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Dem Jörgl aber war's nicht genug. Er ſah, daß der Hanſei
ſich ärgerte, und⸗langſam eröffnete er jenen kurzen ominöſen Dialog, in welchem die Helden der Bierbank ſtreiten und der ſo deutlich und handgreiflich wird.
„Aber neulich haben's was Schönes erzählt,“ begann der Jörgl wieder.„Da ſollſt Du g'ſagt haben, ſie ſoll Dir a Buſſel geben, und dann hätt' ſie Dir— a Watſchen geben!“
Hanſei rückte zum zweiten Mal den Hut.„Dich gift's halt, Jörgl,“ ſprach er,„daß das Dirndl Dir auskommen is, bei Dir is nix als der ſchielige Neid.“
Doch der Jörgl war ſchnell mit der Antwort fertig.„Um ſo Eine,“ erwiderte er höhniſch,„braucht man Niemanden neidig ſein, die Einen doch nur zum Narren hat. O ja dös Dirndl beim Finger fort.“
„Ich will Dir's gleich ſagen, wer mich beim Finger fort⸗ zieht,“ fuhr Hanſei grimmig auf,„Du einmal nicht. Geh' her, wenn Du. Schneid' haſt, ob Du Dich hackeln trauſt— und wenn Du mich hinziehſt, dann darf mich der Teufel holen auf freier Weid', noch heut auf'm Heimweg.“ 1
Hanſei ſtreckte den Arm über den Tiſch und Jörgl hackte ſich blitzſchnell in den gekrümmten Zeigefinger ein.
„Aufgeſchaut!“—
„Himmelherrgottſacrament!“
Dieſe Parole dröhnt durch die ſtille Stube, wo nun das ſogenannte„Fingerhackeln“ erprobt wird. Die Sitte iſt alt und allgemein in Ober- und Niederbaiern. Wenn die Gegner ſich mit den Zeige⸗ oder Mittelfingern eingehackt haben, dann beginnen ſie zu ziehen und verſuchen einander zum Wanken zu bringen oder zur Erde zu reißen. Wer ein beſonderer Virtuoſe iſt, packt mit dem einen Finger bisweilen zwei Gegner— und zieht ſie über Tiſche und Bänke weg. Der Charakter dieſes Brauchs iſt indeſſen niemals ein ernſthafter und der Zweck bleibt immer der des Spieles. Das verſteht ſich bei der ungefährlichen Natur dieſes Angriffs eigentlich von ſelbſt, wenn man an die engere Heimath deſſelben denkt und dann erwägt, wie leichtfertig dort die ſchreck⸗ lichſten Waffen gehandhabt werden. Denn am ſtärkſten iſt das Hackeln doch auf jenem urwilden Fleck zwiſchen Iſarthal und Inn⸗ thal zu Hauſe, wo's ſchon die Schulkinder miteinander probiren und wo der kleine Hüterbub den Geisbock zu Boden hackelt. In dieſem Revier baieriſcher Heldenkraft paſſirt es nicht ſelten, daß Einer dem Andern ein Auge ausſchlägt und ſich dann damit ent⸗ ſchuldigt:„Ich hab' ja nur Spaß gemacht!“ Da iſt natürlich das Hackeln zu harmlos, wenn man Einem ernſtlich beikommen will. Ein Holzknecht, der„warm wird“, beſchränkt ſich nicht auf einen ſo partiellen Angriff, wie auf den Finger des Gegners, und auf eine ſo partielle Waffe, wie auf ſeinen eigenen. Im wirk⸗ lichen Treffen, da kommt die Fauſt, und auch die iſt häufig noch zu wenig. Für was ſind denn die eiſengeſpitzten Bergſtöcke, die Holzhacken und die Meſſer auf Erden? Die kommen zum Zuge, wenn ſich's um die Theorien von„Blut und Eiſen“ handelt. Dieſe harmloſere Art des Kampfs ſetzt ſtets einen gewiſſen Grad von Ver⸗ ſtändigung voraus. Ein blutiger Kampf wird häufig unaufgefordert begonnen, das„Hackeln“ aber kann nicht ohne Herausforderung unter⸗ nommen werden. So hat es denn auch am meiſten in den Fällen ſtatt, wo einer ſo gereizt iſt, daß er ſich Luft machen möchte, und doch noch ſo vernünftig, daß er das Todtſchlagen meidet. Da iſt dann jene Rivalität gerade recht, denn im Hackeln ſteckt ein großer Ehrgeiz, und die Niederlage des Gegners ſchmerzt dieſen oft mehr, als die bitterſten Prügel. Nicht ſelten wird auch auf den Erfolg
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mein Hanſei, Dich zieht
gewettet; das Bezirksgericht in Straubing hat vor Jahren einen Fall entſchieden, in welchem es eine Summe von nicht weniger als tauſend Gulden galt.
Auch in den Strafverhandlungen, wo die raufluſtigen Miſſe⸗ thäter oft in langen Proceſſionen aufmarſchiren, kommt„das Hackeln“ vor. Wenn Seiner Geſtrengen finſter die Brauen rollen, wenn der Gensd'arm von Ruheſtörung und der Staatsanwalt von Körperverletzung donnert, dann erwidert der Bauer lachend: „Wir haben ja nicht gerauft, wir haben ja ‚blos gehackelt’.“ Der Mangel jeder gefährlichen Abſicht ſpricht ſich vielleicht in nichts ſo deutlich aus, wie in dieſem herkömmlichen Einwand. Auch der Holzknecht hat ſeinen„Sport“, und als ſolcher muß eigentlich das Hackeln definirt werden.
Ein lautes Stampfen dröhnt durch die Stube, und wir ſinden das ritterliche Paar, das erſt am Fenſter ſaß, bereits in Mitte des Schauplatzes. Der Tiſch, der Maßkrug, die Karten— Alles iſt mitſpaziert.
Auch der Wirth hat ſich jetzt erhoben. Er iſt aus ſeiner Ofenecke hervorgetreten— aber nicht aus ſeiner Neutralität— denn auch in der Bauernſtube gilt das Princip der Nichtinter⸗ vention. Wir leben in politiſchen Zeiten, und wenn ſich zwei Burſche heut zu Tage balgen, ſo wollen ſie nach völkerrechtlichen Grundſätzen behandelt werden.
Mit verſchränkten Armen, ſo etwa in der Stellung des alten Napoleon, überſchaut der Wirth den Kampfplatz. Wer von den Beiden wird zu Boden kommen? Jedenfalls-am nächſten der Maßkrug, denkt er ſich, aber ihm iſt's gleich, denn einer von Beiden muß ihn doch bezahlen. Der eichene Tiſch hat wohl ſeine ſechszig Pfund und geht ſo ſchnell nicht„aus dem Leime“, Wenn ſie ſich in die Uhr verwickeln— iſt's auch nicht ſchad, die geht⸗ ohnedem ſeit Jahresfriſt gar nicht oder falſch— und im Uebrigen werden die Beiden weiter keinen Durſt kriegen, wenn ſier noch ein Weile ſo fort machen. Alſo denkt ſich der alte Wirth.
Die Spieler indeß laſſen ſich bei ihren Karten nicht ſtören. Geſehen haben ſie's jeden Tag, und das bischen Lärm, das hört Einer gar nicht, der gute Nerven hat.„Hin“ wird nicht gleich Einer werden, calculiren die Zwei, und wenn's dem Einen paſſirt, wird's der Andere ſchon ſagen.
Drei Mal raſten die Kämpfenden noch durch die Stube, dann hat halt doch der Hanſei„hingezogen“ und den Jörgl mit ſammt dem Tiſch zu Boden geriſſen. Er hat um's Auslaſſen bitten müſſen, und wie er gebeten hat— war's wieder gut.
„Ja, umſonſt macht Keiner dem Hanſei ſein Dirndl ſchlecht,“ und der Wirth packte ihn drum auch bei dem Halstuch und ſprach:
„Du biſt ein Kerl, wie dem Teufel ſein Leibroß.“
Solche Sprüch' thun dem Hanſei wohl, und lachend ſang er das Schnaderhüpfel:
Und der Teufel hat Hörndl Und ich hab' mein Dirndl, Und dös Dirndl mag mi', Weil i a Hauptſpitzbua bi'.
Auch der Jörgl lachte, aber ſeine Gurgel war gar ſo trocken, und weil ihn der Hanſei ſo gnädig anblickte, ſo ſchlug er ihn auf die Achſel und erwiderte:
Gegrüßt ſeiſt Du, Bruder, Der Herr iſt mit Dir,
Du biſt voll der Gnaden, Geh— zahl a Maß Bier!
Und ſo geſchah es. Carl Stieler.
Als es mir am 7. des verfloſſenen Novembermonats gelang, Garibaldi zum erſten Male in dieſem Jahre in Varignano zu beſuchen, fand ich ihn mit der Beſchreibung ſeiner„Flucht aus Caprera“ beſchäftigt. Er war an jenem Tage ſo mittheilend und zuthulich, wie ich mich nicht entſinne ihn ſeit 1858 geſehen zu haben. „Leſen Sie nur, was ich hier aufgeſetzt habe, und nehmen Sie daraus, was Ihnen des Druckes werth erſcheinen mag,“ ſagte er mir, ſobald er merkte, mit welchem lüſternen Auge ich ſeine ſchön und ſauber geſchriebenen Blätter betrachtete.
Garibandi's Flucht aus Caprera.
Von ihm ſelbſt beſchrieben.
Ich kam mir vor wie jener Ochs, der, zwiſchen zwei Bündel⸗ duftigen Heus gebunden, nicht wußte, an welchem er ſeinen Hunger ſtillen ſollte; doch trotz meines brennenden Verlangens, den intereſſan⸗- ten Inhalt der mir gebotenen Schriften kennen zu lernen, geſtand ich dem General, daß ich die kurzen Augenblicke der Unterhaltung, die mir mit ihm gegönnt wären, unmöglich denſelben opfern könnte.
„Nun, ſo ſchreibe ich an meine Tochter,“ verſetzte Garibaldi, „damit ſie Ihnen wenigſtens das, was ich im Hauſe der Miſtreß Collins zu Papier brachte und dort zurückließ, zuſchicke, für den Fall, daß Sie jene Erinnerungen veröffentlichen wollen.“
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