreckte mich zugleich, denn es ſtieg mir beim erſten Ueberblicke die Be⸗ fürchtung auf, das Erſcheinen der Hauptperſon ſei dadurch in Zweifel geſtellt. Noch war's nicht ausgeſprochen, noch hoffte Frau von Goethe,„Papa werde nicht ausbleiben.“ Ich zählte die Minuten, jeder Sprung des Secundenweiſers gab mir einen Stich in's Herz. Aber dennoch ließ auch ich die Hoffnung nicht ſchwinden. Mir war's wirklich mehr um den entfernten Dichter und deſſen heißeſte Wünſche, als um den Vorleſer, welcher letztere auf ſeinen Erfolg als ſolcher heute kein beſonderes Vertrauen baute. Eine der⸗ artige künſtleriſche Production ſteht immer auf ſchwankenden Füßen, wofern ſie nicht elaſſiſch-feſten Boden unter ſich fühlt. Wer unbe⸗ ſtrittene Meiſterwerke vorzutragen hat, darf ſich mit allen Kräften der Seele ſeiner Aufgabe widmen. Ihn erfüllt dann lediglich der eine Gedanke: Du ſollſt darthun, daß du würdig biſt, den Dichter in's Leben zu rufen, ihm ſein Recht zu erweiſen! Und fehlt es dann ſonſt nicht an Fähigkeit und Uebung, ſo wird er muthig vorgehen, günſtiger Wirkung ſicher. Wer jedoch Sorge zu tragen hat für das ſeinem Talente anvertraute, noch unbekannte Werk, wer gleichſam die Verpflichtung übernahm, dieſem Eingang zu verſchaffen, den drückt auf zuſammengeſchnürter Bruſt gleich einem Alp die Angſt, ob er ſo ſchwieriger Pflicht zu genügen, ob er den Autor glücklich zu vertreten im Stande ſein werde.
So war mir's mehrmals ſchon in gleicher Situation er⸗
gangen, wo ich einem hochpreislichen Publicum(und was bedeutete
mir ein ſolches im Vergleiche mit Goethe!) gegenüber ſaß. Ein⸗ mal, um nur ein Beiſpiel, aber ein ſchlagendes, anzuführen: da ich meinem lieben, verehrten Freunde L. Rellſtab angelobt, ſeinen„Franz von Sickingen“ vor beſagtem Auditorium lebendig zu machen, ſelbigen wackern Rittersmann jedoch mit all' meinem an ihn verwendeten Lebensathem tödtete, daß er kein Glied mehr rührte;— oder vielleicht von ihm getödtet wurde! Wer will's entſcheiden? Wir brachten wahrſcheinlich Einer den Andern um. Und wenn ſich das heute Abend wiederholte! Wenn ich eine poetiſche Leiche in Goethe's Haus geliefert hätte, um ſie vor ihm zu ſeciren? Vor ihm, der bekannten Abſcheu wider Leichen hegte! Und was würde Michael Beer von mir denken, der ſein Schooß⸗ kind mir überantwortet auf Treu' und Glauben, daß ich es in's hellſte Licht ſetzen möge?
Dieſe peinliche Spannung ward noch geſteigert durch das Betragen der Anweſenden, welche, gleich mir des hohen Hausherrn gewärtig, obſchon ohne Furcht, vielmehr in froher Ausſicht auf eine, möglicherweiſe zwei Hinrichtungen, gierige Blicke wechſelten zwiſchen mir und dem für mich errichteten Schaffot, dabei aber doch nur ehrfurchtsvoll flüſterten, wie etwa in der Kirche geſchwatzt wird, ehe die Predigt beginnt.
Mancherlei Zuſtände laſſen ſich nicht beſchreiben. Wer ſie nicht an ſich ſelbſt erlebt hat, wird ſie nicht verſtehen; wer geſunde ſtarke Nerven hat, begreift nimmermehr, bis zu welchem Grade krankhafter Ueberreizung derjenige gebracht werden kann, der, un⸗ geachtet vorhergegangener Succeſſe im Bereich künſtleriſcher Repro⸗


