Jahrgang 
6 (1868)
Seite
82
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Er blickte ſie mit ſtrahlenden Augen an.Ja, ich danke Gott, daß in's Licht getreten iſt, was in unſeren Herzen verborgen lag! Ich habe lange gewußt, daß ich nimmer wieder von Dir laſſen könnte und daß auch Du mein warſt und keines Andern!

Sie hatte ihn erſtaunt angeſehen.Wie, Du wußteſt es und und es kam ein plötzliches Erſchrecken über ſie: Hermann! rief ſie erbleichend.

Denke jetzt nicht an ihn! bat er feurig.Er kann, er darf unſere Liebe nicht hindern: ihr Recht iſt ſtärker als das ſeine!

Aber ſein Herz wird bluten, denn er hat mich ſehr geliebt! ſagte ſie leiſe.

Kannſt Du ſeine Liebe mit der meinen vergleichen? rief er faſt haſtig.Kannſt Du in dieſem Augenblick noch daran denken, daß ein Leben an ſeiner Seite möglich geweſen wäre?

Wohl dachte ſie in dieſem Augenblick an ſeine Ruhe, ſeine Gelaſſenheit, ſeine liebevolle Fürſorge, die ihn ſtets als zärtlichen Freund hatte erſcheinen laſſen; aber den Geliebten fand ſie nicht mehr in Hermann: der Geliebte ſtand neben ihr, und ſie begegnete ſeinen liebeglühenden und liebefordernden Blicken. Aufs Neue warf ſie ſich an ſeine Bruſt und rief aus:

Gott, der uns zuſammengeführt hat, wird dieſe Verwirrung löſen, und zu Hermann blicke ich auf wie zu einem ſeiner Heiligen!

Dennoch wollte die frühere Freudigkeit nicht mehr auf Beide

zurückkehren und das Wort nicht mehr ſeinen Weg über die Lippen ſinden. Schweigend traten ſie nach einer Weile den Heimweg an.

Das Gewitter ſchien ſich mit dem einen furchtbaren Schlage entladen zu haben, denn es blitzte und donnerte nur noch ſchwach und auch der geringe Regen hatte ganz aufgehört. Ohne weiteres Hinderniß erreichten ſie das Haus, an deſſen Schwelle ihnen die Tante mit hefligen Klagen, die aber faſt wie Vorwürfe klangen, entgegen kam und ihnen vorhielt, daß ſie ihren Spaziergang gerade zur Zeit eines Gewitters unternommen und ihr dadurch die größte Angſt bereitet hätten.

uNun, Du ſiehſt ja aber, liebe Tante, daß wir unbeſchädigt davon gekommen ſigd! entgegnete Alfred etwas ungeduldig, während Noſalie ſtits auf ihr Zimmer ging.

Hermann kam eine Stunde ſpäter. Er hatte das Gewitter heraufkommen ſehen und bei Zeiten Schutz in dem Wirthshauſe eines der umliegenden Dörfer geſucht; wie ſich ergab, deſſelben, wo Alfred und Roſalie an dem Nachmittage geweſen waren, und wahrſcheinlich genau zu der Zeit, wo dieſe die Begegnung mit den Kirchgängern hatten. Beide blickten ſich unwillkürlich bei der Er⸗ wähnung an, ſchwiegen aber wie auf Verabredung von dem Vorfall. Ebenſo wurde der ſpäteren Gefahr, in welcher ſie geſchwebt, mit keiner Silbe gedacht und Roſalie mußte es ertragen, Hermann ſein freundliches Bedauern ausſprechen zu hören über die Angſt, welche ſie wegen des Gewitters ausgeſtanden haben mußte, da er ja wiſſe, daß ihr kleines Herz bei derartigen Gelegenheiten nicht allzu muthig zu ſein pflege. Er war übrigens in einer beſonders heiteren Laune zurückgekehrt, die ſich beim Empfang verſchiedener Poſtſachen geſteigert hatte, und ſchien es kaum zu bemerken, daß die beiden jungen Leute, ſonſt in der Regel die Tonangeber jeder heiteren Stimmung, heute ungewöhnlich ernſt und ſogar gedrückt erſchienen.

Als die kleine Geſellſchaft ſich am Abend trennte, forderte Hermann den Bruder auf, ihn noch für eine kleine Weile in ſein Zimmer zu begleiten.Du weißt, mein lieber Junge, begann er hier,daß ich im Begriff ſtehe, einen ganz neuen Abſchnitt meines Lebens zu beginnen, und da liegt es mir denn am Herzen, vorher mit dem früheren Abrechnung zu hal⸗ ten und in jeder Weiſe mein Haus zu beſtellen. Ehe ich neue Pflichten übernehme, möchte ich den alten gerecht werden und habe dabei zunächſt an die erſte und größte gedacht, welche mir Deine Zukunft auferlegt. Es iſt Zeit, daß ich Dich aus meiner brüderlichen Obhut und perſönlichen Fürſorge entlaſſe, denn kein Loſſau ſoöll länger als nöthig in irgend einem abhängigen Ver⸗ hältniß bleiben; darum habe ich durch meinen Notar in der Re⸗ ſidenz eine Urkunde aufſetzen laſſen und heute von ihm entgegen genommen, worin Dir die Summe, welche ich Dir von jeher be⸗ ſtimmt hatte und deren Verwalter ich deshalb bisher nur geweſen bin, zu freier Verfügung geſtellt wird. Laß ſie den Grundſtein zu Deiner nunmehrigen Selbſtſtändigkeit bilden!

Mit dieſen Worten übergab er dem Bruder ein Document, worauf Alfred's Augen erſtaunt und verwirrt hafteten: es war die Schenkungsacte über ein Vermögen von zwanzigtauſend Thalern! Eine

dunkle Röthe flog über das Geſicht des jungen Mannes, und er ſchüttert von des Bruders Großmuth, warf er ſich ihm in die Arme.

Hermann, nein, es iſt zu viel! Nimm Dein Geſchenk zurück: ich darf ich kann es nicht annehmen!

Hermann lächelte.Willſt Du mich glauben machen, Alfred, daß Du nicht ein Gleiches gethan haben würdeſt, wenn das Schickſal Dir günſtiger geweſen wäre als mir? Oder wiegt der Beſitz des Geldes in Deinen Augen ſo ſchwer, daß es Dich ein Großes dünkt, wenn ich mich eines Theils desſelben entäußere? Das ſieht doch keinem Loſſau ähnlich! Und dann, aus dem halbſcherzenden zu einem innigeren Ton übergehend, fuhr er fort: Sieh, Alfred, ich bin ſo grenzenlos reich und glücklich, daß ich mir die Macht eines Gottes wünſche, um Sonnenſchein über die ganze Welt zu breiten! Nun Roſalie mein iſt, könnte ich auf Alles verzichten, was nicht eben zu ihrem Glücke gehört. Ihr Herz und Deines, Alfred es ſind meine beiden höchſten, heiligſten Güter!

Alfred war wie vernichtet; den Bruder, welcher ſo zu ihm ſprach, hatte er dieſer Güter berauben, einen ungeheuren Frevel an ihm begehen wollen! Alles, ſelbſt ſeine Liebe zu Roſalie, trat in dieſem einen Augenblick zurück vor dem Gefühl der Schuld gegen den Mann, welcher ihm ſtets als der reinſte und beſte auf der Welt erſchienen war. Sein plötzliches Erbleichen fiel Hermann auf, und gütig fragte er:

Was haſt Du, Alfred? Hegſt Du noch irgend ein Ver⸗ langen, einen Wunſch, den ich erfüllen könnte?

Vergieb mir, Hermann, vergieb mir, daß ich zum Verräther an Dir geworden bin! rief Alfred außer ſich;Roſalie

Um Gotteswillen, was iſt miz ihr? rede! entgegnete Hermann.

Der Taumel der Leidenſchaft riß mich hin ich habe ihr von Liebe geſprochen, ſie in meinen Armen gehalten!

Und ſie? fragte Hermann, während ſeine Wangen und Lippen bleich wurden wie der Tod.

Es war nur ein Moment, Hermann, ein Moment, in dem uns die Beſinnung ſchwand, und ich ſchwöre Dir

Schwöre nicht, ſiel Hermann ſtrenge ein, Sa mir Alles geſagt haſt!* Mitt kurzen Worten erzählte Alfred den Vorgang bei der Eiche und verhehlte dem Bruder nicht, daß er einen Augenblick den wahn⸗ ſinnigen Glauben gehegt habe, Roſaliens Geſchick ſei durch eine Fügung des Himmels mit dem ſeinigen verbunden worden.*

Und nun? fragte Hermann immer noch in demſelben Ton, als Alfred ſchwieg und düſter zur Erde blickte.

Der junge Mann ſah ſeinem Bruder fragend in die ſonſt ſo freundlichen und nun ſo ernſten Augen.

Glaubſt Du noch, fuhr dieſer faſt ſchneidend fort,daß der Himmel Dich und Roſalie für einander beſtimmt hat, daß es meine Pflicht iſt, dieſer höheren Fügung zu weichen?

Hermann, es iſt keine Buße hart genug, um meine Schuld zu ſühnen! Was auch das Gefühl meines Herzens ſein möge: ich will es erſticken!.

Und ſie? und Roſalie? fragte Hermann, und es lag jetzt eine unendliche Trauer in ſeinem Ton.

Sie wird und muß ihren Irrthum erkennen, und ich ſelbſt will ihr dazu verhelfen. Es iſt unmöglich, daß ſie länger als einen Augenblick mich dem beſſeren Manne vorgezogen habel

Hermann antwortete hierauf nicht ſogleich. Er ging einige Male ſchweigend durch Bruder zu.Ich glaubte, ſagte er,Roſaliens Schickſal in meiner Hand zu halten, ſie vor dem Erwachen des Dämons in ihrer Bruſt, der Leidenſchaft, ſchützen zu können nun muß ich verſuchen, ihr im Kampf mit eben dieſer Leidenſchaft beizuſtehen, und Gott gebe, daß es damit nicht zu ſpät iſt! Dich aber frage ich: wie willſt Du Noſalien begegnen?

Ich werde ſie nicht wiederſehen! entgegnete Alfred raſch.

Dies Eine wäre zu ſchwer für mich vielleicht für uns Beide!

ſetzte er leiſer hinzu.Morgen in der Frühe verlaſſe ich Loſſau und gehe nach der Reſidenz. Die nothwendige Fortſetzung meiner Studien und die Vorbereitung zu meinem Staatsexamen werden leicht eine genügende Erklärung abgeben. Hermann dachte einige Augenblicke nach. er dann.Vielleicht iſt Alles anders, wenn wir uns wiederſehen. Ich ſage noch nicht, daß ich Dir verziehen habe, aber ſei von dieſer Stunde an ein Mann und Du ſollſt den Bruder in mir

das Zimmer, dann trat er wieder auf den 2 1

Es ſei ſo! ſagte

Py,.,