„Haſt Du wohl wieder daran gedacht, Roſalie,“ ſagte er, „daß ich Dir einſt ſagte, wir wollten gleich nach unſerer Trauung eine größere Reiſe miteinander antreten, daß das Ziel derſelben aber ein Geheimniß bleiben ſollte, bis ich alle dazu nöthigen Anordnungen getroffen hätte?“
Sie nickte und blickte erwarlungsvoll zu ihm auf.
„Nun, Roſalie, erräthſt Du, wohin ich Dich zu führen ge⸗ denke?“ fuhr er fort und ſah ſie dabei mit glänzenden Augen an, als weide er ſich ſchon im Voraus an ihrer Ueberraſchung.
Es war, als ginge eine Ahnung in ihr auf, doch wagte ſie nicht, derſelben Worte zu leihen.
„Nach Spanien, Deinem Vaterlande!“ ſtummen Frage.
Ein heller Jubelruf drang aus Roſaliens Bruſt, dann aber brach ſie in Thränen aus, um ihrer tiefen Bewegung Luft zu machen.„O mein Gott, das Glück iſt zu groß!“ ſagte ſie mit halberſtickter Stimme.
„Hatteſt Du ſolche Sehnſucht dorthin und ſprachſt ſie nie aus?“ fragte er gerührt.
„O Hermann, ich habe mir immer gedacht, wenn ich je recht glücklich werden ſollte, müßte ich wieder in Spanien, dem Lande meiner Mutter, ſein! Und hernach— hernach begriff ich es nicht, daß nun doch Alles anders geworden iſt.“
Es war, als flöge ein leichter Schatten über ſein Geſicht, aber er ſagte nur:„Warſt Du nicht noch ſehr jung, Roſalie, als Du mit Deiner Mutter dem Vater nach Deutſchland folgteſt?“
„Ich war zehn Jahre, Hermann, alſo alt genug, um die Er⸗ innerung zu bewahren und den Schmerz der Mutter nachzufühlen, die unzählige heiße Thränen vergoß, als ſie in das fremde Land kam. Was ich nicht ſelbſt noch wußte, erzählte ſie mir, und wenn es hier kalt und trübe und neblig war, dann träumten wir uns in das ſchöne, ſonnige Land zurück und die Mutter ſagte wohl, ſie würde daran ſterben, daß man ſie von dort fortgenommen habe.“
„Und der Vater, was fühlte er bei dem Heimweh Deiner Mutter?“ fragte Hermann.
„O, vor dem Vater wußte ſie es zu verbergen, denn ſie liebte ihn ſehr und ſagte immer, wegen derer, die man liebe, müſſe man bei ſeinen Leiden lächeln können; und ſo zeigte ſie ihm ſtets ein heiteres Geſicht, während nur ich wußte, wie krank ihr Herz war. O, ihre Liebe war ſehr groß,“ fuhr ſie fort, indem Thränen in ihre dunklen Augen traten,„denn als der Vater geſtorben war und ich ſie fragte, ob wir nun wieder nach Spanien zurücktehren würden, ſchüttelte ſie traurig das Haupt und ſagte:„Ohne Liebe giebt es kein Leben mehr, Roſalie! Ich werde nun auch ſterben!“ Und ehe das Jahr herum war, wurde ſie zu dem Vater gelegt.“
Hermann hatte theilnehmend den Exinnerungen ſeiner jungen Braut gelauſcht. Er wußte, daß Roſaliens Vater in jungen Jahren als Kaufmann nach dem ſüdlichen Spanien gekommen war und dort mit der Liebe die Hand der ſchönen Tochter ſeines Handels⸗ freundes gewonnen hatte. Als ihn ſpäter ſeine kaufmänniſchen Pläne, ſo wie wohl auch die Liebe zum Vaterland nach Deutſch⸗ land zurückgeführt, war er ſelbſt auf einer Reiſe mit der Familie bekannt geworden und in freundſchaftliche Beziehungen zu ihr ge⸗ treten, die bis zum Tode von Roſaliens Vater, welcher unerwartet einem hitzigen Fieber erlag, währten. Der Verluſt des heiß⸗ geliebten Gatten beſchleunigte dann bei der unglücklichen Mutter die Entwickelung einer Bruſtkrankheit, deren Keim ſchon länger in ihr gelegen haben mochte, und als Roſalie ſechszehn Jahre zählte, waren ihre beiden Eltern bereits geſtorben.
Um ſie von ihren trüben Gedanken abzubringen, lenkte Hermann ihren Geiſt wieder ihrem Vaterlande zu und wußte ihre Erinnerungen ſo anzuregen, daß ſie ihm mit beredten Worten und lebhaften Farben die Schönheiten und Herrlichkeiten deſſelben ſchilderte. In ihrer Erregung hatte ſie ſich auf den Boden niedergleiten laſſen, und während ſie mit auf ſeine Kniee geſtützten Armen zu ihm aufblickte und immer begeiſterter zu ihm ſprach, ſah er mit Ent⸗ zücken in ihre glänzenden Augen, auf die von innerer Lebendigkeit gerötheten Wangen.
Plötzlich wurden Beide durch den unerwarteten Aufruf einer fröhlichen, lachenden Männerſtimme aufgeſchreckt.„Holla, Egmont und Clärchen, vivant hoch!“ erſcholl es, und als Roſalie erſchrocken aufſprang und Beide nach der Richtung ſchauten, woher die Worte lamen, erblickten ſie die ſchlanke Geſtalt eines ſchönen, jungen
antwortete er ihrer
Mannes, deſſen Näherkommen auf der Landſtraße ſie nicht bemerkt hatten und der ſich in dieſem Augenblick über die Hecke ſchwang, welche ihn noch von dem Garten trennte. Ehe Roſalie ſich noch von ihrem Erſtaunen erholen konnte, ſah ſie, wie Hermann dem Fremden entgegeneilte und ihn mit dem Ausruf:„Willkommen, tauſendmal willkommen, mein theurer Alfred!“ in die Arme ſchloß. Dann nahm er ihn bei der Hand und zog ihn nach der Stelle, wo das junge Mädchen ſtand. 3
„Roſalie, das iſt mein Bruder Alfred, und Alfred, mein lieber Junge, da ſtehſt Du vor meiner Braut, die bald Deine Schweſter ſein wird!“ 3
„Du ſprichſt, als ob wir Fremde wären,“ entgegnete Alfred, indem er ſeine Schwägerin begrüßte, deren auffallende Schönheit ihn indeſſen in dieſem Augenblick dermaßen frappirte, daß er nicht ohne eine leichte Befangenheit fortfuhr:„Erinnern Sie ſich, daß wir uns vor drei Jahren geſehen haben, ehe ich zur Univerſität ging?“
„O ja, damals lebte meine Mutter noch und ich war ein Kind,“ entgegnete Roſalie.
Die Worte, ſo einfach ſie klangen, berührten ihn eigenthüm⸗ lich, denn ſie erinnerten ihn an die Zeit, wo die ſchöne fremde Frau mit ihrer vierzehnjährigen Tochter bei ſeiner damals noch
lebenden Mutter zum Beſuch auf Loſſau geweſen war und wo er
ſelbſt der Würde des angehenden Studenten vergeſſen hatte, um
mit dem ſchönen Kinde in dem Park Haſchen und Verſtecken za.⸗
ſpielen. Nun ſtand ſtatt des Kindes die Braut des Bruders vor ihm, und der Park, das Haus, in welchem er aufgewachſen, galt faſt ſchon als ihr Eigenthum, ſo daß es ihm war, als habe er das Gaſtrecht von ihr zu erbitten, deren dunkle Augen auf ſeinen Zügen ruhten. Weiſe der momentanen Befangenheit ein raſches Ende, indem er ausrief:
„Ich wette, Ihr werdet bald wieder die beſten Freunde ſein, und Roſalie wird gleich mir es Dir hoch anrechnen, daß Du ge⸗ kommen biſt, um zu des Predigers Segen auch den Deinen zu fügen!“
„Wann wird denn die Hochzeit ſein?“ fragte Alfred.
„In drei Wochen!“ rief Hermann fröhlich, während Roſalie erröthend vor ſich niederblickte.„Aber wie kannſt Du nur fragen? Habe ich Dir nicht alles nach Göttingen geſchrieben?“
„Richtig— ich beſinne mich jetzt,“ entgegnete Alfred wi aus einer Art Zerſtreutheit erwachend.„Die Nachrichten be⸗ ſchleunigten meine Abreiſe von dort, denn es drängte mich, aus vollem Herzen zu rufen:„Haus Loſſau für immer!?“
„Und jetzt werden Sie immer bei uns bleiben?“ erregt.
Alfred lachte.„Dann möchte ich drei Jahre in Göttingen
Der Bruder machte jedoch in ſeiner freundlichen
ſragte Roſalie
vergeblich zugebracht und die Wechſel meines großmüthigen Herrn
Bruders ebenfo vergeblich geregt haben Bruders ebenf K) 3 Schwägerin!“
„Du denkſt nicht daran,
liebe Roſalie,“ ſiel Hermann, dem dieſe letzte Erwähnung unangenehm zu ſein ſchien, raſch ein,„daß
Alfred ſich dem Staatsdienſt widmen will, dor ihn uns wohl kaum lange gönnen wird. Wohl aber dürfen wir hoffen,“ fuhr er fort, indem er dem Bruder herzlich die Hand bot,„daß er immer wiſſen wird, wo für alle Zeit ſeine Heimath iſt!“ Die Geſellſchaft war während des Geſprächs
Liebling war, bewillkommnete. Er war gewohnt, ſtets in einem
meine ſchöne, kleine
dem Hauſe zugeſchritten, wo jetzt auch die Tante den Neffen, welcher ihr
neckenden Ton mit der alten Dame zu reden, und dies half ihm
auch jetzt dazu, daß er ſeine frühere Unbefangenheit vollkommen wieder gewann. So herrſchte denn bald die heiterſte Unterhaltung in dem kleinen Kreiſe. Unwillkürlich ward dieſelbe auf das Gebiet der Iugenderinnerungen gelenkt und mauch heitere Erlebniſſe
wurden aufgetiſcht, wie denn bei Alfred eine immer fröhlichere,
faſt übermüthige Stimmung Platz griff, welche anſteckend auf die Uebrigen wirkte. Nur Noſalie war ſtiller, als es ihre Weiſe zu
ſein pflegte, und ihr Ernſt mußte Alfred auffallen, denn er be⸗
merkte:
fremd ſind und Sie daher nothwendig langweilen müſſen.“ „O nein, ich höre Ihnen ſogar ſehr gern zu!“ rief ſie und⸗
erröthete dann ſelbſt über den Eifer, mit welchem ſie dies verſiche⸗
hatte. 3
„Vergeben Sie uns unſere Reminiscenzen, Roſalie, die Ihnen
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