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Jetzt kamen auch unſere beiden Gefährten vom Weidengraben herauf, und da die zunehmende Dunkelheit die Anwendung des Schießgewehrs bereits mißlich machte, ſo ward beſchloſſen, ſämmt⸗ liche Hunde zugleich an den Otter zu hetzen, um der Sache raſch ein Ende zu machen. 1
Der Nevierjäger behauptete, der Otter könne in Folge ſeiner beiden Schüſſe ſchwerlich noch Widerſtand leiſten, vielleicht ſei er bereits verendet. Dieſe Anſicht erwies ſich indeß bald als ein großer Irrthum; der Otter hatte einen günſtigen Moment benutzt, um ſich unbemerkt davonzuſchleichen, und ließ des Nevierjägers Hündin vor dem leeren Buſche verbellen, ſo lange ſie wollte. Die Hunde umſchwärmten, die Naſe am Boden, in immer größeren Kreiſen den Platz, und im Handumdrehen waren alle vier in der Richtung nach dem Damme zu im Nebel verſchwunden.
Jenſeits des Knüppeldammes lag ein zweiter größerer Teich, und wenn es dem Otter gelang, dieſen zu exreichen, ſo war er gerettet und der Revierjäger um einen ſchönen Balg betrogen. Wir eilten daher dem Damme zu und waren kaum dort angelangt, als weiter oben ein Hund laut wurde und unter abwechſelndem Verbellen und Nachſetzen in dem ſeichten Schilfgraben, am Fuße des Dammes, uns näher und näher rückte. Wahrſcheinlich hatte der Otter die ſteile Böſchung des Dammes nicht raſch genug er⸗ klimmen können und ſuchte nun, vom Hunde gedrängt, einen günſtigeren Uebergang zu dem nahen Teiche.
Jetzt tauchte ein zweiter Hund aus der Dämmerung hervor; es war Paſcha, der ſtolze weiß und ſchwarz gefleckte Setter, welcher mit ſeinem fliegenden Fahnenſchweif wie ein leuchtendes Meteor durch das Nebelmeer daherſtrich. Dicht hinter ihm folgten die beiden letzten Hunde und im Nu hatten ſie den Flüchtling erreicht und gefangen. Ein wahrer Höllenlärm erhob ſich; der wirre Knäuel wälzte ſich in toller Haſt zu unſeren Füßen in dem Graben dahin, daß die Rohrſtengel links und rechts knackten und knatterten wie Kleingewehrfeuer. Endlich trat Stillſtand ein. Paſcha hatte ſich quer über die heulende Juno geworfen und hielt den geſchmeidigen
biſſigen Feind am Halſe. Der Revierjäger benutzte dieſen günſtigen
Moment, und ein wohlgezielter Stockhieb über die Naſe des Otters beſchleunigte deſſen Ende.
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Als wir mit unſerem Fange endlich den Heimweg antraten, ſchätzten wir uns glücklich, den ſichern Boden des alten Knüppel⸗ dammes unter den Füßen zu haben, denn es war inzwiſchen ſo finſter geworden, daß man nicht zwei Schritte weit ſehen konnte. In der Dorfſcheuke raſteten wir und unterſuchten zunächſt unſere Hunde, welche gegen Erwarten trotz allem Hinken und Kopfſchütteln nur ganz unbedeutende Verletzungen zeigten. D feiſtes männliches Exemplar von ungewöhnlicher Stärke und— den völlig abgenutzten Fang- und Schneidezähnen nach zu urtheilen— von hohem Alter. Dieſem Umſtande hatten wir es wohl vorzugs⸗ weiſe zu danken, daß unſere Hunde bei der Rauferei ſo gnädig⸗ davön gekommen, denn der Otter beißt bekanntlich am ſchärfſten unter allem einheimiſchen Raubzeuge und bleibt für den Hund immer ein furchtbarer Gegner. Eine Otterhetze iſt daher über⸗ haupt nicht Sache des Vorſtehhundes; allein„Noth bricht Eiſen“, wie das Sprüchwort ſagt. Wir ſind eben im Raffinement unſeres Jagdvergnügens noch nicht ſo weit gediehen wie die Engländer, welche für jede Wildart und Jagdmethode eine beſondere Hunde⸗
race gezüchtet haben.
In Anbetracht der erwähnten ſchlechten Beſchaffenheit des Gebiſſes unſers Otters war uns deſſen außerordentliche Corpulenz einigermaßen auffallend, in ſpäterer Zeit habe ich jedoch bei längerem Aufenthalt in öſterreichiſchen Gegenden dieſes anſcheinende Mißverhältniß öfter wahrgenommen und glaube, daß dem Otter der Fiſchfang im Allgemeinen nicht ſo ſauer wird, wie man wohl im Hinblick auf die blitzähnliche Beweglichkeit der Fiſche in ihrem Elemente vorauszuſetzen geneigt iſt. Der Fiſch iſt in Folge der Stellung ſeiner Augen und ſeiner ganzen Bauart unfähig, gerade unter ſich zu ſehen. Es iſt ſicher anzunehmen, daß der Otter dieſe Schwäche ſeines flüchtigen Raubes inſtinetiv kennt oder im Lauf der Praxis kennen lernt und, wo es irgend thunlich, zu ſeinem Vortheil benutzt; denn er iſt ein intelligentes Naubthier, welches, wie der Fuchs, ſeine Fangmethode nach den gegebenen Verhältniſſen mannigfach abändert.
Wir hoffen ſpäter einmal Gelegenheit zu haben, in dieſen Blättern auf die Lebensweiſe des intereſſanten Geſchöpfes, welches im Habitus und Naturell gewiſſermaßen einen Uebergang vom Marder zum Seehund bildet, ausführlicher zurückzukommen.
Ein Opfer aus Deutſchlands ſchwerſter Noth. . Auch eine Erinnerung an Compiégne. Von Sigmund Koliſch.
Nichts weiter als ein vorüberzuckender Sonnenblick war der Vortheil, welchen Erzherzog Karl am 21. und 22. Mai 1809 bei Aspern über Napoleon erfochten. Dem flüchtigen Siege folgte auf dem Fuße die entſcheidende Niederlage. Sechs Wochen nach der Schlacht bei Aspern, 5. und 6. Juli, wurde das öſterreichiſche Heer von den Franzoſen bei Wagram geſchlagen und das überwundene Donaureich erwartete ſein Schickſal aus dem Munde des Gebieters über Europa, der, indem er Kronen verlieh und entzog, die Gottes⸗ gnade um das herkömmliche Anſehen brachte. Mit Bangen las man in der Hofburg jeden Morgen den Moniteur, um zu ſehen, ob nicht das Haus Habsburg⸗Lothringen aus dem Buch der Könige geſtrichen ſei, wie es vor Kurzem dem Haus Braganza widerfahren. Indeß begnügte der Eroberer ſich mit der Forderung eines harten Tributs, den zu verweigern der gedemüthigte Kaiſer Franz nicht wagen konnte. Nebſt den erheblichen Geldſummen, die als Kriegsentſchädigung zu bezahlen waren und den Völkern zur Laſt fielen, mußte Oeſterreichs Herrſcher ſich bequemen, dem verhaßten Emporkömmling ſeine Tochter zur Frau zu geben und auf dieſe Weiſe zur Fortpflanzung des Stammes beizutragen, deſſen Vernichtung ihm ſo ſehr am Herzen lag. Mit dem Fürſten Heinrich Schwarzenberg, der um jene Zeit Oeſterreich am ſranzöſiſchen Hofe vertrat, wurde die Sache zu Paris abgemacht, nachdem der Czar Alexander auf eine Eröffnung dieſer Art von Seiten der franzöſi⸗ ſchen Agenten mit hohlen Umſchweifen und hinhaltenden Doppel⸗ ſinnigkeiten geantwortet hatte, die einer Zurückweiſung jedenfalls ſehr ähnlich ſahen. Und zwar wurde die Unterhandlung ſo ein⸗ geleitet, daß es ausſah, als ob der Heirathsantrag von dem Wiener Cabinet ausgegangen wäre. Auch dieſer Demüthigung mußte der beſiegte Fürſt ſich unterziehen, das„Vae victis“, welches er früher
und ſpäter Andere ſo hart empfinden ließ, mußte er nun ſelbſt empfinden. Trotz aller Schonung und Vorſicht, mit welcher man vorging, wirkte die Ankündigung der vereinbarten Ehe niederſchmetternd auf die neunzehnjährige Prinzeſſin Marie Louiſe; es war ihr, als ob ſie, ein auserſehenes Opfer, den Armen eines Ungeheuers überliefert werden ſollte.
Man hatte ſie im Haß gegen den Eroberer großgezogen und ſie daran gewähnt, Napoleon als einen Räuber, einen geſetzloſen Räuber zu verabſcheuen. Selbſt von Anerkennung des erſtaunlichen Genies wurde ſie durch Lehre und Beiſpiel zurückgehalten. Sie hatte an dem merkwürdigen Manne Alles mißachten, ſeine glänzendſten Vorzüge, ſelbſt ſeinen Kriegsruhm leugnen gelernt. In ihre Kinderſpiele ſogar hatte die Feindſeligkeit gegen den un⸗ gerathenen Sohn der Revolution ſich gemiſcht. Sie, ihr Bruder und ihre Schweſtern, wenn ſie ſich recht angenehm die Zeit ver⸗ kürzen wollten, ſtellten Holzſoldaten, welche ihnen das franzöſiſche Heer bedeuteten, in Reihen auf. Zum Befehlshaber dieſer Schaar
machten ſie die häßlichſte, bärtigſte, durch ein wildes Ausſehen am an dieſem Napolcon in effigie
meiſten abſtoßende Figur, und ließen ſie all' ihren Zorn aus, feigen, Naſenſtüber verſetzten und ihm Beſchimpfungen und Mißhandlungen angedeihen ließen.
indem ſie ihm Nadelſtiche, Ohr⸗ Mit Thrä⸗
nen unterwarf ſich die Prinzeſſin dem Willen ihres kaiſerlichen
Vaters, mit Thränen willigte ſie in den Ehebund, der ſie zur viel⸗ beneideten Gemahlin des mächtigſten Fürſten der Erde machte. Maria Louiſe, als Kaiſer Napoleon um kräftige, blühende Erſcheinung. Die ſtrotzenden Formen, die runden friſchen Wangen hätten in ihr eher ein Kind der ländlichen Flur, in freier Luft emporgewachſen, als die Fürſtentochter in der be⸗
Der Otter war ei
überhaupt die gröblichſten
ſie warb, war eine
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