Jahrgang 
4 (1868)
Seite
54
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gehüllt, in dem ſtrömenden Regen auf der Chauſſee rüſtig bergan ſchritt. Aus einigen haſtigen Geſticulationen des Herrn Müller ſchloß ich, daß derſelbe vielleicht ungehalten auf mich ſei, allein der Förſter meinte lachend, dies Händefechten habe weiter nichts zu bedeuten; er habe das ſchon oft an Herrn Müller beobachtet.

Der Reſt des Vormittags verging uns raſch in Betrachtung der ſtattlichen Geweihſammlung. Viel Neues war ſeit meinem letzten Hierſein hinzugekommen und höchſt wunderſame Geſchichten knüpften ſich namentlich an die Erwerbung dermonſtröſen Reh⸗ bocksgehörne.

Beim Mittagstiſch hatte ich denn auch das Vergnügen, Herrn Müller vorgeſtellt zu werden. Es war ein ſchmächtiger junger Mann, mit blaſſem Geſicht und glatt am großen Kopf herabge⸗ kämmtem flachsgelben Haar. Um Kinn und Oberlippe wucherte ein Wald weißlicher Stoppeln, welche noch unentſchieden zu ſein ſchie⸗ nen, ob ſie ſich zu Haar oder Federn ausbilden ſollten. Dazu trug er eine große, blaue Brille und einen deutſchen Rock wie Vater Arndt's Statue auf dem alten Zoll in Bonn. Uebrigens war Herr Müller ſehr ſchweigſamer Natur und nahm an der ziemlich lebhaften Converſation während der Tafel nur geringen

Antheil. Als ich ihn bei einer geeigneten Gelegenheit wegen der heute Morgen verurſachten Störung um Entſchuldigung bat, lächelte er ſehr zerſtreut, murmelte einige unverſtändliche Worte und fuhr mit den geſpreizten fünf Fingern der rechten Hand laugſam von den Augen herauf über die Stirn und durch das Haar, wobei ſein Blick dieſer Bewegung folgte und an der Zimmerdecke träumeriſch haften blieb.

Sobald das Deſſert aufgetragen wurde, erhob ſich Herr Müller und verließ mit einer höchſt ceremoniellen Verbeugung das Zimmer. Sein ganzes Weſen ſtand in ſo auffälligem Contraſt mit dem offnen herzlichen Tone, der in dieſem Hauſe herrſchte, daß ich nicht unter⸗ laſſen konnte zu fragen, ob Herr Müller immer ſo ſchweigſam und zurückhaltend ſei.

Leider ja, verſetzte mit einem tiefen Seufzer die gutmüthige Hausfrau,und wir bieten doch gewiß Alles auf, um ihm den Aufenthalt bei uns ſo angenehm zu machen, wie das eben in der Waldeinſamkeit möglich iſt.

Das einzige Weſen, dem er ſich angeſchloſſen hat, ſetzte der Förſter hinzu,iſt der Hund, den Sie eben draußen auf der Hausflur bellen hörten. Herr Müller will ſich nicht wieder von ihm trennen. Nun, ich hätte ja nichts dagegen, er ſoll mir nur ſeinen Fixköter aus der Wildbahn laſſen, oder wenigſtens mit ihm auf den Wegen bleiben und ihn hübſch an der Leine führen, wie ſich's gehört, ſonſt muß ich ihn doch nächſtens auf'n Kopf ſchießen.

Ach, Papa, thu' das doch nicht! baten die Mädchen,dann wird der arme Menſch ja ganz melancholiſch; er geht ſo ſchon immer ſo trübſinnig umher.

Wenn man nur wüßte, was ihm eigentlich fehlt, ſagte die Mama,oder was ihm nicht recht iſt; aber das iſt ja eben das Unglück, daß er ſich gegen Niemand ausſpricht.

Er hat ganz gewiß eine unglückliche Liebe gehabt! flüſter⸗ ten die beiden Mädchen faſt einſtimmig.

Mit Euren Sentimentalitäten! brummte der Papa;, die Sache liegt ganz anders. mit dem alten Kiekebuſch oben auf der Platte bei den Hünen⸗ gräbern wegen der Holzdiebe. Gegen acht Uhr kommt unſer Herr Müller die Chauſſee herauf und geht an den Tannen vorbei, zwiſchen die großen Granitblöcke, wo wir verſteckt lagen. Hier klettert er auf den dickſten Hünenſtein, zieht ein langes, blaues Buch aus der Rocktaſche und declamirt und geſticulirt in einer Weiſe, daß ich

wirklich beſorgt um den jungen Mann ward. Na, ſtören wollt' ich ihn damals nicht, habe ihn aber von der Zeit an ſchärfer be⸗ obachtet und weiß, daß er dieſe Komödie jeden Morgen da oben bei den Steinen aufführt. Am vorigen Sonntag traf ich nun zufällig ſeinen Bruder, den Apotheker in Ringsdorf, und hielt es für meine Pflicht, ihm darüber Mittheilung zu machen. Der war aber ganz indignirt über meine Auffaſſung der Sache und fragte mich, ob ich denn noch gar nicht wiſſe oder bemerkt habe, daß ſein Bruder ein ganz ungewöhnlich begabter Menſch ſei und gewiß eine ‚innere Berechtigung zum Dichter habe. Er arbeite ſeit zwei Jahren an einem antiken Trauerſpiel in fünf Acten, es fehle ihm nur noch ein recht packender, tragiſcher Schluß, dann ſolle es ſofort

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im Druck erſcheinen und werde gewiß durchſchlagen.

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Das Thier iſt uns kürzlich zugelaufen, und unſer

Vor vierzehn Tagen war' ich mal Morgens

Ein Trauerſpiel alſo? ſeufzte die Mama und fügte ſcherzend hinzu:dann haben die Mädchen am Ende doch Recht!

Aber er wird doch nicht ſein eigenes Herzleiden drucken laſſen?! meinte Maria, die älteſte Tochter.

Na, ich bitte Euch, Kinder, verſetzte der Förſter,das Stück ſpielt vor zweitauſend Jahren und iſt betitelt:Cambyſes. Es kann alſo von einem Herzleiden nicht die Rede ſein.

In dieſem Augenblick hüpfte Max in's Zimmer und meldete, der Waldſchütz Kiekebuſch ſei vom Reviergange zurückgekehrt und wünſche Rapport abzuſtatten.

Soll herein kommen!

Kiekebuſch trat ein und meldete, daß er am Salzberge drei Stück Wild geſehen und geſpürt, nämlich ein altes Thier mit ſeinem Schmalthier, welches wohl dieſelben wären, die immer dort ſtänden; das dritte aber ſei jedenfalls das alte Geltthier, das ſonſt immer oben auf der Platte in den Tannen, dem Steinbruche gegenüber, geſtanden habe und welches der Herr Förſter in dieſen Tagen als Deputatſtück abſchießen wollte. Wahr⸗ ſcheinlich, ſetzte er leiſe flüſternd hinzu, habe es das viele Predigen nicht vertragen können!

Der Förſter war bei dieſer Mittheilung vor Aerger auf⸗ geſtanden und ging verdrießlich im Zimmer auf und ab. Kiekebuſch ward mit der Weiſung entlaſſen, morgen früh wieder im Förſter⸗ hauſe zu erſcheinen, das Wetter möge ſein wie es wolle.

Nach einer Pauſe hub die Mama an:Na, um wieder auf das Trauerſpiel zu kommen, Papa, Du willſt uns aber doch nicht aufbinden, daß das ganze Stück von fünf Acten ſich blos um den König Cambyſes dreht?

Ich weiß es wahrhaftig nicht, Kind, ich weiß es nicht, verſetzte der Förſter ungeduldig,ich weiß nur, daß es Thatſache, conſtatirtes Factum iſt, daß Euer Herr Müller mit ſeinem Cam⸗ byſes uns das Stück Wild von der Platte herunterdeclamirt hat! Da oben hatten wir es, ſo zu ſagen, im Sacke jetzt ſteht es unten im Salzberge und der Salzberg iſt groß, da mag es der Kuckuck ſuchen bei dem Regen! Wenn Ihr nun zum Sonntag keinen Wildpretsziemer habt, ſo iſt das nicht meine Schuld, dann könnt Ihr ein Paar von Euren magern Gänſen ſchlachten.

Am Sonntag war nun aber Anna's neunzehnter Geburtstag und man erwartete zu dieſem Familienfeſte eine ziemlich zahl⸗ reiche Geſellſchaft. Die Damen erſchraken daher nicht wenig ob der Mittheilung des Herrn Papa, ſie ſteckten flüſternd die Köpfe zuſammen und hielten einen Rath, deſſen Endreſultat war: ein Wildpretziemer müſſe bis morgen Abend beſchafft werden auf gutem oder böſem Wege!

Der Revierförſter hatte inzwiſchen ſeinen Humor wiedergewonnen und wandte ſich lachend zu mir:Nun, ſehen Sie'mal, Herr B., ein vollſtändiges Weibereomplot! Da werden wir uns morgen früh doch wohl'n Bischen zuſammennehmen müſſen, ſonſt ſind unſere Damen capable, ſich wegen der Wlldpretlieferung direet an Herrn Müller zu wenden.*

Als wir am nächſten Morgen ausrückten, erwartete uns Kiele⸗ buſch ſchon vor der Hausthür mit dem Schweißhund am Riemen. Das Wetter war hell, aber kalt und ſtürmiſch; wir ſchritten rüſtig mitten auf der Chauſſee bergan, während links und rechts kleine Bächlein gelben Lehmwaſſers in Folge des anhaltenden Regens herabrieſelten.

Bei der Tannendickung oben auf der Platte angelangt, ſpähten wir vergebens am Boden nach einer friſchen Fährte, dafür drang der laute Schall einer menſchlichen Stimme von den Granitblöcken hinter den Tannen her au unſer erſtauntes Ohr.

O du blutiger Heiland, ſprach der Förſter,da iſt der

unglückliche Müller ſchon wieder im Gange! Nun, kommt nur hinunter nach dem Salzberge, hier oben ſuchen wir doch ver⸗ gebens! Wir gingen nun ſeitwärts hinter den Tannen vorbei, um Herrn Müller nicht zu ſtören. Als wir eine Schneiße paſſirten, erblickte ich ihn von der Hinterſeite; er ſtand auf dem höchſten Steinblocke des Hünengrabes, trug den aufgeſpannten Schirm zum Schutz gegen den Wind im Nacken, fuchtelte mit einer langen Papierrolle in den Lüften umher und rief eben ein dreifaches Wehe! überPeluſium und Memphis in den Sturmwind hinaus.

Der Alte ſchüttelte den Kopf und meinte im Hinabſteigen, er könne es dem alten Geltthier gar nicht verdenken, daß es dort