Jahrgang 
4 (1868)
Seite
55
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ausgewandert ſei; jeden Morgen ſo'n Schauerſpiel, das könnte ihn auch aus dem Bette treiben.

In einem alten Waſſerlaufe dicht vor dem Schlagholze am Salzberge fanden wir zuerſt die friſchen Fährten unſers Wildes. Kiekebuſch ſollte nun hier mit dem Schweißhunde halten, bis wir den jenſeitigen Rückwechſel beſetzt haben würden, worauf er mit dem Hunde, langſam der Fährte folgend, das Wild aus der Dickung lanciren ſollte. Dieſes war aber ſchon rege; wir waren etwa noch ſechszig Schritt von unſern Ständen entfernt, als das Wild ſchon aus dem Schlagholze trat und, mitten auf der breiten Schneiße ſtehend, rückwärts ſicherte nach der Gegend zu, wo Kiekebuſch ſich poſtirt hatte. Das Geltthier zeichnete ſich durch ſeinen feiſten, glat⸗ ten Körper und ſeine helle, faſt iſabellgelbe Färbung auffällig und vortheilhaft vor ſeinen beiden Gefährten aus. Indeß ſchien es faſt zu wiſſen, um was es ſich handle, denn es hielt ſich fortwährend im Hintergrunde, bald durch das Altthier, bald durch das Schmal⸗ thier gedeckt, ſo daß es trotz der kurzen Diſtanz höchſt ſchwierig war, einen Schuß anzubringen. Endlich trat es einen Schritt vor, und ich zog vorſichtig das Gewehr an.

Noch nicht! flüſterte mein Freund,laſſen Sie ſich nur Zeit; jetzt könnte es bald gehen, ſchießen Sie mir um Gotteswillen das Schmalthier nicht todt pang! bravo, der ſitzt gut!

Auf den Schuß war die ganze Wildgruppe wie durch einen Zauberſchlag verſchwunden. Während der Anſchuß verbrochen und die Büchſe geladen wurde, kam Kiekebuſch heran und meldete, das alte Geltthier ſei langſam und augenſcheinlich ſchwer krank den Berg hinauf gezogen nach ſeinem alten Stande in den Tannen. Er war darüber ſehr erfreut, denn wenn das Wild im Feuer ge⸗ ſtürzt wäre, meinte er, ſo hätten wir ſaure Arbeit gehabt, es den ſchiefen Berg hinauf zu ſchleppen. Jetzt wäre es aber dicht an der Chauſſee und könnte direct auf den Schiebkarren geladen werden, denn er ſei überzeugt, daß es binnen zehn Minuten verendet ſei. Wir beſchloſſen, eine halbe Stunde zu warten, ehe wir den Hund zur Fährte legten.

Gleich darauf erſcholl aber von der Platte her das heftige Gebell eines kleinen Köters, dann hörten wir, wie er an dem Wilde in den Tannen hin und her und zuletzt in's Freie hinaus jagte. Wir eilten den Berg hinan und hatten oben einen höchſt überraſchenden Anblick. Das Wild ging ziemlich flüchtig über die offene Haide, ſtellte ſich aber alle Augenblicke vor dem Hunde und ſchlug nach dieſem mit den Vorderläufen. Hinter dem Hunde drein lief Herr Müller in rieſenhaften Sätzen, wahrſcheinlich bemühte er ſich, auf die nachſchleifende Leine des Hundes zu ſpringen, dann wieder ſchlug er mit ſeinem rothen Regenſchirm nach dem Köter. Unſer lautes Rufen verhallte in dem uns entgegenſtehenden Winde, die tolle Hetze ging weiter und weiter und zuletzt verſchwanden alle Drei in dem jungen Buchenaufſchlag, welcher den Rand des Stein⸗ bruches umſäumte. In dieſem Augenblick hörten wir das helle Knacken und Krachen eines niederbrechenden Stangenzaunes, dann war Alles ſtill..

Das giebt'n Unglück, meinte Kiekebuſch;geben Se mal Acht, wenn wir ankommen, liegt die ganze Sippſchaft unten im Steinbruch!

Als wir in die Buchenſchonung eindrangen, ſtießen wir zu⸗ nächſt auf das bereits verendete Wild, an welchem der Hund noch herumſauſete. Kiekebuſch ſchoß ihm im Vorbeigehen in den Nacken, daß er kopfüber ſchlug. Einige Schritte weiter ſtießen wir auf einen eingetriebenen Filzhut, desgleichen auf einen Holzſchuh. Beide Ge⸗ genſtände wurden als Herrn Müller zugehörig erkannt, ebenſo der rothe Familienſchirm, welcher in höchſt melancholiſcher Stellung in einem Buchenbſche ſchwebend angetroffen wurde. Es handelte ſich nun darum, den Eigenthümer ausfindig zu machen. Auf mehr⸗ faches Rufen erfolgte endlich ein ſchwachesHier! und wir ath⸗ meten wieder freier.

Dicht vor dem niedergebrochenen Geländer kniete der Geſuchte auf allen Vieren am Boden und taſtete ſuchend mit den Händen unter dem hohen, naſſen Haidekraute umher.

Sobald wir ihn erblickten, ſchrieen wir ihn einſtimmig an, ob er Schaden genommen? 1

Nein nur etwas verſimpelt ich ſuche meine Brille antwortete er trocken, indem er, ohne aufzuſehen, noch immer links und rechts am Boden umhertaſtete.

Ueber das, was mit ihm vorgegangen, wußte Herr Müller nur wenig Auskunft zu geben. Unvorſichtigerweiſe war er in ſeinem Beſtreben, den widerſpenſtigen Hund einzufangen, dem bedrängten Wild zu nahe gekommen, ſo daß dieſem kein anderer Ausweg übrig blieb, als in den Steinbruch zu ſtürzen oder Herrn Müller über den Haufen zu rennen. Es wählte das Letztere, brach aber in Folge dieſer letzten Anſtrengung zuſammen und verendete. Herr Müller war mit dem bloßen Schrecken und einer leichten Schramme über den Rücken davon gekommen.

Trotzdem hätte die Sache um ein Haar noch einen kläglichen Ausgang genommen. Kaum hatte ſich Herr Müller nämlich wie⸗ der aufgerichtet und den verlorenen Holzſchuh wieder angelegt, als er plötzlich kurz Kehrt machte und eiligſt über den niedergetretenen Stangenzaun hinaus wollte. Kiekebuſch erwiſchte ihn eben noch bei den Rockſchößen und der Förſter ſchrie ihm zu, wo er denn da eigentlich hinaus wolle?

Wo hinaus? fragte Herr Müller verwundert;ich wollte mein Manuſcript holen es muß bei dem Hünenſtein liegen

Da hinaus geht's aber nicht nach dem Hünenſtein, war

die Antwort,da geht's in den Steinbruch hinunter!

Verehrteſter, kommen Sie nanu?

Herrn Müller's Kniee begannen zu ſchlottern, als er in den Abgrund vor ſeinen Füßen hinabſchaute. Es war todtenſtill in dem weiten Raume da unten, nur ein heller, pickender Ton ſcholl aus der Tiefe leiſe, leiſe zu uns herauf, es war das Hämmern eines Arbeiters, welcher an der rieſigen, hellen Sandſteinwand wie ein winzig kleines dunkles Pünktchen erſchien.

Nun, ſehen Sie mal, Herr Müller, fuhr der Förſter fort, Ihr Herr Bruder ſagte mir kürzlich, daß Ihnen blos noch'u recht tragiſcher Schluß zu Ihrem Schauerſpiel fehlte. Dieſen

'mal eben hier durch den Buſch

Schluß hätten Sie hier ſicher gefunden, wenn Kiekebuſch Sie nicht

noch erwiſcht hätte.

Jawohl, jawohl, Herr Müller, bekräftigte Kiekebuſch, der dieſen noch immer zur Sicherheit beim Rockſchoße feſthielt,wenn Sie dahinunter geſegelt wären, dann könnten Sie jetzt Ihre ſämmt⸗ lichen Knochen in'n Schnupftuch nach Hauſe tragen.

Herr Müller trat jetzt ſchaudernd zurück und meinte, auf ſeine Uhr ſehend, es ſei die höchſte Zeit, daß er nach Hauſe gehe, um den Unterricht zu beginnen. Der Förſter aber rieth ihm, ſich direct in's Bett zu begeben und Thee zu trinken, denn er ſchüttelte ſich wie im Fieberfroſt. Kiekebuſch ward beordert, ihn zu begleiten und dann mit einem Tagelöhner und Schubkarren zurückzukommen, um das Wild heimzuführen.

Wir ſelbſt blieben oben bei dieſem zurück, da es aber anhub zu regnen, ſuchten wir Schutz unter den Hünenſteinen und ſuchten zu gleicher Zeit verſprochenermaßen nach dem Manuſcript. Es war jedoch nirgends zu entdecken; wenn es wirklich von Herrn Müller auf dem Steine zurückgelaſſen war, mußte ein Vorübergehender es gefunden und mitgenommen haben.

Nach einer Weile erſchienen die Leute und führten das Wild

heim. Ich begleitete meinen Freund noch zu einem andern Diſtrict, wo er den Fortgang verſchiedener Waldarbeiten inſpiciren wollte. Als wir heimkehrten, baumelte dasDeputatſtück, ſauber aufge⸗ brochen, bereits hoch am Haken unter der Rollwinde. Kiekebuſch ſtand daneben und ſchaute, ſein Pfeifchen ſchmauchend, den Hunden zu, welche gierig das auf dem Hofe liegende Geſcheide verzehrten. Herr Müller lag im Bette und ſchwitzte Trübſal.

Das Manuſcript ward im folgenden Frühjahr völlig ver⸗ wittert und verwaſchen in den Buchen am Steinbruche durch Kieke⸗ buſch aufgefunden. Herr Müller hatte den Verluſt inzwiſchen be⸗ reits verſchmerzt, ſoll auch gar keine Verſuche zur Fortſetzung des Cambyſes gemacht haben, überhaupt nach jener Kataſtrophe ganz vernünftig geworden ſein.

Wie ich höre, iſt er ſpäter nach Amerika gegangen, hat in New⸗York in Verbindung mit einem Landsmanne eine Guttapercha⸗ fabrik angelegt und ſpäter in Petroleumſpeculationen in kurzer Zeit bedeutendes Vermögen erworben. Im vorigen Jahre kam er zurück, um die immer noch reizende Anna als ſeine Gattin in die neue Heimath jenſeits des Oceans zu führen.

Der große Hünenſtein auf der Platte aber heißt bis auf den heutigen Tag in der ganzen Umgegend: Müller⸗Kanzel.