Jahrgang 
12 (1868)
Seite
191
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ſchränkten drückenden Atmoſphäre des Hofes großgezogen, vermuthen laſſen. Eine Fülle hellbrauner Haare umrahmte weich und üppig das oval geformte, lebhaft gefärbte Angeſicht. Augen voll Sanft⸗ muth blickten mit einer faſt kindlichen Unbefangenheit unter den ſanft gewölbten Brauen hervor. Die wulſtige Unterlippe verrieth den Stamm, welchem ſie entſproſſen. Ihr ganzes Weſen athmete Jugend, Argloſigkeit und Unſchuld.

Die Art, wie dieſe Prinzeſſin, wie damals öſterreichiſche Prin⸗ zeſſinnen erzogen wurden, verdient mit beſonderem Nachdruck her⸗ vorgehoben zu werden, denn ſie iſt höchſt charakteriſtiſch für die in der Hofburg herrſchenden Anſchauungen und erklärt das Bevor⸗ mundungsſyſtem, nach welchem eine väterliche Gewalt die Völker zu beglücken geſucht. Sie erklärt die politiſchen Mißgriffe, die man komiſch finden müßte, wenn ſie in ihren Folgen nicht ſo herzbrechend tragiſch wären.

Maria Louiſe blieb nach der angenommenen Erziehungsmethoder in einer ſtreng beobachteten Entfernung von dem geräuſchvollen Treiben des Hofes, umgeben von den ihr zugewieſenen Frauen und Dienern, die ſie um ſo freundlicher behandelte, je ausſchließ⸗ licher ſie auf deren Geſellſchaft angewieſen war. Ihre Oberſthof⸗ meiſterin war die Gräfin Colloredo, ihre eigentliche Erzieherin(Gou⸗ vernante) die Gräfin Lazarski, die ihrem Zögling ſehr zugethan und auch ſehr theuer war und blieb. In dieſer Abgeſchiedenheit war das Lernen der Erzherzogin ein Bedürfniß, eine Zerſtreuung; auch ſprach ſie mehrere Sprachen, ſogar Lateiniſch hat ſie getrieben, ſie muſicirte und zeichnete nicht ohne Talent und Geſchmack, und nun kommen wir auf den Punkt, den wir ſo dringend der Aufmerkſamkeit empfohlen haben: damit die Prinzeſſinnen vor

jedem Eindruck bewahrt blieben, der nur im Entfernteſten ihren

keuſchen Sinn trüben, ihre Sinnlichkeit anregen konnte, wurden aus den Büchern, die man ihnen zu leſen gab und empfahl, Sei⸗ ten, Sätze, Zeilen, ja ſogar Wörter herausgeſchnitten, wenn die⸗ ſelben die leiſeſte Anſpielung auf geſchlechtliche Verhältniſſe enthiel⸗ ten oder auch nur zu einer unmoraliſchen Auslegung Anlaß geben konnten. Die natürliche Folge dieſer verkehrten Maßregel war, wie es Maria Louiſe nachmals als Kaiſerin der Franzoſen unum⸗ wunden ausſprach, daß die fehlenden Stellen in den cenſurirten Büchern die Phantaſie und das Intereſſe der jungen Leſerinnen am meiſten und bis zur Ermüdung beſchäftigten und daß für den ſtehen⸗ gebliebenen Text auch nicht die geringſte Theilnahme übrig blieb. Nichts Dringenderes hatte die Kaiſerin der Franzoſen zu thun, ſobald ſie die Freiheit zu leſen gewonnen hatte, als von den weg⸗ geſchnittenen Stellen in den vollſtändigen Büchern, welche ſie her⸗ beiſchaffen ließ, Kenntniß zu nehmen. Die Geſchichte der Cenſur im Kleinen! Noch einer Vorſicht muß hier gedacht werden, welche zur Aufrechterhaltung der Nonnenhaftigkeit bei den Prinzeſſinnen gebraucht wurde. Nicht ohne Lachen vermag ich die Seltſamkeit vorzubringen. Es wurde nämlich dafür geſorgt, daß die Haus⸗ thiere, welche den Erzherzoginnen in die Nähe kamen, weiblichen Geſchlechtes waren, die Männchen blieben von der Ehre dieſer Nähe unerbittlich ausgeſchloſſen, auf daß ſie nicht durch irgend eine Kundgebung die unmoraliſche Neugierde der er⸗ lauchten Damen erregten.

So war das Weib gebildet und erzogen, welches gegen ſeinen Willen von den politiſchen Verhältniſſen auf den franzöſiſchen Kaiſer⸗ thron emporgehoben wurde. Sie betrachtete es als ein Herabſteigen, obwohl ſie bald auf andere Gedanken, zu einer anderen Ueber⸗ zeugung kam.

Am 16. Februar 1810 unterzeichnete Kaiſer Franz den Ehe⸗ contract. Den 27. tauſchten Herr Otto und Graf Metternich die Ratificationen aus. Am 11. März fand die Vermählungsfeier in der Auguſtinerkirche zu Wien ſtatt. Der abweſende Franzoſenkaiſer wurde auf ſeinen Wunſch bei der Feierlichkeit durch den Erzherzog Karl vertreten. Sein außerordentlicher Abgeſandter, der Fürſt von Neufchatel und Wagram, ein Titel, der ſchlecht zu der Gelegen⸗ heit paßte war zugegen. Der Vermählung folgte ein glänzen⸗ des Bankett am Hofe.

Am 14. März ſchied die Prinzeſſin unter Thränen von ihrer Familie und der geliebten Stadt Wien. Die Glocken läuteten, die Kanonen donnerten, an den Fenſtern der Häuſer wehten Fahnen, dreifarbige neben der ſchwarzgelben, und die Bande der kaiſerlichen Garde ließ franzöſiſche Militärmuſik ertönen, nicht die Marſeillaiſe

natürlich, die dem Kaiſer Napoleon in dem Maße wie dem Kaiſer Frraanz ein Gräuel war⸗

Von dem Augenblicke an, wo die junge Kaiſerin franzöſiſches Gebiet betrat, glich ihre Reiſe einem Triumphzug. Amtliche und nicht amtliche Huldigungen traten auf dem Wege von Straßburg nach Compiégne ihr entgegen. Ueberall, wo ſie anhielt, traf ſie einen Pagen und einen Officier des kaiſerlichen Hauſes, die Brieſe von dem Gebieter überbrachten. Napoleon hatte außerdem die liebens⸗ würdige Aufmerkſamkeit, anzuordnen, daß jeden Tag ein Reiſe⸗ bericht an den Vater der Kaiſerin nach Wien geſchickt wurde. Un⸗ nöthig zu ſagen, daß der Befehl mit militäriſcher Pünktlichkeit ausgeführt ward. Ueberhaupt zeigte der ſonſt eben nicht ſehr zartfühlende Herrſcher ſich ſeiner jungen Gemahlin gegenüber von einer überraſchenden Galanterie. Es ſchien dem Gewaltigen mit einem Mal wie ſeinem Vorfahr der Sage eine Zeitlang am Spinnrocken zu gefallen. Die Hofleute konnten nicht genug ſtaunen. Durch acht Tage blieb der Schlachtenmeiſter allein in Compiégne, um vor ſeinen Augen die nöthigen Vorkehrungen zum Empfang der Fürſtin treffen zu laſſen. Er gab ſelbſt die Einrichtung ihrer Wohnung an. Seitdem ſie auf franzöſiſchem Boden ſich befand, ſchrieb er ihr täglich einen eigenhändigen Brief, was um ſo höher anzuſchlagen iſt, als es dem mächtigen Fürſten die größte An⸗ ſtrengung koſtete, nur halbwegs leſerlich zu ſchreiben. Meiſt lagen dieſen Briefen Blumenſträuße oder von ihm ſelbſt erlegtes Wild bei. Wenn er von der Prinzeſſin eine Antwort auf eines dieſer

Schreiben erhielt, geberdete er ſich wie ein Verliebter der Komödie,

er verbarg ſeiner Umgebung die Freude gar nicht, welche in den ſchlichten Auslaſſungen ſeiner Gemahlin die unbefangene Darſtellung von allerlei Einzelnheiten ihm verurſachte. Der Kaiſer ging in ſeiner Liebhaberrolle ſo weit, daß er von dem damaligen Modeſchneider Leger ein bürgerliches Phantaſiegewand ſich fertigen ließ und ſich entſchloß, gegen daſſelbe zum Empfang ſeiner Gemahlin die Uniform einzutauſchen. Allein er gewahrte und ſeine Schweſter Pauline, deren Stimme in ſolchen Dingen von Gewicht war, beſtätigte es, daß ihm der Anzug ſchlecht ſtand, und er kehrte zu ſeiner Uniform zurück.

Die Ungeduld Napoleon's, ſeine junge Gemahlin zu haben, war ſo groß, daß er das feſtgeſetzte Programm der Begegnung umſtieß und der Beſtimmung durch den Ceremonienmeiſter voran⸗ eilte, ob er gleich der Hofregel ſonſt große Rechte einräumte.

Wie urſprünglich angeordnet war, ſollte das Zelt in der Mitte zwiſchen Soiſſons und Compiéègne der Schauplatz ſein, wo die beiden Gatten zuſammentrafen. Die Fürſtin ſollte ſich ver⸗ neigen, von dem Gatten aber mit den Armen aufgefangen und geküßt werden. Statt dieſer Förmlichkeit folgte Napoleon einer augenblicklichen Eingebung, dem Drang ſeiner Gefühle. So wie er von ſeiner Gattin die Anzeige erhielt, daß ſie von Soiſſons aufgebrochen, beſchloß er ihr ungeſäumt entgegen zu fahren. Er ließ einen Wagen ohne jedes Abzeichen anſpannen, in welchen er mit ſeinem Schwager Murat, dem König von Neapel, ſtieg, und incognito verließ er Compiègne. Einige Meilen von Soiſſons be⸗ gegnete er dem Zug der Kaiſerin; er näherte ſich dem Wagen der Gemahlin, ohne von ihr erkannt zu werden. Erſt als ihr Oberſtall⸗ meiſter ihn nannte, wußte Maria Louiſe, daß der kaiſerliche Gemahl vor ihr ſtand. Ob ſie gleich ſein Bild zugeſendet und auch ſonſt in der letzteren Zeit günſtige Auskünfte über die Perſönlichkeit des gefürchteten Eroberers erhalten hatte, wurde ſie doch durch den ſchönen, antikgeſchnittenen Kopf des Kaiſers auf's Angenehmſte überraſcht. Die Erſcheinung des Mächtigen, deſſen Auge ſo feſt und erdrückend ſtolz blickte, niachte einen überwältigenden Eindruck auf die harmloſe Prinzeſſin, deren Seele eine ſorgfältig ängſtliche Erziehung vor jeder Aufregung zu bewahren geſucht hatte.

Der Kaiſer nahm neben ihr im Wagen Platz und fort ging es nach Compiégne.

Da ſich in dieſer Stadt das Gerücht von der Ankunft der Kaiſerin verbreitet hatte, gerieth die geſammte Einwohnerſchaft, und beſonders die amtliche Welt, in Bewegung. Raſch wurde eine allgemeine Beleuchtung angeordnet, die bereits errichteten Triumphbogen wurden geſchmückt, und trotz des herrſchenden Un⸗ wetters wogte die Menge dem Fürſtenzug entgegen. Man glaubt gar nicht, wie groß der Heldenmuth der Neugierde iſt. Um zehn Uhr Nachts langte der Zug an, Kanonen verkündigten das Ereigniß. Prinzen und Prinzeſſinnen des kaiſerlichen Hauſes warteten am Eingang des Palaſtes und wurden von dem Kaiſer ſeiner Gemahlin vorgeſtellt. Ein Schwarm junger Mädchen über⸗ brachte der neuvermählten iaſin Blumen und einen wohlein⸗

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