Stadt wohnte und deren Perſönlichkeit ihm zu dem Zweck geeignet ſchien, mit der Bitte, Roſalie eine Zeit lang bei ſich aufzuneh⸗ men, bis ſich ihre Geſundheit, die durch heftige Gemüthsbewe⸗ gungen erſchüttert ſei, gekräftigt habe. Die Antwort fiel zuſtim⸗ mend aus, und ſchon nach wenigen Tagen konnte Roſalie nach dem Orte ihrer vorläufigen Beſtimmung abreiſen.
Krank und gebrochen verließ ſie Loſſan, wie Hermann denn in der That nichts Unwahres berichtet hatte, als er von ihrem phyſiſchen Zuſtande ſchrieb; derſelbe machte es ihr bis zu ihrer Abreiſe ſaſt unmöglich, ihr Zimmer zu verlaſſen, ſo daß anch Her⸗ mann ſie nach jener Unterredung kaum wiedergeſehen hatte. Seine Pflege wies ſie zurück und noch entſchiedener die der Tante, welcher Hermann im Allgemeinen von den trüben Ereigniſſen ſo viel mit— getheilt hatte, wie er für nöthig hielt, um ſich und Roſalie vor neugierigen und peinigenden Fragen zu ſchützen.
Ihr letztes Lebewohl ſagte ſie ihm ſchriftlich und bat ihn
zugleich, ſich und ihr die Qual einer nochmaligen Begegnung zu
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erſparen. Er ehrte ihre Bitte, und als der Wagen ſie davon trug, bemerkte ſie nicht, daß oben im Hauſe ein Mann im Fenſter ſtand, halbverdeckt von den Vorhängen, der ihr mit trüben Blicken nachſchaute.„Sie war das Licht meines Lebens,“ murmelte er, als er ſie nicht mehr ſah und das Geräuſch der forteilenden Räder verhallt war.
Als ſie auf dem Wege, der durch das Wäldchen führte, an der Stelle vorbeikam, wo der Blitz vor wenigen Tagen die Eiche getroffen hatte, lehnte ſie ſich aus dem Wagen hinaus, um nach den Trümmern zu ſehen, die noch nicht fortgeräumt waren
dann richteten ſich ihre düſtern Augen gen Himmel— aber es
war nicht zu unterſcheiden, ob es ein Gebet um Vergebung oder um Rache war, das ſie hinaufſandte.
In dem Curſaale von H. herrſchte das gewohnte bunte Leben
und Treiben. Es war hier wie auf einer Weltbühne, wo ſich
jedes Alter und jedes Geſchlecht zuſammen fand; die eleganteſten und die abenteuerlichſten Geſtalten drängten ſich durcheinander und
das Gewirr der Stimmen verrieth, daß hier jede europäiſche Nation vertreten war. Die ſtets wechſelnden Gruppen, die moder⸗ nen Toiletten, welche wiederum zu der glänzenden Decoration der Säle paßten, bildeten ein anziehendes Schauſpiel für den Beobachter, doch intereſſanter noch war es, in dem Saale, wo die Bank auf⸗ geſtellt war, die verſchiedenen Phyſiognomieen zu betrachten, die Wirkung des Spiels auf die Einzelnen zu ſtudiren und dabei alle Stadien der Leidenſchaft kennen zu lernen. Auch ein paar Ofſiciere, die auf einem der Seitendivans Platz genommen hatten, ſchienen dieſe Art von Unterhaltung der Betheiligung an dem Spiel ſelbſt vorzuziehen, denn ſie hatten ſchon eine geraume Weile ihre
Beobachtungen gemacht und ſich einander mitgetheilt, wobei der eine von ihnen, welcher offenbar ſchon länger hier geweſen und mit den verſchiedenen Perſönlichkeiten vertrauter war, in der Regel den Erklärer machte.
„Ah, die ſchöne Spanierin,“ ſagte er in dieſem Augenblick,
als eine Dame, begleitet von einer älteren, die ihre Geſellſchafterin ſein mochte, in den Saal trat und auf die Bank zuſchritt. Sie war in der That von auffallender Schönheit und einer Haltung, die trotz ihrer augenſcheinlichen Jugend— ſie mochte etwa drei⸗ undzwanzig Jahre alt ſein— etwas Imponirendes hatte. Dabei war ſie außerordentlich reich und zugleich geſchmackvoll gekleidet, ſo daß ſie in jeder Beziehung ſelbſt an dieſem Ort noch Aufſehen erregte. Sie ſelbſt ſchien dies kaum zu beachten, denn ruhig und ſtolz nahm ſie es an, daß ſich der Kreis der um die Bank ge⸗ drängten Zuſchauer vor ihr theilte, worauf ſie ſelbſt näher heran⸗ trat und gleich darauf zu pointiren begann.
Die beiden Officiere waren ihren Bewegungen geſpannt ge⸗ folgt, und jetzt wandte ſich wieder der, welcher ſie kannte, zu ſei⸗ nem Gefährten und ſagte:
„Iſt es nicht ein herrliches Weib?“.
„Wahrhaftig, ich habe nie eine ſtolzere Schönheit geſehen! Dieſe Haltung— eine Königin könnte von ihr lernen! Und Spanien, ſagſt Du, iſt ſo glücklich, ihr Vaterland zu heißen?“
„Man ſagt, daß ſie dorther ſtammt!“
„Ihr Name?“ 1
„Sie heißt— warte einen Augenblick! nein, der Name will mir nicht beifallen. Ich weiß aber, daß ihr Mann ein deutſcher Baron iſt.“ 3 3
„Vermählt? O Jammer und Elend! Man könnte toll wer⸗ den vor Neid gegen den glücklichen Sterblichen!“
„Hm,“ lachte der Andere,„das Tollwerden möchte Dir der vielleicht ſchenken. Eine Muſterehe ſoll er gerade nicht Pit ihr führen.“
„Mit dem Götterweibe? Dann iſt er ein Vandale! wahrſcheinlich verleumdet hier die Welt wieder kin uähn.
Der Gefährte zuckte die Achſeln.„Thatſache iſt mindeſtens,“
Aber
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fuhr er fort,„daß er in Paris lebt und ſie ſich einſtweilen hier auf⸗
hält, ohne dem Anſchein nach eine Cur zu gebrauchen, wie man denn davon ſpricht, daß die Trennung keine temporäre bleiben ſoll. Man ſieht ſie täglich an dem grünen Tiſch. Sieh’ nur,
mit welchem Anſtand ſie die Karten beſetzt, mit welcher gloß⸗ artigen Ruhe ſie dem Croupier ihre Verluſte hinſchiebt! Kein
Zug des Geſichts verräth irgend einen Unmuth, keine Muskel
zuckt— man ſollte glauben, es handelte ſich um Rechenpfennige.
Iſt denn gar kein Blut, keine Leidenſchaft in dieſer ſchönen Geſtalt?“ (Fortſetzung folgt.)
Bilder aus den deutſchen Alpen.*
— Nr. 1. 2
Es iſt ſpäter Herbſt, um die Nachmittagszeit.
Draußen im Iſarthal, in den oberbairiſchen Bergen, ſteht die rieſige Benedictenwand und ſchaut herein durch die angelauſe⸗ nen Scheiben— drinnen, in der Wirthsſtube, iſt tiefe behagliche Ruhe. Jetzt kann manls ſchon leiden, wenn tüchtig eingeheizt wird. Luſtig kniſtert das Feuer im dicken Ofen und daneben ſitzt der dicke Wirth und denkt an die— Weltgeſchichte. Wenigſtens liegt der„Volksbot“ da drüben, die Nummer von vorvorgeſtern, und er nickt ſo ernſthaft mit dem Haupte! Es iſt eine Ruhe voll Anſtand und Würde.
Nicht giele Gäſte ſtören ſeine Muße. Nur ein paar Flößer, die heut 2 aumontag machen, ſitzen am„grünen Tiſch“ und ſpielen. Doch es iſt nicht Roulette; der Tiſch iſt nur grün angeſtrichen, und daneben ſteht ein Croupier mit der Heugabel.
„Jeſſes— der Hanſei!“ rufen die Spieler, als auf einmal die Thür knarrt. Nachläſſig und ſtolz ſchlendert eine hohe Geſtalt herein, und nachdem ſie ringsum genickt, kauert ſie ſchweigend am kleinen Tiſche nieder. Der Hanſei mag nicht lange warten,„das
* Unter dieſer Geſammtüberſchrift werden wir eine Reihe von der[baieriſchen und öſterreichiſchen Alpenvölker bringen und denſelb verleihen
Das Fingerhackeln.
iſt ein ſcharfer Regent“, und deshalb hat er nech kaum mit den
Augen geblinzt, ſo ſtellt ſchon die Kellnerin den ſchäumenden Krug Der rothe Jörgl von der Jachenau, der gegenüber ſitzt, läßt ſich auch nochmals einſchenken, der hat gern„an Haingart“
vor ihn.
(ein trauliches Beiſammenſitzen) und der Hanſei war ſchon lang nicht mehr ſichtbar.'s iſt nicht deswegen, weil ihm der Wirths⸗ hausbeſuch von Oben verboten iſt; darum ſchmeckt's ihm nur um ſo beſſer, aber vielleicht„leidet's ſein Madl nicht“. So denkt ſich wenigſtens der ſchlaue Jörgl, und in neckendem Ton beginnt er:
„No, Hanſei, mich freut's nur, daß Dich Dein Dirndl doch alle Monat ein Mal auslaßt, denn ſo lang iſt's bald, daß wir Dich nimmer geſehen haben. Aber die hat Dich am Bandl!“
Hanſei rückte den Hut auf die Seite, und das war ein ſchlimmes
Zeichen. Die Stellung des Huts iſt beim Bauern ein Barometer
der Stimmung, und man kann nach den Wintkelgraden berechnen
— wann's losgeht.
„Ich hab' mir mein Dirndl ſchon beſſer dreſſirt,“ erwiderte er trotzig,„die geht auf'n Pfiff, da g'ſchieht, was ich will!“
Slizzen über die eigenthümlichſten Sitten und Gebräuche, Spiele und Kämpſe en durch Illuſtrationen von der Hand tüchtiger Künſtler ein erhöhtes Intereſſe
D. Red.


